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Psychologie & Gesundheit
Was ist die Macht der Trance?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Fragen & Antworten
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In Trance begegnen Menschen geheimnisvollen Geistern, fremden Kräften und – sich selbst. Schamanen, Totenbeschwörer, Therapeuten – sie alle machen sich das Wunder der Trance zunutze, um Hilfe, Schutz oder Heilung zu finden. Die innere Reise zu einer anderen Bewusstseinsebene ist ein mächtiges Werkzeug, das viele Rätsel aufgibt.
Amerika vor 162 Jahren: Der Geist eines ermordeten Händlers sorgt für große Aufregung. Mit Klopfzeichen zieht er die Aufmerksamkeit der Schwestern Margaret, Leah und Catherine Fox auf sich, die ihn 1847 zum ersten Mal durch ihr Haus im US-Staat New York poltern hören. Schon ein Jahr später überzeugen sich 400 zahlende Zuschauer von der Beredsamkeit des unheimlichen Geists. Fortan begeistern die Fox-Schwestern ein rasch wachsendes Publikum. Sie tingeln durch die Lande, versetzen sich öffentlich in Trance und regen immer mehr Verstorbene zu Klopfzeichen an.
Als ebenso faszinierende wie gruselige Begegnung mit den Toten entwickelt sich die Séance (französisch: „Sitzung“) in den folgenden Jahrzehnten zu einem Massenphänomen. Im kleinen und großen Kreis leihen sogenannte Medien längst Dahin-geschiedenen ihre Stimme, lassen Instrumente wie durch Geisterhand ertönen oder schweben schwerelos durch den Raum – entrückt und augenscheinlich auf einer anderen Bewusstseinsebene.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ebbt das öffentliche Interesse schlagartig ab – nachdem Margaret Fox 1888 bekannte, die Klopfzeichen selbst, mit ihren Zehen, hervorgerufen zu haben.
Doch bis heute prägen die Aktivitäten der Fox-Schwestern und ihrer Konkurrenten für viele Menschen das Bild der Trance. Der entrückte Zustand und alle Phänomene, die im Zusammenhang mit ihm auftreten können, wurden und werden schnell in den Bereich des okkulten Schwindels verbannt.
Zu Unrecht, erklärt der Diplom-Psychologe Jörg Büttner, Autor des Buchs „Trance – Scharlatane und Schamanen“. So wie zahllose andere Wissenschaftler und Therapeuten hält er das Hinübergehen (so die wörtliche Übersetzung des lateinischen „transire“) für genauso wirklich wie andere Bewusstseinszustände auch: „Trance und die daraus entstehenden Erlebnisse existieren, sind erklärbar und normaler Bestandteil unseres vorhandenen Bewusstseinsrepertoires.“
In Trance entrückt – oder verrückt?
Diese Schlussfolgerung deckt sich mit den Erkenntnissen der Ethnologin Erika Bourguignon, die von 1963 bis 1968 rund 500 menschliche Gesellschaften und deren Verhältnis zu außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen untersuchte. In neun von zehn Fällen stieß die Völkerkundlerin auf eine lebendige Trancekultur, die meist religiös begründet wurde. Jörg Büttner fasst zusammen: „Indische Sufis, islamische Derwische, christliche Mystiker, indianische Visionssucher, japanische Zen-Priester, westliche Spiritisten, Esoteriker und Hypnotiseure – alle nutzen den außergewöhnlichen Bewusstseinszustand.“
Dennoch tut sich die Wissenschaft schwer mit einer verbindlichen Definition der Trance. Ob sie nun oberflächlich oder sehr tief ausfällt – am ehesten lässt sie sich als ebenso fokussierter wie entrückter Bewusstseinszustand beschreiben. Wer in tiefe Trance gerät, ist einerseits höchst konzentriert auf einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit, andererseits „woanders“. Dabei kann das Erleben dieses Augenblicks so diffus bleiben, dass es im Nachhinein, im sogenannten „Normalzustand“, manchmal kaum beschreibbar ist. Viele neue Studien haben aber gezeigt, dass dieser Zustand die Menschen keineswegs „verwirrt“, sondern langfristig eine positive und beruhigende Wirkung ausübt.
Zu den Göttern tanzen – Trance als Pfad der Erkenntnis
Als sich der Mensch vor mehr als drei Millionen Jahren auf zwei Beine erhob, lernte er nicht nur das Schleichen, Laufen und Rennen – vermutlich machten sich unsere Vorfahren mit dem gleichen Eifer daran, bald wild und ausgelassen zu tanzen. Als Zeichen dieser uralten Kulturtechnik haben die Menschen der Steinzeit Höhlenmalereien hinterlassen, in denen sich Mischwesen aus Mensch und Tier zu unbekannten Rhythmen wiegen. Die Archäologen interpretieren diese Bilder als einen Hinweis auf frühe Trancetänze, die in ähnlicher Form bis heute im Rahmen von noch existierenden Jägerreligionen praktiziert werden.
