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Wissenschaft & Technik
Was verraten unsere Hände?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Fragen & Antworten
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Sie gelten als unsere „Visitenkarte“, und das seit Jahrtausenden: Die Form der Hände, der Finger, der Nägel, die Linien auf den Handinnenflächen stecken angeblich voller Informationen über die Stärken und Schwächen eines Menschen, über seine geistigen, seelischen und körperlichen Veranlagungen. In jüngster Zeit hat die alte Lehre der Handdeutung überraschende Schützenhilfe von der Wissenschaft bekommen.
Für das Auktionshaus Sotheby´s handelte es sich um eher ungewöhnliche Objekte: Die Handabdrücke der Komponisten Igor Strawinski, Alban Berg und Richard Strauss kamen unter den Hammer. Darauf waren gestochen scharf die Handlinien, die Form der Hände, die Länge der Finger des jeweiligen Künstlers zu erkennen. Die Stücke stammten aus der Sammlung der Berliner Handleserin Marianne Raschig. Im Laufe ihres Lebens hatte sie insgesamt 2500 Handabdrücke von bedeutenden Künstlern abgenommen und für ihre Forschungen benutzt. Für 10000 Dollar gingen die Handbilder über den Auktionstisch, Käufer war wieder ein professioneller „Chirologe“, wie die Handleser auch genannt werden.
Chirologie (von gr. chiro: Hand; logie: Wissenschaft) ist eine uralte, aber auch heute noch höchst lebendige Lehre, die bis ins 18. Jahrhundert hinein an europäischen Universitäten unterrichtet wurde. Im Zuge der Aufklärung landete sie allerdings im wissenschaftlichen Abseits, zählt seitdem zu den sogenannten Para-Wissenschaften und prägt doch weiterhin den Alltag und das Miteinander von Menschen. Auch wer wenig oder nichts über die Grundregeln der Handdeutung weiß, mustert oft spontan die Hände eines Gegenübers und bildet sich intuitiv ein Urteil: zupackend oder zart, empfindsam oder robust. Das hochkomplexe Gedankengebäude der Chirologie geht aber weit über diese einfachen Zuordnungen hinaus. Egal ob man an ihre Aussagekraft glaubt oder nicht: Hände bestehen aus so vielen unterschiedlichen und oft widersprüchlichen Einzelmerkmalen, dass ihre Deutung sehr viel Erfahrung und Gespür voraussetzt. Doch ein paar Grundregeln können einen Eindruck vermitteln und Lust machen, sich selbst in die Hände zu schauen.
Warum ausgerechnet die Hände?
Die Hände gehören zu den Wunderwerken der Evolution: Sie sind fantastische Greif-, Tast- und Kommunikationsorgane, die – sagen Anthropologen – den Menschen zum Menschen gemacht haben. Die Sonderstellung der Hände hat sich auch in unserem Kopf abgezeichnet: Eines der größten Areale im Gehirn ist zuständig fürs Fühlen, Greifen, Fassen und „Handeln“. Der altgriechische Philosoph Aristoteles bezeichnete die Hand als „Organ der Organe“. Für ihn wie auch für spätere Denker war klar, dass sich – mit den Worten des spätmittelalterlichen Philosophen Nicolaus Cusanus – „in allen Teilen das Ganze widerspiegelt, da der Teil ein Teil des Ganzen ist.“ Anders gesagt: Die Hände enthalten ein Abbild des ganzen Menschen – man muss nur in ihnen richtig lesen können. Sicher kein Zufall, dass sich die Schamanen traditionell mit erhobenen Händen begrüßen, damit wollen sie sich ihrem Gegenüber offen zu erkennen geben. Denn: Den Gesichtsausdruck kann man verstellen – die Botschaft, die in den Händen steckt, nicht.
Die rechte oder die linke Hand: Welche bedeutet mehr?
Schon oberflächlich betrachtet zeigen sich oft feine Unterschiede in den Linien der rechten und der linken Hand. Ein anatomischer Zufall? Nein, sagen Chirologen. Wie beispielsweise auch im indischen Ayurveda, im Yoga oder in der traditionellen chinesischen Medizin gilt in der Chirologie die linke Seite des Menschen als die „weibliche“, die rechte als die „männliche“. In der linken, der „mütterlichen“ Hand, sollen sich unsere ererbten Veranlagungen zeigen – das, was wir ins Leben mitgebracht haben. Die rechte, „väterliche“ Hand, offenbart, was wir aus diesem „Erbe“ machen, und wo sich eventuell Blockaden aufgebaut haben. In früheren Jahrhunderten, als die Handdeutung noch vor allem der Zukunftsvoraussage diente, ließen sich die „Wahrsager“ meist nur die linke Hand, die sogenante „Hand des Herzens“ zeigen. Heutige Chirologen haben keineswegs den Anspruch, vorauszusagen was alles in einem Leben passieren wird. Ihnen geht es darum, das geistige, seelische und physische Potenzial eines Menschen zu erkennen. Sie analysieren daher in der Regel beide Hände.
