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Energiewirtschaft

Stromern im Netz

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Stromern im NetzStromern im Netz

Sie wollen die Batterie Ihres Elektroautos als Stromspeicher nutzen und damit Geld verdienen? Wie das geht, lesen Sie hier.

Helga Musterfrau ist seit einem Monat stolze Besitzerin eines Elekt­roautos vom Typ »Alva-Nikola«. Ein kleines, chices Cabrio mit Batterieantrieb. Eigentlich interessiert sich die 33-jährige Designerin nicht so wirklich für Autos, und täglich benutzen will die Düsseldorferin ihren zweisitzigen Roadster auch nicht. Aber sie hat aufgehorcht, als sie davon hörte, man könne mit einem Elektroauto zusätzlich Geld verdienen. Dann wird das Auto mit seiner Batterie zum Kraftwerk, an einer eigenen Börse wird mit Strom gehandelt. Je nach Angebot und Nachfrage ergibt sich der Energiepreis im Netz, können Energiemengen ausgetauscht, die unterschiedlichen Preise genutzt und die Differenz einkassiert werden. Dies kann durch einen intelligenten Algorithmus im Fahrzeug selbst gesteuert werden. Das Auto wird zum Börsenmakler. Eine pfiffige Idee, leider noch Zukunftsmusik. Doch diese Zukunft ist nicht allzu fern.

Davon ist Siemens-Forscher Gernot Spiegelberg überzeugt. Wenn es nach ihm geht, sollen bereits in sechs Jahren große Mengen an Elektromobilen durch die Straßen der Ballungsgebiete rollen. Hier wird die neue Mobilität zuerst einschlagen. 2015 wird es weltweit 60 Megastädte mit mehr als fünf Millionen Einwohnern geben – fast doppelt so viel wie noch vor 20 Jahren. Gleichzeitig wird das Automobil immer mehr zum »Stehfahrzeug«: Nur eine Stunde am Tag fährt das Auto, 95 Prozent seiner Zeit ist das Auto also abgestellt. Und ebenfalls 80 Prozent der deutschen Autos legen täglich nicht mehr als 50 Kilometer zurück. Daran wird auch das Elektromobil nichts ändern. Aber mit ihm bieten sich ganz neue, ungeahnte Chancen.

Die neue Elektromobilität wird die Elektrizitätswirtschaft revolutionieren, findet auch Jörg Kruhl von Eon. »Denn in jeder Batterie lagert wertvoller Strom, der zu schade ist, um nicht genutzt zu werden, und nur darauf wartet, irgendwann den Elektromotor anzutreiben«, wie der Eon-Stratege meint. Er verantwortet in dem Energiekonzern die Forschungsaktivitäten. Ihm schwebt vor, dass die Elektroautos, wenn sie mal wieder an der Elektrotankstelle stehen, sich über das Ladekabel eingeloggt haben, mit der Stromzentrale kommunizieren.

Dann werden Protokolle geführt: Ich, »Alva-Nikola«, kann 20 Kilowatt zwischen 7 und 9 Uhr ins Netz einspeisen. Montags in der Früh ist der Strombedarf groß, vor allem im Winter, wenn es noch dunkel ist und der Arbeitstag beginnt. Natürlich muss auch Helga Musterfrau ins Büro. Sie aber will die Tram benutzen, hat keine Lust aufs Autofahren. Am Abend hat sie ihr Elektro-Cabriolet in der Tiefgarage abgestellt, mit der Stromsäule verbunden und den Auftrag eingegeben, zum günstigsten Tarif bis 7 Uhr in der Früh die Batterie zu laden. Dann sollen die 20 Kilowatt bestens verkauft werden.

»Ihr Geschäftsmodell sind die zwölf Cent pro Kilowatt Ladestrom beim Einkauf und die 17 Cent beim Verkauf«, meint Kruhl. Und in der Batterie bleibt auf jeden Fall noch so viel Strom gespeichert, dass es zur Fahrt ins Büro reicht. Hier ist je nach Bedarf die teure Schnellladung innerhalb von 30 Minuten möglich oder das billige Tanken. Das kostet allerdings vier Stunden. Für Helga kein Problem, ihr Arbeitstag dauert mehr als acht Stunden. In der Jahresabrechnung ließen sich dann 100 bis 300 Euro erwirtschaften.