Die Verbindung von Tanz und Musik gilt als die vielleicht älteste Methode der Induktion (von lat. „inducere“ – „hineinführen“) einer Trance. Die monotone Bewegung zu einem gleichbleibenden Rhythmus bezieht Körper und Geist mit ein, was sie zu einer besonders wirkungsvollen Mischung macht. Auf beiden Ebenen erlebt der Tänzer ein sich wiederholendes Reizmuster, das ekstatische Gefühle auslösen kann.
Bis heute betrachten die in Asien und Nordamerika beheimateten Schamanen unsere Alltagswelt als nur eine von vielen Realitätsebenen, die gleichberechtigt nebeneinander stehen. Rhythmusinstrumente wie die Trommel haben sich bei ihnen zum mit Abstand beliebtesten Instrument entwickelt, um zu ihrem Takt in Trance zu versinken und die Parallelwelten gezielt zu bereisen.
Was dabei konkret im Kopf passiert, ist relativ unbekannt. Weil sich drehende Derwische und tanzende Medizinmänner im Moment der Entrückung kaum in einen Kernspintomografen zerren lassen, steht der Blick in ihr Gehirn noch aus. Klar ist allerdings, dass Menschen ihre Erfahrungen bei Trancetänzen schon immer als spirituell oder religiös beschrieben. Nicht weiter erstaunlich, denn in der Urzeit gab es noch keine Abgrenzung zwischen der Welt des Göttlichen und des Alltäglichen. Der rumänische Religionswissenschaftler Mircea Eliade (1907–1986) prägte hierfür den Begriff der Hierophanie, was wörtlich übersetzt so viel bedeutet wie „das Aufscheinen des Heiligen im Profanen“. In dieser Weltsicht wird auch der entrückte Bewusstseinszustand ganz selbstverständlich zu einer göttlichen Erfahrung.
Mystische Wanderer im Dienst der Heilung
Doch was Schamanen als Eintrittskarte zum spirituellen Pfad der Erkenntnis erleben, wurde von westlichen Volkskundlern lange Zeit als pathologischer Unfug abgetan. Noch im 18. Jahrhundert beschrieben sie überlieferte Tanzrituale als „sinnlose Hüpferei“, die ihnen als „Gaukeleien wie eines Besessenen“ erschienen. Erst vor etwa 60 Jahren begann sich langsam die Erkenntnis durchzusetzen, dass die Macht des Schamanen wirklich ernst zu nehmen ist.
Nach einer Einschätzung des englischen Anthropologen Piers Vitebsky existieren bis heute Tausende von Menschengemeinschaften, in denen Schamanen eine zentrale Rolle spielen. Die Trance ist für den Schamán (so die sibirische Bezeichnung) das wichtigste Werkzeug, um seine Pflichten als Arzt und Priester wahrzunehmen. Denn nur wenn seine Seele den Körper verlässt, kann er sich jenen Mächten stellen, die für ihn als wahre Ursachen hinter den Dingen der Alltagswelt stehen.
Erkrankt in schamanistischen Gesellschaften ein Mensch, so haben vielleicht Geister oder feindliche Zauberer seine Seele gestohlen. In Trance muss nun der Schamane die Seele zurück in den Körper geleiten und seinen Klienten so gesund machen. Dass diese Methode tatsächlich wirksam sein kann, ist mit den Augen der modernen Naturwissenschaft gesehen ein Placebo-Effekt – die Macht des Schamanen hilft dem Patienten, seine Selbstheilungskräfte zu entwickeln. Aber nicht nur Krankheiten, auch Naturkatastrophen oder Hungersnöte sind in der Welt des Schamanismus Ausdruck spiritueller Bedrohungen, denen durch die Macht der Trance begegnet werden kann.
In seinen vielen Seelenreisen geht der Schamane übrigens oft bis an die Grenzen seiner eigenen mentalen Belastbarkeit. Piers Vitebsky stellt dazu in seinem Buch „Schamanismus“ fest: „Der Beruf eines Schamanen muss als psychisch außerordentlich gefährlich betrachtet werden, mit einem konstanten Risiko zu Krankheit oder Tod.“
Trance – ein alltägliches Wunder?
Man muss jedoch nicht als Schamane in der sibirischen Steppe leben, um die Macht der Trance gezielt einzusetzen. Die deutsche Schwimmerin Britta Steffen lernte zum Beispiel von ihrer Motivationstrainerin, sich bei Wettkämpfen vollkommen auf den Augenblick zu fokussieren. Mithilfe von Trancetechniken läuft sie zu ihrer Höchstform auf und überwindet gleichzeitig ein traumatisches Erlebnis, bei dem sie als Kind beinahe ertrunken wäre. „Als ich einmarschiert bin, war ich wie in Trance“, beschrieb die 26-Jährige die mentale Verfassung, in der sie bei den Olympischen Spielen in Peking auf der 100-Meter-Distanz im Freistil Gold erschwommen hatte.
