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Essay
Steckt Gott im Quant?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Sind Wissenschaft und Religion wirklich so unvereinbar? Oder Kann man mithilfe der Quantenphysik nachweisen, dass sie zusammengehören - als zwei Erfahrungsweisendes modernen Menschen, die einander ergänzen?
Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wer sind wir? In diesen existenziellen Fragen nach der Conditio humana liegt nicht nur der Ursprung aller Religion, sondern auch der Urgrund der Zivilisation. Wir sind Menschen, weil wir uns diese Fragen überhaupt stellen können. Aber auch, weil wir sie stellen müssen.
Unser Hirn, diese komplexeste Ansammlung von Zellen im Universum (zumindest in unserem derzeit bekannten), sucht unentwegt eine Antwort. Wie konnte es zur »großen Unwahrscheinlichkeit« der menschlichen Existenz kommen? Was wird mit uns nach dem Tod? Das Universum in unserem Kopf beharrt auf einer Antwort. Hartnäckig. Unweigerlich. Tag und Nacht.
Drei Dimensionen sind es, die das Religiöse im Menschen erschließt: erstens den Kontext menschlicher Existenz. Im Zentrum allen Glaubens steht eine Schöpfungsgeschichte, die uns einen Ursprung und eine Perspektive deutet. Aus der linearen Unendlichkeit des Zeitstroms formt Religion etwas Zyklisches – und verleiht dem Universum damit eine erkennbare Gestalt.
Zweitens bieten Religionen immer eine Hoffnung auf Erlösung: Die menschliche Existenz ist von Leid, Fehlbarkeit und Sterblichkeit geprägt, und deshalb hungern wir nach einer Transformation, die uns ein Ende des Leidens und die Überwindung der Endlichkeit verspricht.
Drittens ist Religion, wie die US-Religionssoziologin Karen Armstrong festgestellt hat, stets mit einer Grundidee von Empathie verbunden. Religionen regeln in der Spiegelung des Göttlichen immer auch das Soziale. Sie bieten Rituale, in denen die tiefsten menschlichen Gefühle – Trauer, Liebe, Kontemplation, Gemeinschaft – ein Gefäß finden. Sie entwickeln Imperative des Verhaltens, die das Leben ordnen, wo Gut und Böse ihren Platz finden.
Der Streit um die Religion, wie er derzeit in Amerika im Konflikt zwischen »Kreationisten« und »Evolutionisten« in seine – wie vielte? – Runde geht, ist dabei eigentlich ein Streit um des Kaisers Bart. Ausgerechnet Richard Dawkins, der berühmte Evolutionswissenschaftler mit dem Hang zu antireligiöser Polemik, legt in seinen Büchern wie »Der Gotteswahn« immer wieder dar, wie Religiosität zwangsläufig aus dem anthropologischen Erbe des Menschen entsteht: »Wir denken, also glauben wir!« Angesichts der Demütigungen, die die menschliche Existenz immer wieder erfährt, durch Sterblichkeit, Vergänglichkeit, Leid, scheint die Idee der Transzendenz nicht verzichtbar. Wir MÜSSEN glauben, wenn wir nicht verzweifeln wollen.
Trotz Aufklärung, Materialismus und Rationalismus hat die Anzahl der »Real-Atheisten« deshalb kaum abgenommen. Zwischen 50 und 80 Prozent aller Deutschen, je nach Studie und Fragestellung, glauben an ein »höheres Wesen«. Über 50 Prozent bezeichnen sich im weiteren Sinn als Christen. Gleichzeitig bietet das personalisierte Gottesbild für immer mehr Menschen eine ungenügende Antwort. Deshalb wuchern unzählige Formen urbaner Spiritualität, gedeihen Puzzle-Religionen und Esoterik-Kulte, in denen fröhlich nach Lust und Bedarf Religiöses und Quasireligiöses kombiniert wird: Seelenwanderung, Reinkarnation, Wasseradern, Astralmagie, Parapsychologie, Wunderheilung, ein wenig Buddhismus, garniert mit einer Prise Naturglauben.