Woher kommen die Linien in den Händen?
Unter der Lupe betrachtet durchzieht die Handinnenflächen ein ganzes Netz unterschiedlich dicker und feiner Linien. Manche sind fast gerade, andere an vielen Stellen unterbrochen oder sie werden mehrfach von kleineren Linen gekreuzt. Doch am deutlichsten und auch mit bloßem Auge erkennbar sind drei große übereinanderliegende Linien: Die zwei oberen verlaufen mehr oder weniger quer durch die Handinnenflächen, die unterste schwingt sich nach unten zur Handwurzel hin. Diese drei Linien spielen in der Chirologie zwar nicht die alleinige, aber doch eine zentrale Rolle: Die oberste Linie (unter den Fingern) wird als Herzlinie bezeichnet, die mittlere als Kopflinie, die unterste ist die Lebenslinie. Warum diese Linien bei allen Menschen ähnlich angelegt sind – darüber existieren zahlreiche Theorien, aber keine eindeutige Erklärung. Sicher ist nur: Die Linien sind schon in die Hände von Neugeborenen deutlich eingezeichnet. Besonders früh prägt sich die Lebenslinie (Anatomen sagen „Daumenfurche“) aus; sie entsteht bereits im dritten vorgeburtlichen Monat.
Lange Lebenslinie – langes Leben?
Irgendwie hat das fast jeder schon mal gehört: Verläuft die Lebenslinie in einem langen Bogen bis herunter zur Handwurzel, scheint ein langes Leben garantiert. Hört sie irgendwo davor auf, sieht es angeblich nicht so günstig für den Betreffenden aus. Diese vielleicht populärste Deutung der Handlinien ist aber falsch. Eine betont kurze Lebenslinie zeigt nach Meinung von Chirologen „nur“, dass der Handinhaber dazu neigt, sich in Krisenzeiten ins Schneckenhaus zurückzuziehen.
Ob kurz oder lang: Die Lebenslinie ist der in die Hand geschriebene Ausdruck unserer Lebensenergie. Deutlich und ohne große Brüche gezeichnet spricht sie für große Vitalität. Reicht ihr Bogen bis weit in die Handinnenfläche hinein, lässt das auf eine in beruflichen und privaten Partnerschaften dominante Persönlichkeit schließen. Schmiegt sie sich dagegen eher nahe an den Daumenballen, handelt es sich mehr um einen Menschen, der zurückstecken kann und kompromissfähig ist, aber manchmal sein Licht zu sehr unter den Scheffel stellt. Auch ein deutliches Merkmal: Bei manchen Menschen sind Lebenslinie und die darüber gelegene Kopflinie an ihrem Anfang miteinander verbunden: Hier soll es sich um sehr realistische, bodenständige Persönlichkeiten handeln. Als „Glückskinder“ gelten in der Chirologie Menschen mit einer doppelten oder sogar (sehr selten) dreifachen Lebenslinie. Sprechen nicht andere „Handzeichen“ dagegen, wurde ihnen eine Extraportion Lebenslust in die Wiege gelegt. Und die Begabung, auf vielen Hochzeiten zu tanzen, ohne sich zu verzetteln.
Was sagt die Herzlinie über das Liebesleben?
Die obere der großen Linien steckt für Chirologen voller Botschaften über unsere Art zu lieben und Freundschaften zu schließen. Hier ein paar Hinweise: Bildet sie von der äußeren Handkante einen langen Bogen bis zum Ansatz des Zeigefingers, spricht das für eine romantische, liebenswürdige und erotische Persönlichkeit. Eher kurz und gerade angelegt, signalisiert die Herzlinie Liebesfähigkeit ohne romantischen Überschwang oder gar die Gefahr, den Kopf zu verlieren. Hinter einer langen, geraden Herzenslinie, die fast durch die ganze Hand, von der einen Kante bis zur anderen verläuft, steckt angeblich eine besitzergreifende, eifersüchtige Persönlichkeit. Schönes Merkmal: Eine offene Gabel am oberen Ende der Herzlinie gilt als Zeichen für einen herzlichen, mitfühlenden Charakter.
