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Filmtechnik
Und jetzt das Ganze mit Schnee, bitte!
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Vom schweren Schneematsch bis zum zarten Pulver, vom Blizzard bis zu tanzenden Flocken – alles können erfahrene Schneemacher auf Bestellung liefern. Ihr Know-how hüten sie wie Staatsgeheimnisse. Aber P.M. hat ihnen in die Trickkiste geschaut.
»Extrablatt! Neueste Nachrichten!« Der holländische Kinderdarsteller Quinten Schram schreit sich die Seele aus dem Leib. Schauspieler in Kostümen im Stil der Jahrhundertwende drängen sich um einen Zeitschriftenkiosk, kaufen ein Exemplar und stapfen davon, durch Schneegestöber und zwei Zentimeter tiefen Schnee. »Cut!« – Regisseurin Maria Peters ist zufrieden, Kameramann Hein Groot auch, die Szene für den Film »Pietje Bell« ist im Kasten. Die Schauspieler ziehen ihre Winterjacken aus, in einem angrenzenden Straßencafé sitzen Touristen im T-Shirt. Ein ungewöhnlich warmer Frühlingstag in der flämischen Stadt Gent, das Thermometer zeigt 25 Grad Celsius. Aber liegt da nicht Schnee? Richtig – doch der »Schnee« ist nicht echt, und der Sturm kam aus der Windmaschine.
Was die Winterszene so echt wirken ließ, war die Kreation einer kleinen Gruppe von Spezialisten. »Snow Business« heißt die Firma, Schnee ist ihr Geschäft. »Wir bieten 140 Variationen Schnee und zwölf Sorten Eis«, erklärt Lucien Stephenson, der Geschäftsführer von Snow Business Deutschland, stolz. »Wir können Pulverschnee oder matschigen Schnee imitieren, feines Schneegestöber oder richtiges Schneetreiben. Oder einfach Frost.« Mit der Schneekanone in der Hand und dem wilden Büschel roter Haare auf dem Kopf wirkt der gebürtige Brite ein wenig wie eine Figur aus dem Film »Mad Max«. Der 33-Jährige und seine drei Mitarbeiter sind für die Winterstimmung bei der deutsch-holländischen Ko-Produktion Pietje Bell verantwortlich.
Während Lucien mit seiner Schneekanone – zwei Schläuche, durch einen wird Kunstschnee geblasen, durch den anderen Wasser zugesetzt – das Pflaster entlang eines malerischen Kanals im Zentrum von Gent einschneit, bedient Del Reid das Mischventil und die Pumpenbatterie in einem der beiden großen Lieferwagen, mit denen die Schneemänner angereist sind. Hier liegt eines der Geheimnisse dieses doch eher seltenen Berufs: die richtige Mischung der diversen Kunstschneesorten mit dem Wasser, das zugesetzt wird, um das Material zu binden. Mittels einer hydraulischen Hebebühne agiert inzwischen Michael Steinbacher, dessen Job es ist, Fenstersimse und Mauervorsprünge der angrenzenden Häuser mit Schnee zu »bestäuben« – Feinarbeit per Hand. Nachdem die Häuser wintergerecht aufgeputzt sind, nimmt er sich die Requisiten wie Autos und Kutschen vor – alles muss ein Schneehäubchen haben und nach Winter aussehen.
Von den 140 Sorten Schnee, die zur Verfügung stehen, werden im Normalfall nur etwa 20 bis 25 eingesetzt, der Rest ist für Spezialapplikationen reserviert. Interessanterweise ist die Bandbreite für Studio-, also Innenverwendungen, größer als für Aufnahmen auf einem Freilichtset. »Weil innen die Rahmenbedingungen besser zu kontrollieren sind«, erklärt Lucien, »kein Regen, kein Wind!« Wind ist eines der größten Probleme, wenn das Drehbuch Schneefall vorsieht. Die Schwierigkeit dabei ist, dass richtiger Schnee in unglaublichen Mengen fällt, während Filmschnee durch das Budget des Produzenten begrenzt ist. Es gilt also, mit möglichst wenig Kunstschnee auszukommen. »Bei Wind stoßen wir gelegentlich an unsere Grenzen«, meint Endress Löber, als die Mannschaft sich anschickt, eine Brücke für die letzte Szene des Tages einzuschneien. Das Drehbuch für Pietje Bell verlangt eine Szene, in der der Hauptdarsteller durch Schneetreiben über eine Brücke geht. Das Problem: Der Wind, der den Spezialisten von Snow Business bereits während der vorherigen Einstellung einige Schwierigkeiten machte, hat aufgefrischt. Kurze Konferenz von Produzent, Regisseur und Kameramann – dann fällt die Entscheidung: Heute abend wird es in Gent nicht schneien – es hat bereits geschneit. Also brauchen die Männer nur noch eine dicke Schneeschicht auf das Geländer der Brücke und den Fußweg aufzutragen. Eine Stunde später ist die Szene abgedreht.
