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Das Gedankenexperiment
Was wäre, wenn ... es keine Männer gäbe?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Viele Frauen glauben, ohne Männer wäre die Welt besser dran. Wirklich? P.M. hat recherchiert, was passieren würde: Die Frauen stünden vor ungeahnten Herausforderungen!
Am Strafraum grast ein Reh, eine Amsel singt. Eigentlich wäre jetzt Bundesligaauftakt in der Münchner Allianz-Arena. Doch der Spielergang bleibt dunkel, die 69 901 Plätze leer, die 106 Logen unbesetzt. Maulwurfshügel brechen durch den einst kurz geschorenen »Powerrasen«. Die früher rot und blau leuchtende Außenhülle des Stadions hängt schlaff und dunkel herab. Ein Tempel der Männlichkeit verfällt.
Die Menschheit steckt in einer tiefen Krise. Vor drei Wochen ist sie zur Hälfte verschwunden, plötzlich und uner-klärlich. Die Männer haben sich über Nacht in Luft aufgelöst. Den Frauen blieb keine Zeit für Verblüffung, denn schon Stunden später kollabierte die Stromversorgung.
Im Kernkraftwerk Brunsbüttel hatte der Zusammenbruch begonnen. Die sonst so belebte Steuerwarte lag plötzlich still da: Hier hatten nur Männer gearbeitet. Ohne ihre Kommandos war der 806-Megawatt-Reaktor plötzlich ohne Kontrolle. Die Frauen in der Steuerzentrale mussten hilflos zusehen, wie das Notprogramm den Meiler automatisch vom Stromnetz trennte, die Turbinen stoppte und dann den Reaktor herunterfuhr. Zwei Stunden nach dem Verschwinden der Männer schaltete sich das letzte der 17 deutschen Kernkraftwerke ab. Im Berliner Kanzleramt glimmt die Notbeleuchtung, gespeist von einem Biodiesel-Aggregat im Keller und einer Fotovoltaikanlage auf dem Dach. Mehrmals täglich trifft sich der Krisenstab zur Lagebesprechung im Büro der Bundeskanzlerin. Dabei sind die fünf verbliebenen Ministerinnen und die Generalbundesanwältin. Die sieben Frauen haben die Polizei- und Regierungsgewalt über das komplett verweiblichte Deutschland übernommen. Sie blicken aus dem Kanzleramt auf eine dunkle Hauptstadt der Frauen.
Zuerst wollte die Kanzlerin die Schutzkommission beim Bundesinnenministerium einberufen, die im Katastrophenfall die besten Experten aus Wissenschaft, Technik und Medizin versammeln sollte. Doch auf ihren Ruf hin kam von den einst 26 Mitgliedern und 13 ständigen Gästen nur eine einzige Antwort: von der Psychologin Irmtraud Beerlage, Expertin für Krisenintervention und psychosoziale Notfallversorgung. Alle anderen Experten für den Notfall waren Männer. Die Mitarbeiterinnen des Krisenstabs bemühten sich vergeblich um Ersatz-Expertinnen, denn 85 Prozent der Professoren waren männlich, also weg.
Im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe sind von ehemals 272 Angestellten noch 81 Frauen übrig. Auch das Melde- und Lagezentrum von Bund und Ländern ist ohne Männer völlig unterbesetzt. Die Frauen müssen improvisieren. Der Krisenstab um die Kanzlerin gibt drei Ziele vor: die Wiederherstellung der Stromversorgung, die Wahrung der öffentlichen Sicherheit und die Sicherung der medizinischen Versorgung.