Was ist das Geheimnis des „Venusbergs“?
Nicht nur die Linien in den Handinnenflächen spielen bei der Deutung eine Rolle, sondern auch die mehr oder weniger stark ausgeprägten „Polster“ unterhalb der Finger und über der Handwurzel. In diesen „Bergen“, so die chirologische Bezeichnung, steckt geballte Energie. Am bekanntesten auch bei Menschen, die mit Chirologie wenig am Hut haben, ist der „Venusberg“, direkt unterhalb des Daumens. Gut, aber nicht übertrieben ausgeprägt, signalisiert er sexuelle Vitalität, sexuelles Selbstvertrauen und Genussfähigkeit. Sehr prominent ausgebildet, kann er aber auch sexuelle Rücksichtslosigkeit ausdrücken. Übrigens lohnt sich ein vergleichender Blick in beide Hände: Manchmal ist der „Venusberg“ in der linken Hand eher zart, in der rechten aber gut entwickelt. Salopp ausgedrückt könnte man das so deuten: Der Betreffende ist durch sexuelle Erfahrung erst so richtig auf den Geschmack gekommen.
Starker Daumen – starkes Ich?
Der Daumen hat eine Sonderstellung unter den fünf Fingern: Er ist kürzer, beweglicher und unabhängig – ihm verdanken alle Primaten, also auch die Menschen, ihre besondere manuelle Geschicklichkeit. In der Chirologie gilt er als der Ego-Finger. In ihm zeigen sich angeblich Machtstreben und Willenskraft.
Nicht von ungefähr benutzen wir Redewendungen wie „jemanden unter dem Daumen haben“ im Sinne von „beherrschen“. Vielsagend ist auch eine häufig benutzte Geste: Mit einer geballten Faust und hochgerecktem Daumen drücken wir Anerkennung für eine Leistung und Triumphgefühle aus.
Je länger und kräftiger der Daumen im Vergleich zu den anderen Fingern erscheint, desto mehr Erfolgswillen und Dominanz steckt in der Hand. Dabei beachten Chirologen auch die Proportionen der oberen Daumenglieder: Sind beide ungefähr gleich lang, verrät das ein Gleichgewicht zwischen Vernunft und Egowünschen. Dagegen signalisiert ein überbetontes Nagelglied einen starken Willen. Wirkt es sogar kugelförmig angeschwollen, redet der Volksmund von „Mörderdaumen“. Doch verbergen sich darin nicht etwa Mordgelüste, sondern „nur“ ein besonders ausgeprägtes, vielleicht sogar rücksichtsloses Machtstreben.
Auch ein Hinweis: Liegt der Daumen bei entspannter Hand nahe an der Handfläche, so spricht das für eine sich eher zurückhaltende, vorsichtige Persönlichkeit. Spreizt er sich dagegen deutlich ab, so lässt das auf ein flexibles, aufgeschlossenes Wesen schließen.
Gibt es Künstlerhände?
Eine schmale Hand mit langen Fingern – solches wird in der Regel spontan mit künstlerischer Begabung assoziiert. Doch ein untrügliches Zeichen für poetische oder musische Talente ist eine solche Hand nicht, sondern erst einmal „nur“ für: Empfindsamkeit, Einfühlungsvermögen – und eine gute Portion Zielstrebigkeit. Viel Sensibilität und Intuition stecken auch dahinter, wenn eine Hand nicht viereckig erscheint, sondern die Finger inklusive Fingerspitzen konisch nach oben zulaufen. Je spitzer die Finger enden, desto häufiger folgt der Mensch eher seinem Gefühl als seiner Ratio. Eckige Hände mit kräftigen Fingern verraten dagegen Vernunft, Stabilität, Genauigkeit und Belastbarkeit. Sind auch die Fingerspitzen eher eckig geformt, steckt dahinter ein Mensch mit praktischem Verstand und Organisationstalent.
