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Umwelt & Technik

Wie den Flüssen das Wasser abgegraben wird

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Überall auf der Erde wird das Wasser knapp, und weltweit werden deshalb mächtige Ströme angezapft, umgeleitet und verbunden. Scheinbar die beste Entscheidung. Aber
leider auch eine sehr kurzsichtige.

Mehr als 50 gigantische Wasserprojekte sind zurzeit weltweit in Planung: Riesige Flüsse sollen ihren in Jahrtausenden entstandenen Lauf aufgeben und mit ihren »überschüssigen« Wassermassen bereits geplünderte Grundwasservorräte in ausgetrockneten Gebieten wieder auffüllen. Auf allen Kontinenten schwinden die Wasserreserven, und das könnte sogar der Auslöser künftiger Kriege werden. Doch während Wasserbauer weltweit ihre Hoffnungen auf solche Flussumleitungen setzen, sehen immer mehr Wissenschaftler genau darin den Weg in die Katastrophe. Ströme führen nämlich ein Leben im Verborgenen: Sie transportieren nicht nur Wasser, Nährstoffe und Geröll, sondern bestimmen das Klima ganzer Regionen und haben sogar maßgeblichen Einfluss auf das Weltklima.

Einige solcher Wasserbauwerke bisher unbekannten Ausmaßes wurden bereits begonnen. So treibt China zurzeit ein 60-Milliarden-Euro-Projekt voran, das dringend benötigtes Wasser nach Peking bringen soll. In der Region um die Hauptstadt – wichtigster Industriestandort und gleichzeitig die Kornkammer des Landes – ist der Grundwasserspiegel um 60 Meter gesunken. Jährlich schwinden weitere 1,5 Meter der unterirdischen Speicher, die sich in Jahrtausenden gefüllt haben. Als Folge hat sich auch der Boden vielerorts um drei Meter abgesenkt. Um die Verluste wettzumachen, will die Regierung den 1000 Kilometer entfernten Jangtsekiang anzapfen und seine Fluten nach Norden umleiten. Pro Jahr sollen 50 Milliarden Kubikmeter Wasser transportiert werden, mehr als die Jahresabflussmenge des Rheins bei Köln.

Ein technisch schwieriges Unterfangen: Weil die Strecke bergauf führt, wird ein aufwändiges System von Stauseen und Pumpwerken nötig. Um Kosten zu sparen, soll der geplante Wasserlauf deshalb auch vorhandene Flüsse und Kanäle nutzen, wie den 1500 Jahre alten Kaiserkanal. Wasserbau-Experten befürchten jedoch, dass nur ein Teil des kostbaren Wassers tatsächlich im Norden ankommen wird, weil große Mengen auf der langen Strecke schlicht versickern werden. »Natürliche Fließgewässer dichten sich durch Schwebstoffe selbst nach unten ab. Kanäle dagegen müssen mit Lehmschichten teuer und aufwändig abgedichtet werden. In Wüsten und Halbwüsten gibt es aber häufig kein geeignetes Dichtmaterial«, erklärt Andreas Schumann, Hydrologe an der Universität Bochum. Hinzu kommt die Verdunstung, durch die ein weiterer Teil verloren geht.

Natürlich sind Staudämme und Kanäle keine moderne Erfindung. Fast alle frühen Hochkulturen verdanken ihre Blütezeit der künstlichen Bewässerung. Doch ohne Dynamit, Bulldozer und Tunnelbohrmaschinen war der Wasserbau früher allein auf die Muskelkraft angewiesen und hielt sich deshalb in »menschlichen« Größenordnungen. Seitdem hat sich die Weltbevölkerung aber mehr als verhundertfacht und wächst explosionsartig, was den Wasserbedarf unentwegt steigen lässt. Jetzt erreichen die in Angriff genommenen Projekte zum Beispiel in China Dimensionen, die Folgen haben könnten für über eine Milliarde Menschen.

Das Schicksal des Gelben Flusses in Nordchina, einer der Lebensadern des Landes, ist ein gutes Beispiel dafür. Seit einigen Jahrzehnten trocknet der Strom immer mehr aus, weil zahllose Kanäle ihm permanent zu viel Wasser abzweigen. In heißen Sommern versiegt er an seinem Unterlauf sogar völlig. Weil deshalb also immer weniger Wasser über dem Flussbett verdunstet, hat sich das Klima in der Region stark verändert – was einen Teufelskreis in Gang setzt: Die Niederschläge gehen zurück, die Böden verwüsten – und benötigen noch mehr künstliche Bewässerung. Bereits ein Viertel der Staatsfläche Chinas ist von diesem Problem betroffen.

