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Geologie

Verblüffende Nachricht aus einem Paradies

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Verblüffende Nachricht aus einem ParadiesVerblüffende Nachricht aus einem Paradies

Einst war LA RÉUNION nur ein kahler Lavaklecks im Indischen Ozean. Heute ist die Vulkaninsel ein üppiger »Garten Eden«. Wie konnte dieses Wunder geschehen? Was Forscher darüber herausgefunden haben, wirft ein neues Licht auf die Schöpfungsgeschichte der Erde.

Vom Hotel in Meereshöhe führt die Straße über wolkenverhangene Pässe bergauf und durch tiefe Schluchten wieder hinunter. Hunderte von Kurven müssen genommen werden, dann steht man in einem »Garten Eden« – dem Kessel eines erloschenen Vulkans. Im Schutz himmelhoher Kraterwände hat sich eine kaum zu bändigende Natur entfaltet. Ananas und Knollenpflanzen wachsen hier schneller, als man sie ernten kann. Orangen und Mangos fallen von den Bäumen wie bei uns welkes Laub im Herbst. Zwischen den Palmen bringt es Chouchou, ein wilder Kürbis, auf die Größe eines Medizinballs. Bambus schießt 25 Zentimeter am Tag in die Höhe, Farne werden vier Meter hoch, und die Blätter der Bananenstauden sind so groß wie Bettdecken. Alles Grün scheint außer Kontrolle geraten in diesem Schlaraffenland auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean.

Das Eiland – so groß wie das Saarland – ist ein »Département d’Outre Mer«, ein Übersee-Département Frankreichs und gleichzeitig der südlichste Punkt der Europäischen Union. Und es ist ein Eldorado für Wissenschaftler: Geologen, Biologen und Ökologen haben hier die einmalige Chance, einem Teil der Schöpfungsgeschichte unserer Erde auf die Spur zu kommen: La Réunion gehört zu den wenigen Orten, wo sich bis zu den Anfängen zurückverfolgen lässt, wie das Leben nach und nach das Land erobert hat. Der Bauplan des Paradieses – hier können wir ihn einsehen.

Denn die Insel ist jung – jedenfalls wesentlich jünger als die Erde. Während unser Globus rund 4,5 Milliarden Jahre auf dem Buckel hat, kommt La Réunion gerade mal auf 2,1 Millionen Jahre. Von unterseeischen Vulkanen wurde sie im Ozean schaumgeboren – und ihr Geburtsprozess ist noch gar nicht ganz abgeschlosen. Denn noch immer brodelt der 2631 Meter hohe Piton de la Fournaise (»Flammengipfel«) – er ist einer der aktivsten Vulkane der Welt. Allein im Jahr 2004 ließ er seine Lava dreimal überkochen und ins Tal strömen. Für die mehr als 700000 Einwohner La Réunions sind seine Eruptionen allerdings relativ ungefährlich, weil es in der Umgebung des »Flammengipfels« keine Siedlungen gibt, nur eine Kirche. Als 1977 wieder einmal die Lava kam, machte sie einen Bogen um das Gotteshaus – vielleicht lag’s an der Marienstatue in seinem Inneren, die gilt nämlich als wundertätig.

Die anderen Vulkane, die diese Insel aus über 5000 Meter tiefem Ozenangrund aufgeworfen haben, sind längst erloschen. Ihre Spitzen sackten in die darunter liegenden, nun leeren Magmakammern ab. Zurück blieben gigantische Kessel, in denen Pflanzenparadiese entstehen konnten. Die von den Vulkanen hinterlassene Berglandschaft wirkt, als hätte sie in dem Dinosaurierfilm »Jurassic Parc« als Kulisse gedient. In der Tat: So muss die Landschaft zu jener Zeit ausgesehen haben, als die Saurier die Welt beherrschten. Deshalb ist der Besuch dieser Insel so etwas wie eine Zeitreise durch die Erdgeschichte.

Dass die Reise durch so unterschiedliche Klimazonen führt, verblüfft den, der La Réunion noch nicht kennt. Da gibt es den staubtrockenen Westen, wo nur Steppengras und Kakteen wachsen, während der üppige Osten mit seinen Engelstrompeten, Mimosen & Co. das Auge bezaubert. Es gibt den Dschungel mit wundersamen Bäumen, deren Blätter »Quatre
Epices« (»Vier Kräuter«) genannt werden, weil sie gleichzeitig nach Muskat, Nelken, Pfeffer und Zimt schmecken. Es gibt Almlandschaften mit Kühen und rund um den Piton de la Fournaise Kraterlandschaften aus lauwarmer Lava – nur abgedeckt von einer dünnen Kruste, auf der kein Strauch wächst. Ein Stück weiter öffnen sich plötzlich Gärten voller Tamarinden, Baumfarne, Orchideen und Weinstöcke.

