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Psychologie & Gesundheit

Warum ist es so wichtig, schlank zu sein?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Fragen & Antworten
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Warum ist es so wichtig, schlank zu sein?Warum ist es so wichtig, schlank zu sein?
iStockphoto

Natürlich kennen Sie PISA. Aber kennen Sie auch die neue Deutung? Sie heißt: Pummeliger Idiot sucht Arbeit. – Schlankheit bis zur Dürre ist zum Kult erhoben worden. Das Credo lautet: Dünn = fit + erfolgreich + glücklich. Wie kommen wir auf diese Idee?

Sich einfach wohlfühlen in seiner Haut – egal ob dick oder dünn – das ist heute nicht mehr so einfach. Lange Zeit haben die Lebensumstände unser Gewicht bestimmt (etwa in Kriegszeiten) – heute bestimmen die Kilos unser Leben. Wir lassen uns den Appetit verderben, zählen Kalorien, streben nach Linie und machen uns dünne. Bang überdenken wir täglich den Speiseplan und ärgern uns, wenn wir nicht in die neue Jeansgröße »zero« passen (die extra erfunden wurde für dürre Frauen wie Victoria Beckham, damit sie nicht in der Kinderabteilung einkaufen müssen).

Doch das Bild auf unseren Straßen ist ein anderes: Nach den neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind in Deutschland mehr als ein Drittel der Erwachsenen übergewichtig, weitere 12,9 Prozent der Bevölkerung können als adipös (genetisch bedingt fettleibig) gelten. Zudem ist jedes 5. Kind und jeder 3. Jugendliche heute übergewichtig.

Wohlgenährte Menschen sind also keine Seltenheit, doch in unseren Köpfen hat sich das Bild des dicken Menschen grundlegend geändert: Vor ein paar Jahren noch wurden ein paar Kilos mehr auf der Waage mit den Worten »gemütlich« und bei Kindern als »süß oder pummelig« abgetan, inzwischen findet eine regelrechte Diskriminierung dicker Menschen statt. Die neue Deutung von PISA spricht für sich: »Pummeliger Idiot sucht Arbeit.«

Wie kann man am besten hungern?

Das Theater ums Gewicht beginnt bereits in den Kinderschuhen: Auf Spielplätzen und im Kindergarten werden dicke Kinder gehänselt und ausgegrenzt. »Die ist zu fett, die darf nicht mit uns spielen«, heißt es schon unter den Kleinsten. Fünfjährige Mädchen werfen mit Sätzen wie »Schlank ist sexy« um sich und wissen genau, wie viele Kalorien ein Apfel oder ein Sandwich hat. Die größten Probleme mit ihrem Körper haben Kinder, sobald sie in die Pubertät kommen: Fett wird eingelagert, Po und Hüften runden sich – und der Körper entwickelt sich anders als erwünscht. Und das in einem Alter, in dem man nach Vorbildern sucht – und oft die falschen findet: »Ich bin so fett«, denken viele Mädchen dann beim Anblick von Supermodels wie Kate Moss.

Laut einer internationalen Studie (in Zusammenarbeit mit der Harvard University) finden es mehr als 58 Prozent der 15- bis 17-jährigen Mädchen schwierig, sich angesichts der heutigen Schönheitsideale noch attraktiv zu fühlen. Ein Drittel aller Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren ist essgestört, ergab der aktuelle Jugendgesundheits-Servey des Robert-Koch-Instituts. Darüber hinaus besagt eine Studie des Münchner Max-Planck-Instituts, dass die Hälfte aller zehnjährigen Mädchen schon einmal Diät gehalten hat. Bei den Jungen ist es mehr als ein Drittel.

Auch für Jungs ist das Gewicht längst ein Thema, über das sie sich auf Internetseiten austauschen: »Ich will länger jung sein – ein Bauch ist für mich ein Zeichen von Alter«, schreibt dort einer. Bestätigung für ihren Schlankheitskult erhalten die Teenager aus Hollywood, wo der Satz »Du siehst so magersüchtig aus« keine Beleidigung, sondern ein Kompliment ist. Der Hungertrend der Kids wird im Internet sogar als Lebensstil gefeiert: Zahlreiche Websites wie z. B. »Pro Ana« (für: Pro Anorexia) bieten »Thinspiration«, die Inspiration für das Abnehmen. Auf den Seiten wird jeder Gewichtsverlust eines Stars gelobt und als Ermutigung für das eigene Weiterhungern interpretiert

Was steckt hinter dem Wunsch nach Schlankheit?

»Es herrschen gesellschaftliche Werte, die unsere Einstellung und unsere Wahrnehmung beeinflussen: Schlankheit wird gleichgesetzt mit Schönheit, Fitness, Gesundheit und ›Forever young‹. In einer Gesellschaft, in der Äußerlichkeiten viel bedeuten, ist das Aussehen eine Möglichkeit, dazuzugehören und etwas wert zu sein«, sagt die Münchner Psychotherapeutin Dr. Bärbel Wardetzki. Unser Gewicht ist heute viel mehr als eine individuelle Körperform – es ist zu einer sozialen Botschaft geworden, die sagt: Ich bin Teil einer bestimmten sozialen Gruppe oder Schicht.

