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Hygiene
Weg mit dem Dreck!
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Nach den alten Römern ging es nur noch bergab: Eineinhalb Jahrtausende versank die christliche Welt in einem Sumpf aus Unrat und Unwissen. Bis eine Katastrophe die Wende brachte. Danach wurde Sauberkeit zum Fimmel – und heute sehnen sich manche schon wieder nach etwas Schmutz.
Helen Memel mag den Geruch ihrer Körperausscheidungen. Kontakt mit Wasser und Duftkosmetik meidet sie. »Mir ist jeder alte Kacke- und Pissegeruch lieber als diese ganzen gekauften Ekelparfüms«, erklärt die Protagonistin des Romans »Feuchtgebiete« von Charlotte Roche. Das Buch schildert, wie Helen auf den Klobrillen öffentlicher Toiletten herumrutscht, um sich anderer Leute Bakterien einzufangen. Ein Tabubruch, der ankommt: Die Anti-Hygiene-Story wurde zum Überraschungsbestseller des Jahres 2008.
Früher, als Gebildete das Wort »Hygiene« höchstens mit Hygieia, der Gesundheitsgöttin der Griechen, in Verbindung brachten, hätte sich vermutlich kaum jemand für Helen Memel und das Aroma ihrer Ausscheidungen interessiert. Historisch betrachtet, war die Dunstglocke aus menschlichen Gerüchen bis vor Kurzem Allgemeingut: Wo alle rochen, stank keiner.
Jede Epoche, jedes Land, jede Glaubensgemeinschaft hat eigene Hygienestandards. Asiaten riechen besser, heißt es, weil sie weniger Schweißdrüsen besitzen und schon immer auf Reinlichkeit geachtet haben. Im chinesischen Kaiserhaus lag parfümiertes Klopapier bereit, als sich die Europäer den Hintern noch mit Stroh abwischten. Buddhisten, Hindus, Muslime und Juden befolgen seit Jahrtausenden tägliche Waschrituale, die ihre Religionen aus Gründen der Hygiene vorschreiben. Im übertragenen Sinn reinigen sie sich dabei auch von Sünden. Nur die Christen lebten über große Strecken ihrer Geschichte im Dreck.
Die Vorzüge von Wasser und Seife kannten schon die alten Ägypter. Im klassischen Griechenland wusch man sich nach dem Wettkampf mit kaltem Wasser – ohne Seife. Die Sportler rieben sich vorher mit Öl und Sand ein, was sie dann mit dem Strigilis, einem Kratzer aus Metall, entfernten. In den Bädern der Römer übernahmen Sklaven diesen Dienst.
Die raffinierten Wellness- und Kommunikationstempel Roms boten mehr als heutige Spaßbäder: erfrischende Pools, Schwitzkammern, warme Bäder, Fußbodenheizung, Fitnessräume, Bibliotheken, Snackbars, Frisöre, Ärzte, Prostituierte. Man traf sich dort, um Geschäfte abzuschließen, zu flirten – und zum Sex. Das Baden war angenehme Begleiterscheinung.
Nach dem Untergang des Römischen Reichs ließ sich Europa bis ins 20. Jahrhundert Zeit, um die antiken Standards wieder ein zuholen. Ursachenforschung betreibt die kanadische Autorin Katherine Ashenburg in ihrer bisher nur auf Englisch erschienenen Geschichte der Hygiene (»The Dirt on Clean«). Sie macht zwei Faktoren für den Niedergang der Sauberkeit in Europa verantwortlich: die Primitivität der nach Süden drängenden Germanen, die das komplexe römische Wasserleitungs- und Kanalsystem nicht instand halten konnten; und den Aufstieg des Christentums.
Je schmutziger, desto frommer, war die Devise der frühen Anhänger Jesu. Wer seinem Körper zu viel Aufmerksamkeit schenkte, galt als Sünder. Die Inquisition bestrafte Sauberkeit als Teufelswerk.Christen im mittelalterlichen Spanien wuschen sich allein deshalb nicht, weil die verhassten Mauren es dauernd taten. Nur in wenigen fortschrittlichen Klöstern, etwa bei den Zisterziensern, waren tägliche Waschungen vorgeschrieben.
