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Das Gedankenexperiment

Was wäre, wenn ... es in Deutschland keine Menschen gäbe?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Was wäre, wenn ... es in Deutschland keine Menschen gäbe?Was wäre, wenn ... es in Deutschland keine Menschen gäbe?

Deutschland von heute auf morgen ohne Menschen – darf man sich das vorstellen? Man darf – wenn es der Erkenntnis dient. Und genau das hat unser Gedankenexperiment zum Ziel: Es will an vielen Beispielen zeigen, welchen Weg die Natur nimmt, sobald der Mensch nicht mehr in sie eingreift. Welche Schlussfolgerungen daraus für unser Leben zu ziehen sind – das überlassen wir Ihnen.

Das Klima stabilisiert sich

Momentan beträgt die Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre über Deutschland etwa 380 Milliliter pro Kubikmeter Luft (ppm), und die Erwärmung infolge des Treibhauseffekts ist unübersehbar. Selbst wenn wir alle unser Land verlassen, würde sich daran kaum etwas ändern. Professor Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK): »Wäre nur Deutschland ohne Menschen, hätte das wahrscheinlich keine großen globalen Auswirkungen.

Da sich die Gaskonzentrationen in der Atmo-sphäre sehr schnell ausgleichen, müsste die gesamte Menschheit von der Erde verschwinden, um einen Effekt im Klima zu erkennen.« Also müssen wir unser Szenario ausweiten. Wenn urplötzlich weltweit kein anthropogener Ausstoß von Kohlenstoffdioxid und weiteren klimarelevanten Gasen mehr erfolgt, erhöhen sich laut Levermann »die Temperaturen im Laufe der kommenden zehn Jahren sehr wahrscheinlich trotzdem noch um 0,3 °C, weil sich die bisher ausgestoßenen Treibhausgase noch in der Atmosphäre befänden und weiterhin einen Einfluss auf die Klimaentwicklung hätten«. Anschließend aber werden die Temperaturen absinken und »die CO2-Konzentration in 200 bis 300 Jahren sich wieder auf das vorindustrielle Niveau von etwa 280 ppm einstellen«. Ebenso könnte sich das Ozonloch wieder schließen. Offenbar ist zu erwarten, dass sich das gesamte Ökosystem Erde regeneriert.

Kernreaktoren schalten sich selbst ab

Stellt man sich ein hochindustrialisiertes Land plötzlich menschenleer vor, taucht sofort die Frage auf: Was geschieht dann mit den Industrieanlagen? Besonders brisant: Atomkraftwerke. Zuerst laufen sie rund um die Uhr weiter – und wenn es Schwierigkeiten gibt? Johann Seidl, Sprecher des Kernkraftwerks Isar, versichert: »Sobald eine Fehlermeldung auftritt, schalten sich die Kernkraftwerke selbst ab« – spätestens nach vier Tagen. Da die Kettenreaktion dann gestoppt ist, besteht kaum die Gefahr eines GAU; Restrisiken zum Beispiel durch Rohrleitungsschäden sind dennoch nicht vollständig auszuschließen. Und was wird aus der radioaktiven Substanz, wenn die Reaktoren nicht mehr beaufsichtigt werden? Immerhin hat das im Kraftwerk Isar verwendete Uran-235 eine Halbwertzeit von 704 Millionen Jahren. Geht man davon aus, dass nach 100 Jahren erste Lecks in der Bausubstanz der Betonkolosse auftreten, ist die Wahrscheinlichkeit, dass radioaktives Uran in die Natur gelangt, relativ hoch.

Städte verschwinden unter Wildwuchs

In einem Deutschland ohne Menschen ist der Wald einer der großen Sieger. Nach 200 bis 300 Jahren findet sich fast überall dichtes Gehölz – die natürliche Vegetation vor Urzeiten. »Deutschland wäre eine ziemlich langweilige Waldlandschaft«, meint die Geobotanikerin Christiane Evers von der Technischen Universität Braunschweig.

Spätestens nach 100 Jahren sind unsere menschenleeren Städte von dichtem Wald überwuchert. Die grüne Offensive auf Beton, Stahl und Asphalt ist äußerst massiv, denn in Städten herrscht eine höhere Artenvielfalt als im Umland, da viele verschiedene Lebensformen auf relativ geringer Fläche existieren. Außerdem sind Stadtböden sehr fruchtbar, weil im Baumaterial viel Kalk enthalten ist. »Die Pflanzen in den Gärten warten nur darauf, endlich ungehemmt loszuwachsen«, sagt Professor Jürgen Pietsch vom Institut für Städtebau und Quartiersentwicklung der Technischen Universität Hamburg-Harburg. »Bereits nach zehn Jahren müssten Sie sich mit einer Machete durchkämpfen. Zuerst bewachsen Moose den Boden. Später entwickelt sich eine Krautschicht aus Gräsern und Stauden, und erste Birken, Weiden und Pappeln besiedeln das Stadtgebiet. Nach und nach werden diese von dauerhaften Bäumen wie Eichen, Buchen und einigen Nadelhölzern überwachsen.«

Selbst dort, wo Asphalt den Boden versiegelt, wuchert das Grün bereits nach wenigen Jahren. Pietsch: »Sobald eine Straße ein Jahr lang nicht benutzt wird, wachsen Löwenzahn oder Birken durch die Ritzen.« Ökologische Altlasten, wie man sie vor allem in Städten erwarten würde, können die grüne Power nicht mindern: »Sie fallen nicht weiter ins Gewicht«, meint Pietsch – viel giftiger seien die Jauchegruben auf dem Land.