Die Medien gehen noch einen Schritt weiter: Schlank, das sind die Schönen und Guten, die (Erfolg-)Reichen und die, die von allen geliebt werden. Auf die Spitze treiben es die Mode- und die Filmindustrie: Abgemagerte Models und Schauspielerinnen wie Kate Moss oder Lindsay Lohan symbolisieren Begehren, Luxus und vor allem Anerkennung. Eine Art der Anerkennung, die jedoch für grob geschätzte 95 Prozent aller Frauen nicht zu erreichen ist.

»Wir bringen uns fast um, um ein Bild von uns zu kreieren, das wir selbst nicht erfüllen können«, sagt das Übergrößen-Model Kate Dillon, das lange Zeit unter Magersucht litt. Trotzdem eifern alle – vom Schulkind bis zur Mittvierzigerin und drüber – den mageren Idolen nach: langbeinig, schmale Hüften, flacher Bauch, spitzes Gesicht. Der Magerlook wird zur Obsession. Denn »wenn du schlank bist, dann bist du begehrt, erfolgreich, anerkannt und vor allem glücklich«, so Christine Bischof, Beraterin bei der Hotline für Essstörungen. – Wir haben hierfür also eine neue Gleichung aufgestellt, sie heißt: »Dünn = fit + erfolgreich + glücklich.« Die Frage ist nun: Wie kommen wir auf diese Idee?

Hat die Emanzipation etwas damit zu tun?

Schlankheit galt in unserem Kulturkreis immer wieder als Schönheitsideal, aber es gab auch Zeiten, in denen die pummelige und griffige Variante angesagt war (anschaulich dargestellt auf den Gemälden von Peter Paul Rubens, 17. Jh.,). Rundungen (Busen, Hüften) und ein großer Po hatten einen hohen Reiz.

Der Wandel begann mit den Anfängen der Emanzipation in den 1920er-Jahren und verstärkte sich in den späten 1960ern. Nun wurde ein ganz anderes Körperbild propagiert: dünn und knabenhaft. Die emanzipierte Frau wollte weg von der (runden) mütterlichen Hausfrau. Schlankheit stand für Ablehnung der traditionellen Frauenrolle, Unabhängigkeit und sexuelle Befreiung. – Kommt von daher die Gleichung »Dünn = fit + erfolgreich + glücklich«?

Man könnte es meinen, solange man nicht auf die Männer schaut. Denen erging es nämlich ähnlich, obwohl sie nicht um Emanzipation kämpfen mussten: Vor 50 Jahren galt ein kleiner Bauchansatz noch als Statussymbol und signalisierte: Der Mann hinter diesem Bauch kann eine Familie ernähren, heute wird ein solcher Mann der Faulheit, geistigen Trägheit und Erfolglosigkeit verdächtigt. Stutzig macht außerdem, dass nun auch die Jungs das Hohelied der Schlankheit singen. »Ich bin lieber schlank als ein guter Fußballspieler«, sagt ein 14-jähriger Schüler in einer englischen Untersuchung.

Das zeigt, wie wichtig es geworden ist, schlank zu sein; und es bestätigt auch die Vermutung, dass das Schlanksein die Botschaft sendet: Ich gehöre zu euch »Glücklichen«. Aber all das erklärt immer noch nicht, wie wir darauf kommen, Schlankheit mit Erfolg und Glück gleichzusetzen.

Ist die wirtschaftliche Situation verantwortlich?

»Eine sportliche, schlanke Idealfigur steht für beruflichen Erfolg«, schreibt Harrison Pope, Professor für Psychiatrie an der Harvard Medical School in seinem Buch »Der Adonis-Komplex«. Die Umkehrung dieses Gedankens beschreibt Dr. Wardetzki: »Dicksein wird in unserer Gesellschaft oft assoziiert mit Sich-gehen-lassen, Unmäßigsein, den-Hals-nicht-voll-kriegen und mangelnder Disziplin. Alles sehr negative Eigenschaften.«

Kurz gesagt: Wer dick ist, der ist undiszipliniert (sonst wäre er ja nicht dick)! Ganz schlecht im Berufsleben: Eine Studie des britischen Fachmagazins »Personnel Today« hat ergeben, dass von 2000 befragten Personalverantwortlichen 93 Prozent (!) angaben, sie würden schlanke Bewerber übergewichtigen vorziehen. Wohlgemerkt: bei gleicher Qualifikation.

Damit nicht genug: Zehn Prozent der Befragten sahen in Übergewichtigkeit sogar einen Kündigungsgrund. Dicksein (oder nicht schlank sein) ist zu einem Risikofaktor geworden. Für diejenigen, die einen Job haben, erst recht für jene, die einen Job suchen. Das könnte erklären, warum heute auch die Jungs sich dem Schlankheitskult hingeben: Sie haben Angst, keinen Job mehr abzukriegen, wenn sie nicht zur richtigen Gewichtsklasse gehören.