Wie der Einzug des Lebens auf einer isolierten Vulkaninsel wie La Réunion begonnen hat – das er-schließt sich den Forschern erst seit kurzem durch Beobachtungen auch auf anderen vergleichbaren Inseln, u. a. im Hawaii-Archipel und vor Island. Verblüfft sind sie zum Beispiel darüber, wie schnell geologische Prozesse ablaufen. So dachte man bislang, die Umwandlung von Asche und Lava zu festem Gestein bräuchte Jahrhunderte. Doch die Bildung der Insel Surtsey, ausgelöst durch einen unterseeischen Vulkanausbruch am 14. November 1963 vor Islands Südküste, warf alle Theorie über den Haufen: Der Zementierungsprozess der Lava dauert nicht mehr als 15 Jahre.

Auch die Biologen staunen – und zwar über die rasante Entwicklung des Lebens auf dem kargen Vulkangestein. Bislang vermutete man, dass Jahrhunderte vergehen, bis sich auf einem sterilen, windgepeitschten Haufen Lava ein einigermaßen ausbalanciertes biologisches System von Pflanzen und Tieren etabliert. Doch schon vierzig Jahre, nachdem Surtsey aus dem Meer gewachsen ist, zählen die Wissenschaftler dort 60 Pflanzenarten, 500 Brutpaare elf verschiedener Vogelarten, zahllose Bodentierchen und Insekten.

Weitere Forschungen haben sogar zur Folge, dass die Evolutionsgeschichte von Vulkaninseln umgeschrieben werden muss. »Bisher glaubte man, dass sich auf sterilem Grund als erstes Pflanzen ansiedeln, dann Pflanzenfresser und zuletzt Fleischfresser«, erklärt der britische Ökologe Steve Coulson. »Im Licht neuer Forschungen zeigt sich: Fleischfresser sind die Erstbesiedler.« Genauer gesagt: Spinnen. Sie kamen mit den Zyklonen aus Asien, im Gefieder der Zugvögel aus Europa, mit der Wasserströmung als blinde Passagiere afrikanischer Meeresschildkröten oder auf Treibholz. Ihre Nahrung nahm oft den gleichen Weg: »Insekten, ebenfalls vom Winde verweht«, so Forscher Coulson. Noch heute fällt auf, wie viele große, aber harmlose Spinnen sich auf La Réunion tummeln. Zum Beispiel die für Menschen völlig ungefährlichen Seidenspinnen: Ihre Netze werden bis zu sechs Meter groß, und manchmal verfangen sich sogar Jungvögel darin.

Nicht weniger verblüffend: Auch kleine Bodentierchen erobern neue Vulkaninseln schon in den ersten Jahren. An einem von ihnen wiesen die Wissenschaftler durch Experimente nach, dass die Winzlinge durchaus in der Lage sind, auch die gefährlichsten Reisen über den Ozean zu überstehen. Dabei wurden Springschwänze, nur millimetergroße Insekten, 16 Tage lang in Salzwasser herumgewirbelt: 80 Prozent von ihnen überlebten. »Vorher hatte niemand den Bodentierchen zugetraut, dass sie lange Strecken im Meer zurücklegen«, sagt Ökologe Coulson.

Wie die ersten Tiere waren auch die ersten Pflanzen Immigranten: ebenfalls hergeblasen vom Sturm, angeschwemmt vom Meer oder mitgebracht von Tieren. Eigentlich hätten zunächst niedrige Pflanzen wie Flechten, Moose, Algen und Pilze keimen müssen – und erst dann die höheren Pflanzen, etwa Orchideen, Oleander, Jasmin, Hibiskus oder Rhododendron. Aber auch hier irrten die Lehrbücher. »Das hat alle Kollegen überrascht: Die höheren Pflanzen kommen zuerst« – zu dieser klaren Aussage kommt der dänische Biologe Peter Gjestrup nach seinen Beobachtungen auf erdgeschichtlich jungen Vulkaninseln.

Auch wenn solche Inseln bei der Entwicklung einer Pflanzenwelt auf den Import von außen angewiesen sind, geht die Evolution hier relativ schnell eigene Wege. Schon nach wenigen Jahrzehnten hat der florale Existenzkampf die ersten Arten wieder verschwinden lassen – die Lücken wurden von neuen Arten besetzt, die es nur auf La Réunion gibt. Viele Farne gehören zu diesen botanischen Kostbarkeiten der Insel.

