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Tierische Testesser
Wie die Industrie Hunde verführt
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Tierfutter ist ein Milliardengeschäft. Bevor eine neue Sorte in die Supermärkte kommt, durchläuft sie ein aufwendiges Auswahlverfahren. Denn Hunde und Katzen sind wählerisch. Eine kleine Veränderung in der Rezeptur – und schon wandern sie zur Konkurrenz ab.
Schäferhündin Zilli ist ein Profi. Gezielt steckt sie kurz ihre Nase in den rechten, dann in den linken Futternapf. Die Entscheidung fällt binnen Sekunden – die neue Rezeptur mit Geflügel mundet ihr gar nicht. Zilli präferiert Rind. Eindeutig. Wenn ihre Kollegen in den nächsten Tests auch so entscheiden, ist die Entwicklungsarbeit von Monaten zunichtegemacht.
Das stattliche Tier hat zusammen mit 60 anderen Hunden und 130 Katzen einen verantwortungsvollen Job: Zilli ist Testesser im europäischen Tiernahrungs-Technologie-Zentrum des Futterherstellers Mars und entscheidet darüber, welche neuen Sorten auf den Markt kommen werden und welche nicht. Sie lebt im niedersächsischen Verden mit ihren Artgenossen im sogenannten »Pet Center«. Das Heimtierzentrum ist Entwicklungslabor und Luxuspension in einem, wo die Vierbeiner von einem guten Dutzend Pflegern, Tiertrainern und einem Hundefriseur umsorgt werden. Ihre Hauptaufgabe: fressen und testen.
Kommt ein neues Frolic, Pedigree, Chappi, Sheba oder Whiskas in die Supermärkte, hatten Zilli und Kollegen die Nase im Spiel. Der Aufwand gilt einem Milliarden-Markt: In gut einem Drittel aller deutschen Haushalte leben derzeit Haustiere – insgesamt mehr als 23 Millionen, und dabei sind Fische noch nicht einmal mitgezählt. Der Industrieverband Heimtierbedarf (IVH) ermittelte für 2008 einen Umsatz von 3,5 Milliarden Euro für Futter, Leckerli & Co – 4,4 Prozent mehr als 2007. Von Wirtschaftskrise keine Spur.
Bei Mars sind die tierischen Vorkoster an rund 1000 Tests im Jahr beteiligt – auf dem Prüfstand stehen Rohmaterialqualität, Texturen, Konsistenzen, Konkurrenzprodukte, verschiedene Fette und natürlich immer neue Geschmacksrichtungen. Denn was die 150 Tierfutterentwickler des Unternehmens in ihrem geheimen Labor aushecken, muss noch lange nicht schmecken. Mundet Angus-Rind besser als Barbarie-Ente? Sind Kräuter der Provence überhaupt gewünscht? Würden Katzen Lachs mit Karotten kaufen?
»Wir sind ganz nah dran am Konsumenten«, sagt Thomas Brenten, Leiter des Pet Center. Der Tierarzt meint damit: nah dran an den Vorlieben der Vierbeiner. »Ein ernährungsphysiologisch ausgefeiltes Futter bringt nichts, wenn es das Tier nicht anrührt«, weiß Brenten. Hinter dem vermeintlich simplen Test »schmeckt – schmeckt nicht« steckt eine ausgefeilte wissenschaftliche Versuchsanordnung, denn Flops können sich Heimtierfutterhersteller kaum leisten, wenn sie wie Weltmarktführer Mars zwei bis fünf Jahre lang neue Kreationen entwickeln, was Millionen verschlingen kann.
Besonders kompliziert sind übrigens Katzen. Sie sind sehr wählerisch und lieben Abwechslung, was manchen Tierfreund schon zum Wahnsinn getrieben hat. Der Aufwand, der betrieben wird, um es ihnen recht zu machen, ist enorm. Die Gescheckten Sammy, Zulu und Pepita räkeln sich in ihren Körbchen bei konstant 25 Grad Celsius, während draußen der heißeste Tag des Jahres mit 35 Grad brutzelt. Es ist Fütterungszeit. Elegant springen sie zu ihren Futterschälchen. Damit es in der Wohngemeinschaft mit zehn Katzen nicht drunter und drüber geht, hat jedes Tier seinen eigenen Futterplatz, dessen Klappe sich computergesteuert nur öffnet, wenn ein Chip im Halsband der Katze die richtige erkannt hat. Was Pepita nun anrührt und wie viel genau, erfassen elektronische Präzisionswaagen, die Daten aller Tiere werden dann statistisch ausgewertet, um exakt Vorlieben zu ergründen. Störende Einflussfaktoren wie wetterbedingte Appetitlosigkeit werden mithilfe komplexer Statistik herausgerechnet.