»Als Schauspieler fühlt man sich einfach wohler, eine Kälteszene in winterlicher Umgebung zu spielen, als vor einem Digitalhintergrund«, erklärt einer der Darsteller. Er spielt dabei auf computergenerierte Landschaften an, wie sie etwa in »Star Wars« zu sehen sind. In der Tat wirkt der in Gent erzeugte »Winter« überraschend echt. In einer weiteren Szene reitet der Weihnachtsmann durch ein Schneegestöber in die Stadt. Was im Film aussieht wie im tiefsten Dezember, ist in Wirklichkeit der virtuosen Handhabung der Schneekanone zu verdanken: Michael Steinbacher hantiert zehn Meter über dem Geschehen gleichzeitig mit
zwei der kleinen Maschinen. Wie ein Dirigent seinen Taktstock, schwenkt er die Düsen, justiert den Luftdurchfluss, achtet auf den Wind und behält »seine« Schneeflocken immer im Auge. Das Ergebnis ist eine perfekte Sinnestäuschung, die Kälte ist spürbar – man vergisst, dass die Szene an einem wunderbar warmem Frühlingsabend aufgenommen wird.
Was ist das Geheimnis hinter der Illusion? Um dies herauszufinden, muss man tief in das englische Idyll der Cotswolds fahren, etwa 150 Kilometer westlich von London. Hier, in der Nähe von Stowe, residiert David Crownshaw: Seine Visitenkarte weist ihn als »Head Snowman«, als Chef-Schneemann, aus; und seinem Firmensitz, einer umgebauten Mühle, hat er – natürlich – den Namen »The Snow Mill« gegeben. David ist der Besitzer von Snow Business und Erfinder des Kunstschnees, der bei Pietje Bell zum Einsatz kam. Zur Begrüßung verwandelt er einen Nadelbaum und ein paar Büsche vor seiner Mühle innerhalb von Sekunden in eine gefälschte Winterlandschaft, die echtes Frösteln auslöst. Seine Antwort auf die Frage nach dem Geheimnis der perfekten Illusion ist ebenso kurz wie überraschend: Papier. Zerkleinertes Papier und Wasser, durch einen Schlauch geblasen – das ist alles. Fürs Erste. Denn der eigentliche Trick liegt in der richtigen Mischung der beiden Elemente und in der Produktion des Papiers. Aber dieses Geheimnis lüftet David erst später, als er Vertrauen gefasst hat.
Die Schnee-Karriere Davids begann durch puren Zufall – und auch nicht mit Schnee, sondern mit Asche. Die Papierfabrik, in welcher David in den frühen achtziger Jahren arbeitete, bekam eine Anfrage vom Produzenten des Films »Die letzten Tage von Pompeji«: Es ging um die Lieferung grauer Papierschnitzel, die die Asche des Vulkanausbruchs simulieren sollten. Der Auftrag wurde erfüllt, Produzent und Regisseur waren zufrieden, und einige Monate später meldeten sie sich wieder. Diesmal allerdings wollten sie weiße Papierschnitzel, um Schnee vorzutäuschen. »Meine Firma nahm den Auftrag nicht an, da die Menge zu klein war«, erinnert sich David. »Man muss dazu wissen, dass im Papiergeschäft nach Waggons oder ganzen Zugladungen gerechnet wird. Ein Auftrag über wenige Tonnen kostet mehr, als er bringt.«
David allerdings war der Faszination des Filmgeschäfts erlegen. Er überredete seinen Boss dazu, ihn das Geschäft in seiner Freizeit abwickeln zu lassen. Sofort begann er, mit diversen Papieren zu experimentieren, bis er schließlich bei einem hochweißen Spezialpapier landete, aus dem er den Schnee herstellen ließ. Er verkaufte ihn der italienischen Produktionsfirma, die auch diesmal zufrieden war. Davids Ruf als »Schneemann« begann sich in der Branche herumzusprechen. Weil er nach drei Jahren mit dem Kunstschnee mehr verdiente als in seinem Hauptberuf, beschloss er, sich selbstständig zu machen. Der Euphorie folgte jedoch erst einmal Ernüchterung: »1985, unmittelbar nachdem ich ge-kündigt hatte«, erinnert er sich, »brach die Filmindustrie zusammen, und ich verdiente exakt ganze 998 Pfund in meinem ersten Geschäftsjahr.«