Eine andere Kostbarkeit liegt vor der Küste: Die schillernden Korallenriffe sind ein Geniestreich der Schöpfung, der die menschliche Fantasie übersteigt. Schätzungsweise 1000 Fischarten sowie 149 Korallenarten leben in diesem nautischen Garten Eden, der zu den reichsten Lebensräumen der Erde zählt. Dabei ist die tropische Pracht sozusagen aus tiefster Armut heraus geboren: Das Wasser um La Réunion ist nämlich außergewöhnlich nährstoff-arm. Der Grund: Ganzjährige Hitze verhindert, dass sich warmes Oberflächenwasser mit kälteren Schichten in der Tiefe mischt und abkühlt; dadurch bilden sich weit weniger Mikroalgen als in nördlichen Meeren. Doch diesen Mangel gleicht die Tropensee vor La Réunion auf raffinierte Weise aus: durch die geniale Symbiose von Korallen und einzelligen Algen. Die Korallen erlauben es den Algen, sich in ihrer Außenhaut einzuquartieren; dafür kassieren sie »Miete« in Form der pflanzlichen Stoffwechselprodukte, die ihnen als Nahrung dienen.

Das Leben im Riff steht in einem empfindlichen Gleichgewicht – das leicht kippen kann. Etwa dadurch, dass im Meer vor La Réunion zu viele Raubfische gefangen werden. Dann könnte sich z. B. der gefürchtete Dornenkronen-Seestern stärker vermehren und sich über die Korallen hermachen. Er vermag in einer einzigen Nacht ganze Korallenstöcke zu verschlingen – nicht mit einem Maul, sondern direkt mit dem Magen, der sich nach außen stülpt. Um das biologische Gleichgewicht zu wahren, hat Frankreich eine gesetzliche Handhabe gegen jegliche Fischwilderei geschaffen: Seit 2003 haben die Korallenriffe vor der Insel den Status einer »Réserve Naturelle« – also eines Naturschutzgebiets.

Das menschliche Leben auf La Réunion ist geprägt vom Vielvölkergemisch. Man sieht Menschen mit der Physiognomie und den Locken von Schwarzen, aber mit weißer Haut; Weiße mit Lippen von Schwarzen; Franzosen mit chinesischen Augen; muslimische Frauen im Tschador mit dem energischen Kinn bretonischer Seeleute. Die Grundlage für dieses Multikulti schufen die ersten Siedler. 1643 wurden hier noch Meuterer ausgesetzt, aber schon wenige Jahre später begannen die Kolonialherren aus Frankreich mit dem Aufbau einer Zivilisation – und bald vermischte sich alles mit allem. Im Lauf der Zeit hatten viele der französischen Händler, Seeräuber, Matrosen und Soldaten Kinder mit Sklaven aus Madagaskar und Afrika. Nach der Abschaffung der Sklaverei wanderten Arbeiter aus Südindien ein, da-runter auch Muslime. Den letzten Stein im Mosaik der Kulturen setzten chinesische Händler. Das Zusammenleben vieler Ethnien ohne jeglichen Rassismus findet auch im Wort »Créole« seinen Niederschlag. Ein Kreole ist hier jeder Mensch, der auf La Réunion geboren wurde – ungeachtet seiner Hautfarbe.

Hat Gott es mit diesem Lavabrocken im Indischen Ozean besonders gut gemeint? Haben die Menschen hier wirklich das große Glück und den Frieden auf Erden gefunden? Einerseits ja: Der unermessliche Reichtum der Flora und Fauna bildet die Basis für einen florierenden Tourismus. Anderseits profitiert davon aber nur eine Minderheit. Außerdem gibt es keine Bo-denschätze, und landwirtschaftliche Produkte wie etwa Zuckerrohr oder die berühmte Bourbon-Vanille sind wegen der hohen Lohnkosten auf La Réunion chancenlos gegenüber der Konkurrenz aus den benachbarten Inselstaaten Madagaskar und Mauritius. Die Wahrheit ist: Ohne Subventionen aus Paris – der »Métro-pole«, wie die Insulaner die Hauptstadt des Mutterlandes nennen – wäre La Réunion wohl ein Armenhaus. Bei rund 30 Prozent liegt die Arbeitslosigkeit inzwischen, und so bevölkern immer mehr traurige Gestalten dieses Paradies.

Dennoch gibt es auf der Insel ein Areal, auf das die Bezeichnung »Garten Eden« tatsächlich noch uneingeschränkt zutrifft: die 70 Quadratkilometer große und äu-ßerst fruchtbare Bergschlucht von Mafate. Abgeschieden im Krater eines erloschenen Vulkans gelegen, ist sie nur zu Fuß oder mit Kleinflugzeugen zu erreichen. Viele der 800 Mafatais sind noch nie aus dem Tal herausgekommen, kennen das Meer nicht, obwohl es nur 20 Kilometer bis zur Küste sind. Einig sind sie sich darin, ihre Heimat gegen Tourismus und technischen Fortschritt zu verteidigen. Als vor einigen Jahren eine Straße nach Mafate gebaut werden sollte, sagten die Einwohner nein – und konnten sich durchsetzen. Sie wollen sich aus ihrem Paradies nicht vertreiben lassen.

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Autor/in: Joseph Scheppach


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