Die Männer hatten geglaubt, für jeden Notfall vorausgedacht zu haben: Vom Meteoriteneinschlag über Missernten bis zur Grippepandemie gab es Katastrophenpläne. Nur dass sie selbst verschwinden könnten, war ihnen nicht in den Sinn gekommen. Jetzt liegt die komplette Katastrophenhilfe lahm – jeder Wohnungsbrand ist plötzlich ein Risiko, bedrohlich für eine ganze Stadt. Die Feuerwehr existiert nicht mehr und damit auch weder ABC-Abwehr noch Brandschutz. Von einst 28 000 deutschen Berufsfeuerwehrleuten sind 235 Frauen übrig, verteilt über dasgesamte Bundesgebiet. »Der typische Berufsfeuerwehrmensch war christlich, weiß – und meist männlich«, erinnert sich Silvia Darmstädter, Sprecherin des Deutschen Feuerwehrverbands. Die 75 000 Frauen der freiwilligen Feuerwehren schuften bis zur Erschöpfung. Das Technische Hilfswerk hat zwar die Ausrüstung für alle erdenklichen Notlagen, aber niemanden, der die Geräte bedienen kann. Von den einst 80 000 ehrenamtlichen THW-Helfern sind nur noch 7200 einsatzbereit.
Am Tag vier fahren wenigstens die Kohle- und Ölkraftwerke wieder hoch, die Stromversorgung ist damit erst mal gesichert. Doch vom Strom allein springen die Maschinen nicht wieder an: 90 Prozent derjenigen, die sie einrichten und überwachen konnten, sind weg. Jetzt stehen die Frauen da. Sie sind viele, aber fast keine kann ein Auto reparieren. Es fehlt an Müllfrauen, Priesterinnen, Chirurginnen. Der Krisenstab kommandiert die12 000 Soldatinnen der Bundeswehr zu den Aufräumarbeiten ab: Sie rangieren liegen gebliebene ICEs von den Strecken, Bundeswehrpilotinnen halten einen Not-Flugplan aufrecht. In den Krankenhäusern müssen dringende Operationen verschoben werden. Nur wer lebensbedrohlich erkrankt ist, wird noch operiert. Kaum ein Beruf war so männerdominiert wie die Chirurgie. Von 19 500 deutschen Chirurgen beiderlei Geschlechts sind noch knapp 3000 Chirurginnen übrig geblieben. Krankenschwestern müssen die fehlenden Ärztinnen ersetzen.
Zwei Wochen später riecht es in den Straßen nach Müll, doch auf den Plakatwänden ist die neue Zeit schon angebrochen: Statt Tiger Woods werben die No Angels für Nassrasierer. Ob Direktorin oder Geschäftsführerin: Nur ein Fünftel der führenden Wirtschaftselite hat überlebt. Die Bankerin Bettina von Oesterreich von der Hypo Real Estate ist das letzte lebende Mitglied eines Dax-Vorstands. Die anderen Unternehmen haben zwar ihre kompletten Vorstände verloren, doch es gibt genügend hoch qualifizierte Frauen, die aus der zweiten Reihe nachrücken können. Weltweit hatte sich der Anteil berufstätiger Frauen in den letzten 30 Jahren mehr als verdoppelt, sie stellten schon in der patriarchalen Welt 40 Prozent der globalen Arbeitskraft. Aber die anderen 60 Prozent sind futsch.
Die Bundesregierung gibt ein Gutachten über ähnliche Situationen in der Wirtschaftsgeschichte in Auftrag. Als Irland durch eine große Hungersnot zwischen 1846 und 1849 und eine folgende Migrationswelle große Teile seiner Bevölkerung verlor, dauerte es 130 Jahre, bis sich die Wirtschaft erholt hatte. »Die einzige geschichtliche Situation mit vergleichbar großen Verlusten an Männern erlebte Paraguay«, schreiben die Wirtschaftshistorikerinnen der Universität Tübingen. 1864 erklärte Paraguay Brasilien den Krieg, kämpfte aber gleichzeitig gegen Argentinien und Uruguay. Über die Hälfte der Bevölkerung überlebte den Krieg nicht. Die meisten Toten waren Männer. »Davon hat sich das Land bis heute nicht erholt«, urteilen die Forscherinnen.
