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Sozialstaat

Von Klassenkampf und Klostersuppe

Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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Herrscher und Fabrikanten brauchten den kleinen Mann als Soldaten und Arbeiter. Deshalb gaben sie ihm politische Rechte und Anteil am Wohlstand. Doch in den letzten Jahrzehnten haben sich die Verhältnisse geändert, der Sozialstaat ist in Gefahr.

Von allen Versuchen, die Armut zu besiegen, war der des amerikanischen Farmerssohns, Offiziers, Spions und Ingenieurs Benjamin Thompson (1753–1814) einer der wirkungsvollsten. Zugegeben, er war wohl ebenso Hochstapler wie Genie. Dass er als Erster die Natur der Wärme erkannte, war mehr seinem Interesse an Kanonen zu verdanken als dem an Physik; dass er den Englischen Garten in München entwarf, entsprang einer Laune des Kurfürsten Karl Theodor, nicht seiner Liebe zum Gartenbau; doch die Brühe aus Erbsen, Graupen, Kartoffeln, Weizenbrot und saurem Bier, die er erfand, gehörte zu seinen eigentlichen Aufgaben als bayerischer Polizei- und Armeeminister. Das Gericht war Thompsons Rezept gegen die Krankheit, an der alle Staaten Europas zur Zeit der Französischen Revolution litten: den Hunger. Denn Hunger machte die Leute zu Bettlern, Dieben oder gar Revolutionären, zu »Gesindel« also, dessen Bekämpfung zu den Aufgaben eines Polizeiministers gehörte. Und was genauso schlimm war – Thompson dachte da als Aufklärer ganz modern – der Hunger schmälerte die Arbeitskraft dieser Menschen, die Leistungsfähigkeit des Staates und die Schlagkraft der Armee.

Das Gebräu, das Thompson 1792 den Titel eines Grafen von Rumford (nach dem Ort, wo er in den USA gewohnt hatte) einbrachte, schmeckte damals so grausig wie heute. Und doch machte die Rumford-Suppe als Standardgericht der deutschen Armenküchen Karriere. Denn sie war billig herzustellen und nahrhaft, und sie passte ideal in die Zeit, in der öffentliche Hand, Staat und Gemeinden sich des Problems der Armut annahmen.

Als arm sein noch keine Schande war
Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (1 Bewertung)
Autor/in: Stefan Primbs

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