Davids Pioniergeist schmolz aber ebenso wenig wie sein Kunstschnee. Er experimentierte weiter, erfand immer neue Schneevarianten und ist heute mehr oder weniger »Mister Snow« im weltweiten Filmgeschäft. Die frühen Jahre waren hart, denn die Filmindustrie in England war damals ein »closed shop«, das heißt, dass nur Gewerkschaftsmitglieder auf einem Set arbeiten durften. In den USA ist dies noch heute der Fall, was dazu führt, dass Snow Business in Hollywood nur langsam ins Geschäft kommt. David benötigte sechs Jahre, um in die englische Filmgewerkschaft aufgenommen zu werden; bis dahin konnte er nur als Subunternehmer für Spezialeffektefirmen arbeiten. Sein Durchbruch kam vor etwa zehn Jahren mit »Mary Shelley’s Frankenstein« – dem ersten Film, durch den sein Schneeumsatz auf über 100000 Pfund (etwa 145000 Euro) kletterte. Danach kam »101 Dalmatiner« – jetzt rauchte der Schornstein. Interessanterweise war der Film, der bisher am meisten Geld in des Schneemanns Kassen spülte, kein Kinofilm, sondern die TV-Serie »Band of Brothers« von Steven Spielberg: Coole 1,2 Millionen Euro wurden hier verschneit. Der Jahresumsatz von Snow Business liegt derzeit bei etwa zwölf Millionen Euro.
Davids Erfolg zog Nachahmer an wie Licht die Motten. Inzwischen gibt es auch andere Firmen, wie etwa »Sturm Effects« in den USA, die Kunstschnee produzieren und im Filmgeschäft arbeiten. Darüber hinaus hat fast jede Firma, die Spezialeffekte fürs Kino anbietet, die Fähigkeit, Kunstschnee zu produzieren. Keine Angst vor der Konkurrenz? »Absolut nicht«, meint der 47-Jährige und fläzt sich entspannt auf sein Sofa. »Unsere beste Versicherung ist, dass wir Schnee billiger verkaufen können, als andere ihn produzieren.«
Womit wir endlich wieder beim Thema wären: Wie wird das Zeug denn nun produziert, das auf der Leinwand die perfekte Illusion erzeugt? Nur zögerlich rückt David mit einigen wenigen Details heraus – etwa, dass er die Reste einer bestimmten Art von Papier aufkauft, und dass es weltweit nur sechs Fabriken gibt, die dieses Papier herstellen. »Wir haben Exklusivverträge mit allen sechs!« grinst er. Eine der Fabriken stehe in Wales, eine andere in Texas.
Erst der Einwand, es könne doch wohl nicht so schwierig sein, aus Papier einen Haufen Konfetti zu machen und in die Landschaft zu streuen, lockt David aus der Reserve: »Ha, hier liegt der Fehler!« Blitzschnell setzt er sich auf, und seine Augen funkeln. »Wenn man Papier schreddert und zu Konfetti verarbeitet, dann erhält man genau das – Konfetti. Das heißt, eine Masse von kleinen Stückchen Papier, die flach aufeinander liegen und beim ersten Windstoß davonfliegen.« Der wahre Trick, so lernen wir, besteht darin, das Papier nicht zu schreddern, sondern es durch eine Art Sieb zu hämmern; und je größer die Maschen des Siebs, desto größer die Schneeflocken. Der wichtigste Vorteil dieses Prozesses besteht jedoch darin, dass gehämmerte Flocken raue Kanten haben und daher aneinander »kleben« – wie echte Schneeflocken eben. Auf einer beliebigen Oberfläche ausgebracht, verhalten sie sich wie richtiger Schnee, indem sie Luft zwischen den »Flocken« lassen. »Das verleiht diesem Produkt die gleiche durchscheinende Qualität wie richtiger Schnee«, erklärt David stolz. »SnowCel«, so heißt das Produkt, ist sein Baby.
Verschiedene Arten Papier ergeben verschiedene Arten Schnee – aber Papier ist nicht das einzige Medium, aus dem man Kunstschnee herstellen kann. Die Liste von Materialien, die dafür verwendet werden, ist lang: Plastik, Polymere, Kartoffelflocken, Baumwolle und Schaum kommen in diesem weißen Universum ebenfalls zum Einsatz.
