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Was fasziniert uns an der Gotteslästerung?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Dan Browns Thriller »Sakrileg« wurde 50 Millionen Mal verkauft. Unter dem Titel »The Da Vinci Code« verfilmt, lockte er 50 Millionen Zuschauer ins Kino. Woher kommt die Faszination für Themen, die christliche Glaubensüberzeugungen erschüttern? P.M.-Autor Michael Kneissler sprach mit dem Theologen Matthias Pöhlmann über das weltweite Dan-Brown-Fieber.
P.M.: »Sakrileg« bedeutet »Gotteslästerung«. Warum ist das plötzlich ein Thema?
Dr. Matthias Pöhlmann: Die Mischung macht das Ganze interessant. Es geht um Jesus, die katholische Kirche, den Glauben. Aber es geht auch um Verschwörungen, um Geheimgesellschaften und Mord. Browns Buch ist ein Mystery-Thriller, der religiöse Geheimnisse und kriminelle Energien durchaus spannend miteinander verwebt – und dabei den Eindruck erweckt, jetzt kämen endlich Wahrheiten ans Tageslicht, die bisher vom Vatikan unterdrückt worden seien. Jetzt müsse die Frühgeschichte des Christentums umgeschrieben werden.
Und – muss sie umgeschrieben werden? Immerhin behauptet Brown, dass Jesus mit Maria Magdalena eine Tochter gezeugt hat – ein Zentralangriff auf den christlichen Glauben!
Nein, es gibt überhaupt keine historischen Belege dafür, dass Jesus mit Maria Magdalena ein Kind hatte und damit zum Stammvater einer »Blutlinie« wurde, die bis in die Gegenwart führt.
Aber ausschließen kann man nicht, dass Jesus Familienvater war?
Jesus war ein umherziehender Wanderprediger, der nur wenige Jahre gewirkt hat. Er hat stark mit der Endzeit gerechnet. Deshalb kann ich mir nur schwer vorstellen, dass er eine Familie gründen wollte.
Angeblich sind Otto von Habsburg, seine Kinder und Enkel direkte Nachkommen von Jesus.
Humbug. Dafür gibt es in den biblischen und literarischen Quellen keinerlei Belege. Und es stimmt auch in religiöser Hinsicht nicht: In der Nachfolge Christi steht man nicht durch Vererbung, sondern durch die Taufe.
Blut, so heißt es, ist dicker als Wasser.
Gerade dies ist nicht Grundlage des christlichen Glaubens. Das unterscheidet das Christentum von vielen anderen Machtstrukturen. Es gibt keine Blutlinie – und gäbe es sie: Sie wäre ohne Bedeutung.
Trotzdem stürzen sich die Menschen auf Browns Theorie von der christlichen Stammmutter Maria Magdalena und der Blutlinie, die über 2000 Jahre hinwegreicht. Warum?
Entscheidend für die Faszination an diesen Stoffen sind nicht die – falschen – Tatsachenbehauptungen. Entscheidend ist die damit einhergehende Verschwörungstheorie, dass die Kirche diese Wahrheit unterdrückt, notfalls mit Gewalt.
So viel Macht haben Verschwörungstheorien?
Ja. Sie sind immer gekoppelt mit einer Sündenbocktheorie. Das heißt, es wird immer jemand benannt, der an allem schuld ist. Im Fall Maria Magdalena sind es der Vatikan und die katholische Geheimorganisation Opus Dei. Im Nationalsozialismus waren es die Juden – auf sie wurden alle negativen Energien gelenkt. Das ist die Aufgabe des Sündenbocks: eine Art psychologische Entlastung.
Wovon will uns der Schriftsteller Dan Brown entlasten?
Ich glaube, dass viele Menschen an der Unübersichtlichkeit der Welt leiden. Sie fühlen sich ungewissen Mächten sowie einer unendlichen Menge von Informationen ausgeliefert und suchen in diesem Wirrwarr der Globalisierung nach einfachen Antworten. Und da kommt ein weiteres Grundprinzip der Massenpsychologie ins Spiel: die Entschlüsselung geheimer Zeichen. Plötzlich gibt es einen Code, der alles erklärt: den Da-Vinci-Code.