Nun soll der Gelbe Fluss von seinem mächtigen Bruder Jangtsekiang eine »Blutspende« erhalten. Die beiden größten Flüsse des Landes kommen sich in ihrem Quellgebiet nah. Deshalb wird der Jangtsekiang dort mit einem 300 Meter hohen Damm aufgestaut und sein Wasser im Hochgebirge 200 Kilometer weit durch Tunnel, Kanäle und Pumpwerke in den Gelben Fluss geleitet. Aus wirtschaftlicher Sicht erscheint diese Maßnahme genauso abwegig wie der Versuch eines Landes, die eigene Staatsbank auszurauben, um den drohenden Bankrott abzuwenden. Insgesamt 46 große Staudämme, jeder über 60 Meter hoch, wird der Jangtsekiang in Zukunft verkraften müssen. Einige sind bereits fertig gestellt, viele im Bau. Darunter befindet sich auch der Drei-Schluchten-Staudamm, das derzeit größte Bauwerk der Erde. Diese Projekte gefährden nicht nur die einzigartige Tier- und Pflanzenwelt des Jangtse, sondern auch die Lebensgrundlage von 400 Millionen Chinesen. Inzwischen gehen auch einheimische Landwirtschaftsexperten davon aus, dass der Jangtsekiang in den nächsten Jahrzehnten ebenso austrocknen wird wie der Gelbe Fluss.

Wenn einem Fluss nur die Hälfte seines Wassers entzogen wird, sind die Folgen bereits dramatisch: »Mit dem Pegel sinkt gleichzeitig der Grundwasserstand in der Umgebung. Staudämme halten zudem die Schlamm- und Geröllmassen auf, die der Fluss gewöhnlich mit sich führt. Fehlen diese Feststoffe im Flussbett, gräbt sich der Fluss immer tiefer ein, was den Grundwasserspiegel noch weiter absenkt«, erläutert Emil Dister, Leiter des WWF-Aueninstituts der Universität Karlsruhe. »So nimmt die Fließgeschwindigkeit ab, wodurch weniger Sauerstoff in den Fluss eingetragen wird. Das wiederum schwächt die Selbstreinigungskräfte und führt zu schlechterer Wasserqualität, mit drastischen Folgen für Mensch und Natur.«

Wie komplex die Zusammenhänge zwischen Wasserbau und Klima sind, untersucht der Biogeochemiker Tim Jennerjahn am Zentrum für Marine Tropenökologie in Bremen. Seine Forschungen in Indonesien und Vietnam haben ergeben, dass bei künstlicher Bewässerung über Staudämme und Kanäle vermehrt Düngemittel in die Flüsse und damit in die Ozeane gelangen. Das wiederum bleibt nicht ohne Einfluss auf die Planktongemeinschaft und kann verhängnisvolle Folgen haben. Wachsen beispielsweise übermäßig viele Algen im Meer, so sinkt der Sauerstoffgehalt, was lebensfeindliche Bedingungen erzeugt, nicht nur für Fische. »In Folge können Veränderungen in den Stoffkreisläufen auftreten, die wiederum klimarelevant sind. Es werden also ebenso die natürlichen Ressourcen der Küstenregionen wie auch das Klima beeinflusst«, stellt Jennerjahn fest. Nach seinen Erkenntnissen halten die Staudämme auch Sedimente zurück, die an den Küsten fehlen. Das kann zur Erosion der Küsten führen und die Landschaft verändern, stört aber vor allem das gesamte Leben im und am Wasser: »Im Bereich vieler Flussmündungen mussten die Fischer schon jetzt zu Farmern werden.«

Doch solche Szenarien und Erkenntnisse konnten die chinesischen Planer bis jetzt nicht abschrecken. Zu drängend sind die Versorgungsengpässe und zu verführerisch die schnellen Lösungen. Deshalb will China jetzt sogar den wasserreichsten indischen Strom, den Brahmaputra, anzapfen. Bislang führt der seine großen Wassermassen aus dem Himalaja nach Indien ab. Der Oberlauf des Flusses, von den Tibetern Tsangpo genannt, soll nach dem Willen Pekings ins chinesische Inland umgeleitet werden. Das hat nicht nur zu politischen Verstimmungen zwischen Indien und China geführt, sondern auch weltweit völkerrechtliche Diskussionen in Gang gesetzt: Inwieweit dürfen Staaten Flüsse auf ihrem Territorium als ihr Eigentum betrachten, die auch in anderen Staaten eine wichtige volkswirtschaftliche Rolle spielen?

