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Tierfotografie
Und was geschah mit dem Fotografen?!
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Keine Sorge: Der Mann, dem wir das spektakuläre Leopardenbild verdanken, kam nicht zu Schaden. Ein Risiko ist die Fotojagd auf frei lebende Wildtiere aber allemal – trotz aller technischen Hilfsmittel. Der Tierfotograf Axel Gomille ließ P.M. hinter die Kulissen seiner Zunft blicken.
Kali mustert mich mit ihren kleinen Augen und streckt prüfend den Rüssel nach mir aus. Die betagte Elefantendame soll mich zu einem Tiger bringen, der hier sein Revier hat. Der Mahout, der Elefantenführer, gibt mir zu verstehen, auf den spartanischen Sattel des grauen Riesen zu klettern. Ich hake den klapprigen Eisenbügel ein, der verhindern soll, dass ich dem Tiger vor die Nase falle. Dann geht es los durch ausgetrocknetes indisches Grasland, das jedem Tiger hervorragende Deckung bietet.
Plötzlich zerreißt der Warnruf eines Sambarhirschs die Stille, eine Affenhorde zetert aufgeregt im Geäst: Sie haben ihren Todfeind, den Tiger, entdeckt. Der Mahout lenkt Kali sofort in die Richtung der Schreie, und unsere Elefantendame schaukelt mit sicherem Schritt einen dicht bewachsenen Hügel hinauf. Zweige schlagen mir ins Gesicht, wir werden kräftig durchgeschüttelt. Als der Dickhäuter mit seinem Rüssel ein Bambusgebüsch aus dem Weg drückt, liegt der prächtige Tiger plötzlich vor uns. Lässig auf einem Felsen ausgebreitet, ganz Herrscher des Dschungels, räkelt er sich und gähnt aus vollem Hals. Nur wenige Meter trennen mich von der Raubkatze – beste Voraussetzungen für intime Einblicke ins Tigerleben. Vor dem Elefanten hat er keine Angst – man kennt sich im Dschungel. Auch das Klicken meiner Kamera scheint ihn nicht zu stören – ich kann ihn ausgiebig ablichten, Majestät bewahrt Ruhe. Ohne mein massiges Reittier hätte ich nie bis hierher vordringen können: Für Fahrzeuge ist im Dickicht kein Durchkommen, und zu Fuß wäre die Angelegenheit viel zu gefährlich.
Raubkatzen gehörten schon immer zu den Lieblingsmotiven von Tierfotografen. Auch Bengt Berg hatten sie es angetan – der schwedische Schriftsteller spürte den Tigern bereits vor über 70 Jahren im indischen Dschungel nach. Seine Arbeitsmethode glich der von frühen Großwildjägern: Er pflockte einen Büffel oder eine Ziege im Dschungel an und wartete in einem Baumversteck auf das Erscheinen der Raubkatze. Ein Tier zu opfern, um ein anderes zu fotografieren – das ist längst gesetzlich verboten. Außerdem widerspricht dieses Vorgehen dem Ethos der meisten Fotografen und Filmer, die mit ihren Bildern auf die Nöte der Wildtiere aufmerksam machen wollen.
Zu Bergs Zeiten war das Fotografieren der Raubkatzen gefährlicher als heute. Denn die Tigerjagd war noch weit verbreitet: Viele Tiere waren aber nicht sofort tot, schleppten sich mit einer Kugel im Körper noch eine Zeit lang weiter und suchten jetzt »leichte« Beute – den Menschen. Kompliziert war Bergs Arbeit auch, weil Tiger, wenn sie gejagt werden, überwiegend nachtaktiv sind. Berg musste also häufig Blitze einsetzen – und die hatten damals noch keine große Reichweite. Trotz aller Widrigkeiten gelangen ihm seltene Dokumentarbilder von wild lebenden Tigern. Jedes Foto war eine unblutige Trophäe. Es ersetzte schließlich die ausgestopften Köpfe von Tieren über dem Kamin – ein Trend, der sich glücklicherweise fortgesetzt hat.
Leichter war es mit den damaligen Arbeitsmitteln, in den Savannen Ostafrikas auf Fotojagd zu gehen. Löwen und Elefanten lassen sich tagsüber sehen, und in der offenen Landschaft bewegen sie sich wie auf einem Präsentierteller für Tierfotografen und -filmer. Ein entscheidender Vorteil, wenn man unter Zeitdruck eine Reportage produzieren soll. Und der Grund dafür, dass über die Savannenbewohner mittlerweile Hunderte von Filmen gedreht wurden.
