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Glücks-Charta

Was macht eine Gesellschaft glücklich?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Das fragten wir die Leser von emotion und P.M. auf unserer Website »Aktion Glücks-Charta«. Hier konnte jeder seine Meinung äußern – oder sich ohne Kommentar geposteten Meinungen anderer Leser anschließen. Wir stellen die fünf besten Vorschläge zum Glücklichsein vor – sie fanden bei den Glücks-Charta-Teilnehmern die meiste Zustimmung.

Einig war sich die Mehrzahl darüber, dass wir andere Menschen zu unserem Glück brauchen. Das zeigt sich besonders im Alltag. Der Vorschlag »Für Kleinigkeiten Danke sagen« fand den meisten Zuspruch – Platz 1. »Es sind Kleinigkeiten, die im täglichen Miteinander Lächeln auf die Gesichter zaubern. Bedanken wir uns einmal dafür, mit einer Gegenkleinigkeit«, schrieb eine Teilnehmerin.

Eine andere: »Großes besteht aus Kleinem, Kleines bewirkt Großes – das trifft auch auf Gesten zu.« Wir brauchen die anderen Menschen auch deshalb, damit wir ihnen einen Gefallen tun können – um dann selbst glücklicher zu werden. »Wenn mich jemand um Hilfe bittet«, schreibt ein Leser, »mir eine Frage stellt oder Ähnliches, beweist er mir dadurch sein Vertrauen in meine Fähigkeiten, in mein Wissen und nicht zuletzt in meine Hilfsbereitschaft. In jedem ›Würdest du bitte‹ versteckt sich ein ›Ich glaube, dass du es kannst‹ – ein wunderschönes Kompliment, das mich immer wieder zu Bestleistungen motiviert und den Fluss der Lebensenergie in mir anschwellen lässt.«

Auf Platz 2 der Glücks-Charta landete eine Frage, die ein Kernproblem der abendländischen Philosophie darstellt und ganze Bibliotheken füllt: »Glück haben oder glücklich sein?« Der Teilnehmer B. M. Tang führte dazu aus: »Mit dem Beiwort ›haben‹ bleibt das Glück etwas, das mehr oder weniger von außen kommt, etwas, das uns widerfährt. Wir entwickeln dadurch die Vorstellung, dass man dieses Glück möglicherweise haben oder sich zu eigen machen kann.« Die ständige, aufreibende Suche nach zumeist materiellen Glücksmomenten ist die Folge. Deshalb meint der Leser: »Unser tieferes Interesse gilt dem ›Glücklichsein‹, denn es gibt ja auch Menschen, die durchaus Glück im Leben haben, aber dennoch nicht glücklich sind, zum Beispiel viele Lottogewinner. Menschen, die bereits glücklich und zufrieden sind, sind auf das Glück nicht angewiesen. Sie brauchen das ›Glückhaben‹ nicht, um den glücklichen Seinszustand aufrechtzuhalten.«

Tang weiß auch, wie man diesen erreicht: »Die meisten von uns beschäftigen sich unbewusst ständig mit Vergangenheit und Zukunft. Das aber verhindert das Glücklichsein, denn das Sein ist absolut an den jetzigen Augenblick gebunden. Nur da findet das echte Leben statt – nicht gestern und nicht morgen. Alles, was wir fühlen und erfahren können, erleben wir immer jetzt. Genau dieses Geheimnis zeigen uns die Kinder dieser Welt ununterbrochen! Wenn wir sie beobachten, können wir die Hingabe an den jetzigen Moment wiederentdecken. Damit öffnet sich eine magische Tür, durch die Zufriedenheit und Glücklichsein ohne Mühe zurück in unser tägliches Leben finden können.«

Eine ebenso angenehme wie wirksame Methode, im Augenblick zu leben, besteht im herzhaften Lachen. Auch der Vorschlag »Wer herzhaft lacht, denkt nicht« stammt von Tang und wurde auf Platz 3 der Glücks-Charta gewählt. Beim Lachen »entsteht für kurze Zeit ein gedankenfreier Raum, ein ›No-mind-Zustand‹, den viele Menschen in der Meditation suchen. Demnach ist Lachen vielleicht die einfachste aller Meditationen – sozusagen ein angeborenes Katapult ins Glücklichsein«.