Mehr noch, offenbar ist die Gleichung »Dünn = erfolgreich, dick = erfolglos« von vielen bereits verinnerlicht und als wahr akzeptiert worden: »Ich will leicht und geschmeidig bleiben, um den Wirrnissen und Ungereimtheiten der gegenwärtigen Beziehungs- und Berufszeiten schnell entgegnen zu können – ein Bauch ist für mich ein Zeichen von Trägheit«, schreibt ein Junge im Internetforum des Jugendmagazins »Jetzt«.

Die wirtschaftliche Situation trägt sicherlich viel zur Förderung des Schlankheitskults bei, aber auch sie ist keine Erklärung dafür, wie die Vorstellung entstand: Schlanke sind die besseren und erfolgreicheren Menschen. Ganz ehrlich, wir wissen es auch nicht. Wir haben die Experten danach gefragt, aber niemand wusste eine Antwort darauf. Es ist nun mal so. Und deshalb müssem wir wohl noch andere Fragen stellen:

Können wir das Leben nicht mehr geniessen?

»Es gibt keine aufrichtigere Liebe, als die zum Essen«, schrieb der irische Dramatiker George Bernhard Shaw. Warum gönnen wir uns diese Liebe nicht? Verbindet nicht jeder mit einem üppigen Mahl (und dicken Menschen) pure Fröhlichkeit? Gewiss, Übergewicht ist gesundheitsschädlich, aber es rechtfertigt nicht die Diskriminierung der Übergewichtigen. Sollen wir denn den runden, glücklichen Buddha verachten?

Und von wegen Erfolglosigkeit: Händel fraß und soff, bis der Arzt kam und machte geniale Musik, der wohlbeleibte Luther rebellierte gegen die mächtige Kirche und setzte die Reformation in Gang, der dicke Ludwig Erhard brachte nach dem Krieg unsere Wirtschaft wieder in Schwung, in der »Elefantenrunde« mit Kohl, Genscher und Strauß war von Askese nichts zu bemerken, und Joschka Fischer tänzelte mit seinem Bauch immer recht anmutig über die Weltbühne. Wir könnten mit der Liste so fortfahren, und wären wir zynisch, würden wir noch anmerken: Hitler war schlank, Vegetarier und Nichtraucher.

Die Gleichung »Dünn = fit + erfolgreich + glücklich« ist nicht bewiesen, solange es recht erfolgreiche Dicke gibt. – Wir meinen: Wer schlank sein will, der soll schlank sein, aber sich nicht aufregen über diejenigen, die ein paar Pfunde mehr drauf haben – und damit auch ganz gut leben.

Wie sieht es in anderen Kulturen aus?

Eine ethnografische Studie ergab, dass in knapp der Hälfte der untersuchten 62 Kulturen wohlgerundete Frauen als attraktiv gelten, bei einem Drittel werden mittlere Gewichtsklassen und nur bei 20 Prozent dünne Figuren bevorzugt. Ist der Schlankheitskult also ein Produkt der übersättigten Industriestaaten?

In Afrika galten runde Proportionen lange Zeit als Schönheitsideal – mit ihrem Gewicht signalisierte die Frau dem Mann, dass sie gesund und in der Lage sei, Kinder zu bekommen. Hier gibt es auch die Tradition, die Frau vor der Hochzeit reichlich mit Speisen zu versorgen, damit sie schön rund wird. Doch mit der Globalisierung ist das amerikanische und europäische Schönheitsideal auch nach Afrika gekommen – und mit ihm alle negativen Begleiterscheinungen: Immer mehr Afrikanerinnen versuchen heute, sich eine Model-Figur zu erhungern.

Inzwischen sieht man auch auf den Laufstegen immer mehr schwarze Models, und die Vorbilder aus den eigenen Reihen verstärken den Wunsch der jungen Afrikanerinnen, dünn zu sein. Damit wird auch hier »schlank sein« mit »erfolgreich und beliebt sein« gleichgesetzt. Auch in Südamerika hält das westliche Idealgewicht Einzug: Waren in Brasilien bis vor 50 Jahren bei Frauen noch üppige Gesäße und weniger große Brüste gefragt, wollen die Frauen heute einen großen Busen und einen kleinen Po, ganz nach amerikanischem Vorbild.

In Asien dagegen war eine schlanke Gestalt schon seit jeher ein Zeichen für Grazie und Schönheit, schreibt Ge Xiaoyin, Professorin an der Peking-Universität. Bereits vor 2000 erachtete der König des Königreichs Chu nur Menschen als schön, die eine zierliche Taille hatten. Daraufhin fand eine regelrechte Hungerkur am Hof statt, auch bei den Männern. Einige Hofdamen und Beamte verhungerten sogar. Die bekannteste abgemagerte Schönheit in der chinesischen Geschichte war Zhao Feiyan, eine Kaiserin in der Han-Dynastie (206-220 v. Chr.). Der Legende nach musste sie beim Gehen untergefasst werden, sonst hätte sie ein Windhauch umgepustet.

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