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Die Vampir-Fledermaus

Verteufelt. Verhasst. Verkannt!

Seit Jahrhunderten verfolgen wir den kleinen Blutsauger, als wäre er der Leibhaftige. Dabei gehört er zu den intelligentesten und sozialsten Tieren überhaupt. Jetzt profitiert sogar die Wissenschaft von ihm.

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Im Umkreis von 20 Kilometern ist kein Tier vor ihnen sicherIm Umkreis von 20 Kilometern ist kein Tier vor ihnen sicher
Im Umkreis von 20 Kilometern ist kein Tier vor ihnen sicher
iStockphoto

Die Stunde der Vampire schlägt in San Gil um 18 Uhr. Der im satten Abendrot liegende Tropenhimmel verdunkelt sich. Er füllt sich mit Scharen archaisch aussehender Lebewesen, die wie Flugsaurier anmuten. Bei näherem Hinsehen entpuppen sie sich als Fledermäuse, genauer: blutsaugende Vampir-Fledermäuse, die zum Nachtmahl ausschwärmen. Im Umkreis von 20 Kilometern rund um ihre Höhle ist kein Wesen vor ihrem Zugriff sicher. Wir stehen am Eingang der »Höhle der Indios« in den Anden Kolumbiens. Oscar, der Fremdenführer, führt eine zehnköpfige Touristenschar durch einen schmalen Spalt ins Innere des Berges. Nach wenigen Schritten wird es stockfinster. »Richtet eure Stirnlampe doch mal in die Höhe«, fordert uns Oscar auf. Da oben sehen wir sie: Hunderte, Tausende Blutsauger, die mit ihren Füßchen im Tropfstein verkrallt kopfüber nach unten baumeln. Luz Neri aus Bogotá ist mit ihren beiden kleinen Söhnen in die Höhle eingestiegen. Mit besorgter Stimme erkundigt sie sich, ob die Vampire uns gefährlich werden könnten. »Solange wir uns bewegen, halten sie respektvolle Distanz«, beruhigt Oscar. Beim Durchwandern der Grotten erzählt er uns v0n der ebenso faszinierenden wie unheimlichen Welt der fliegenden Vampire. Sie zählen zu den intelligentesten und sozialsten, gleichwohl verhasstesten Wesen im Tierreich.

 

Fledermäuse sind die einzigen Säugetiere, die gelernt haben, sich in die Lüfte zu schwingen. Dazu haben sie eine lederartige Haut ausgebildet, die sich von den Fingern bis zu den Zehen zieht. Zum Starten müssen die nur zehn Zentimeter großen Tiere sich bis zu einem halben Meter hochkatapultieren. Um diesen energiefressenden Kraftakt zu vermeiden, hängen Fledermäuse lieber ohne Muskelbeanspruchung von der Decke herab. Zum Fliegen müssen sie nur den speziellen Haltemechanismus ihrer Krallen »entriegeln« und losflattern. Die Tierart blickt auf 50 Millionen Jahre zurück. Nach dem Untergang der Dinosaurier erlebten die Säugetiere einen gewaltigen Entwicklungsschub. Rasch verbreiteten sie sich über die Erde. Als Nische entdeckten die Fledermäuse die Nacht. Dort herrschte noch wenig Wettbewerb um die Nahrung. Für das Jagen in der Dunkelheit erfanden sie ein raffiniertes BioRadar. Die Tiere senden Klicklaute aus und fangen mit ihren Ohren das Echo auf. Aus den Schallreflexionen lässt das Gehirn Bilder entstehen, so scharf, dass sie mit 25 km/h durch verwinkelte Höhlengänge navigieren können. Vor zehn Millionen Jahren muss in den Fledermauskolonien eine Hungersnot ausgebrochen sein. Insekten und Pollen, von denen sich die meisten ernährten, wurden immer knapper. In dieser Not spaltete sich eine neue Spezies vom FledermausStammbaum ab. Sie spezialisierte sich auf eine besondere Diät, das Anzapfen des Blutes anderer Tiere. Das war genial, erforderte aber einen radikalen Umbau des Körpers: skalpellmesserscharfe Zähnchen zum Penetrieren der Haut der Beutetiere; einen Speichelzusatz zum Betäuben der Wundstelle; und das Erweitern des Magens zu einem riesigen, sackförmigen Gebilde zur Aufnahme der Flüssigmahlzeit.

 

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Autor/in: Wolfgang C. Goede


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