Diese Seite bookmarken:

Diese Seite bookmarken

Familienwappen

Symbole für die Ewigkeit

Kein Adelshaus ohne eigenes Wappen. Aber auch bürgerliche Familien legen sich gern eines zu. Was steckt hinter dieser Tradition? P.M. PERSPEKTIVE hat einen Heraldiker besucht.

Dieser Artikel stammt aus P.M. Perspektive
Hier geht's zum aktuellen Heft »

Das Metier der Familienwappen erlebt derzeit einen BoomDas Metier der Familienwappen erlebt derzeit einen Boom

Das Metier der Familienwappen erlebt derzeit einen Boom

iStockphoto
Wer schon immer davon geträumt hat, seinem Status als bürgerlicher Otto-Normalverbraucher kräftig auf die Sprünge
zu helfen, wird beim Online-Auktionsportal Ebay fündig: Hier kann jedermann Urkunden erstehen, die angeblich zur Führung von Adelstiteln wie »Graf zu Stauffenburg«, »Gräfin von Hohenfels« und dergleichen berechtigen. Das eigene Wappen gibt’s obendrein dazu. Und das alles schon für 39,90 Euro! Ein paar Mausklicks, eine Überweisung an einen der zahlreichen obskuren Anbieter – und schon können sich Müller, Meier oder Schmidt ihre Urkunde nebst »Adelswappen« über den Kamin hängen.

 

Beeindrucken kann man damit allerdings nur jemanden, der von Wappenkunde (Heraldik) keine Ahnung hat. »Wenn ich so was sehe, stehen mir die Haare zu Berge«, seufzt Rolf Sutter, der seit 31 Jahren als wissenschaftlicher Leiter bei »Pro Heraldica« in Stuttgart arbeitet. Zusammen mit rund 50 Kollegen widmet er sich hier der Historie und Neuschöpfung von Wappen. Man merkt ihm an, dass er seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat: »Wenn man Wappen auf sich wirken lässt, ist ein großes ästhetisches Vergnügen dabei«, schwärmt er und betont dann, dass ihn an seiner Arbeit besonders die Verbindung von Wissenschaft und Kreativität begeistert. Und weil beides von den schwarzen Schafen auf dem Markt so sträflich vernachlässigt wird, packt ihn beim Gedanken an die Billigkonkurrenz das schiere Grausen.

Oder das Mitleid mit den Leuten, die auf so was hereinfallen. Dass man durch ein Schriftstück nicht einfach so zum Adligen wird, sollte eigentlich jedem einleuchten. Anders verhält es sich mit den Wappen: Wo hier die Fallstricke liegen, ist einem Laien in der Regel nicht bekannt. Um es vorwegzunehmen: Auch Bürgerliche können sich natürlich mit einem Wappen schmücken, aber eben nicht mit irgendeinem. Es muss dem strengen Regelwerk der Heraldik genügen. Und es muss bei einer seriösen »Wappenrolle« registriert sein.

Sutter gibt solch eine Schriftreihe heraus, die »Allgemeine Deutsche Wappenrolle«. Darin ist vor allem festgelegt, wie das Familienwappen aussieht und welcher Personenkreis es führen darf. Beides ist zwingend notwendig, um die Gefahr von Dubletten auszuschließen und zu verhindern, dass Nichtberechtigte ein bestimmtes Wappen verwenden. In Europa sind circa 1,5 Millionen Wappen bekannt, so genau weiß das niemand. Wer da den Überblick behalten will, braucht viel Erfahrung und umfassende Sachkenntnis – so wie der studierte Germanist und Kunsthistoriker Rolf Sutter.

Der Weg zum Besprechungszimmer von »Pro Heraldica«, in dem er seinen Gast von P.M. PERSPEKTIVE empfängt, führt durch Flure, an deren Wänden verästelte Stammbäume prangen. Und dazwischen immer wieder Wappen, große und kleine, jedes einzelne ein Kunstwerk. Manche symbolisieren schon seit Jahrhunderten die Geschichte einer Familie, andere sind ganz neu und sollen diese Funktion für kommende Generationen erfüllen. Ahnenforschung und Familienwappen, das war noch vor 30 Jahren ein Thema für Rentner, sagt Sutter. Doch seitdem hat sich der Altersdurchschnitt der »Pro Heraldica«- Kundschaft erheblich gesenkt, er liegt derzeit bei etwa 47 Jahren. Selbst Kinder und Jugendliche zeigen sich begeistert, wenn er in Schulen seine Wappen vorstellt oder durch Ausstellungen führt. Das Metier erlebt einen regelrechten Boom.

Ob das auch etwas mit gesellschaftlichen Umbrüchen und Modernisierungskrisen zu tun hat? »Mit Sicherheit«, nickt Sutter. In einer Zeit raschen Wandels frage sich der Mensch immer öfter, »was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr bin? Kann ich etwas schaffen, was einen Rückerinnerungswert an mich hat?« Da sei ein Wappen besonders gut geeignet, denn »es wird ja ein Familiensymbol entwickelt, und für den Stifter geht der Wunsch nach einer Art ›kleiner Unsterblichkeit‹ in Erfüllung.« So gesehen liegt in der Arbeit eines Heraldikers eine gewaltige Verantwortung. Um ihr gerecht zu werden, nimmt sich Sutter für jeden Kunden viel Zeit, bespricht Inhalte und grafische Gestaltung des gewünschten Wappens bis ins Detail, passt seine Entwürfe an, so lange, bis der Kunde vollauf zufrieden ist. Wichtig ist, dass das Wappen eine bildhafte Botschaft über die Familiengeschichte des Auftraggebers oder dessen Persönlichkeit transportiert – nur so kann es seiner identitätsstiftenden Funktion gerecht werden.

P.M. Perspektive 4/2011

Lesen Sie den vollständigen Artikel in der aktuellen P.M. Perspektive »Die geheime Welt des Adels«– noch bis 03. Februar 2012 im Zeitschriftenhandel.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (1 Bewertung)


Mehr zum Thema:

Einsortiert unter:

Abstammung  /  Familie  /  Stammbaum  /  Wappen