Den Vorkostern wird genau aufs Maul geschaut: Videokameras überwachen, ob zuerst die Soße geschleckt oder gleich ein Fleischbrocken gesnackt wurde. Bei solchen Feintests werden zwei Produkte miteinander verglichen, wobei, sagt Brenten, »auch kleinste Rezepturunterschiede« herausgeschmeckt werden. »Die Tiere können sogar unterscheiden, aus welcher Fabrik ein Futter der gleichen Sorte stammt«, berichtet der Pet-Center-Chef. Bei mindestens zwei Fütterungen muss zwanzig Testern ein Fressen munden, sonst wird es niemals die Supermarktregale erreichen.
Früher hat Mars, wie andere Hersteller heute noch, neue Kreationen in von Marktforschungsinstituten ausgesuchten Haushalten getestet. Sonderlich belastbare Ergebnisse hat das nicht geliefert: »Man wusste nichts über den gesundheitlichen Zustand der Tiere oder mit was sie noch gefüttert wurden. Wegen derartiger Fehlerquellen mussten zehnmal so viele Tiere wie heute Futtertests machen, um halbwegs brauchbare Daten zu erhalten«, erklärt Brenten.
Vor allem aber geht dem haushaltsüblichen Getier der feine Geschmackssinn ab, den Hundetrainer Marcus Wolff den Profis ihres Fachs antrainiert. Er schaut sich zunächst beim Züchter Jungtiere an, die potentielle Kandidaten sein könnten. Grundbedingung, um in die engere Wahl zu kommen: Sie müssen gesund sein und ein gutes Sozialverhalten an den Tag legen. »Gesunde und glückliche Tiere sind wichtig für ein normales Fressverhalten«, erklärt Wolff.
Das Training beginnt erst mal damit, dass die Tiere lernen, in Ruhe fressen zu können, weswegen sie zunächst allein speisen. Hunde würden sich ihrem Beuteschema folgend auf alles stürzen, was kommt. »Das wäre für unsere Tests tödlich«, bemerkt Wolff. Katzen sollten zügig alle Futtersorten kennenlernen, die es gibt, weil sie sonst möglicherweise verweigern, was neu und unbekannt ist. Anfangs wird gezielt schlechtes und gutes Futter gleichzeitig kredenzt, denn das Tier soll nicht nur den Unterschied begreifen, sondern lernen, dass es aussuchen darf. »Hat es dieses System begriffen, werden die Unterschiede in den Geschmacksrichtungen immer geringer«, erklärt der Tiertrainer. Die Jungtiere laufen parallel zu den eigentlichen Tests mit. Stellt sich dabei heraus, dass sie den richtigen Riecher haben, kann ein anderes Tier »in Rente gehen«, wie Wolff es nennt. Das ist meist nach drei Jahren im Job der Fall. Vermittelt werden die Vierbeiner an Mitarbeiter und Familien in der Umgebung. Es gibt eine lange Warteliste.
Die tierischen Tester werden natürlich nicht auf einen einheitlichen Geschmack getrimmt. »Eine eigene Meinung zu haben ist gut«, sagt Wolff. »Unterschiedliche Geschmäcker sind normal, nur darf sich kein Tier heute so und morgen so entscheiden.« Etwa heute Hähnchen goutieren und morgen Lamm. Daher wird einmal im Jahr überprüft, ob die Geschmacksknospen valide arbeiten. Die Tiere müssen zurückliegende Testergebnisse reproduzieren. Sollte Katze Pepita nun plötzlich Trocken- statt Nassfutter bevorzugen, obwohl ihre Wahl vor einem halben Jahr genau umgekehrt ausfiel, müsste sie noch mal ins Training, oder aber sie bekäme gleich ein neues Zuhause.
Bei der Ausbildung seiner Vorkoster berücksichtigt Wolff den zwischen Hunden und Katzen unterschiedlichen Geschmackssinn. Bei Hunden entscheidet vor allem die Nase, was in den Napf kommt, da ihr feiner Geruchssinn ans Gehirn meldet: riecht gut, unangenehm oder nichtssagend. Was nicht gut duftet, bleibt stehen. Den eigentlichen Geschmack erfassen gut 1700 Geschmacksknospen an Zunge, Gaumen und Schlund. Menschen verfügen über 9000, weswegen sie viel feiner Geschmäcker differenzieren können. Wie Menschen reagieren Hunde auf Süßes, Saures, Bitteres und Salziges, wobei sie auf Salz weniger stark ansprechen. Saures und Bitteres lehnen sie ab. Auch wenn Hunde Fleisch am liebsten fressen, darf es ebenso Gemüse oder ein süßes Leckerli sein.
