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Verhaltensforschung & Zoologie

Tierväter

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Sie helfen bei der Geburt und kümmern sich liebevoll um den Nachwuchs. Ihr Familiensinn hängt allerdings von unterschiedlichen Faktoren ab, für die sie gute Gründe haben. Zum Beispiel Egoismus.

Heribert ist der beste Papa der Welt. Sobald sich Nachwuchs ankündigt, baut er ihm ein Nest. Bei der Geburt zieht er ihn eigenhändig aus dem Geburtskanal, entfernt die Fruchtblase und wischt ihn sauber, damit er gut atmen kann. Außerdem betätigt er sich als Babysitter, wenn Mama mal nicht zu Hause ist. Von Heribert könnte sich selbst manch menschlicher Vater einiges abschauen. Heribert ist kein Mensch. Er ist ein Campbell-Zwerghamster: ein Vieh mit Vorbild-Funktion.

Andere Tierväter nehmen es mit ihrer Aufgabe im Familienverbund weniger genau. Würmer treffen sich nur zum Sex. Die meisten Insekten, Amphibien und Reptilien machen sich nach der Eiablage aus dem Staub. Fische wie der Sandgrundler tun besorgt um ihre Eier, solange sie unter der Kuratel ihrer Herzdame stehen. Ist sie außer Sichtweite, scheren sie sich nicht mehr um den Nachwuchs. Störche werfen die schwächsten Küken manchmal aus dem Nest, Mäuse beißen ihre Neugeborenen unter Umständen tot.

Möglichst viele Weibchen begatten, um die eigenen Gene zu streuen – dieses Verhalten wird dem männlichen Geschlecht von der Evolutionsbiologie gern zugeschrieben. Ein richtiger Kerl sei dazu da, Vater zu werden, und nicht, Vater zu sein, heißt es. Doch es geht auch anders, wie Hamster Heribert zeigt. Ob ein Männchen ein guter Vater ist, hängt neuen Erkenntnissen zufolge von vielen Faktoren ab: den Genen, der Umwelt, den Hormonen und den persönlichen Erfahrungen. Verhaltensforscher und Biologen zimmern ein immer komplexeres Bild vom Vatersein.

Statt mit schnellem Sex möglichst viele Nachkommen zu zeugen, kann ein Männchen sich um seinen Nachwuchs kümmern und dadurch dessen Überlebenschance erhöhen. Welche Strategie die bessere ist, hängt vom Sozialsystem der Tierarten, vor allem aber von ihrer Umwelt ab. Striemengrasmäuse, die in der Halbwüste Südafrikas leben, sind fürsorgliche Väter, ihre Verwandten im feuchten Grasland nicht. Wie kann es sein, dass in einer Art Hausmänner und Hallodris zugleich vorkommen? »Ein Striemengrasmaus-Männchen in der Halbwüste lebt mit mehreren Weibchen zusammen und hat deshalb genügend Zeit und Energie, sich um den Nachwuchs zu kümmern«, erklärt Carsten Schradin, Biologe und Tierväter-Experte an der Universität Zürich. »Ein Striemengrasmaus-Männchen im Grasland muss ein einen Hektar großes Gebiet abklappern, um überhaupt ein Weibchen zu finden – da bleibt weder Zeit noch Kraft fürs Vatersein.« Dass die Wüstenmäuse einen Harem bilden, die Graslandmäuse Junggesellen bleiben, hängt auch mit der Ernährungssituation in ihrer Heimat zusammen: In der Halbwüste gibt es für die Mäuse mehr zu knabbern als im Grasland, wo zwar saftige Gräser, aber kaum nahrhafte Samen wachsen.

Väter kommen ihren Pflichten vor allem dann nach, wenn sie sicher sein können, dass der Nachwuchs von ihnen stammt. Wer zieht schon gern ein Kuckuckskind groß? Laut einer Studie der amerikanischen Virginia Commonwealth University sind fünf bis zehn Prozent der Menschenkinder den vermeintlichen Vätern untergeschoben – keine motivierende Aussicht. Auch die Männchen im Tierreich fürchten die Eskapaden der Weibchen, die manchmal mehr auf die Fitness der Väter als auf die eigene Treue achten. Um sicherzugehen, dass sie ihre Kraft nicht in fremde Brut investiert, wickelt sich die männliche Geburtshelferkröte die von den Weibchen gelegten Eischnüre um die Hinterbeine und trägt sie mit sich spazieren. Männliche Kreuzwelse brüten ihren Nachwuchs in ihrem Maul aus. Die Gene machen den Vater zur Glucke.

Viele Fische und Vögel legen sich aber auch ohne einen solchen »Vaterschaftstest« mächtig ins Zeug. Das Stichlingsmännchen fächelt den Eiern Frischwasser zu und säubert das Nest von Pilzen. So viel Fürsorge macht sexy und lockt weitere Weibchen zur Eiablage an. Der Thermometerhahn misst mit seinem Schnabel regelmäßig die Temperatur im Nest. Bei Laufvögeln wie Emus und Kiwis übernehmen die Männchen das Brüten sogar allein.