Während die Badetempel der Römer im Westen verfielen, entwickelte sich in Byzanz das Dampfbad, heute als türkisches Bad oder Hamam bekannt. Die Kreuzritter lernten es bei ihren Eroberungszügen um 1100 kennen und führten es zu Hause wieder ein. So entstanden die legendären Badehäuser mit Dampfräumen und Wannenbädern, wo Männer und Frauen zusammen in dampfenden Holzbottichen hockten und sich Speisen und Getränke servieren ließen. Anschließend legten sie sich in separate Ruheräume – nicht nur zum Schlafen.
Pestepidemien, die Ausbreitung der Syphilis und der Mangel an Heizmaterial im Dreißigjährigen Krieg machten den Badehäusern im 16. Jahrhundert den Garaus. Schmutz, so glaubte man jetzt, sei nicht nur gottgefällig, er schütze auch vor Krankheiten. Gelehrte warnten, dass heißes Badewasser die Poren öffne, durch die sich die Pest in den Körper schleiche – in Wirklichkeit wurde der Pesterreger vom Rattenfloh übertragen, der sich vor allem ungewaschene Opfer suchte.
Das 16. und 17. Jahrhundert gelten als »die schmutzigsten in der europäischen Geschichte«, schreibt Expertin Ashenburg. Während Königin Elisabeth I. von England (1533–1603) noch behauptete, sie bade einmal im Monat, »egal, ob ich es nötig habe oder nicht«, heißt es von Ludwig XIV. (1638–1715), er habe während seines langen Lebens insgesamt zwei Mal ein Vollbad genommen. Dafür badete er in Puder, versteckte sein klebriges Haar unter Perücken und wechselte dreimal am Tag die Wäsche.
Bis ins 19. Jahrhundert glaubte man, dass Leinen den Schweiß aus dem Körper ziehe und ein frisches Hemd deshalb mehr bewirke als ein Bad. Außerdem sollte die Kleidung eng anliegen, damit die Luft nicht bis zur Haut vordringen könne. Der Aberglaube geht auf den griechischen Arzt Hippokrates (um 460–375 v. Chr.) und seine Lehre von den giftigen Ausdünstungen des Bodens (Miasmen) zurück, die mit der Luft weitergetragen würden und so die Ausbreitung von Krankheiten förderten.
Dahinter steckt vielleicht schon eine Vorahnung dessen, was erst im 19. Jahrhundert Gewissheit wurde: Menschliche Exkremente bergen Gefahren, wenn sie überall offen herumliegen: Im Mittelalter klebten nach unten offene Plumpsklos an den Außenmauern der Burgen, und bis weit in die Neuzeit kippte man den Inhalt der Nachttöpfe auf die Straße. Um trockenen Fußes durch den oft knöcheltiefen Unrat zu gelangen, streiften die Menschen Holzschuhe über.
Zu Zeiten des Sonnenkönigs gab es in Versailles stuhlartige Toiletten (daher der Ausdruck »Stuhlgang«). Wenn der König sein Geschäft beendet hatte, ließ er sich den Hintern von einem Diener abputzen. Aber nicht jede Hofschranze machte sich die Mühe, einen Toilettenstuhl zu benutzen. Deshalb gab der König die Order, einmal die Woche die Ecken seines Schlosses gründlich zu reinigen.
Etwa zur gleichen Zeit kamen Heilbäder in Mode. Unter dem Einfluss der Naturlehre von Jean-Jacques Rousseau reiste man nach Spa ins heutige Belgien, nach Vichy oder wie Goethe nach Marienbad, um seine Zipperlein loszuwerden.
Ludwig XV. (1710–1774) war dem Wasser gegenüber bereits aufgeschlossener als seine Vorgänger. Für ihn stand in Versailles ein Badekabinett mit zwei Wannen bereit, eine zum Einseifen, die andere zum Abspülen. Seine Mätresse, Madame de Pompadour, verfügte sogar über ein neuartiges Becken für die Intimhygiene: das Bidet.
In den germanischen und angelsächsischen Ländern hat sich das Sitzwaschbecken zum Teil bis heute nicht durchgesetzt. Die prüden Engländer lehnten es aus moralischen Gründen ab. Man befürchtete, es könne der Masturbation und dem Oralsex Vorschub leisten. Davon abgesehen übernahmen sie aber gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Führung in Hygienedingen. Ab 1770 baute man auf der Insel die ersten Innentoiletten, und der britische Adel entdeckte das Baden bei Nizza, als noch kein Mittelmeerbewohner dort freiwillig zum Schwimmen ging.
