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Psychologie

Was macht uns gut, was böse?

Jüngste Forschungsergebnisse deuten darauf hin: Moral wird nicht »erlernt« – sie ist angeboren. Aber wenn das stimmt, stehen wir vor einem Rätsel: Warum wird dann aus dem einen Menschen ein Gandhi und aus dem anderen ein Hitler?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Was macht uns gut, was böse?Was macht uns gut, was böse?

Innerhalb weniger Augenblicke sollte er zum »Engel aus Harlem« aufsteigen. Der 50-jährige Bauarbeiter Wesley Austrey steht im Januar 2007 mit seinen beiden kleinen Töchtern auf dem Bahnsteig der New Yorker U-Bahn-Station 137. Straße/City College, als er beobachtet, wie der Student Cameron Hollopeter nach einem epileptischen Anfall auf die Gleise vor einen einfahrenden Zug stürzt. Ohne lange zu überlegen, springt Austrey hinterher und zwängt sich und den Studenten in den Abflusskanal zwischen den Gleisen. Der Zugführer zieht die Bremse, doch einige der 37 Tonnen schweren Waggons rollen über sie hinweg. Beide überleben knapp – zwischen den Metallkoloss und die beiden Menschen passt keine flache Hand. Austrey gibt später an, er habe seinen Töchtern ersparen wollen, mitanzusehen, wie ein Mensch stirbt. Ansonsten: »Ich habe getan, was jeder tun würde.«

Szenenwechsel. Ruanda im Mai 1994. Juliana Mukankwaya erschlägt mehrere Tutsi-Kinder aus ihrem Dorf mit einem Knüppel. Die 35-Jährige, Mutter von sechs Kindern, gehört zur Interahamwe – einer jener Hutu-Milizen, die für die Ermordung von bis zu einer Million Tutsi verantwortlich sein werden. Gemeinsam mit anderen Hutu-Frauen hat sie den Nachwuchs der früheren Nachbarn zusammengetrieben. Die Kinder weinen nicht, sie machen nur große Augen. »Es waren zu viele, um sie zu zählen«, erzählt Mukankwaya eine Woche später emotionslos dem amerikanischen Reporter Mark Fritz. »Wir haben ihnen einen Gefallen getan.« Ihre Väter seien alle mit Macheten abgeschlachtet, die Mütter vergewaltigt und getötet worden.

Warum hielt Mukankwaya nicht ein letzter Funke moralischen Empfindens davon ab, unschuldige Kinder umzubringen? Was brachte Austrey dazu, einen Wildfremden unter Einsatz des eigenen Lebens zu retten? Geschichten wie diese wecken Entsetzen, Bewunderung und sprachloses Staunen. Doch Wissenschaftler begnügen sich damit nicht. Sozialpsychologen, Verhaltens- und Primatenforscher bemühen sich in jüngster Zeit verstärkt darum, dem Guten und Bösen im Menschen auf den Grund zu gehen.

Bislang glaubten wir, Moral sei über Jahrtausende kulturell tradiert, ein meist unterschwellig wirkender Verhaltensleitfaden aus ungezählten Ge- und Verboten. Doch jetzt stellen Wissenschaftler fest, dass uns das Grundgerüst der Moral offenbar bereits in die Wiege gelegt ist. Von Kindesbeinen an ist der Mensch außerdem hilfsbereit, wie Experimente zeigen, und Gerechtigkeitssinn gehört zu seinem evolutionären Erbe. Doch wer solch kühne Behauptungen aufstellt, muss auf kritische Fragen antworten können. Zum Beispiel: Warum bei all seinem Gutmenschentum ist der Homo sapiens zu derart verabscheuungswürdigen Verbrechen fähig, wie Mukankwaya sie begangen hat? Die Antworten der Forscher sind ernüchternd. Unter ihren prüfenden Augen entpuppt sich der Mensch als »Jekyll and Hyde« – als eine höchst zwiespältige Kreatur, mit einem Engel und einem Teufel auf den Schultern.

Der Pionier der Moralforschung ist Marc Hauser, Kognitionspsychologe an der amerikanischen Harvard University. Als er vor sechs Jahren gemeinsam mit dem Linguisten Noam Chomsky über den Sprachinstinkt des Menschen forschte, kam ihm der Einfall, dass Moral ähnlich funktionieren könnte. Denn beide basieren auf Regeln. Völker sprechen zudem verschiedene Sprachen, genauso wie sich von Land zu Land unterschiedlich ausgeprägte Wertvorstellungen finden. Und wie alle Sprachen grammatische Strukturen teilen, gibt es in der Moral auch Konstanten, wie etwa das Gebot, nicht zu töten. Eine naheliegende Idee, auf die vor Hauser schon andere gekommen waren. Doch niemand hatte sie im Experiment auf die Probe gestellt.

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Autor/in: Hubertus Breuer


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