Der Hauptgrund jedoch, warum die indische Regierung sich vehement gegen die chinesischen Pläne wehrt: Sie plant mit dem Schmelzwasser des Brahmaputra eigene, ebenso heftig umstrittene Flussumleitungen, die zum großen Teil von der Weltbank finanziert werden. Auch in Indien wird schon doppelt so viel Grundwasser verbraucht, wie sich pro Jahr neu bilden kann. Insgesamt sind 30 Kanäle vorgesehen, die Schmelzwasser vom Dach der Welt in den trockenen Süden bringen sollen. 14 Flüsse sind davon betroffen, da-runter der Ganges und der Brahmaputra, die allein 60 Prozent der Wasserreserven des Landes darstellen. Doch während die indischen Planer nach eigenen Worten nur »überschüssige« Wassermengen umleiten wollen, sehen Landwirtschafts- und Umweltexperten die Existenz von Millionen Menschen unterhalb der geplanten Abzweigungen bedroht. Auch hier sind Versteppung und der Zusammenbruch intakter Ökosysteme vorprogrammiert. Eine weitere Sorge der Anwohner: Die regelmäßigen Überschwemmungen zur Regenzeit, wichtig für die Landwirtschaft, würden vermutlich ausbleiben.

Besonders die Wasserversorgung des bevölkerungsreichen Nachbarlandes Bangladesch ist durch das »River Linking Project« gefährdet. Dort sind bereits die Sunderbund-Sümpfe an der Mündung des Ganges, größtes Feuchtgebiet der Erde und Weltnaturerbe der UNESCO, durch Dammprojekte des indischen Bundesstaates West-Bengalen erheblich geschädigt.

Obwohl die Folgen offenkundig und längst dokumentiert sind, werden Groß-projekte dieser Art überall auf der Welt vorbereitet. So plant Australien beispielsweise, Flusswasser ins Landesinnere zu leiten, damit im trockenen Outback Bewässerungsanbau möglich wird. In Zentralafrika soll Wasser aus den Flüssen Kongo und Ubangi in den Tschadsee fließen. Dieser See ist seit den 1960er Jahren nahezu ausgetrocknet.

Auch die USA hegen große Pläne, um des Wassernotstands in Kalifornien, New Mexico und Arizona Herr zu werden. Hier saugen Orangenplantagen, Golfplätze und der Bedarf der Millionenstädte die unterirdischen Wasserreserven viel schneller leer, als die Natur sie wieder auffüllen kann. Die mächtigen Flüsse Kanadas und Alaskas sollen helfen, denn jenseits der Rocky Mountains fließt alles Wasser – fast ein Viertel aller Süßwasservorräte der Erde – scheinbar als nutzloser Überschuss ins Nordpolarmeer oder in die Beringstraße.

Wirklich überschüssig? Nein, meint Andreas Schumann, denn: »Überschüssiges Wasser gibt es höchstens dann, wenn man es ausschließlich nach menschlichen Nutzungsansprüchen bewertet.« Der Hydrologe betrachtet jeden Tropfen als Teil eines globalen Wassersystems, das vielfältige Aufgaben erfüllt. »Der weitaus größte Teil der Niederschläge über Land stammt aus verdunstetem Süßwasser. Es ist eine sehr verbreitete, aber irrige Ansicht, dass Regenwolken nur über dem Meer entstehen«, erklärt der Hydrologe. Erhöhte oder reduzierte Verdunstung auf dem Festland führe zwangsläufig zu mehr oder weniger Niederschlägen. Im Meer hingegen habe das Süßwasser aus Flüssen Einfluss auf ein kompliziertes Wechselspiel zwischen Temperatur und Salzgehalt, Schichtung des Wassers und vorherrschenden Strömungen. »Der Golfstrom, die Heizung des Nordens, wird durch solche Faktoren beeinflusst. Aber auch das ›El Niño‹ genannte Phänomen kommt durch Druck und Temperaturdifferenzen zustande.«

Flussumleitungen können diese sensiblen Vorgänge auf unkalkulierbare Weise beeinflussen. Tatsächlich bergen die gigantischen US-Projekte schon auf Grund ihrer Dimensionen nicht abschätzbare Risiken: Um Wasser aus Alaska nach Süden umzuleiten, soll beispielsweise der mächtige Yukon aufgestaut werden, der bislang genau in nördlicher Richtung abfließt. Aus dem riesigen Stausee, hundertmal so groß wie der Bodensee, soll das Wasser durch die Rocky Mountains und die Flüsse Columbia, Green und Colorado bis nach Kalifornien und Mexiko gelangen. Es könnte sogar über den Gila, einen Seitenarm des Colorado, in den Rio Grande weitergeleitet werden, was eine 7000 Kilometer lange Strecke ergäbe.