Schwieriger wird die Sache bei scheuen, schwer zugänglichen Tieren wie dem Nebelparder in den südostasiatischen Regenwäldern. Die Raubkatze hat große Streifgebiete und ist auch noch nachtaktiv: Eigenschaften, die es so gut wie unmöglich machen, ihr Leben mit einem vertretbaren Zeitaufwand zu dokumentieren. Deshalb stammen die wenigen Aufnahmen von Nebelpardern fast alle von Zootieren oder zahmen Exemplaren. Andere Heimlichtuer tauchen ebenfalls kaum jemals im Bild auf: z. B. einige kleinere Wildkatzen oder das geheimnisvolle Fingertier auf Madagaskar. Ihre Lebensweise als nachtaktive baumbewohnende Arten tropischer Wälder macht häufig den Einsatz von Fotofallen notwendig: Wenn die scheuen Gesellen die Lichtschranke durchbrechen, fotografieren sie sich quasi selbst. Man muss nur lange genug Geduld haben.
Doch Zeit ist Geld, und monatelanges Warten kann sich kaum jemand leisten. Deshalb gibt es eine Branche, die Tiere fürs Fotografieren vermietet: z. B. in den »Game Farms« in den USA. Wer Schneeleoparden fotografieren will, kann sich eine aufwändige – und höchstwahrscheinlich aussichtslose – Expedition in den Himalaja sparen. Einfacher ist es, die Tiere auf einem schneebedeckten Felsen in den Rocky Mountains abzulichten. Auch Wölfe, Grizzly-Bären oder Pumas werden hier in Szene gesetzt: Man sucht sich ein schönes Exemplar aus, und ein Tiertrainer hilft dabei, dass der Protagonist macht, was er soll. Eine ganz Reihe spektakulärer Foto- und Filmaufnahmen von Tigern, die in die Kamera zu springen scheinen, entstand nicht in Indien, sondern an einem abgesperrten Strand in Kalifornien – mit zahmen Tieren. Walt Disney nutzte für seine Tierfilme meist abgerichtete Hauptdarsteller und erreichte damit ein Millionenpublikum.
Die Arbeit unter kontrollierten Bedingungen hat in manchen Bereichen durchaus ihre Berechtigung. Vieles aus dem Leben von Wildtieren lässt sich überhaupt nur im Studio zeigen. Beispiel Präriehunde: Die Hälfte ihres Lebens spielt sich unterirdisch ab. Deshalb wird die Wohnburg der Nager nachgebaut, mit allem, was dazugehört: Vorratskammern, Schlafraum und zahlreiche Gänge. Die Studioaufnahmen von zahmen, an den Menschen gewöhnten Präriehunden werden schließlich mit dem Freilandmaterial kombiniert, sodass sich ein rundes Bild ergibt. Auch Metamorphosen, etwa die Verwandlung von der Kaulquappe zum Frosch oder von der Raupe zum Schmetterling, lassen sich nur im Studio darstellen. Hier kann man langsame Abläufe per Zeitraffer beschleunigen und sichtbar machen.
Schnell fliegenden Insekten mit der Kamera zu folgen ist aber selbst im Studio ziemlich schwierig. Deshalb haben Fotografen wie Stephen Dalton eine aufwändige Kurzzeittechnik entwickelt, mit der einige Rätsel des Insektenflugs erstmals erklärt werden konnten. Dazu schickt er die Tiere durch einen Flugtunnel; an dessen Ende passieren
die Insekten eine Lichtschranke und lösen dadurch Blitzleuchten und Kamera aus. Fliegende Fledermäuse, Libellen, Schmetterlinge oder Heuschrecken lassen sich mit diesem Verfahren besser aufnehmen als in freier Natur. Sollen die Tiere gefilmt werden, setzt man extrem schnelle Highspeed-Kameras ein: Sie können bis zu 2000 Bilder pro Sekunde belichten und einen Vorgang 80-mal verlangsamt darstellen – so werden selbst rasend schnelle Bewegungsabläufe für den Betrachter nachvollziehbar.