Land unter im Ruhrgebiet

Der Bergbau charakterisiert die Landschaft im Ruhrgebiet. »Das Zutagefördern der abgebauten Steinkohle bedeutet eine immense Massenverlagerung«, sagt Professor Hubert Wiggering, Direktor des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschafts- und Landnutzungsforschung (ZALF) in Müncheberg bei Berlin. Die abgebaute Kohle wird oberirdisch zu Haldenbergen aufgetürmt, während unterirdisch gigantische Hohlräume entstehen. Damit diese nicht voll Wasser laufen und das ganze Ruhrgebiet unterspült wird, hat man ein aufwändiges Regulierungssystem aufgebaut: Flüsse werden umgeleitet, und jährlich werden etwa 450 Millionen Kubikmeter Grundwasser abgepumpt und durch Rohre in Rhein, Ruhr und andere Flüsse eingespeist. Dieses System bedarf der ständigen Kontrolle und Wartung. Und wenn niemand mehr da ist? Wiggering: »Würde das Grundwasser und das Wasser vieler Flüsse und Bäche nicht mehr abgepumpt und umgeleitet, stünde bald ein Großteil des Ruhrgebiets unter Wasser.«

Der Gletscher-Exodus wird gestoppt

Das langsame Verschwinden der Gletscher ist ein besonders augenfälliges Signal für die Erderwärmung. »Gletscher reagieren regelrecht mimosenhaft auf Klimaveränderungen«, sagt Ludwig Braun, Leiter der Kommission für Glaziologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Aber ist der Prozess der rapiden Gletscherschmelze irreversibel – oder würde er stoppen, wenn es weltweit keine weitere vom Menschen verursachte Erwärmung der Erdatmosphäre mehr gäbe? Die Experten sind sich einig: Wenn die Temperatur auf unserem Globus auf das vorindustrielle Niveau gesunken ist, wird sich das natürliche Gleichgewicht zwischen Anwachsen und Abschmelzen der Gletscher wieder einstellen – der zu diesem Zeitpunkt herrschende Status quo bliebe also erhalten.

Die Häuser verfallen

Gebäude, die nicht mehr bewohnt werden, sind gnadenlos dem Verfall preisgegeben – über kurz oder lang macht ihnen die eindringende Feuchtigkeit den Garaus. Am schnellsten geht es bei Holzhäusern. »Holz würde bald nicht mehr zu finden sein, da es ganz natürlich verrottet«, sagt Klaus Gaber, Professor an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig. Gebäude aus gut gebrannten Ziegeln überstehen etwa 200 Jahre, dann hinterlässt auch bei ihnen die Erosion unübersehbare Spuren.

Eine längere Lebensdauer haben traditionelle Häuser aus Basaltstein sowie moderne Fassaden aus Granit – oder Glas, das überhaupt keinem natürlichen Zerfallsprozess unterliegt. Dennoch bleiben auch die Berliner Regierungsbauten aus Glas und Stahlbeton nicht ewig stehen. Durch Feuchtigkeit beginnt die Stahlarmierung zu rosten und einen Sprengdruck auf den Beton auszuüben. Und knallt der Beton, knallt auch das Glas – vorbei ist’s mit der Kanzlerin Amt. Nennenswerte Gefahren für die Natur entstehen dadurch nicht: Verrosteter Stahl zerfällt in Eisenoxide, wie sie auch im Mineral Hämatit vorkommen, und Beton verwittert zu Sand und Kies. »Die Glassplitter«, so Gaber, »würden im Boden bleiben oder durch die Witterung in der Landschaft verteilt.« Aber das würde jetzt niemanden mehr jucken.

Wölfe und Bären kehren zurück

In ein menschenleeres Deutschland kehren auch einst vertriebene Raubtiere wieder zurück. Aus der Schweiz und aus Polen kommen beispielsweise die Wölfe. Vom Alpenraum aus verbreiten sich auch Braunbären wieder in deutschen Landen, meint der Biologe Klaus Scheibe vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW). Ein Schicksal wie »Bruno« brauchen sie nicht zu befürchten – es gibt ja niemanden, der schießen könnte. Da die Population der Raubtiere zunimmt, steigt gleichzeitig der Jagddruck auf andere Tierarten: Vor allem Geflügel und Schafe, die es heute schon durch den Fuchs schwer haben, kommen durch Wolf und Bär in zusätzliche Bedrängnis.