Ein zweites Großprojekt soll Wasser aus den Großen Seen in den mittleren Süden der USA bringen. Bisher entlassen der Michigansee, der Obere See und der Eriesee ihr Wasser über den Sankt-Lorenz-Strom in den Atlantik. Da jedoch der Mississippi und einige seiner Nebenflüsse nahe den Seen entspringen, würde die Umleitung vergleichsweise wenig Aufwand erfordern.

Was jedoch geschehen kann, wenn große Binnengewässer zur Ader gelassen werden, haben Fachleute am Beispiel des Aralsees untersucht: eine ökologische Katastrophe, nach UNO-Angaben in ihrer Größenordnung der von Tschernobyl vergleichbar! Das viertgrößte Binnenmeer der Erde ist um die Hälfte geschrumpft. Drei Jahrzehnte haben genügt, um den See von der Größe der Schweiz in ein totes Gewässer zu verwandeln. Der Grund: Die beiden wichtigsten Zuflüsse des Sees, der Amu-Darja und der Syr-Darja, wurden zu Bewässerungszwecken umgeleitet. Der unter Josef Stalin (1879 – 1953) errichtete Karakum-Kanal zweigt seit 1950 einen Großteil des Wassers aus dem Amu-Darja ab und führt es 1500 Kilometer weit durch Turkmenistan. Allein durch diesen Kanal verliert der Aralsee, der sich bereits 60 Kilometer von seinem Ufer zurückgezogen hat, 40 Prozent seines Zuflusses. Und was aus den umliegenden Baumwollplantagen wieder zurückfließt, ist hochgradig mit Pflanzenschutzmitteln belastet. Zudem hat sich der Salzgehalt des Sees vervierfacht – kein Fisch kann darin überleben. Jetzt haben die Anwohner auch zunehmend mit Sandstürmen zu kämpfen, die giftigen Staub transportieren. Das Klima hat sich verändert und bringt heißere Sommer und kältere Winter hervor, denn mit der Austrocknung des Sees verschwand die schützende Dunstglocke über der Region, die mäßigend auf die Temperatur wirkte und Stürmen Einhalt gebot.

Stalins eigentliches Vorhaben, die sibirischen Flüsse Ob, Jenissei und Lena nach Süden umzuleiten, wurde nie in die Tat umgesetzt. Unter der Bezeichnung »Perebroska« oder »Jahrhundertprojekt« wird es aber bis zum heutigen Tag immer wieder diskutiert. Moskaus Bürgermeister Jurij Luschkow forderte erst kürzlich, das Wasser des Ob in die asiatischen Steppengebiete zu leiten. Russische Wissenschaftler fürchten dabei jedoch zusätzliche Gefahren. So würde das fehlende Süßwasser den Salzgehalt im nördlichen Eismeer erhöhen und damit polares Eis zum Schmelzen bringen. Die Auswirkungen auf das Weltklima wären nicht kalkulierbar.

In den 1950er Jahren war es sogar Stalins erklärtes Ziel, die Klimazonen der Erde durch seine Flussumleitungen zu verändern. So sollte der Verlauf des Golfstroms gezielt beeinflusst werden, um Sowjethäfen eisfrei zu halten, aber auch, um der US-Landwirtschaft Missernten zu bescheren und die sowjetische Baumwollproduktion anzukurbeln. Paradoxer Hintergrund des geplanten Wahnsinns: Die Sowjetunion war zu diesem Zeitpunkt auf US-Baumwoll-importe angewiesen, um die Rote Armee mit Uniformen versorgen zu können.

Grössenwahnsinnige Projekte dieser Art scheiterten in der Vergangenheit am Geldmangel und an technischen Problemen. So kam es – glücklicherweise – nie zu der geplanten Sperrung der Meerenge von Gibraltar. Sie sollte das Mittelmeer aufstauen, um dessen salzige Fluten über einen »zweiten Nil« nach Zentralafrika zu bringen. Zur Bewässerung der Sahara waren ein künstliches »Tschad-Meer« und weiter südlich ein »Kongo-Meer« geplant.