Nach der Geburt kümmern sich 70 Prozent der Vogelarten gemeinsam um den Nachwuchs. Bei Singvögeln hören die Jungen in erster Linie auf den Papa: Der nämlich trällert, während die Mama meist den Schnabel hält. Sogar alleinerziehende Väter sind im Tierreich zu finden: Der Grillkuckuck übernimmt die komplette Aufzucht der Jungen, während das Weibchen sich anderweitig vergnügt und mit einem neuen Grillkuckuck eine Zweitfamilie gründet. Auch Frauen können ihre Männer ganz schön sitzen lassen.

Dabei zeigt Mann sich mitunter bereits während der Schwangerschaft solidarisch mit den Frauen: Wie sie legt auch er ein paar Kilo zu. Wie sie leidet auch er an Kopfschmerzen und Übelkeit. Schwangerschaftssyndrom oder Couvade-Syndrom wird dieses Phänomen genannt. 20 bis 50 Prozent der Menschenväter in Europa entwickeln es – vor allem mitfühlende und engagierte Männer oder solche, die »Gebärneid« gegenüber ihren Frauen entwickeln, vermuten Psychologen.

Lange war das Couvade-Syndrom nur beim Menschen bekannt. Vor einigen Jahren aber wurde es auch bei Weißbüschelaffen entdeckt. Während das Weibchen trächtig ist, nimmt auch das Männchen einige Gramm zu. Dieser Schwangerschafts-Speck hat einen praktischen Nutzen. Nach der Geburt ist der Papa nämlich als Babysitter gefragt: Geht die Familie auf Nahrungssuche, krallt sich der Nachwuchs am liebsten am Fell des Vaters fest. 20 Prozent seines eigenen Körpergewichts muss er zusätzlich mit sich herumschleppen – von morgens bis abends. Da kommt das Energiepolster gerade recht.

Bereits vor der Geburt läuft im männlichen Gehirn ein tief verankertes Programm ab – das der aktiven Vaterschaft, meint die Psychologin Anne Storey von der Memorial University of Newfoundland. Der Motor für dieses Programm sind die Hormone. Sie spielen während der Schwangerschaft nicht nur bei Frauen, sondern – man höre und staune – auch bei Männern verrückt, bei Tieren ebenso wie bei Menschen.

Storey zapfte 34 Menschenvätern vor und nach der Geburt ihres Kindes Blut ab und fand heraus: Drei Wochen vor der Geburt steigt der Prolaktin-Wert der Männer um durchschnittlich 20 Prozent an. Prolaktin ist das Hormon, das bei Frauen die Milchproduktion anregt. Außerdem löst es mütterliches Verhalten aus: Wenn man es Ratten verabreicht, beginnen selbst jungfräuliche Tiere Nester zu bauen und fremde Junge abzulecken. Auch bei Tiervätern wie Weißbüschelaffen, Königspinguinen, Kalifornischen Hirschmäusen und Wölfen wurden erhöhte Prolaktinwerte gemessen. Bei den Menschenvätern wird die Ausschüttung des Hormons wahrscheinlich durch bestimmte Geruchsstoffe der Schwangeren oder durch das veränderte Paarverhalten während der Schwangerschaft ausgelöst, vermutet Storey.

Nach der Geburt mutieren viele Männer – hormonell gesehen – vom Macho zum Familienmenschen. Der Gehalt des Männlichkeitshormons Testosteron in ihrem Blut sinkt um durchschnittlich ein Drittel ab, und ihre Fürsorglichkeit steigt.
Das Erstaunliche ist: Der Hormoncocktail kommt nicht nur bei leiblichen Vätern, sondern auch bei Adoptiveltern in Wallung.

Zu den bekanntesten Adoptivvätern im Tierreich zählt Spindle, ein halbwüchsiges Schimpansenmännchen im afrikanischen Gombe-Nationalpark. Unter den Augen der Verhaltensforscherin Jane Goodall nahm Spindle den kleinen Mel auf, dessen Mutter gestor-
ben war. Ohne Hilfe wäre Mel verendet. Spindle aber kümmerte sich um ihn, obwohl die beiden Schimpansen weder verwandt noch verschwägert waren. Was, wenn nicht die Gene, ließ Spindle zum Samariter werden? Die Hormone? Ein einprogrammiertes Fürsorge-Notfallprogramm? Seine Moral? Oder positive eigene Erfahrungen?

Präriewühlmäuse werden bessere Papas, wenn sie selbst von einem guten Vater aufgezogen wurden. Weißbüschelaffen sammeln wertvolle Erfahrungen, indem sie ihre jüngeren Geschwister betreuen. Werden sie selbst Vater, stellen sie sich von Mal zu Mal geschickter mit dem Nachwuchs an. Vaterliebe ist nicht nur angeboren, sondern auch anerzogen. Sie wächst und gedeiht – ebenso wie Mutterliebe.