Verschwörungstheorien, Sündenböcke, Geheimcodes: In dieser Melange suchen die Menschen nach Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens?
Nicht alle, aber offenkundig sind Millionen von dieser Mixtur fasziniert: eine einfache Möglichkeit, das Unbekannte zu erklären. Lange hat man geglaubt, dass die Wissenschaft in der Lage sei, Antworten zu finden. Heute wissen wir, dass jede wissenschaftliche Antwort viele neue Fragen hervorruft. Und dann kommt jemand und sagt klar und deutlich, wer die Bösen sind, wie sie sich gegen uns verschwören und wie wir dennoch die Wahrheit entschlüsseln können. Das sieht doch nach einer Lösung aller Probleme aus.
Eigentlich gehört es doch zu den ureigensten Aufgaben der Kirche, Sinnfragen zu beantworten.
Ja, aber in unserer Gesellschaft herrscht nicht nur Politikverdrossenheit, sondern auch Kirchenverdrossenheit ...
... obwohl das Bedürfnis nach Transzendenz zugenommen hat.
Es gibt in der Tat eine Wiederkehr des Religiösen. Die Menschen sagen aber: Glauben ja, Kirche nein. Es herrscht ein Misstrauen gegenüber der großen, mächtigen Institution der Kirche. Die Leute suchen sich ihre eigenen religiösen Wege. Wir sprechen von Individualisierungsprozessen: Viele basteln sich ihre eigene Religion – oder versuchen es zumindest.
Wie bastelt man sich eine Religion?
Aus Einzelteilen, die man auf dem Globus so findet. Zum Beispiel Buddhismus, Zen-Meditation, Christentum, Schamanismus und Esoterik.
Und die Dan-Brown-Fans fügen noch eine Prise Maria-Magdalena-Kult hinzu?
Im Buch »Sakrileg« oder in dem neuen Roman »Das Magdalena-Evangelium« von Kathleen McGowan wird dieser Kult beschrieben. Angeblich gibt es sogar Geheimgesellschaften, die das verbotene Wissen über Maria Magdalena aus der Vergangenheit in die Zukunft retten wollen.
Will der neue Maria-Magdalena-Kult vielleicht die Rolle der Frau in der Kirche
stärken? Ist er eine Form christlicher Emanzipation?
Auf den ersten Blick könnte man das annehmen. Aber in Wahrheit wird Maria Magdalena in der Darstellung auf die Mutterrolle reduziert. Für Jesus war sie aber eine wichtige intellektuelle Vertraute und Gesprächspartnerin. Ein Kulturwissenschaft ler meinte, die Pointe des Buches »Sakrileg« sei letztendlich die Gebärmutter der Maria Magdalena. Ich würde das nicht so krass formulieren, sehe es aber ähnlich.
Dan Brown – ein Macho?
Ich habe keine Ahnung, wie Dan Brown ist, ich kenne ihn nicht. Aber die Rolle, die er Maria Magdalena in seinem Buch zugedacht hat, ist nicht gerade fortschrittlich.
Zurück zu Verschwörungstheorien und klerikalen Geheimbünden – den Ingredienzen, denen Bücher wie »Sakrileg« ihren Erfolg verdanken. Diese Elemente enthält eigentlich schon die Bibel.
Wie meinen Sie das?
Es gibt Verschwörungen, Sündenböcke und geheime Zeichen, die entschlüsselt werden. Es fängt an mit der Verschwörung des Bösen gegen Adam und Eva, der Teufel ist der Sündenbock, und manche Teile der Bibel sind so stark verschlüsselt, dass nicht klar ist, was sie uns sagen wollen – etwa die Apokalypse im Johannes-Evangelium.
Gut, es gibt einige dunkle Stellen in der Bibel. Aber es findet eine Entwicklung statt vom Gott des Krieges zum Gott des Friedens. Eine Verschwörungstheorie ist das nicht. Es geht darum, dass in der Bibel das Gottsein Gottes verkündet wird und das Menschsein des Menschen in seiner ganzen Ambivalenz.
Wie bitte?
Jawohl, die Bibel ist kein Thriller – und erst recht kein Mystery-Thriller wie Dan Browns Bücher. Sie hat ein ganz anderes Anliegen: Sie ist ein Trostbuch, das über Hunderte von Jahren die Menschen immer wieder ermutigt hat.
