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Bildung

Unsere Experten von morgen

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Unsere Experten von morgenUnsere Experten von morgen

Kinder sind unsere lebende Zukunft. Wie gut oder schlecht es uns einmal gehen wird, hängt davon ab, wie gut oder schlecht die Ausbildung und Bildung der Kinder sind. Der Bildungsexperte Rupprecht Podszun fordert deshalb: Unsere Schulen müssen freier und lustiger werden. Hier sein Konzept.

Deutschland, das Land der Dichter und Denker? Vielleicht, aber – so witzelten Kabarettisten nach der Veröffentlichung der PISA-Studie im Jahre 2001: Die Heimat der fleißigen Leser und Schreiber sei Deutschland deshalb aber noch lange nicht. Schwache Leistungen der Kinder, ausgebrannte Lehrer – die Bildungsmisere ist offenbar. Erschreckend auch: Kinder aus sozial schwachen Familien haben es in den Schulen sehr viel schwerer als die aus besser gestellten Elternhäusern – Chancengleichheit adieu. Wen wundert’s? Pro Grundschüler werden jährlich in Deutschland nur 3170 Euro investiert; diese Summe geben Manager für ein Motivations-Seminar aus – an einem Wochenende.

Nach der PISA-Studie sind die Ministerien aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht. Aufgeregte Diskussionen, hektisch gestrickte Programme und Dienstreisen zum PISA-Sieger Finnland folgten. Inzwischen gibt es Licht am Horizont: Neue Ideen für die Zukunft kursieren, und an ausländischen und einigen deutschen Schulen wird bereits ausprobiert, was in 25 Jahren selbstverständlich sein soll. Wissenschaftler aus allen Fächern haben das Lernen als Thema entdeckt. Dabei steht das Ziel der Schulpolitik schon lange in den Landesverfassungen festgeschrieben. Besonders rührend haben es die Bayern formuliert: »Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden.« Es geht also um den ganzen Menschen, und der braucht zum Lernen ein Umfeld, das inspiriert. Deshalb sollen deutsche Lehranstalten in den nächsten Jahren von Grund auf renoviert werden. Wo neue Schulhäuser entstehen, wird es mit der Dunkelheit, dem Putzmittel-Mief und der Enge schlauchförmiger Klassenzimmer vorbei sein – Architekten und Architekturpsychologen sollen vorgeben, wie muntere Bauten Lust auf Lernen machen. Die Wüstenrot-Stiftung hat im letzten Jahr einige zukunftsweisende Modelle mit ihrem »Gestaltungspreis Schule« ausgezeichnet, etwa die Montessori-Gesamtschule Aachen. Bunt und stimulierend sind die ausgezeichneten Bauten, bei vielen haben die Architekten sich von den Kindern beraten lassen. Die kalte Funktionalität der siebziger Jahre ist überwunden, die Lernwerkstätten von morgen sind wohnliche Oasen, die zur Kommunikation einladen: kuschelig, aber hochmodern – mit bequemen Stühlen, Ohrensesseln, Stehpulten, großen Tischen und überall zugänglichem elektronischem Equipment.

Zur Schule der Zukunft gehört auch, dass der Schultag nicht schon mittags, sondern erst um 16 oder 17 Uhr endet – der Chancengleichheit zuliebe: So sind die Noten nicht mehr abhängig davon, ob sich nachmittags zu Hause jemand um die geistige Entwicklung der Kinder kümmert oder nicht. Mittags kochen dann die Schülerinnen und Schüler selbst füreinander, dazu gibt’s die notwendigen Vitamine, die man für den Rest des Tages braucht.

Und noch etwas wird dem Körper gut tun: Das Schulleben wird an die neuen Erkenntnisse der Chronobiologen angepasst: Die »Lernzeit« soll die »innere Uhr« des Menschen berücksichtigen. Noch zögern die Zeitforscher mit konkreten Aussagen, doch es zeichnet sich ab, dass die Schüler wohl morgens länger schlafen dürfen. Wenn die Erkenntnisse der Wissenschaftler bestätigt werden, geht es künftig erst um neun Uhr los, zu einer Zeit also, wenn der Organismus auch ohne Koffein für den neuen Tag gerüstet ist. Das Gehirn hat ebenfalls seinen eigenen Rhythmus: Volle Konzentration, so die Neurobiologen, hält nur 20 Minuten lang an, danach braucht man eine kurze Pause – ein Spiel, eine Sportübung. Also werden die Schulstunden in Zukunft in 20-Minuten-Takte gegliedert.

