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Kultur & Gesellschaft

Vorbild Neandertaler?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Fragen & Antworten
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Trotz moderner Medizin und bester Ernährung - der heutige Mensch ist der schwächste aller Zeiten, gegen Steinzeitmenschen hätten wir keine Chance. Schuld daran ist die Zivilisation, sagen WissenschaftlerTrotz moderner Medizin und bester Ernährung - der heutige Mensch ist der schwächste aller Zeiten, gegen Steinzeitmenschen hätten wir keine Chance. Schuld daran ist die Zivilisation, sagen Wissenschaftler
Trotz moderner Medizin und bester Ernährung - der heutige Mensch ist der schwächste aller Zeiten, gegen Steinzeitmenschen hätten wir keine Chance. Schuld daran ist die Zivilisation, sagen Wissenschaftler
iStockphoto

Man stelle sich vor: Usain Bolt, Weltrekord-Inhaber über 100 Meter (9,69 Sekunden) und 200 Meter (19,19 Sekunden), würde im Hightech-Renn-Outfit gegen einen barfüßigen Aborigine der Eiszeit in einem Stadion zu einem Wettlauf antreten. Klare Sache, denkt man. Und liegt falsch. "Der Aborigine würde das Rennen klar gewinnen und den Weltrekordler hinter sich lassen", erklärt der australische Anthropologe Peter McAllister. "Evolutionstechnisch betrachtet, hat sich der Mensch im Laufe der Geschichte ganz klar zurückentwickelt. Das trifft besonders auf den Mann, den ,homo masculinus modernus‘, zu, denn der moderne Mann der industriellen Neuzeit ist physisch nur noch ein Schatten seiner Vorfahren. Unsere Ahnen waren stärker und schneller, arbeiteten härter, hatten wesentlich mehr Ausdauer und öfter Sex. Kein Zweifel, der Mann von heute ist ein Schwächling." McAllister, Archäologe an der University of Western Australia in Perth, hat jahrelang die Evolutionsbiologie der männlichen Spezies des homo sapiens von der Steinzeit durch die Antike und das Mittelalter bis zur Jetztzeit untersucht und seine Ergebnisse kürzlich in dem Buch "Manthropology" (in Deutschland: "Rohes Fleisch und Dosenbier", Herder Verlag) zusammengefasst – eine ziemlich schockierende Bilanz zuungunsten der Gegenwart. "Es hängt alles davon ab, woran wir unsere Leistungen messen", analysiert Peter McAllister. "Wir begehen meistens den Fehler, nur einen relativ kurzen Zeitraum in Betracht zu ziehen. Unsere heutigen Weltrekorde sind hinfällig, wenn wir sie im gesamten Verlauf unserer menschlichen Geschichte vergleichen. Besonders die letzten 10000 Jahre Zivilisation haben den Mann stetig verändert. Im Laufe der Jahrtausende ist eine neuere, rundherum schwächere Version entstanden." McAllister kann seine Behauptungen mit Dutzenden von Fakten und Beispielen belegen.

 

Zum Beispiel Sprint. McAllister: "Archäologen haben im Jahr 2003 in der Region der Willandra Lakes im australischen New South Wales fossile Fußabdrücke von Aborigines entdeckt, die rund 20000 Jahre alt sind. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern habe ich diese knapp 700 Fußspuren vermessen und untersucht. Wir nehmen an, dass es sich bei den Abdrücken um sechs erwachsene Männer handelt, die barfuß ein Tier jagten und versuchten, die Beute von den Flanken aus rennend einzuholen. Unter Berücksichtigung ihrer Schrittlängen konnten wir ziemlich exakt ihre Geschwindigkeit berechnen." Das Resultat ist phänomenal, denn alle sechs liefen extrem schnell, aber besonders der Sprinter ganz außen - genannt ‚T8‘. Usain Bolt, der heutige Weltrekord-Inhaber, schafft seine Höchstgeschwindigkeit von rund ca. 43 km/h jeweils zwischen den 60- und 70-Meter-Marken. Dabei sprintet Bolt auf makellosem Untergrund mit Spikes und der Unterstützung von modernsten Technologien. Der  T8‘-Aborigine erreichte allerdings mindestens 45 km/h – barfuß, in einem weichem, halbwegs ausgetrockneten See. McAllister: "Man kann an der immer länger werdenden Distanz zwischen seinen letzten Abdrücken erkennen, dass er weiterhin beschleunigte! Er wäre dem heutigen Weltrekordler locker davongelaufen, der eine Ausnahmeerscheinung darstellt, während ‚T8‘ einer von 150000 Aborigines seiner Zeit war und vermutlich nicht einmal der schnellste."

 

Auch der Kräftevergleich fällt nicht gut aus. McAllister: "2600 Jahre alte Aufzeichnungen aus Griechenland zeigen, dass damalige Gewichtheber wie Eumastas Felsen angehoben haben, die heute selbst Olympiasieger Hossein Rezazadeh, der angeblich stärkste Mann der Welt, nicht bewegen könnte. Tatsache ist, dass sogar eine Neandertal-Frau den stärksten Neuzeit-Mann besiegen würde." Zum Beweis lässt McAllister den Weltmeister im Armdrücken, Alexey Voyevoda, gegen die sterblichen Überreste von "La Ferrassie 2", einer Neandertalerin aus einer Höhle im französischen La Ferrassie, "antreten". Der 115 Kilo schwere Athlet Voyevoda hatte in seinen Glanztagen einen Bizeps-Umfang von 56 Zentimetern - 10 Prozent dicker als Schwarzenegger, aber keine Konkurrenz für eine Durchschnitts-Neandertalerin wie La Ferrassie 2. Etwa einsfünfzig klein und 80 kg schwer, verfügte sie über geradezu monströse Kraft in den Armen, ein anatomischer Vergleich der Armknochen ergibt einen deutlichen Kräftevorteil zugunsten der Ur-Frau. Und ein Armringen mit "La Ferrassie 1" - einem ausgewachsenen Neandertal-Mann – würde wahrscheinlich besonders krass für Voyevoda ausgehen, denn der Steinzeitmann hatte locker eine 50 Prozent stärkere Oberkörpermuskulatur als seine Frau "La Ferrassie 2".

 

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Autor/in: Christoph Stopka


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