Einige Tierarten stellen besondere Anforderungen an die Erfindungsgabe der Kameraleute: Wie filmt man beispielsweise afrikanische Treiberameisen – jene sozialen Insekten, die in riesigen Horden den Waldboden überschwemmen und jedes Tier auseinander nehmen, das sie überwältigen können? Beim ersten Versuch, den der Tierfilmproduzent Martin Dohrn unternahm, wurde der Kameramann von Ameisenhorden schmerzhaft attackiert. Schließlich entwickelten Dohrn und seine Mitstreiter in jahrelanger Arbeit »Antcam« – eine Kamera, die mit einem komplizierten ferngesteuerten Teleskoparm sogar in die Ameisennester eindringen kann und so nie gesehene, sensationelle Aufnahmen lieferte: Die Nester bestehen – im Gegensatz zu den »Ameisenhaufen« in unseren Wäldern – aus Ameisen, die sich mit ihren Gliedmaßen verhaken und wie Akrobaten aufeinander stehend Wände bilden. In dem dadurch entstehenden Hohlraum findet das restliche Ameisenvolk Schutz. Solche Gebilde – auch Biwaks genannt – werden von den Treiberameisen auf ihrem Marsch immer wieder auf- und abgebaut.
Um den Quastenflosser zu finden, der ein wichtiges Bindeglied zwischen Fischen und vierfüßigen Wirbeltieren darstellt, setzte der Meeresbiologe Hans Fricke sogar das speziell ausgerüstete U-Boot »GEO« ein. Damit stieß er nach langer Suche vor den Komoren im Indischen Ozean in knapp 200 Meter Tiefe tatsächlich auf den legendären Urfisch. Fricke und sein Team drehten für das ZDF die ersten Aufnahmen der lebenden Fossilien, die schon lange vor den Dinosauriern unseren Planeten bevölkerten. Sie leben tagsüber in Höhlen und wurden bisher einfach übersehen. Die Filme enthüllten ein Detail, das den Evolutionsforschern neue Impulse gab: Die dunkelblauen, knapp zwei Meter langen Tiere bewegen ihre Flossen im »Vierfüßertakt« – bei Pferden würde man von »Trab« sprechen.
Viele neue Erkenntnisse in der Biologie wurden erst möglich, seit moderne Technik Vorgänge sichtbar macht, die sich früher nicht abbilden ließen: z. B. wie Klapperschlangen ihre Beute im Dunkeln aufspüren. Dieses Drama können Thermokameras aufnehmen, weil sie die Wärmestrahlung von Objekten in Bilder umsetzen. Die Schlange selbst »arbeitet« beim Jagen ebenfalls mit Wärmestrahlung: Nachts sind kleine Säugetiere oft wärmer als ihre Umgebung – diese Temperaturdifferenz kann sie mit ihren hochempfindlichen Sinneszellen wahrnehmen.
Auch Infrarotkameras verschaffen uns Einblicke in ein nächtliches Treiben, von dem wir bisher kaum eine Ahnung hatten. Für Menschen und Säugetiere ist Infrarotlicht unsichtbar – nur die Spezialkamera kann es wahrnehmen. Ein Meister dieser Technik ist der Filmemacher Owen Newman, der oft für die BBC gearbeitet hat. Ihm gelangen sensationelle Aufnahmen vom Jagdverhalten afrikanischer Raubkatzen. So filmte er Leoparden, die bei völliger Dunkelheit Antilopen jagten – nur nach Gehör: ein Sachverhalt, der bisher unbekannt war. Sogar unterschiedliche Taktiken sind durch die Filme dokumentiert: Entweder versetzen die Leoparden ihre Beute durch gezielte Geräusche in Panik – dann läuft eine der flüchtenden Antilopen in der Finsternis oft direkt auf einen der nächtlichen Jäger zu. Oder die Großkatzen fangen ihre Beute durch völlig lautloses Anschleichen.
Beim Filmen solcher Dramen kommt es aber nicht nur auf die Technik an – auch der Blickwinkel ist entscheidend. Immer näher und immer genauer wollen wir die Wildtiere sehen. Alan Root gelangen schon in den 1980er Jahren Aufnahmen aus einer damals ungewöhnlichen Perspektive: In einem Schildkrötenpanzer versteckt, lieferte seine Kamera nie gesehene Bilder einer flüchtenden Gnuherde. Das Prinzip »Mittendrin statt nur dabei« ist inzwischen oft variiert worden und hat etliche Filme um interessante Szenen bereichert. Heute kommen dafür meist Videokameras zum Einsatz, die ihre Bilder per Funk auf einen Monitor übertragen: So weiß man schon vor Ort, ob die gewünschten Aufnahmen gelungen sind. Für einen Film über Löwen tarnte der BBC-Produzent John Downer eine solche Kamera als Fels – die »Bouldercam«. Die Felsattrappe war ein ferngesteuerter, allradgetriebener Roboter, mit dem man bis auf wenige Zentimeter an die Raubkatzen herankam – die sich davon nicht aus der Ruhe bringen ließen. So entstanden die ungewöhnlichsten Aufnahmen.