Die Lakeside School in Seattle ermöglichte ihren Schülern bereits 1968 unbeschränkten Computer-Zugang. Einer der Schüler wurde süchtig nach den neuen Kisten – er entwickelte ein Programm zur Erstellung des Stundenplans. Später wurde er mit seiner Software der reichste Mann der Erde – Bill Gates. Die Schule als Karriere-Kickstarter ins Computer-Business: in Deutschland undenkbar. Zwar gibt es PCs in den Schulen – aber Konzepte für »computer-assisted learning«? Fehlanzeige! Doch in 25 Jahren wird der Laptop wichtiger sein als das Schulbuch: Man lädt sich die benötigten Texte herunter, über Internet und Intranets wird das Lernen organisiert. In virtuellen Klassenzimmern treffen sich Schüler aus verschiedenen Schulen und Bundesländern, um gemeinsam zu lernen; Hausaufgaben werden per E-Mail eingereicht; die Beherrschung elektronischer Medien wird zur Selbstverständlichkeit. Die Wissensgesellschaft macht es unumgänglich: Das Recherchieren und Strukturieren von Informationen muss genauso gelernt werden wie Lesen und Schreiben.

Der Computer wird die Lehrer nicht verdrängen, denn Bildung ohne persönlichen Kontakt, ohne individuelle Betreuung und ohne Wärme ist fad. Aber dank Computer können Lehrer sich mit ihren Schülern besser vernetzen; Tests werden elektronisch ausgewertet; wer in der Schule fehlt, kriegt die wichtigsten Infos ins E-Postfach, Computer-Präsentationen lösen den Overhead-Projektor ab; auf interaktiven CD-Roms werden Unterrichtsergebnisse zusammengefasst. Langfristig kommen sicher auch Datenbrillen und Wahrnehmungs-Roboter, wie sie Airbus-Ingenieure derzeit entwickeln, beim Lernen zum Einsatz.

Die neuen Medien beeinflussen die Seh- und Denkgewohnheiten: »Cyberkids« ticken und klicken einfach schneller als ältere Semester. Der Psychologe Wolfgang Bergmann aus Hannover hat sich als einer der Ersten in Deutschland mit den Folgen von Videospielen, rasanten Musikclips und Handy-Kommunikation befasst. In seinem Buch »Computer machen Kinder schlau« warnt er davor, all dies zu verteufeln, wie es viele seiner Kollegen tun – die Schulen seien gut beraten, die Kinder im Techno-Zeitalter sinnstiftend zu begleiten. Etwa wenn es darum geht, den »iconic turn« zu meistern: der kulturellen Schwerpunktverschiebung zur Dominanz des Bildes über das Wort. Die Schulen werden Angebote machen müssen, wie man mit der Bilderflut aus Internet und Fernsehen umgehen kann, ohne darin zu ertrinken.

Kulturwissenschaftler, Psychologen und Hirnforscher fordern auch neue Unterrichtsmethoden. Entscheidend: Der Frontalunterricht muss weg. Noch immer reden die Kinder in einer 45-Minuten-Schulstunde im Durchschnitt insgesamt nur zehn bis 20 Minuten lang – den Rest bestreitet der Lehrer. Dabei wusste schon Benjamin Franklin, Erfinder des Blitzableiters: »Erzähle mir etwas, und ich vergesse es. Lehre mich etwas, und ich erinnere mich daran. Beteilige mich, und ich lerne.« Mitmachen – das ist die Forderung, die heute z. B. Elsbeth Stern vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin oder der Hirnforscher Gerhard Roth aus Bremen erheben. Ideen, die in der Schule der Zukunft mehr Beteiligung der Schüler ermöglichen sollen, gibt es bereits:

- Gemeinsames Arbeiten im Team

- Projektarbeit und »learning by doing«

- »Peer Teaching«: Schüler unterrichten Schüler, am besten in Klassen mit Schülern unterschiedlichen Alters

- Lernen von und mit einem Partner – zum Beispiel mit einem Schüler aus einer höheren Klasse

- Einbeziehung der Schüler bei Vorbereitung und Bewertung von Unterrichtseinheiten.