Das Vieh verwildert – und überlebt

Wo der Mensch sich niederließ, jagte er vor allem die pflanzenfressenden Tiere in seiner Umgebung und verdrängte viele von ihnen aus ihren Lebensräumen. Wie entwickelt sich die Fauna, wenn sie uns Jäger nicht mehr fürchten muss? »Ohne menschlichen Jagddruck würden verschiedene so genannte Megaherbivoren nach Deutschland einwandern«, sagt der Biologe Klaus Scheibe vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW). Aus Polen kommt beispielsweise der Elch nach Deutschland, ebenso das Wisent, das dort noch in vielen Naturparks gehalten wird. Die Rückkehr der europäischen Wildpferde und Auerochsen ist nicht möglich – sie sind ausgestorben.

Dafür breiten sich die heute noch domestizierten Tiere aus, nachdem sie vom Menschen nicht mehr in Gefangenschaft gehalten werden – neben den Pferden beispielsweise auch die Heck-Rinder, eine »Rückzüchtung« des Auerochsen. Gerhard Manteuffel vom Forschungsinstitut für die Biologie landwirtschaftlicher Nutztiere (FBN): »Solche Robustrinderarten würden ein Deutschland ohne Menschen gut überstehen.« Gelangen die Rinder in die Natur-landschaft, verwildern sie binnen Jahrzehnten. Generell hat unser einheimisches Vieh gute Chancen, in der Wildnis zu überleben. Hausschweine beispielsweise paaren sich auch mit Wildschweinen. Übergangsprobleme dürfte es bei den heute weit verbreiteten »Turbokühen« geben, die auf Milchleistung gezüchtet sind. Viele von ihnen »würden sicher an Euter-Entzündungen eingehen, da die Kälber mit dem Milchtrinken nicht hinterherkämen«, so Manteuffel.

Alle zusammen – Elche, Wisente, verwilderte Pferde, Schweine und Rinder – werden »für ein Mosaik vielfältiger Lebensräume sorgen«, sagt Klaus Scheibe. In den nachwachsenden Wäldern, an Flüssen und in Feuchtgebieten trampeln sie sich Lichtungen frei, halten den Bewuchs niedrig und schaffen sich so ihre Weiden selbst.

Waldvögel erobern neue Paradiese

Wenn der Mensch nicht mehr Flüsse reguliert und die Flussdeiche nach und nach eingefallen sind, können viele Gewässer wie früher über die Ufer treten. Altarme fließen wieder voll, neue Tümpel bilden sich – die Lebensräume für viele Vögel werden größer. Da sich gleichzeitig die Waldflächen ausdehnen, werden Arten, die wie der Eichelhäher im Wald oder am Waldrand leben, in ihrem Bestand zunehmen. Die Populationen der Offenland-Arten wie Wachtel, Turmfalke oder Feldlerche nehmen ab: »Sie profitierten vorher von der Rodung großer Wälder durch den Menschen«, sagt Oliver Krone vom IZW. Schwalben, Stare oder Spatzen, die heute in Dörfern und Städten mit den Menschen leben, sind ebenfalls benachteiligt. Dagegen haben Arten, die intensiv bejagt oder illegal verfolgt wurden wie beispielsweise der Habicht, bessere Über-lebenschancen.

Sylt wandert nach Osten

Seit 20 Jahren wird an die Westküste der mondänsten deutschen Nordseeinsel künstlich Sand angespült, um den ursprünglichen Verlauf der Küste zu erhalten. Wenn das nicht mehr geschähe, wäre Sylt den freien Kräften des Wassers ausgesetzt. Folge: »Ohne die alljährlichen Sandvorspülungen läge die Insel in 100 Jahren 150 Meter weiter östlich«, sagt Professor Karsten Reise von der Wattenmeerstation Sylt des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung. Ein ähnliches Schicksal steht den anderen deutschen Inseln bevor. Die Deiche an der ganzen norddeutschen Küste erwischt es noch viel früher, wenn sie der Natur überlassen sind: Nach etwa zehn Jahren sind sie marode und halten den Fluten nicht mehr stand. Die Küste könnte sich dann um bis zu zehn Kilometer landeinwärts verschieben.

Miezekatzen werden zu Raubtieren

Wenn es weit und breit kein Herrchen oder Frauchen mehr gibt, verhungern viele Haus-tiere in den Städten. »Ein fetter Mops kann sich nicht allein ernähren«, sagt Professor Jürgen Pietsch von der TU Hamburg-Harburg. Etwas sportlichere Arten unter den Hunden sowie die Katzen können sich an die neue Wildnis dadurch anpassen, dass sie ebenfalls verwildern. Da sich in den vom Grün überwucherten Städten auch wieder allerlei Kleintiere und Waldvögel ansiedeln, fehlt es den Räubern nicht an Beute.

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Autor/in: Kirstin Werner


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