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Wissenschaft & Technik
Wer verursacht den Stau?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Fragen & Antworten
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Ob es so sein muss, darüber streiten die Wissenschaftler. Aber dass es so sein wird, steht fest. Denn wie schon der französische Philosoph Blaise Pascal sagte: »Alles Unglück des Menschen rührt daher, dass er nicht ruhig in einem Zimmer sitzen kann.«
Wer verursacht den Stau?
Du steckst nicht im Stau, du bist der Stau – diese Erkenntnis muss man erst mal verdauen. In Deutschland gibt es einfach zu viele Menschen mit zu vielen Autos auf zu wenig Platz. Dazu kommt die zentrale Lage in Mitteleuropa: Deutschland ist ebenso wie Österreich (und in geringerem Maße die Schweiz) ein Transitland. Polen fahren über die A2 in Richtung Frankreich, Skandinavier und Holländer über die A9 in Richtung Mittelmeer. Der Güterverkehr auf der Straße macht das Chaos perfekt: Nahezu der gesamte West-Ost-Transport innerhalb Europas läuft über deutsche Autobahnen.
Je höher das Verkehrsaufkommen, desto geringer kann der Anlass für einen Stau sein. Es reicht schon ein auf dem Standstreifen geparktes Auto und ein paar neugierige Langsamfahrer, um einen Stau aus dem Nichts entstehen zu lassen. Fast die Hälfte aller Staus entsteht aufgrund hohen Verkehrsaufkommens, darunter sind auch die berüchtigten „Phantom-Staus“ ohne jeden erkennbaren Anlass. 30 Prozent werden durch Baustellen verursacht, nur ein Viertel durch Unfälle, fünf Prozent durch schlechtes Wetter.
Ein kleiner Trost: Schon im Alten Rom gab es Staus und sogar Verkehrsmeldungen. So wurden in den umliegenden Gemeinden Warnungen ausgesprochen, aufgrund des zu erwartenden Gedränges zu bestimmten hohen Festtagen nicht in die Hauptstadt des Imperiums zu fahren.
Wie entsteht ein Phantom-Stau?
Wir alle kennen das Phänomen: Trotz freier Strecke und guter Sicht bildet sich plötzlich ein Stau. Irgendwann fließt der Verkehr wieder – ohne dass ein Unfall oder eine Baustelle in Sicht kommt. Dieser Stau aus dem Nichts stellte lange auch Wissenschaftler vor ein Rätsel. Es musste eine Formel her, die das Rätsel lösen konnte – das „Nagel-Schreckenberg-Modell“ der Physiker Kai Nagel und Michael Schreckenberg. Mit Hilfe der Chaosforschung und der Spieltheorie kamen die Wissenschaftler dem Phantom-Stau auf die Schliche. Wenn alle Fahrzeuge stets konstanten Abstand zueinander halten würden, dann gäbe es kein Problem. Oder wenn alle Fahrer sich einigten, gemeinsam immer langsamer zu fahren, je mehr Autos hinzukommen.
Aber der Mensch ist ein Individuum, der schon an einfacheren Aufgaben scheitert, wie ein Praxistest des Nagel-Schreckenberg-Modells an der Uni Köln ergab. 24 Autos fuhren gleichmäßig im Kreis hintereinander her, und nach zehn Minuten stand alles. Es muss nur ein Autofahrer hinter einem anderen etwas stärker abbremsen, als es nötig wäre, und schon entsteht eine Kettenreaktion. Jedes weitere folgende Auto bremst wieder ein Stück härter ab, bis es zum Stillstand auf dem Straßenabschnitt kommt. Zwar fahren die vorn stehenden Autos irgendwann wieder los, aber hinten verlängert sich der Stau, der mit etwa 15 km/h entgegen der Fahrtrichtung wandert.
Was kostet der Stau?
Jeder Deutsche steht statistisch pro Jahr 58 Stunden im Stau. Eine Studie aus dem Jahr 2008 beziffert den volkswirtschaftlichen Schaden dieser Staus auf 102 Milliarden Euro im Jahr. Woher kommt dieser Betrag? Von den zusätzlichen Benzinkosten, den Umweltschäden durch vermehrte Abgase, dem Zeitverlust nicht nur im Stau selbst, sondern auch durch das frühere Losfahren „nur zur Sicherheit“, der fehlenden Produktivität durch verpasste Termine, dem Stress und den gesundheitlichen Folgeschäden. All diese Faktoren summieren sich zu einem gewaltigen Kostenberg.
Allein der Benzinverbrauch beim Stop-and-Go-Verkehr ist beträchtlich: Täglich werden in Staus auf Deutschlands Straßen 50 Millionen Euro Kraftstoff verbraucht. Verkehrsexperten folgern, dass zehn Prozent zusätzliche Investitionen in die Infrastruktur das Wirtschaftswachstum um einen Prozentpunkt erhöhen könnten.
erhöhen können.
Gibt es wirklich „Stausucher“?