Ob ein Mensch tatsächlich das Zeug zum Künstler hat, lässt sich kaum aus einigen wenigen Merkmalen in der Hand ablesen. Als die Chirologin Susanne Oswald die Hände zwanzig erfolgreicher zeitgenössischer Künstler unter die Lupe nahm (sie waren ihr durch eine Edition des französischen Künstlers Robert Filliou zugänglich), entdeckte sie darin die unterschiedlichsten Formen und Merkmale. Als einzigen gemeinsamen Nenner konnte sie überraschenderweise eine außerordentlich kräftige Kopflinie erkennen. Das ist die mittlere der drei großen Linien in der Handinnenfläche und ein Indikator für Selbstbestimmtheit und Mut. Beides wohl tatsächlich Voraussetzungen, um sich in der schwierigen Kunstszene durchzusetzen!
Wo sitzt der Ordnungsknoten?
Das fällt spontan beim Betrachten unterschiedlicher Hände auf: Es gibt solche mit glatten Fingern und andere mit knotigen Fingern. Generell gilt: Glatte Finger gehören zu Menschen, die relativ offen die Signale und Infos aus der Umwelt aufnehmen und spontan darauf reagieren. Knoten signalisieren dagegen: Hier ist ein Mensch, der gerne prüft und analysiert bevor er handelt. Der sogenannte „Ordnungsknoten“ kommt recht häufig auf dem Mittelglied der Finger vor, er gilt in der Chirologie als bedeutsames Zeichen: Hier ist jemand, der Ordnung hält in seinen Gedanken – und in seinen Schränken.
Was sagt die Wissenschaft dazu?
Nagel- und Handdiagnostik ist selbstverständlicher Teil der Medizin, aber ansonsten wird Chirologie – ebenso wie die Graphologie oder die Physiognomik (Deutung der Gesichtszüge) – von den Naturwissenschaften nicht anerkannt. Allerdings hat es bisher noch kaum seriöse Untersuchungen zu den diversen Annahmen der Handdeutung gegeben. Mit einer Ausnahme: Zahlreiche wissenschaftliche Forschungsarbeiten der letzten zwanzig Jahre haben zweifelsfrei einen verblüffenden Zusammenhang zwischen der Fingerlänge und bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen nachgewiesen. Genauer gesagt handelt es sich dabei um das Längenverhältnis von Zeigefinger und Ringfinger („digit ratio“). Dabei zeigt sich, dass Menschen mit einem im Verhältnis zum Ringfinger eher kurzen Zeigefinger besser in Bereichen abschneiden, die als „männlich“ bezeichnet werden: räumliches Sehen, Mathematik, Leistungssport. Sind Zeige- und Ringfinger dagegen so gut wie gleich lang, dominieren sprachliche Begabung und Einfühlungsvermögen – Qualitäten, die gerne auch als „weiblich“ bezeichnet werden.
Der britische Anthropologe John Manning spricht daher von weiblichen und männlichen Händen. In seinem 2008 veröffentlichten „The Book of Fingers“ fasst er seine spektakulären Forschungsergebnisse zusammen: Die unterschiedlichen Längen von Zeige- und Ringfinger gehen auf die hormonelle Situation im Mutterleib zurück. Überwog das männliche Sexualhormon Testosteron (es wird im zweiten und dritten Schwangerschaftsmonat sowohl vom männlichen wie vom weiblichen Embryo gebildet), wird der Ringfinger länger. War das weibliche Hormon Östrogen vorherrschend im Hormoncocktail, wird der Zeigefinger ungefähr so lang wie der Ringfinger.
Sind wir „Sklaven“ unserer Hände?
Gut möglich, dass zukünftige Untersuchungen weitere Zusammenhänge zwischen den Merkmalen der Hände und der Persönlichkeit beweisen können und dabei traditionell überlieferte Annahmen der Chirologie bestätigen. Doch das wirft unweigerlich die Frage auf: Sind wir „Sklaven“ unserer Hände und dessen, was darin angelegt ist? Im Prinzip ist das die gleiche Fragestellung, mit der uns auch die Gen- und die Gehirnforschung konfrontieren: Was ist vorbestimmt – und was können wir frei gestalten? In diesem rätselhaften Feld zwischen Schicksal und freiem Willen bleibt aber jedem von uns in jedem Fall die Wahl einer eigenen Lebensform. Mit den Worten des berühmten Psychiaters und Schicksalsforschers Leopold Szondi (1893–1986): „Die größte Entdeckung ist zu erkennen, dass man nicht nur ein Schicksal hat, sondern mehrere. Und dass man immer wieder neu wählen kann. Nur dürfen wir nicht gegen das wählen, was in uns angelegt ist.“

























