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Web-TV macht mobil

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Das klassische Fernsehen bekommt Konkurrenz. Ein neues Portal will das Beste des TV mit dem Besten des Internets kombinieren.

»Stellen Sie sich vor, Sie haben eine unbegrenzte Auswahl und Fernsehen, das wirklich interaktiv ist, überall und wann immer Sie wollen«: So tönt das Startup-Unternehmen »Joost« auf seiner Website. Großmundige Versprechungen? Wie bloß soll es gelingen, die Fernsehwelt auf den Kopf zu stellen?

Hinter Joost stecken keine Geringeren als der 40-jährige Niklas Zennström und sein 30-jähriger Geschäftspartner Janus Friis aus Dänemark. Nie gehört? Das sind zwei Skandinavier, die zuerst mit ihrer kostenlosen Internet-Musiktauschbörse »Kazaa« die Musikbranche und dann mit dem Internet-Telefondienst »Skype« die Telekommunikationsindustrie aufgemischt haben. Skype ist inzwischen für 2,6 Milliarden Dollar an Ebay verkauft. Und jetzt? Die Macher dieser Internet-Revolutionen holen zu ihrem größten Schlag aus – gegen das bislang mächtigste Medium: das Fernsehen!

Eigentlich wollen die beiden genialen Typen nichts anders machen als viele andere Unternehmen auch: Fernsehen per Internet. So kündigte die Telefongesellschaft Arcor auf der CeBIT an, dass sie ab Sommer TV im Internet anbieten will. Hier sind heute schon mehr als 6300 frei verfügbare Fernsehsender weltweit zu empfangen, so genannte IPTV-Sender. IPTV bedeutet »Internet Protocol Television« (frei übersetzt so viel wie »Internet-Protokoll-Fernsehen«) und ist im Ursprung eine von Microsoft entwickelte Technologie.

Auf diesen Technik-Trend setzt auch Joost. Der Firmenname wird übrigens wie das englische »juiced« ausgesprochen – ein Slangwort für »betrunken«. Wie die von Joost angekündigte perfekte Schnittstelle für das Internet-Fernsehen genau funktioniert, wissen allerdings bislang nur ausgesuchte Tester. Ihren Berichten zufolge wird das Fernsehen mobil werden – weg vom TV-Gerät, hin zum Computer bzw. Laptop, rein ins Internet und damit überallhin. Fernsehbilder werden vollständig per Internet verbreitet – und das in einer Qualität, die wir bislang nur aus der Antennenbuchse kennen, im Fachjargon »near HDTV«.

Der Online-Dienst soll in den nächsten Monaten auf Sendung gehen. Er wird, so die Joost-Gründer, »eine neue Art des Fernsehens bieten, unabhängig von den Sendeplänen und Einschränkungen des herkömmlichen TV«. So wird man am Computer jedwede TV-Sendung und jeden x-beliebigen Film schauen können, ebenso von Profis und Amateuren produzierte Videos, die im Internet »hängen«.

Und dieses TV ist auch noch interaktiv. Wer will, kann auf dem bildschirmfüllenden Screen mit der Maus jede Menge Fensterchen öffnen. Zum Beispiel, um den Film zu bewerten, mit anderen während langweiliger Szenen ein paar Mails auszutauschen oder zu chatten. Jeder kann auch seine Playlists anderen Zuschauern mitteilen oder Produkte, die einen Bezug zum laufenden Programm haben, online bestellen. Und das Allerbeste: Dieses universale, interaktive Programm gibt es umsonst. Denn finanziert wird das Ganze durch Werbeeinnahmen, die anteilig unter den Lieferanten der bewegten Bilder aufgeteilt werden.

»Wir wollen das Beste des Fernsehens mit dem Besten des Internets verbinden«, erklärt die Joost-Website, »eine neue Fernseh-Erfahrung, die um die Wahlfreiheit, Flexibilität und Kontrolle des Web 2.0 vervollkommnet ist.« Ob die Firma die hoch gesteckten Ziele erreicht? Das wird nicht allein von der Technik abhängen, sondern wohl auch von der Psychologie. Wollen wir wirklich TV am Computer gucken? Verhaltensforscher weisen darauf hin, dass schon allein unsere Köperhaltung bei diesen Tätigkeiten dagegenspricht. Denn wenn wir am Computer sitzen, ist unser Körper nach vorn zum Bildschirm gebeugt – beim Fernsehen hingegen lehnen wir uns relaxed zurück. Diese unterschiedliche Haltung vertrage sich nicht mit den Plänen, TV auf dem PC anzubieten.

Abgesehen von den Einwänden der Psychologen wird der Erfolg von Joost letztlich von den Inhalten abhängen. Für die Joost-Macher stehen noch harte Verhandlungen mit den Anbietern an, bis entschieden sein wird, welche Sender sich beteiligen und welche tatsächlich auch Live-Ausstrahlungen über das Internet erlauben.

Man darf gespannt sein, ob wir dank Joost ein ganz neues Fernseh-Feeling bekommen. Ob wir im Juli 2010 am Strand auf Sylt liegen und mit dem Laptop das Endspiel der nächsten Fußball-Weltmeisterschaft in Johannesburg/Südafrika verfolgen – übertragen vom südafrikanischen Fernsehen, mit der Stimme des Sportkommentators aus dem deutschen TV. Und das alles superscharf und live.

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Autor/in: Manon Baukhage

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