Unter Flüchen wuchten einige Frauen an einer Straßenecke Dachpfannen von einem Transporter. Die ehemaligen Verkäuferinnen sind zum Not-Bautrupp abkommandiert. »Wir fühlen uns wie moderne Trümmerfrauen«, klagen sie. Die größte wirtschaftliche Herausforderung ist die Umschulung. Vor der Katastrophe arbeitete über die Hälfte der Frauen im Büro, als Krankenschwester oder Arzthelferin, als Erzieherin oder Altenpflegerin, als Verkäuferin oder Reinigungskraft. Mit fünf Berufsgruppen ist keine Gesellschaft am Laufen zu halten. Es ist eine Situation wie nach den Weltkriegen, in denen zu viele männliche Fachkräfte umkamen. Jetzt müssen arbeitslose Prostituierte zu Kranführerinnen, Sekretärinnen zu Feuerwehrfrauen ausgebildet werden. Hausfrauen übernehmen die Autowerkstätten. Doch Ingenieurinnen für den Kernbrennstoffkreislauf lassen sich nicht in Wochenendkursen ausbilden – die Kernkraftwerke bleiben stillgelegt.
Auch das gehört zu den Merkwürdigkeiten der Frauengesellschaft: Auswärts gut essen ist schwierig geworden. Nur fünf deutsche Sterne-Restaurants haben noch eine Küchenchefin. »Man könnte die eine oder andere bedrohte Tierart auf die Speisekarten setzen«, schlägt Juliane Caspar vor, Chefredakteurin des Guide Michelin, der die begehrten Gourmet-Sterne vergibt. »Wenn die Menschheit mit der nächsten Generation ausgestorben sein wird, braucht sie sich ja keine Gedanken mehr um ihr Essverhalten zu machen.« Langsam kehrt Routine ein in der männerlosen Welt.
Deutschland soll eine Gesellschaft von Gleichen unter Gleichen sein, so die offizielle Regierungslinie. Keine Abgeordnete hat im Bundestag dagegen gestimmt. Überhaupt hat sich der Stil der Gesetzgebung drastisch geändert. Das Parlament schafft Ansprüche auf Geburtshäuser und lebenslange Brustkrebsvorsorge, auf ein existenzsicherndes Erziehungsgeld und Vollzeitbetreuung für Töchter. Ohne große Debatte beschließt der Bundesrat die Auflösung von Hannover, Bielefeld und Magdeburg: Die Aufrechterhaltung der Infrastruktur in nur noch halb bewohnten Städten ist zu teuer. Der Rückbau weiterer Städte steht zur Diskussion.
Die einstigen Schaltzentralen der männlichen Macht sind verwaist. Die erste Bundespräsidentin ist vereidigt, erstmals wird der Bundesrat von einer Frau geführt. 13 neue Verfassungsrichterinnen müssen gewählt werden. Die ersten Bundestagswahlen sorgen für wenig Spannung in Frauendeutschland. »Die Veränderungen werden nicht dramatisch sein«, prognostiziert Irina Roth von Infratest Dimap. Ohne die Stimmen der Männer wäre das letzte Wahlergebnis »ein bisschen roter, grüner und weniger rechts« gewesen.
Überall in der Welt finden die Frauen allmählich in ihre neue Rolle. Früher waren nur acht von 100 Staaten von Frauen gelenkt worden, Diktatorinnen hatte es kaum gegeben. Jetzt haben iranische Frauen den Schleier abgeworfen. Afrikanische Frauen haben die Sanierung der maroden Staaten übernommen, südamerikanische den Kampf gegen die Drogen. Aber das matriarchalische Paradies stellt sich nicht ein. Noch immer gibt es Umweltverschmutzung, Kinderarbeit, Armut. Die vertrackte Lage zwingt die Frauen zu Innovationen. Schon in der patriarchalen Welt hatte die Mehrheit der Frauen die Kernenergie abgelehnt. Jetzt forcieren die Staatenlenkerinnen dieEnergiewende, wenn auch aus neuen Gründen: Die Energiegewinnung mit Wasser, Wind und Sonne ist körperlich weniger anstrengend als Tagebau und Ölförderung.