Katzen hingegen könnten mit einer zuckerhaltigen Schleckerei nichts anfangen – sie schmecken Süßes nicht. Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass ihnen für die Informationsverarbeitung schlicht die genetische Ausstattung fehlt. Zwar ist ihr Geschmackssinn auch nicht so ausgeprägt wie bei Menschen, sie können aber auch Saures, Salziges und Bitteres unterscheiden. Sehr fein differenzieren sie zwischen wichtigen tierischen Aminosäuren im Fleisch, was sie im Gegensatz zum Hund zu hochspezialisierten Fleischfressern macht.
Jede Katze geht etwa achtmal täglich auf Mausjagd. »Katzen lieben Beute mit Körpertemperatur«, weiß Dr. Cornelia Ewering. Die Tierärztin ist ernährungswissenschaftliche Beraterin bei Mars. »Katzen erschmecken sogar das Aminosäureprofil einer Maus.« Nichts wäre also einfacher, als Futter mit Mäusegeschmack auf den Markt zu bringen. Weit gefehlt! Zum einen schlachtet die Industrie nicht massenweise Mäuse für Stubentiger, und zum anderen durchkreuzt wieder der kapriziöse Katzen-Geschmack diese Rechnung. Auch Fisch gehört nicht in die Futter-Erfolgsformel. »Dass alle Katzen Fisch lieben, ist ein Gerücht«, sagt Ewering. Das Votum der Testesser ist klar: Ein Drittel liebt ihn tatsächlich, einem Drittel ist Fisch schnurz, und ein Drittel rührt ihn nicht an.
Die Tierfutterforscher machen sich das natürliche Fressverhalten zunutze, indem sie mit Feuchtnahrung ein Beutetier simulieren – mehrmals täglich. »Einfach eine Dose aufzureißen und in den Napf zu schütten entspricht nicht der Natur des Tieres«, sagt Ewering. So erklären sich auch die kleinen Portionspackungen, die es im Handel gibt. Der ideale Mix enthält 50 Prozent Eiweiß, 40 Prozent Fett und zehn Prozent Kohlenhydrate. »Generell ist es wichtig, den Bedarf einer Spezies zu kennen, da die Alleinnahrungsmittel 42 verschiedene Nährstoffe in der jeweils richtigen Dosierung abdecken müssen«, betont die Tierärztin. Während der Mensch sich sein Essen nach Bedarf aus allerlei Produkten zusammenstellen kann, bekommt sein vierbeiniger Freund oft eben nur ein Futtermittel vorgesetzt.
Hinzu kommt, dass Welpen andere Bedürfnisse als ausgewachsene oder alte Tiere haben. Ganz zu schweigen von den Unterschieden zwischen den Rassen. Schließlich werden – auch wegen der zunehmend besseren Ernährung – Haustiere immer älter, was sich auf die Ernährung im Alter auswirkt. Daher ist »Functional Food« ein starker Trend – damit soll Karies, Altersfehlsichtigkeit, Darm- und Hautkrankheiten sowie Erkrankungen des Bewegungsapparates vorgebeugt werden. Selbst diätetisches Futter für Beleibte gibt es.
Doch Ernährungswissenschaftlerin Ewering warnt davor, nicht jeden Trend aus der Humanernährung zu übertragen. Vegetarismus zum Beispiel: »Besonders für die Katze halte ich eine vegetarische Ernährung für grenzwertig«, warnt Ewering. Denn der Fleischfresser braucht unbedingt Aminosäuren.
Bei den Futtertests zählt übrigens immer stärker, was am Ende des Tages hinten rauskommt: Der Kot sollte nicht in Massen ausgeschieden werden und nicht allzu übel riechen. Neumann versucht, durch Mineralien im Futter schon im Darm den Stuhlgeruch stark zu binden. Um welche Substanzen es genau geht? Streng geheim! Pet-Center-Chef Brenten von Mars weiß ebenfalls: »Gut geformter Kot in akzeptabler Menge steht für die Qualität des Futters.« Daher werden für jede Neuentwicklung aufwendige Verdaulichkeitsstudien durchgeführt. Auch bei Hündin Zilli. Wenn das von ihr bevorzugte Trockenfutter mit Rindergeschmack bald in Europas Einkaufsregalen steht, kann man davon ausgehen, dass mit ihrer »Backend Performance« alles in Ordnung war – so nennen die Forscher den tadellosen Zustand der Hinterlassenschaften.
