Lange Zeit wurde Mutterliebe als »basic instinct« betrachtet, als ein »Verhaltensmuster, das nicht erlernt, sondern genetisch vorgegeben ist«, wie das Lexikon den Begriff Instinkt definiert. Stimmt nicht, meinen immer mehr Wissenschaftler. »Die Idee der unbedingten Bindung einer Mutter an ihr Kind ist ein Mythos«, sagt die amerikanische Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy.

Die Natur hat den Frauen ein Fenster gelassen, um sich ohne allzu große emotionale Kosten von ihrem Kind zu trennen – bis zu 72 Stunden nach der Geburt bleibt es offen. Danach wird alles auf Abhängigkeit gepolt: Schon der Blick ins Babygesicht aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn. Da geht es Müttern und Vätern ganz ähnlich.

Ein besonders skurriler Fall von Vaterliebe findet sich in einem Tierpark nahe London. Dort leben Carlos und Fernando, zwei schwule Flamingos. In guter Vogelmanier wünscht sich das Paar nichts sehnlicher als Nachwuchs und klaut anderen, heterosexuellen Paaren immer wieder die Eier. Fürsorglich brüten die beiden das Diebesgut aus und ziehen die Jungtiere groß. Das geht auch ohne weibliche Hilfe, weil Flamingos in ihrem Kehlkopf die sogenannte Kopfmilch produzieren – ein fetthaltiges, dunkelrotes Sekret –, mit dem sie den Nachwuchs füttern.

Bei den Säugetieren hingegen ist die Milch-Produktion den Müttern vorbehalten – meistens jedenfalls. Zwei asiatische Fledermausarten bilden die Ausnahme: Bei ihnen haben auch die Männchen manchmal Milch. Allerdings ist nicht ganz klar, ob dies freiwillig geschieht. Vielleicht, vermuten Wissenschaftler, bringen Pestizide den Hormonhaushalt der Männchen durcheinander. Ob die Milchmänner ihre Fähigkeit als Amme tatsächlich nutzen, ist ebenfalls unbekannt.

Es liegt in der Natur der Sache, dass bei Säugetieren in der ersten Zeit nach der Geburt vor allem die Mutter für den Nachwuchs sorgt. Der Vater bleibt außen vor. Seine Fürsorge aber ist wichtig. Während die Mutter die Kinder vor allem hegt und pflegt, sorgt der Vater für Unterhaltung und Bewegung. Wie sicher er im körperlichen Umgang mit den Kleinen ist, hängt unter anderem davon ab, ob er bei ihrer Geburt dabei war oder nicht: 90 Prozent der Menschenväter erleben diesen Augenblick bei uns mittlerweile mit. Das tut gut: In der Folge verbringen sie mehr Zeit mit ihren Kindern und haben mehr Freude an ihrer Aufgabe.

Für die Kinder ist die Präsenz des Vaters langfristig wichtig. Untersuchungen zufolge entwickeln Jungs mit Vater ein stärkeres Selbstwertgefühl als Jungs ohne Vater. Außerdem werden sie seltener straffällig und haben weniger Probleme, intim zu sein. Vaterlose Mädchen kommen, statistisch gesehen, früher in die Pubertät, haben früher Sex, werden früher schwanger und sind im späteren Leben anfälliger für Stress.

Eines aber kann selbst der beste Mann seiner Frau nicht abnehmen: die Geburt! Oder etwa doch? Biologe Schradin weiß es besser: »Bei den Seepferdchen hat die Natur den Spieß umgedreht. Dort ist Kinderkriegen Männersache.«

Zum Vorspiel treffen sich die Seepferdchen im Morgengrauen. Die Schwänze ineinandergehakelt, tänzeln sie stundenlang durchs Wasser. Nach ein bis zwei Tagen schiebt das Weibchen seine Eier in die Bruttasche des Männchens – Befruchtung einmal anders.

Diese Bruttasche war ursprünglich wahrscheinlich eine einfache Falte am Bauch des Männchens, in der es den Nachwuchs herumschleppte. Im Laufe der Zeit wurde aus der Falte ein verschließbarer Beutel. Ist er mit Eiern gefüllt, hat das Seepferdchen-Männchen einen richtigen Schwangerschaftsbauch. In ihm werden die Eier mit Sauerstoff und wahrscheinlich auch mit Nährstoffen versorgt. Nach einigen Wochen schlüpfen die Jungen aus den Eiern, und der Vater presst sie unter stundenlangen Windungen aus dem Brutbeutel hervor. Pro Wurf können es locker tausend Jungtiere sein. Sie sind nur wenige Millimeter groß, aber schon richtig selbstständig. Eine reife Leistung vom Seepferdchen-Papa. Hamster Heriberts Thron als bester Vater wackelt.

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Autor/in: Bettina Gartner


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