In Rom werden die ersten Frauen zu katholischen Bischöfinnen ordiniert. Auf ihrer ersten Sitzung annullieren sie das Kirchengesetz 1024: »Die heilige Weihe empfängt gültig nur ein getaufter Mann.« Die Entscheidung fällt einstimmig, in wenigen Sekunden. Der Weg für eine Päpstin ist frei. Damit wird die Gottebenbildlichkeit der Frau, wie sie im Buch Genesis beschrieben wird, anerkannt: »Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde.«
Die Welt ist sicherer geworden. Über 6000 Frauen waren jedes Jahr allein in Deutschland vergewaltigt worden. Ohne männliches Testosteron ist die Kriminalität zurückgegangen, Mord- und Totschlag sind selten geworden, Raubdelikte und Körperverletzung auf historische Tiefstände gesunken. Denn drei Viertel aller Tatverdächtigen sind weg. Die ehemaligen Gefängnisse können zu Generationenhäusern umgebaut werden, mit Geburtsräumen im ehemaligen Hochsicherheitstrakt.
»Ein Gespräch zwischen Birgit Prinz und dem brasilianischen Frauen-Star Marta« kündigt das Sportmagazin Kicker an. Das ehemalige Männerheft hat beschlossen zu kämpfen. Doch es liegt wie Blei an den Kiosken. »Wenn man sieht, wie hart sich der DFB bei der Sponsoren-Suche für unsere Weltmeister-Truppe tut, kann man sich schwerlich eine hoffnungsvolle Vermarktung eines wöchentlichen Magazins vorstellen«, heißt es pessimistisch im Editorial des ersten Kickers der Frauenwelt. Wie die Fußballarenen ist auch er ein Symbol einer untergegangenen Epoche. In den Baumärkten herrscht eine befremdliche Stille. Vereinzelte Kundinnen blicken ratlos auf hundertteilige Bitsets, Laser-Nivelliergeräte und Taschenlöt-Sets. Wozu brauchte man die einst?
Frauen verfolgen zur Problemlösung andere Strategien, das zeigt die Neurobiologie. Noch in der Männerzeit hatte Janet S. Hyde die größte Übersichtsuntersuchung zu den unterschiedlichen Fähigkeiten der Geschlechter gemacht. Die Professorin an der University of Wisconsin verglich 46 Studien über Geschlechtsunterschiede miteinander und stellte in einem Fünftel von 124 besonderen Fähigkeiten Unterschiede fest: Frauen konnten nicht so weit werfen, sich nicht so gut orientieren, und sie hatten ein schwächeres räumliches Vorstellungsvermögen. Doch eigentlich gab es nur in einem Bereich große Unterschiede: »Auffallend groß sind die Geschlechtsunterschiede in den Bereichen Masturbation und der Einstellung zu gelegentlichem Sex in losen Beziehungen«, schreibt Hyde. Mit beidem sind Frauen zurückhaltender.
In den Betten hat sich Einsamkeit breitgemacht. Zwar sind sich Wissenschaftlerinnen darin einig, dass gleichgeschlechtliche Neigungen biologisch bestimmt sind, auch ist der Anteil von zwei bis vier Prozent lesbischer Frauen über verschiedene Epochen und Kulturen hinweg stabil – aber eine reine Frauengesellschaft ist historisch beispiellos. Zwei Drittel der Frauen können sich vorstellen, auch mit Frauen zu schlafen, das zeigten Umfragen. Wie viele es jetzt tun, kann noch niemand sagen.
Der letzte Mann lächelt. Er kann nicht anders. Kunststoff konserviert seinen Gesichtsausdruck für die Ewigkeit. Als lebensgroßes Plastinat steht er in einer dunklen Ecke im Bonner Haus der Geschichte. Eine dünne Staubschicht hat sich auf seinen Bizeps gelegt. Er erinnert an das größte Problem der Frauengesellschaft: Nachwuchs. Die Menschheit droht auszusterben.
