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Kultur & Gesellschaft

Wer bestimmt, was "normal" ist?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Fragen & Antworten
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Kindern platzt oft der Kragen, Wutanfälle sind die Folge. Künftig wird dies als psychische Störung eingestuft -  "Störung der Gefühlsregulation mit Missstimmung"Kindern platzt oft der Kragen, Wutanfälle sind die Folge. Künftig wird dies als psychische Störung eingestuft -  "Störung der Gefühlsregulation mit Missstimmung"
Kindern platzt oft der Kragen, Wutanfälle sind die Folge. Künftig wird dies als psychische Störung eingestuft: "Störung der Gefühlsregulation mit Missstimmung"
iStockphoto

Was ist kauzig, was bereits neurotisch? Wann sind Angst und schlaflose Nächte begründet, wann Ausdruck einer Erkrankung? Mit anderen Worten: Was ist noch normal? Eine schwierige Frage – doch die Antwort gibt es schwarz auf weiß: Sie findet sich im "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders", kurz DSM. Das ist das wichtigste Diagnose-Handbuch für psychiatrische Erkrankungen. Herausgeber ist die amerikanische Psychiater-Gesellschaft APA. Zurzeit liegt es in der vierten Version vor ("DSM-4"), die fünfte ist in Arbeit und erscheint 2013. Das DSM sorgt für weltweit einheitliche Beurteilungskriterien, was zweifellos eine großartige Sache ist. Trotzdem gibt es da ein Problem: Mit jeder neuen Ausgabe des DSM werden viele Menschen zu psychisch Kranken erklärt, die davor noch als normal galten. Beispiel ADHS (AufmerksamkeitsDefizitHyperaktivitätsStörung): Bis zum Erscheinen von DSM-4 in den 1990er Jahren war ADHS so gut wie unbekannt. Dann wurden Diagnose-Kriterien geschaffen, durch die Millionen lebhafter Kinder plötzlich ganz anders wahrgenommen wurden - nämlich als "gestört".

 

Dieser Trend könnte durch DSM-5 noch verstärkt werden: Verschiedene, eher vage Symptome sollen dann bereits Krankheitswert besitzen, zum Beispiel unbeherrschtes Essverhalten, Vergesslichkeit oder, bei Kindern, häufige Wutanfälle. Letzteres fällt dann unter die Kategorie "Temper Dysregulation Disorder with Disphoria" (Störung der Gefühlsregulation mit Missstimmung). Für problematisch halten Fachleute auch das Vorhaben, bereits leichte Psychose-Vorstufen zu pathologisieren. "Wir kommen an einen Punkt, wo es kaum noch möglich ist, ohne eine psychische Störung durchs Leben zu kommen", warnt der Psychiater Allen Frances, der bei der geltenden DSM-Ausgabe den Vorsitz hatte.

 

P.M. Fragen & Antworten 09/2011

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