Doch ganz ohne ökonomische Grundlage ist das Glück nicht zu haben. Die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen kam auf Platz 4: »Arbeit als ein Füreinander-Leisten in sozialer Sicherheit und nach eigener Wahl.« Allerdings wurde dieser Vorschlag kontrovers diskutiert: 62 Teilnehmer waren dafür, 18 dagegen. Je nach Menschenbild der Diskutanten rief die relativ neue Idee einige Zweifel hervor: »Wenn das Grundeinkommen deutlich höher als das Hartz-IV-Niveau sein sollte, fehlt – nicht bei allen, aber bei zu vielen – der Anreiz, etwas zu tun, wofür Bedarf besteht, was aber keinen Spaß macht.«

Doch die Mehrzahl der Teilnehmer glaubte, dass der Arbeitseifer dann eher zunehmen würde: »Jeder Mensch verspürt in sich den natürlichen Drang, seine Potenziale in seinem Leben auszuleben, etwas zu bewirken auf dieser Welt. Dieses natürliche Grundbedürfnis könnte bei jedem Einzelnen von uns wieder aufblühen, auch bei denen, die Arbeit bisher verweigert haben. Die Würde des Menschen, überhaupt existieren zu dürfen, setzt ungeahnte Talente und Kräfte frei.« Im Detail sind hier natürlich noch viele Fragen offen: »Nicht das Einkommen, sondern den Konsum zu besteuern ist eine reizvolle Idee«, meinte ein Leser. »Meine Frage dazu: Wie kann man z. B. kinderreiche Familien von der Konsumsteuerlast befreien?«

Die gesellschaftliche Diskussion über ein Grundeinkommen ist noch am Anfang, aber bei den Bürgern schon weiter als in der Politik; das zeigte sich in Meinungen wie dieser: »Nur in der Politik ist dieser Gedanke noch sehr verhasst, denn er würde eine Aufgabe von Macht bedeuten. Ich glaube, der erste Schritt müsste eine größere Volksdemokratie mit mehr Volksabstimmungen sein, damit sich wirklich etwas in unserer Demokratie bewegt und der Bürger auch wieder Spaß an der Politik hat.« (Siehe dazu auch der Essay »Geld ohne Arbeit?« auf S. 60, in dem es um ein »bedingungsloses Grundeinkommen« geht.)

Während diese große Umstrukturierung unserer Sozialpolitik wohl noch einige Zeit auf sich warten lässt, kann der Vorschlag, der auf Platz 5 kam, sofort befolgt werden. Der Beitrag »Ein Hoch auf Knigge« fordert mehr Höflichkeit untereinander: »Respekt, ein Wort, das leider auch einen unangenehmen Nebenton hat. Aber genau dieses Wort ist es, welches am besten umschreibt, wie wir Menschen uns begegnen sollten. Eigentlich selbstverständlich, nur mittlerweile alles andere als gang und gäbe. Dazu ein Vorschlag: Etwas mehr ›Vorschussfreundlichkeit‹ kann sicher dazu betragen, die Welt ein klein wenig besser zu machen.«

In der Fülle von Vorschlägen und Anregungen zum Glücklichsein, aber ebenso an den geäußerten Zweifeln und Bedenken, die in der »Aktion Glücks-Charta« zusammenkamen, zeigt sich, wie fruchtbar ein Austausch zwischen Lesern sein kann. Ein neuer Weg zum besseren Miteinander und damit zu größerem Glück führt auch über
das gemeinsame – reale oder virtuelle –
Gespräch.

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Die Top-Forderungen der »Aktion Glücks-Charta«

- Für Kleinigkeiten Danke sagen!

- Bedingungsloses Grundeinkommen!

- Ein Hoch auf Knigge!

- Kinder sind das Glück dieser Welt – in sie muss ein Staat »investieren«!

- Die einfachen Dinge des Lebens schätzen!

- Glück soll Unterrichtsfach an Deutschlands Schulen werden!

- Mehr Anerkennung für Ehrenämter!

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