Der Grundschullehrer Falko Peschel hat in einer Grundschule im Rhein-Sieg-Kreis vier Jahre lang das aktivierende Lernen auf die Spitze getrieben: Bei seinem »freien Unterricht« verzichtete er darauf, Vorgaben zu machen: Die Kinder durften selbst entscheiden, was sie lernen, und haben es sich selbst beigebracht. Peschel moderierte nur im Hintergrund. Bei Tests schnitten seine Kinder besser ab als klassisch unterrichtete Zöglinge.

Damit möglichst viel vom Gelernten haften bleibt, müssen die einzelnen Inhalte so gut wie möglich im Gehirn miteinander vernetzt werden.

Die geeigneten Methoden dafür:

- Vielfältige Präsentation des Lernstoffs in Schrift, Ton und Bild sowie Experimente

- Die Bildung von Hierarchien (welche Informationen sind wichtig, welche nicht?)

- Die Verknüpfung des Lernstoffs mit dem Vorwissen der Kinder und Jugendlichen

- Die Anwendung des Gelernten »im wirklichen Leben«

- Die Assoziierung mit positiven Gefühlen – zum Beispiel Erdbeeren essen im Lateinunterricht.

Mit diesen Methoden kann man die überladenen Lehrpläne von heute sicher nicht abarbeiten – doch wieso pauken, was morgen durch die Wissensexplosion ohnehin veraltet ist? In der Schule der Zukunft wird der Erwerb von Schlüsselqualifikationen wichtiger: die Fähigkeit, im Team kompetent zu arbeiten und zu kommunizieren; Menschen zu integrieren und anzuleiten; kreative Problemlösungsstrategien zu entwickeln; Konflikte zu schlichten; das Lernen zu lernen. Und dass Lernen Spaß macht, wissen sogar die Mäuse. Neurobiologen am Leibniz-Institut in Magdeburg haben herausgefunden: Wenn die Nager im Labor etwas Neues lernen, setzen sie Opiate frei und geraten in einen regelrechten Glücksrausch.

Neue Wege des Lernens erfordern aber auch eine neue Organisation des Schulwesens. Über die Jahrzehnte sind den Behörden Arme gewachsen, die die Schulen in den Würgegriff nahmen. Das Ergebnis ist das PISA-Desaster. Deshalb, da sind sich die Experten einig, lautet das Motto der Zukunft: Freiheit für die Schulen! Die Lehrer vor Ort brauchen Entscheidungshoheit über Lehrpläne – nur wer sich verantwortlich fühlt, setzt sich auch für seine Schule ein.

Die Idee von der Eigenverantwortlichkeit der Schulen geht so weit, dass der Ruf nach privaten Bildungsanbietern immer lauter wird. Jürgen Kluge, Chef der Unternehmensberatung McKinsey in Deutschland, fordert in seinem Buch »Schluss mit der Bildungsmisere« eine belebende Konkurrenz zwischen Schulen und Bundesländern. Der Staat habe versagt, Stiftungen und Unternehmen würden es besser machen. Selbst der Bremer Bildungssenator Willi Lemke und die bayerische Schulministerin Monika Hohlmeier schicken ihre Kinder auf Privatinstitute. Privatisierungsfans fühlen sich dadurch bestätigt. Die Gegner sehen darin ein Armutszeugnis: Offenbar seien die Politiker nicht fähig oder nicht willens, die staatlichen Schulen so zu fördern, dass sie auch für ihre eigenen Kinder gut genug sind. In den USA gibt es bereits börsennotierte Schulbetreiber, und gelegentlich ist zu hören, dass die Kinder eher zu Konsumenten als zu kritischen Bürgern erzogen werden. Wenn auch bei uns der Privatisierung Tür und Tor geöffnet wird, muss sichergestellt sein, dass der Staat streng über die Einhaltung der Bildungsstandards wacht. – Abzusehen ist, dass schon in naher Zukunft die Lehrer ihren Beamtenstatus verlieren. Das hat jüngst erst wieder eine Expertenkommission der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen empfohlen. Der Plan: Lehrer werden angestellt, ihr Grundgehalt können sie durch leistungsbezogene Zuschläge aufbessern.