Die Hoffnung der Medizin liegt auf übergewichtigen Mäusen. Sie sitzen japsend in den Käfigen der Göttinger Humanmedizin. Hier könnte in Petrischalen die Zukunft heranreifen. Die fetten Mäuse sind entstanden aus »künstlichem Sperma«. Die Biologin Jessica Nolte hat es erzeugt: Aus Mäuse-Stammzellen hat sie in einem Nährboden, der mit speziellen Wachstumsfaktoren versetzt ist, Zellen gezüchtet, mit denen sie Eizellen befruchten kann. Noch leben die so gezeugten Mäuse nur wenige Wochen und sind deutlich dicker oder dünner als ihre Artgenossen. Doch der Schritt zum Sperma-Ersatz ist gelungen. Bleibt ein kleines Problem: Bisher kommen die Stammzellen aus dem Hoden männlicher Mäuse. Doch die Versuche mit Weibchen haben schon begonnen.
Vor dem Essener Kreiswehrersatzamt stehen aufgeregte junge Frauen in der Schlange. Die meisten, die sich hier zur Musterung melden, haben noch nie eine scharfe Waffe in der Hand gehabt. Bald werden sie ein Sturmgewehr G36 zerlegen, zusammensetzen und dann mit ihm schießen. »Eines der zentralen Motive aller Kriege ist die Reaffirmation von Männlichkeit«, schreibt Alice Schwarzer – doch keine der Frauen im Kreiswehrersatzamt hat es gelesen. Sie sehen sich den Armeen Chinas und der USA gegenüber, die auch ohne Männer in Heeresstärke aufgestellt sind. Und sie sollen EU-Expeditionen schützen, die nach isolierten Völkern suchen: Vielleicht haben im Regenwald Brasiliens Männer überlebt oder im Himalaya.
Keine 200 Meter vom Kreiswehrersatzamt entfernt kommt es in der Akazienallee zu Unruhen. »Samen für alle«, skandieren die Demonstrantinnen. Polizistinnen müssen ein Gebäude mit Glasfassade schützen: das Zentrum für Reproduktionsmedizin mit seiner Samenbank. Seit die Männer aus der Welt verschwunden sind, enthält sie ein nahezu unbezahlbares Gut: 5000 Spermaproben lagern hier in Stickstoff – genug für10 000 Schwangerschaften, haltbar maximal 30 Jahre. Als sie eingelagert wurden, sollten sie unfruchtbare Paare zu Eltern machen. Jetzt gehören sie zu den letzten Reserven der Menschheit.
In den Räumen der Samenbank bangen Medizinerinnen um ihre Schätze. »Zwei bis drei Jahre könnten die Vorräte in deutschen Samenbanken für die Normalversorgung reichen«, sagt eine, »bei Ejakulat-Sparsamkeit.« Ihre größte Sorge ist, dass die Frauen das Gebäude stürmen und sich selbst versorgen könnten. Denn bei einer Selbst-Insemination würden fünf Millionen Samenfäden verbraucht, eine fachgerechte Befruchtung im Reagenzglas funktioniert mit nur fünf der kostbaren Fäden. Politikerinnen sehen noch eine andere Gefahr: einen Krieg um Sperma. Gerade für arme Länder, die über keine eigenen Samenreserven verfügen, könnten die Samenbanken attraktive Ziele sein.
Am frühen Abend eskaliert die Lage. Aufgebrachte Feministinnen geraten mit den Samenbankstürmerinnen aneinander. Sie wollen die gewonnene Freiheit von der Männerherrschaft verteidigen und fordern die Vernichtung der eingelagerten Spermien. Die Gefahr neuer Männer aus der Retorte ist ihnen zu groß. »Der Mann ist eine biologische Katastrophe: Das Y-Chromosom ist ein unvollständiges X-Chromosom«, heißt es in ihrem Manifest. Sie nennen sich Scumistinnen, nach dem Scum-Manifest, in dem die Schriftstellerin Valerie Solanas schon 1967 die Abschaffung der Männer gefordert hat. Mehrere Polizistinnen schieben sich zwischen die aufgebrachten Demonstrantinnen auf der Akazienallee, um die Schwesterlichkeit wieder herzustellen. Der Krieg ums Sperma hat begonnen.
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