Im westlichen Europa machen es heute das steigende Umweltbewusstsein, aber auch handfeste Interessenkonflikte schwer, große Wasserprojekte noch zu verwirklichen. Der Hydrologe Andreas Schumann: »Während zentralistische Staaten wie China schnell zur Tat schreiten, sind derart massive Eingriffe in demokratischen Strukturen kaum durchsetzbar.« Vor allem betroffene Anwohner und Umweltschützer können heute Druck auf politische Entscheidungsträger ausüben. So hat Spaniens neue Regierung im Juni 2004 die heftig umstrittene Umleitung des Ebro gestoppt. Von dem Aderlass sollte der Gemüseanbau in den trockenen Küstenregionen Spaniens profitieren. Dort ist das Grundwasser bereits versalzen, da große Mengen zur Bewässerung auf die Felder gepumpt werden und sich durch einsickerndes Meerwasser wieder ersetzen. In Spanien jedoch sind die negativen Folgen von Flussumleitungen einer breiten Öffentlichkeit bekannt, seit Diktator Franco zu Beginn der 1970er Jahre den Rio Tajo zum Rio Segura umleiten ließ: Dürre in den betroffenen Gebieten, Austrocknung von Feuchtgebieten und Nationalparks, um nur einige zu nennen.

Inzwischen fordern weltweit Experten diverser Fachrichtungen – Ökologen, Hydrologen, Klimatologen, Agrarwissenschaftler usw. – kleinere und damit umweltverträglichere Lösungen für die großen globalen Wasserprobleme. Ein Ausweg führt wohl über eine sinnvollere und effizientere Nutzung des Wassers. Das betrifft vor allem die künstliche Bewässerung, die mit über 70 Prozent den Löwenanteil des Süßwassers verbraucht. Dabei sind die besonders in den Entwicklungsländern herkömmlichen Methoden äußerst un-ökonomisch. »Die verbreitete Beregnung über dem Boden ist sehr ineffizient, während die gezielte Tröpfchenbewässerung sinnvoller und sparsamer, aber auch deutlich teurer ist«, erklärt Andreas Schumann. »Ohne künstliche Bewässerung kann die Weltbevölkerung nicht überleben, aber die Frage der Effizienz muss entscheidend sein«, stellt er fest. Entscheiden wird seiner Ansicht nach der Verbraucher, nämlich darüber, wo Obst und Gemüse herkommen sollen und welchen Preis er dafür zu zahlen bereit ist.

Groteske Tatsache: Der Anbau von Feldfrüchten geht in den gemäßigten Breiten zurück und wird zunehmend in trockene Regionen der Erde verlagert, die auf künstliche Bewässerung angewiesen sind. Die Früchte wiederum legen dann eine lange Reise zu den Verbrauchern im Norden zurück. In diesem »virtuellen Wassertransfer« sehen viele Experten eine vermeidbare Belastung der Flüsse:

Viel versprechende Versuche von US-Forschern der staatlichen Sandia Laboratories zeigen, dass auch Hydrokultur ein Weg aus der weltweiten Wassermisere sein könnte. Werden Pflanzen nicht gegossen, sondern im Wasser gezogen, fällt der Verlust durch Verdunstung weg, und der Wasserbedarf kann um mehr als den Faktor 1000 sinken; darüber hinaus schrumpft die Anbaufläche gegenüber konventioneller Landwirtschaft auf wenige Tausendstel.

In verbesserten Anbaumethoden und effizienter Wassernutzung liegt auch die Hoffnung für den Nahen Osten: Seit Jahrtausenden graben sich die Bewohner hier gegenseitig das Wasser des Jordan zu Bewässerungszwecken ab. In den letzten 30 Jahren ist der Pegel des Toten Meeres um 17 Meter gesunken, Grundwasserstände und die Qualität des verfügbaren Wassers gehen weiter zurück. Jedoch haben die ehemaligen Feinde Israel und Jordanien erkannt, dass sie ihre Wasserversorgung nur gemeinsam sichern können. Der Friedensvertrag von 1994 regelt deshalb die Aufteilung des Flusswassers und sieht eine weitere Umleitung des Jordan vor. Den Palästinensern allerdings steht derzeit nur ein Zehntel ihres ursprünglichen Wassers zur Verfügung, da der größte Teil zu Bewässerungszwecken nach Israel gepumpt wird. Ohne eine Lösung dieser Frage ist hier kein Frieden in Sicht.

Hoffnung liegt auch im weltweiten Erwachen eines neuen »Fluss-Bewusstseins«. In Europa haben Forscher verschiedenster Fachrichtungen das Projekt »Wege des Wassers« gestartet. Sie wollen alle Einflussfaktoren wie Klima, Geologie, Landnutzung und Siedlungsräume erstmals gemeinsam untersuchen. Nur mit einer neuen, ganzheitlicheren Sicht und mit Respekt vor den komplexen Zusammenhängen in der Natur kann die Menschheit die drängenden Probleme der Wasserversorgung in Zukunft lösen.

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Autor/in: Stefan Stein


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