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Wissenschaft aktuell

Telefonieren ohne Sendemasten

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Telefonieren ohne SendemastenTelefonieren ohne Sendemasten

Eine radikal vereinfachte Massenkommunikation sieht der US-Physiker Andrew Lippman voraus. Im Medienlabor des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston entwickelt er Handys, mit denen man nicht nur telefonieren kann: Diese Mobiltelefone können gleichzeitig die Gespräche von anderen Netzteilnehmern empfangen, verstärken und weiterleiten – ohne dass man davon etwas mitbekommt.

Mit dieser Technologie würde die bisherige Infrastruktur aus Funkmasten, Antennen und Verkabelungen überflüssig. »Das kostspielige Rückgrat unserer Kommunikation fällt einfach weg«, sieht der MIT-Forscher voraus. Die dahinter stehende Philosophie bezeichnet er im Interview mit P.M. als »technologischen Graswurzelansatz«, der nicht horizontal, sondern vertikal wirkt. »Stellen Sie sich eine alte Eiche vor mit ihrem knorrigen Stamm, der Baumkrone und den Blättern daran«, sagt Lippman.

Ähnlich dem pflanzlichen Leitungssystem würde auch die technische Intelligenz vom Stamm zu den Blättern wandern, die sich nach und nach vom Rest des Baumes unabhängig machen, indem sie sich selbst organisieren. Diese »Blätter-Intelligenz«, so Lippman, habe zum ersten kommunikationstechnologischen Umbruch geführt, als Anfang der 1980er Jahre der Siegeszug der Personal Computer begann, die unabhängig von den Großrechnern des IBM-Imperiums funktionierten. In den 1990er Jahren seien die PCs die Grundlage für die rasche Verbreitung des Internets gewesen.

Diese Entfesselung der Kommunikation wird nach Überzeugung Lippmans bald in die dritte Runde gehen. Je mehr Menschen Mobiltelefone benutzten, desto günstiger seien die Voraussetzungen für eine »viral communication«: Wie ein Virus könnte sich die Kommunikation quasi epidemieartig von Handy zu Handy ausbreiten. Ein Anruf würde so lange zwischen den Geräten hin und her »hüpfen«, bis er beim angewählten Empfänger ankommt.

Experimente im Medienlabor haben gezeigt, dass dieses System in Stadtgebieten mit hoher Handy-Dichte mit verschwindend geringer Energie funktioniert. »Zur Erhöhung seiner Kapazität«, glaubt Lippman, »könnte man sogar noch alle anderen elektronischen Geräte wie Digitalkameras in die Virus-Kommunikation einbeziehen.« Derzeit konzentrieren sich die Studien der MIT-Forscher da-rauf, aus dem elektromagnetischen Spektrum die passenden Wellenlängen für die neue kooperative Kommunikationsarchitektur auszuwählen.

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Autor/in: Wolfgang C. Goede


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