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Grand Café Odeon Zürich

Vom Mythos blieb nur das "Cüpli"

Vor beiden Weltkriegen war das Grand Café Odeon in Zürich Anlaufstelle für berühmte Emigranten von Lenin bis zu den Geschwistern Mann. Zum 100. Geburtstag in diesem Sommer floss der Champagner we eh und je.

Dieser Artikel stammt aus P.M. Biografie
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Champagner für alle! Glasweise, als "Cüpli", wird der Champagner im Grand Café Odeon in Zürich ausgeschenkt.Champagner für alle! Glasweise, als "Cüpli", wird der Champagner im Grand Café Odeon in Zürich ausgeschenkt.

Champagner für alle! Glasweise, als "Cüpli", wird der Champagner im Grand Café Odeon in Zürich ausgeschenkt.

iStockphoto
Glück im Spiel. Das ist die unberechenbare Komponente, mit der die Geschichte von Zürichs legendärem Kaffeehaus beginnt. Julius Uster, Kaufmann und Oberst in der Schweizer Armee, hat sich verspekuliert: Der Usterhof, sein stattliches Bauvorhaben am Bellevueplatz in Zürich, verschlingt mehr Geld als geplant. Noch im Sommer 1910 geht Uster in Konkurs. Doch dann – so die Legende – zieht er das große Los in der Lotterie. Die Bauarbeiten werden beendet. Am Samstag, dem 1. Juli 1911, informiert das „Tagblatt der Stadt Zürich“ seine Leser darüber, dass am Abend um 18 Uhr das Café Odeon am Sonnenquai-Bellevueplatz eröffnet wird. Es locken: eine eigene Konditorei, eine „Billard-Akademie“ mit zwölf Tischen sowie Münchner Löwenbräu und Pilsner Kaiserquell. Verantwortlich fürs gastronomische Konzept ist ein Bayer, der aus München kommende Cafétier Joseph Schottenhaml, erster Geschätsführer des Etablissements mit dem verheißungsvollen Namen.

Odeon (abgeleitet vom antiken „Odeon“, einem Gebäude für Wettkämpfe in Gesang und Musik), so nennt sich seit den 1830er-Jahren in München ein florierender bürgerlicher Konzert- und Ballsaal. Nun hat Zürich sein eigenes „Odeon“ (mit landesüblicher Betonung auf dem ersten O), das von Anfang an mehr ist als „nur“ Kaffeehaus. Die Lage: ideal. Nahe der modernen elektrischen Tramlinie, in Sichtweite des Zürichsees, ums Eck von der Oper und vom Schauspielhaus. Die Einrichtung: geradezu mondän. Über zwei Stockwerke strahlen die Räumlichkeiten ganz im Wiener Jugendstil, mit riesigen Fenstern, Kronleuchtern, marmorverkleideten Wänden und Spiegeln. Wie in Wien gibt’s zum Kaffee ein Glas Wasser. Im Land der Bankiers und Bergbauern nennt man das Odeon wegen des hingeweiß-rötlichen Marmors „Café Schwartenmagen“. Doch die anfangs gehässigen Zungen goutieren bald lieber die köstlichen Kuchen und Backwaren der hauseigenen Konditorei. Aber es sind nicht die Torten, die zum Markenzeichen werden. Schon eher das „Cüpli“, das Glas Champagner, das man hier als Zürcher Novum im freien Ausschank bekommen kann.

Beim Fest zum 100. Geburtstag am 1. Juli 2011 gibt es Frei-Cüpli, Ochsenmaulsalat und Zürcher Geschnetzeltes zum Sonderpreis von zehn Franken – und um das Jubiläum herum: ganz, ganz viel Erinnerung an die beinah unzählbaren prominenten Gäste. Die Journalistin Esther Scheidegger, selbst Odeon-Stammgast („lieber morgens, da ist das Café noch Café“), schwärmt in einem Interview mit dem Schweizer Rundfunk von der Geschichte des Lokals, die geprägt ist von Literaten, Künstlern, Malern, Politikern und Emigranten, die das Odeon während des Ersten und Zweiten Weltkriegs als politischen Ausnahmeraum nutzten. Zum Jubiläum hat Esther Scheidegger das bereits 1973 erschienene Buch „Café Odeon“ von Curt Riess wieder aufgelegt. Eine Art Welt- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts durch das Brennglas eines Schweizer Kaffeehauses.

 

Lesen Sie den ganzen Artikel P.M. Biografie 04/2011 »Che Guevara und der Messias-Code« - noch bis 15. Dezember im Zeitschriftenhandel

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (1 Bewertung)
Autor/in: Bettina Jech


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