Sauberkeit war zum Privileg der Reichen geworden. Wer es sich leisten konnte, roch gut, die anderen stanken. Die große Masse der Menschen hatte keine Chance, den unhygienischen Verhältnissen in den Städten zu entkommen. Auch war die Furcht vor Krankheiten, die man sich durch die gereinigten Poren zuziehen könnte, im Volk nicht auszurotten. Erst um 1830 spekulierten Wissenschaftler, dass die Haut eine Atemfunktion haben könnte: Experimentell wurden Pferde und andere Tiere rasiert und mit Teer oder Klebstoff bestrichen. Als sie ein gingen, starb auch der Glaube an die gesundheitsfördernde Dreckschicht.
Es nahte die Geburtsstunde der Bakteriologie. Der Arzt Ignaz Semmelweis (1818–1865) war der Erste, der die Bedeutung der Hygiene für die Medizin richtig einschätzte. Er wies nach, dass die meisten Todesfälle im Kindbett auf Bakterien von ungewaschenen Arzthänden und schmutzigem Operationsbesteck zurückgingen. Es dauerte noch Jahrzehnte, bis dieses Wissen Allgemeingut wurde. Erst die Cholera-Epidemien, die Europa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts heimsuchten, brachten ein wirkliches Umdenken.
Robert Koch (1843–1910), Entdecker u. a. des Cholera-Erregers, bezeichnete die Seuche als den »besten Verbündeten« im Kampf um eine bessere Hygiene. Auch die zaudernden Politiker mussten sich zu der unbequemen Einsicht durchringen, dass nur eine kostspielige Erneuerung von Wasserleitungen und Kanalisation Abhilfe schaffen würde. Bis es so weit war, starben allein in Hamburg 8605 Menschen an Cholera, weil sie mit Fäkalien verseuchtes Wasser getrunken hatten. Die meisten waren Auswanderer, die in Baracken auf ihre Überfahrt in die Neue Welt warteten.
Für die Überlebenden standen in der New Yorker Einwanderer-Schleuse Ellis Island 8000 Duschen bereit, um den Schmutz des Alten Europa abzuwaschen. Die Nordstaaten hatten während des Bürgerkriegs erfolgreich die Hygiene regeln übernommen, welche die britische Krankenschwes ter Florence Nightingale für Soldaten im Krimkrieg eingeführt hatte. Die Folge: Es starben weit weniger Männer an Infektionen als früher. Danach fruchteten Hygienekampagnen im ganzen Land und begründeten den Vorsprung der Amerikaner in Sachen Sauberkeit.
In Europa begann man unterdessen mit dem Bau sogenannter Volksbäder, wo jeder billig baden oder duschen konnte. Der Odol-Fabrikant Karl August Lingner gründete 1912 in Dresden das Deutsche Hygiene-Museum, wo das neue Wissen breiten Schichten zugänglich gemacht werden sollte.
Dennoch rümpften amerikanische Reisende die Nase über die schmutzigen Europäer, wunderten sich über Schweizer und Deutsche, die zwar ihre Häuser blitzsauber scheuerten und die Straßen davor fegten, selber aber nach Schweiß rochen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dann vor allem Deutschland gründlich amerikanisiert. Von Bluejeans bis zu Popmusik und Hollywoodfilmen propagierte die Siegermacht ihren Lebensstil – auch in Sachen Hygiene. Die US-Wirtschaft erkannte den gigantischen Markt für Deoroller, Intimspray und Damenrasierer; weibliches Achselhaar und Beinhärchen wurden verpönt; die Werbung suggerierte keimfreie Körper, die nach exotischen Früchten, aber nicht nach Mensch riechen dürfen. Die Kolonisierung hat funktioniert: Mehr als zwölf Milliarden Euro geben die Bundesbürger jedes Jahr für Wasch- und Badekosmetik sowie Deos aus.
Sind die müffelnden »Feuchtgebiete« der Charlotte Roche so erfolgreich, weil wir insgeheim längst genug haben von Raumsprays, Duftsteinen und Parfümwolken? Eine passende Dreck-macht-gesund-Erkenntnis gibt es jedenfalls bereits: Kinder, die auf dem Bauernhof mit Tieren und Mist leben, erkranken deutlich seltener an Allergien als keimfrei aufwachsende Großstadt-Kids.
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