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Charisma

Vorsicht, Ansteckungsgefahr!

Menschen in ihren Bann zu ziehen, sie mit ihren Ideen anzustecken, ihnen zumindest eine Zeit lang die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu vermitteln. Was ist das Geheimnis charismatischer Führerpersönlichkeiten?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Biografie
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"I have a dream" - der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King fesselte die Menschen mit seiner Redekunst und seinem Charisma."I have a dream" - der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King fesselte die Menschen mit seiner Redekunst und seinem Charisma.

"I have a dream" - der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King fesselte die Menschen mit seiner Redekunst und seinem Charisma.

iStockphoto
Am 8. Juli 2006 schlägt die große Stunde von Jürgen Klinsmann. Die deutsche Fußballnationalmannschaft hat soeben das „kleine Finale“ der Weltmeisterschaft um Platz drei für sich entschieden. Auf dem Platz vor dem Steigenberger Hotel in Stuttgart haben sich Menschenmassen versammelt. Sie jubeln, schreien, kreischen, fast wie bei einem Rockkonzert. Jürgen Klinsmann, der Mannschaftstrainer, steht am Fenster und lächelt. Er hat seinem Heimatland das sprichwörtlich gewordene Sommermärchen beschert. Er wurde zum Erfolgssymbol, zur Lichtgestalt des Jahres, die Deutschland in den Ausnahmezustand versetzte. Aber warum jubelten alle diesem Mann zu, für den es vor der WM nur Kritik gehagelt hatte? Die Antwort liegt auf der Hand: Er hatte eine Vision, die er unbeirrt verfolgte. Einen Plan, mit dem er viele Menschen glücklich machen konnte. Und er hatte die Mittel, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Und plötzlich hatte er dann Millionen Anhänger, die eine Welle der Begeisterung ins Rollen brachten – von der er sich wiederum tragen ließ. „Jürgen Klinsmann ist offensichtlich jemand, der als Mensch begeistern kann. Er ist inspirierend“, sagte Manfred Thiesmann, Bundestrainer des Deutschen Schwimm-Verbandes, nach der WM.


Um zu einem Hoffnungsträger aufzusteigen, reicht das noch nicht. Popularität kann nur gedeihen, wenn das Umfeld stimmt. Wenn die Menschen mit ihrer aktuellen Situation unzufrieden sind und nach Wegen suchen, sie zu verbessern. Dann werden Charismatiker gebraucht, vorbildhafte Persönlichkeiten mit einnehmendem Wesen, die die Sorgen der Menschen erkennen, zu ihrem Sprachrohr und zum Erfüller ihrer Wünsche werden. Der Soziologe Max Weber (1864–1920) nannte das Phänomen, das er am Anfang des letzten Jahrhunderts untersucht hat, „charismatische Herrschaft“. In seinem Werk „Wirtschaft und Gesellschaft“ beschrieb er sie etwas umständlich als „außeralltäglich (...) geltende Qualität einer Persönlichkeit (...), um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem andern zugänglichen Kräften oder Eigenschaften oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als ,Führer‘ gewertet wird“.

An unsere heutigen Identifikations- und Leitfiguren aus Sport und Kultur hat Max Weber dabei sicher nicht gedacht, denn bei ihnen geht es ja eher darum, das Publikum mit ihrem Charisma zu unterhalten. Was war das doch schön, als wir mit Lena Meyer-Landrut mitfiebern durften, die Deutschland 2010 den Sieg beim Eurovision Song Contest holte und zum Liebling der Nation avancierte. Sicherlich auch, weil so viele sein wollten wie sie: das nette Mädel von nebenan, das von null auf hundert eine Traumkarriere hinlegt. Während der damaligen Wirtschaftskrise, als die Deutschen sich erstmals seit dem Krieg wieder ernsthaft um ihre Bankeinlagen sorgten, machte die frische, unverbrauchte Sängerin Mut – und möbelte nebenbei das Deutschlandbild im Ausland auf. Doch als ihre Missionen erfüllt waren, wurden Lena Meyer-Landrut und Jürgen Klinsmann schnell wieder zu Normalsterblichen herabgestuft. Ihre Ausstrahlung hatte sich abgenutzt. Um den Menschen im Medienzeitalter als Heilsbringer im Gedächtnis zu bleiben, braucht es eben mehr, als einmal Platz drei bei der Fußball-WM oder Platz eins beim Eurovision Song Contest zu erkämpfen. Die Leistung darf niemals nachlassen. Nur wer wie Jesus, Che Guevara oder der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King auf dem Höhepunkt seines Erfolges stirbt, muss kein Abgleiten ins Vergessen fürchten. Denn: Egal, was Fidel Castro bis heute in Kuba verbockt hat, den Nimbus des 1967 ermordeten Che Guevara tangiert das nicht im Geringsten.

 

Lesen Sie den ganzen Artikel in der aktuellen Ausgabe von P.M. Biografie 04/2011 »Che Guevara und der Messias-Code«.

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