Wenn David und seine Schneemänner mal nicht mit dem Einschneien von Filmsets beschäftigt sind, entwickeln und testen sie unentwegt neue Produkte. Im Labor der Snow Mill steht ein Regal mit über 100 kleinen Plastikbehältern – die verschiedenen Schneearten. Doch es geht nicht nur darum, den perfekten Schnee für die Kamera zu erzeugen. In Zeiten zunehmenden Öko-Bewusstseins müssen auch so Produkte wie Kunstschnee umweltfreundlich sein. »Wir verwenden für SnowCel Papier mit einem niedrigen Bleichfaktor, haben aber auch ungebleichtes Papier zur Verfügung«, betont David. Und: »Wir versprühen nichts, wovon wir nicht wissen, wie wir es wieder wegbekommen.«
In der Praxis heißt das etwa, dass ein Schneetreiben in einem Wald nicht mit Papierschnipseln, sondern mit Kartoffelflocken simuliert wird. Warum? Das Papier wieder aus dem Wald zu entfernen, ist fast unmöglich – Schnee aus Kartoffelstärke hingegen ist ein Naturprodukt, das in etwa zwei bis drei Tagen von selbst zerfällt. Das ist umweltfreundlich, und die sonst üblichen Kosten für Entsorgung entfallen: Jeder Filmset muss nämlich nach dem letzten Drehtag wieder in seinen Urzustand gebracht werden. Meistens sammelt man den Kunstschnee einfach mit der Schaufel ein oder pustet ihn mit großen Motorgebläsen von Bäumen oder Gebäuden. Die letzten Reste werden mit Wasser fortgespült und zerfallen dann schnell – Papier ist ja auch nur Holz. In der Tat sieht der Set von Pietje Bell in Gent am nächsten Morgen völlig normal aus: Nichts deutet mehr darauf hin, dass hier tags zuvor der Weihnachtsmann durch Schneegestöber geritten ist.
Auch in der Frühzeit des Kinos gab es schon Kunstschnee – aber der war eine äußerst ungesunde Angelegenheit. So verwendete man in den Dreißigerjahren weißen Asbest (Sie lesen richtig!), den einige Arbeiter in die Luft schaufelten, und der dann den Set einhüllte. In den Fünfzigerjahren wurden weiß getünchte Cornflakes verwendet. Das funktionierte im Prinzip nicht schlecht; wenn allerdings eine der großen und starren »Flocken« auf einem Darsteller landete und dort liegen blieb, war die Illusion beim Teufel.
Eine anderer Schneeersatz, der in dieser Zeit entwickelt wurde, kommt noch heute gelegentlich zum Einsatz: zermahlenes Eis. Es wirkt durchaus echt, zerstört aber darunter liegenden Rasen und andere Gewächse. Das Gleiche gilt für Salz, das deshalb nur sehr vorsichtig für bestimmte Applikationen verwendet wird. »In der Realität arbeiten wir meistens mit einer Mischung aus verschiedenen Materialien«, erklärt David. Beispiel: In einer Einstellung sollen vorne scharf gezeichnete Fußspuren im Schnee zu sehen sein, dahinter eine Actionszene und weiter hinten einfach Schneelandschaft. In diesem Fall verwenden die Schneemänner in unmittelbarer Nähe der Kamera Salz, das sehr klare Abdrücke zeigt; dahinter versprühen sie SnowCel, das realistisch aufstäubt, wenn sich kämpfende Stuntmen darin wälzen; und in größerer Entfernung, wo keine Details mehr erkennbar sind, legen sie einen Schaumteppich. Diese Mischung erzeugt außerordentlich realistische Effekte – und spart Kosten, denn Schaum ist billiger als Kunstschnee. Der Preis für den weißen Spaß wird nach Material und Fläche berechnet: Pro Quadratmeter zahlt die Filmproduktion den Schneemännern etwa 50 Cent für Schaum, vier Euro für Snow-Cel und rund acht Euro für Magnesiumsulfat, das wie Eis und Salz ebenfalls nur gelegentlich verwendet wird.
Der Film ist jedoch nur ein Teil des weltweiten Geschäfts mit Kunstschnee: Event-Veranstalter, Werbefotografen, Auslagendekorateure, Spielzeughersteller und Zauberer – alle spielen gern mit der Winterillusion. Und dabei bekommt manch einer durch den Kunstschnee zum ersten Mal einen Eindruck davon, was Schnee überhaupt ist. David erzählt die Geschichte von einem australischen Regisseur, der bei einer Werbeproduktion vor dem eigentlichen Drehtag unbedingt Tests mit dem weißen Zeug machen wollte. Nachdem David und seine Leute die Szene eingeschneit hatten, nahm der Australier eine Handvoll Schnee, warf sie in die Luft, drehte sich zu seinem Team um und fragte: »Sieht Schnee wirklich so aus?« – er hatte noch nie in seinem Leben richtigen Schnee gesehen.
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