Und »Sakrileg« ist kein Trostbuch?
Nein, »Sakrileg« ist ein kommerzielles Werk, das dem Zeitgeist entspricht. Das tut die Bibel nicht, schließlich ist sie über 1000 Jahre alt.
Vielleicht hat die Faszination für Verschwörungstheorien à la Dan Brown aber auch eine gute Seite: Die Menschen befassen sich wieder mit Religion.
Das kann durchaus sein. Menschen, die diese Bücher lesen und die Kinofilme sehen, wissen oft wenig über das Christentum. Sie sind in den 1970er und 80er Jahren groß geworden, als man sich mehr mit Politik als mit Religion beschäftigte. Um es böse zu sagen: Denen kann man über Religion alles erzählen, sie wissen es nicht besser. Aber natürlich kann bei ihnen auch das Interesse an den Ursprüngen des Christentums geweckt werden. Das schließe ich nicht aus.
»Sakrileg« als Auslöser einer neuen Religiosität?
Es wäre höchstens ein Symptom dafür, dass sich viele Menschen mit religiösen Themen beschäftigen wollen – aber unabhängig von der Kirche. Echte Religion geht tiefer als das, was wir hier beobachten können. Sie hat einen Transzendenzbezug zu einem Gott. Ich würde das, was oft als neue Religiosität bezeichnet wird, als eine Art Sehnsuchtsreligiosität bezeichnen.
Sehnsucht nach was?
Sehnsucht nach Erklärung, nach Geborgenheit, nach Glauben, nach dem Ursprung. Letztendlich ist es die Sehnsucht nach Antworten auf die grundsätzlichen Fragen des Lebens: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Ich glaube, seit den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 beschäftigen wir uns noch intensiver mit der Frage nach den geistigen Wurzeln der abendländischen Welt.
Haben die brutalen Attentate vom 11. September 2001 auch zu einer neuen Beschäftigung mit christlichen Grundsatzfragen geführt?
Zunächst einmal haben sie zu einer weiteren großen Verunsicherung geführt. Die Menschen in der westlichen Welt begannen sich zu fragen, was sie diesem Fundamentalismus entgegenzusetzen haben: Gibt es überhaupt noch Werte und Glaubensvorstellungen, die für uns in der christlichen Welt wichtig und stark genug sind, um zu bestehen?
Wollen Sie damit sagen, dass wir uns geistig für eine Art globalen Glaubenskrieg rüsten, unter anderem mithilfe von Dan Brown?
Nein, ich glaube nicht, dass es um einen Kampf zwischen Christentum und Islam geht. Aber es gibt ein neues Bedürfnis, sich mit religiösen Themen zu beschäftigen. Und in diesem Zusammenhang kann man auch den Erfolg von »Sakrileg« sehen.
Meinen Sie, dass die Theorie einer Blutlinie von Jesus und Maria Madalena bis in unsere Gegenwart deshalb auf ein so großes Interesse stößt, weil der Islam eine solche Blutlinie anbietet? Viele der islamischen Religionsführer berufen sich ja auf ihre direkte Abstammung vom Propheten Mohammed.
So eine Blutlinie ist natürlich leichter zu verstehen als das christliche Konzept der Nachfolge Jesu durch die Taufe. Aber noch einmal: Selbst wenn es diese direkte Linie von Jesus und Maria Magdalena zu einem heute lebenden Menschen gäbe – sie wäre unerheblich. Man wird durch Vererbung kein besserer Christ als durch die Taufe. Das ist die Universalität des Christentums. Jeder kann ein guter Christ werden, wenn er sich darum bemüht, keiner wird zum guten Christen geboren.
Sind Bücher wie »Sakrileg« oder Filme wie »Da Vinci Code« in irgendeiner Form gefährlich für die Kirche?
Nein.
Warum hat die katholische Kirche dann zum Boykott aufgerufen?
Das weiß ich nicht. Ich glaube auch, dass dieses Dan-Brown-Fieber bald wieder abflaut, aber einige der Leser und Zuschauer dadurch angeregt wurden, sich weiter mit religiösen Themen zu befassen. Dann hat es sogar eine positive Wirkung gehabt.
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