Aber auch ohne entsprechendes Training erleben Menschen in ihrem Alltag häufig mal leichte Trancezustände, die sie in einer bestimmten Tätigkeit buchstäblich versinken lassen. Ähnlich wie dem Schamanen das Trommeln hilft auch uns ein monotoner Impuls, um uns selbst und der Welt vorübergehend zu „entrücken“. Wer an einer Maschine den immer selben Handgriff ausführt, beharrlich seine Katze streichelt oder die Autofahrt zur Arbeit längst im Schlaf beherrscht, wird dabei leicht in einen Zustand oberflächlicher Trance hineingleiten.
Für Menschen war und ist dieser Zustand schon immer erstrebenswert, da er mit einem nachhaltigen Gefühl des Glücks einhergehen kann. Körpereigene Endorphine werden unter Trance verstärkt ausgeschüttet. Diese Hormone unterdrücken Gefühle wie Hunger oder Schmerz und bewirken ein Gefühl der Verschmelzung mit der Welt. Wie angenehm dieser Zustand ist, beweist auch der Erfolg der Trancemusik: Dieser in den 1990er-Jahren aus dem Techno hervorgegangene Musikstil bedient sich ständig wiederkehrender Rhythmen und Melodien, die den Diskobesuch zu einer ekstatischen Tranceerfahrung werden lassen.
Hypnotherapie – Trance im Dienst des Patienten
Abseits vom Alltag hat sich die Trance schon lange als therapeutisches Werkzeug, zum Beispiel in der Hypnotherapie, etabliert. Die Hypnotherapeuten fordern in ihren Sitzungen den Klienten mit ruhiger Stimme auf, sich nicht nur zu entspannen, sondern buchstäblich in den Moment fallen zu lassen. Im Zustand der Trance und im geschützten Therapieraum lernt der Patient, mit Angst und möglichen Traumata umzugehen – eine Erfahrung, die er dann ins reale Alltagsleben übernehmen kann. Angststörung und Asthma, Tinnitus, Raucherentwöhnung und Reizdarm – lang ist die Liste der Krankheiten und Beschwerden, bei denen therapeutische Trance helfen kann. Die Deutsche Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie (DGH) beziffert die Wirksamkeit auf rund 70 Prozent – damit wäre diese Therapieform in allen Bereichen den klassischen Verfahren ebenbürtig.
„Grundsätzlich sind zwischen 80 und 90 Prozent der Bevölkerung suggestibel, also für die Hypnotherapie empfänglich“, weiß Helga Hüsken-Janßen. Die Vizepräsidentin der DGH nennt zwei grundsätzliche Voraussetzungen, um einen Patienten wirksam in Trance versetzen zu können: „Er muss in der Lage sein, innere Bilder zu erleben und eine gewisse Konzentrationsfähigkeit haben.“ Das verbreitete Klischee vom pendelschwingenden Jahrmarktshypnotiseur weist die promovierte Psychotherapeutin dabei weit von sich: „Hypnose ist ein kommunikativer Prozess, bei dem Arzt und Patient gleichberechtigte Partner sind.“
Der deutsche Mediziner Franz Anton Mesmer (1734–1815) hätte mit einer solchen Definition wenig anfangen können, als er 1770 ohne Kenntnis schamanistischer Trancetechniken die westliche Tradition der Hypnose als therapeutische Trance begründete. Mithilfe von Spiegeln, Kerzen und eines beeindruckenden Charismas zog er neben seinen Patienten auch die staunende High Society von Wien und Paris in den Bann, die seine mystischen Heilungszeremonien wie Happenings feierte. Auch wenn Mesmer den großen Auftritt liebte und als Magier verkleidet auftrat, erkannte er als Erster die Macht von Trance und Suggestion.
Diese beiden Werkzeuge macht sich auch die moderne Trancetherapie zu Nutze. Rund 10000 in Deutschland tätige Ärzte und Therapeuten setzen die nach dem griechischen Schlafgott Hypnos benannte Technik ein. Ihr besonderer Clou: Wie eine Studie des Londoner University College nachweisen konnte, sind in tiefer Trance völlig andere Hirnareale aktiv als im Alltagserleben. Viel unmittelbarer als in einem normalen Gespräch kann der Patient hier direkt auf sein Unterbewusstsein einwirken und auf diese Weise oft weit über seine scheinbaren Möglichkeiten hinauswachsen. In Trance hat der Patient sogar Einfluss auf körperliche Prozesse“, erläutert Helga Hüsken-Janßen.
Wie groß die Macht der Trance sein kann, zeigt sich auch in einer Situation, die oft zu den schmerzhaftesten im Leben zählt: bei der Geburt eines Kindes. Mitilfe von Trancetechniken brachte Helga Hüsken-Janßen werdenden Müttern bei, die Wucht der Wehen zu bewältigen. Die Frauen lernten, sich mental an einen Wohlfühlort zurückzuziehen – einem Platz vollkommener Ruhe, von dem aus sie ihr Baby konzentriert und entspannt zur Welt bringen konnten.

