Endlich wird Realität, was engagierte Studienräte schon lange fordern: Leistung muss sich lohnen. Wer nur Minimalprogramm fährt, macht keine Karriere. Die Lehrerausbildung wird verbessert: Führungsqualität, Sozialkompetenz und didaktische Fähigkeiten stehen gleichrangig neben den Fachkenntnissen ganz oben auf dem Lehrer-Lehrplan. Damit die Schulen sich weiterentwickeln, wird Fortbildung für Lehrer zur Pflicht, so wie es für die Kollegen in der Schweiz schon lange eine Selbstverständlichkeit ist. Dabei geht es auch darum, den Horizont der Lehrer zu erweitern – etwa durch ein Praktikum in einem Betrieb oder ein »Sabbatjahr« im brasilianischen Regenwald. Durch verstärkte Zusammenarbeit in Teams sollen Lehrer mehr Bildungs-Produktivkraft entwickeln. In einer Gesamtschule in Kassel ist der Krankenstand deutlich gesunken, seit die Kollegen in solchen Pools kooperieren. In Zukunft werden die studierten Pädagogen auch nicht unter sich bleiben: Interessante Quereinsteiger aus allen Bereichen sollen mit den Schülern arbeiten und ihnen Fenster in den Alltag aufstoßen.

Wenn die Ganztagsschule kommt, wird sie kein Eltern-Entlastungsprogramm werden. Die Eltern bleiben in der Pflicht – in den ersten Lebensjahren sind vor allem sie dafür verantwortlich, dass ihre Kinder die Welt entdecken. »Früh investieren statt spät reparieren«, sagt McKinsey-Mann Kluge, denn für Bildungsforscher steht fest: So aufnahmefähig wie in den ersten Jahren ist man nie wieder im Leben. In vielen erfolgreichen PISA-Staaten fängt auch das organisierte Lernen viel früher an als in Deutschland: In Schweden zum Beispiel gehen Kinder vom ersten Geburtstag an in die Vorschule. Fremdsprachen, aber auch die Grundzüge von Mathematik und Naturwissenschaften können die ganz Kleinen schon bestens »verdauen« – der Didaktik-Professor Gerhard Preiß hat das mit lustigem Mathe-Unterricht für Vier- bis Fünfjährige bewiesen.

Engagement müssen die Eltern auch in der Schule zeigen: indem sie die Arbeit der Lehrer kontrollieren, mitentscheiden und mitlernen – warum nicht Elternabende einführen, bei denen Mama und Papa mal die Schulbank drücken und nachvollziehen, was die Kinder gerade erarbeiten?

Pädagogik-Papst Hartmut von Hentig, der unermüdliche Kämpfer für eine bessere Schule und eine bessere Welt, fordert seit langem, die Schule zu einem »Lebens- und Erfahrungsraum« zu machen – zu einem Haus, das Heimat bietet, in dem Demokratie, Freiheit und Verantwortung praktiziert werden. Heute ist sie für viele Kinder kaum mehr als das morgendliche Warm-up für das »echte Leben« nach dem letzten Gong.

Als Schulen noch Prestigeobjekte deutscher Städte und nicht bloß Kostenfaktoren waren, lange vor dem »Bildungsnotstand« der 1960er Jahre, identifizierten sich die meisten Bürger mit ihren Bildungseinrichtungen und deren Absolventen – ja, man war stolz auf die Schule. Damit es wieder so wird, müssen die Schulen und ihre Macher im gesellschaftlichen Alltag in Erscheinung treten: raus aus den Klassenzimmern! Rein in die Städte! Mit Bert Brecht in die Fabriken, mit dem Taschenrechner in die Einkaufszentren und mit dem Biolehrer in den Wald. Der gute Geist der Schule soll überall wahrnehmbar sein. »School spirit« könnte der Bildung in unserem Land Flügel verleihen – und die brauchen wir.

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Autor/in: Rupprecht Podszun


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