Mike Heithaus ist für die Zeitschrift National Geographic noch einen Schritt weiter gegangen. Um ihr Verhalten nicht durch die Anwesenheit von Menschen zu verfälschen, machte er die Tiere selbst zu »Kameramännern«. Das Schwierigste war natürlich die Befestigung seiner »Crittercam« – aber er löste das Problem: Haien beispielsweise band er ein Seil um, an dem die Kamera hing; auf Walen und Meeresschildkröten wurde sie mit einem Saugnapf befestigt; Bären und Löwen bekamen sie per Halsband umgeschnallt.
Bei einigen Meeressäugern brachte diese Methode sogar neue Erkenntnisse über das Verhalten der Tiere: Bedrohte Laysan-Mönchsrobben etwa, die auf Hawaii vorkommen, zeichneten mit der Crittercam selber auf, wo sie auf Nahrungssuche gehen – eine wichtige Information für die Artenschützer. Pottwale lieferten zum ersten Mal faszinierende Bilder von ihren Tauchgängen in der Tiefsee; ausgeleuchtet wurde die Szenerie mit einem kräftigen Infrarot-Scheinwerfer in der Kamera. Hier stößt das Filmen jedoch an seine Grenzen: Der enorme Wasserdruck macht der empfindlichen Technik zu schaffen. Deshalb wird es wohl noch eine Weile dauern, bis künftige Kamerasysteme mehr Licht ins Dunkel bringen – und vielleicht gibt es dann sogar die ersten Aufnahmen von Pottwalen, die in der Tiefsee mit gigantischen Riesentintenfischen kämpfen.
Doch trotz aller technischen Raffinessen: Gute Planung, viel Geduld und ein umfangreiches Wissen über die Tiere sind ebenso wichtige Voraussetzungen für gute Aufnahmen – und der Instinkt für den richtigen Augenblick. Als ich mit dem Tierfilmer Ernst Sasse im kenianischen Nakuru-Nationalpark unterwegs war, fiel uns in der Nähe einer Suhle eine Gruppe von drei Breitmaulnashörnern auf. Sie waren unruhig, und wir hatten das Gefühl, gleich könnte etwas Interessantes passieren. Wir stiegen aus dem Auto, blieben aber vorsichtshalber in der Nähe. Tatsächlich ging plötzlich das größte Exemplar auf seine beiden kleineren Artgenossen los.
Mir stockte der Atem. Ich stand mit meiner Kamera kaum zwanzig Meter von den Kolossen entfernt – völlig ungeschützt. Nach einem kurzen Horngefecht versuchte der Riese, einem der Kontrahenten den Bauch aufzuschlitzen. Dieser reagierte panisch, quiekte erbärmlich und flüchtete – die anderen hinterher. Einem zwei Tonnen schweren Nashorn, das um sein Leben rennt, steht man besser nicht im Weg – und jetzt schossen gleich drei der Giganten auf uns zu! Der Boden bebte – doch kurz vor uns drehten die Tiere ab.
Glück gehabt – auch fotografisch: Wir hatten ungewöhnliche Szenen im Kasten. Allerdings – ohne das Auto im Hintergrund, in das wir hätten flüchten können, hätten wir den Mut zu diesen Aufnahmen wohl nicht gehabt!
Es gibt keinen Grund, drumherum zu reden: Oft ist der Einsatz für herausragende Bilder sehr hoch. Noch immer riskieren Tierfotografen und -filmer ihr Leben, um mit Aufsehen erregenden Szenen nach Hause zu kommen. So wurde 1996 der japanische Fotograf Michio Hoshino von einem Bären getötet, und im Herbst 2003 starb der
Amerikaner Timothy Treadwell ebenfalls durch einen Bären. Es ist also nicht unberechtigt, wenn man sich beim Betrachten spektakulärer Aufnahmen von Wildtieren fragt:» Und was geschah mit dem Fotografen?!«
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