Die meisten Menschen sind im Stau gestresst, denn schon der französische Philosoph Blaise Pascal wusste: „Alles Unglück des Menschen rührt daher, dass er nicht ruhig in einem Zimmer sitzen kann.“ Eine Forsa-Umfrage zeigt, dass 74 Prozent der Deutschen von Staus genervt sind. Interessanterweise sind vor allem die Süddeutschen Stau-Hasser, während die Norddeutschen den Verkehrsinfarkt gelassener nehmen. Mögliche Erklärung: Süddeutsche leider häufiger unter Staus, etwa auf der A8 von Stuttgart bis Salzburg oder auf der A9 Nürnberg-München. Für einen kleinen Prozentsatz der Menschen gehört ein Stau aber zum Urlaub – bis zu zehn Prozent der Autofahrer scheinen den Stop-and-go-Verkehr regelrecht zu genießen.
Das Gemeinschaftsgefühl beim Aufbruch in den Süden sorgt bei diesen „Stausuchern“ für Geborgenheit. Andere können mit Staus zumindest gelassen
umgehen. Fatalisten schaffen das Umschalten und machen das Beste aus der Situation, während Menschen mit „Vorwärtsmotivation“ auf das Lenkrad trommeln, die Spuren wechseln und andere Autofahrer anschreien. Was hilft? Menschen neigen tatsächlich dazu, sich in Extremsituationen zu verbrüdern. Wer bei totalem Stillstand aussteigt und mit den Leidensgenossen plaudert, baut Stress ab. Das Aussteigen im Stau ist eigentlich verboten, wird aber von der Polizei toleriert.
Wann gab es den Jahrhundert-Stau?
Die längsten Staus auf deutschen Strecken gibt es regelmäßig im Urlaubsrückreiseverkehr auf der A8 von Salzburg nach München. Dort sind an Wochenenden im August Blechschlangen von 30 bis 50 Kilometern Länge eher die Regel als die Ausnahme. Der Grund: Die A8 ist eine der ältesten Autobahnen überhaupt und von Bad Reichenhall bis Rosenheim nicht nur zweispurig eng, sondern auch noch ohne Standstreifen. Ein einzelnes Pannenfahrzeug reicht aus, um sofort kilometerlange Staus zu verursachen. Der längste Stau der Welt jedoch traf französische Autofahrer: Am 16. Februar 1980 blieben die Fahrzeuge zwischen Lyon und Paris auf einer Strecke von 176 Kilometern stehen. Die Skiferien waren zu Ende gegangen, und die Rückkehrer wurden von heftigem Winterwetter überrascht. Bis zu 20 Stunden brauchten die Pariser Skifahrer bis in ihre Arrondissements.
Sind Staus unvermeidbar?
Ja, leider. Das sagt uns nicht nur der gesunde Menschenverstand, auch mathematische Modelle zeigen, dass mehr Straßen nur bedingt helfen und den Stau lediglich an andere Orte verlagern. Auch ein Blick in die USA zeigt: Selbst 12-spurige Highways verstopfen in der Rushhour, etwa im berüchtigten Verkehr von Los Angeles, einer Millionenstadt ohne nennenswertem öffentlichen Nahverkehr.
Unfälle aufgrund menschlicher Fehler wird es immer geben, und Baustellen sind unvermeidlich. So muss auf den stark befahrenen deutschen Autobahnen der Straßenbelag alle 15 Jahre erneuert werden.
Dennoch ist nicht jeder Stau unvermeidbar. Minutengenaue Verkehrsnachrichten können verhindern, dass Staus und Kolonnen vor Straßensperren durch unwissende Fahrer immer noch länger werden. Die Entzerrung der Ferienzeiten in Deutschland ist nicht zuletzt zur Stauprävention gedacht. Umgekehrt müssen mit steigendem Verkehrsaufkommen auch Hoteliers umdenken und sich fragen lassen, ob die wochenweise Vermietung von Samstag auf Samstag denn noch zeitgemäß ist. Ein Tempolimit würde ebenfalls helfen: Staus werden umso unwahrscheinlicher, je gleichmäßiger der Verkehr fließt. Auch die Unfallwahrscheinlichkeit nimmt bei weniger Rasern ab.
Die zehn am stärksten befahrenen Straßenabschnitte
➝ A100 bei Berlin: 191400 Fahrzeuge pro Tag
➝ A3 bei Köln: 165000 Fahrzeuge pro Tag
➝ A5 beim Frankfurter Kreuz: 150700 Fahrzeuge pro Tag
➝ A7 bei Hamburg: 137700 Fahrzeuge pro Tag
➝ A8 bei Leonberg: 133000 Fahrzeuge pro Tag
➝ A9 nördlich von München: 131000 Fahrzeuge pro Tag
➝ A2 bei Hannover: 129000 Fahrzeuge pro Tag
➝ A40 bei Essen: 128600 Fahrzeuge pro Tag
➝ A66 bei Frankfurt/Höchst: 124000 Fahrzeuge pro Tag
➝ A111 bei Berlin/Tegel: 121500 Fahrzeuge pro Tag
