Warum gerade der Energieriese in dieses Geschäft der Elektromobilität einsteigen will, ist für den Strategen Kruhl offensichtlich. »Europaweit betreuen wir 15 Millionen Kunden.« So weiß der Konzern allein aus dem Stromverbrauch einiges über sie und ihre Gewohnheiten. Diese Geschäftsbeziehung weiter auszubauen und Elektrizität und Mobilität in einem Paket zu einem lukrativen Geschäftsmodell zu schnüren, sieht Kruhl als eine seiner Aufgaben. »Heute verkaufen wir Energie für Waschmaschine, Computer oder Haushalt. Wenn wir zukünftig Mobilität anbieten und die Stromspeicher intelligent vernetzen, sehe ich eine gewaltige Ausweitung unseres Geschäfts.«

Es gibt bereits erste Rechnungen, die das Potential des vernetzten Batterie-Kraftwerks zeigen. Als Faustregel gilt: Ein Windrad mit drei Megawatt Spitzenleistung bietet das Äquivalent zu 300 batterieelektrischen Fahrzeugen. Die Elektroautos könnten als Puffer und Reserve zugleich dienen, um Angebots- und Verbrauchsspitzen auszugleichen. Hochgerechnet bedeutet dies laut Spiegelberg, dass schon 200 000 intelligent vernetzte Elektromobile ausreichen, um sämtliche Reservekraftwerke zu ersetzen, die die Spannungsspitzen bei erhöhtem Verbrauch morgens wie mittags oder den Totalausfall von Kraftwerken ausgleichen.

Wie die neue Elektromobilität unser Leben verändern könnte, zeigt die Firma »Better Place« mit Sitz an der Westküste der USA. Der Chef des Start-up-Unternehmens, Shai Agassi, orientiert sich an dem Geschäftsmodell der Telefongesellschaften. Nur werden jetzt nicht Handys, sondern E-Cars subventioniert oder gar kostenlos den Kunden zur Verfügung gestellt. Wie beim Telefonieren Gesprächsminuten abgerechnet werden, sind jetzt die gefahrenen Meilen zu bezahlen.

Damit die Elektroautos auch auf viele Einsatzstunden kommen, will »Better Place« die notwendigen Batterien nicht im Fahrzeug, sondern an speziellen Servicestationen auftanken. Droht der elektrische Saft zu versiegen, fahren die Autos zur Stromtankstelle, und dort wird von Robotern die leere gegen eine volle Batterie getauscht.

Ausgedacht hat sich das System der ehemalige Vertriebsvorstand des Softwareunternehmen SAP, Shai Agassi. Gemeinsam mit Renault will er seine Ideen zuerst in Israel und Dänemark verwirklichen. »Wenn Sie mir für dieselbe Fahrstrecke, für die Sie heute einen Liter Benzin brauchen, ebenfalls 1,50 Euro geben und einen Vierjahresvertrag mit uns unterschreiben, dann schenken wir Ihnen das Elektroauto dazu, unseren Renault Laguna. Das funktioniert wie bei einem Handyvertrag. Und nach vier Jahren kriegen Sie wieder ein neues Elektroauto. Wollen Sie eine Mercedes E-Klasse oder einen BMW X5 als Elektrofahrzeug, das zu unserer Batterieplattform passt, dann müssen Sie eben etwas draufzahlen – wie heute bei den Handys üblich«, sagte Agassi dem Fachmagazin Auto, Motor und Sport.

Nun kann Helga Mustermann sich noch etwas Zeit lassen mit dem Autokauf und überlegen, ob sie vielleicht doch besser Mobilität kauft und das Elektroauto obendrauf noch geschenkt bekommt.

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