Bleibt dies also das ewige Schicksal der Religion? Zerfall alter kirchlicher Dogmen – gefolgt vom ewigen »Retro«, wobei an den Rändern dieses Prozesses stets alle Spielarten des Obskurantismus blühen? Lassen sich Geist und Glaube, Wissenschaft und Transzendenz niemals vereinen?
An den Frontlinien der modernen Wissenschaften stapelt sich derzeit das Material zu einer vierten Kopernikanischen Wende. Nach den »drei Kränkungen«, in denen die menschliche Position im Kosmos radikal relativiert wurde (Kopernikus, Darwin und Freud), entsteht nun eine weitere Öffnung in den Weltbildern, ein Spalt, durch den wir in einen anderen Sinnzusammenhang sehen können. In Zentrum dieses Durchblicks steht die Quantentheorie.
Anfang des 20. Jahrhunderts war bekannt, dass sich Licht unter gewissen Umständen wie ein Teilchenstrom verhält. Louis de Broglie schlug 1924 umgekehrt vor, Elektronen und anderen massebehafteten Teilchen Wellencharakter zuzuschreiben, und begründete damit jenen Welle-Teilchen-Dualismus, auf dem die Quantenphysik beruht.
Das Verhältnis von Quanten-Welt zu Materie-Welt kann man in etwa mit »Hardware zu Software« beschreiben – wobei das »Harte« die Quanten-Welt, das »Weiche« aber die Materie darstellt (eine interessante Umdrehung, die für das Verständnis des Ganzen von enormer Bedeutung ist). Oder, in biologischer Logik, als »Genotyp« und »Phänotyp«: Materie sind jene »Erscheinungen«, die sich aus Quantenaktivitäten bilden.
Quanteneffekte scheinen in vielen Bereichen für die »dynamische Komplexität« in unserem Universum verantwortlich zu sein. Sie setzen dabei offenbar physikalische Grenzen außer Kraft, etwa das Limit der Lichtgeschwindigkeit – der Grund dafür, dass Einstein die Quantentheorie für Unsinn hielt. Ohne Quantendynamik, so wäre der Umkehrschluss möglich, wäre das Universum kalt, leer und mechanisch; ein tickendes Uhrwerk ohne die Wunder der Evolution.
Solange wir die Realität nicht beobachten, so behauptet die Quantenphysik, wirkt sie merkwürdig verschwommen. Die Heisenberg’sche Unschärferelation, kurz auf den Punkt gebracht: Ein Teilchen wird erst dann real, wenn wir es beobachten – mithilfe von Messinstrumenten oder auch Augen und Ohren. Bevor wir es beobachten, nimmt es eine »Superposition« ein, also einen Überlagerungszustand. Es ist »sowohl als auch« ...
Die naheliegende Botschaft: Wir kreieren durch Bewusstseinsprozesse das Universum. Spätestens an dieser Stelle enthüllt sich auch die philosophische »Monkey-Trap«, die Affenfalle der Quantentheorie. Wie Affen in eine hohle Kokosnuss fassen, in der etwas äußerst Leckeres liegt, und dann vor lauter Gier nicht mehr die Hand herausbekommen, lässt sich aus den Erkenntnissen der Quantenmechanik leicht ein esoterisches Wolkenkuckucksheim zaubern. Alles ist machbar, wenn wir es uns nur vorstellen: Telekinese, Teleportation, Frieden durch Meditation, Geld und Erfolg, Seelenwanderung auf der Autobahn; kommen Sie herein ins Zirkuszelt, meine Damen und Herren, und bewundern Sie den Quantenzauber in der Manege!
»Der ›Name‹ erschließt sich für mich nicht nur in einem Körper, der nun verschwunden ist,sondern in einem ganz bestimmten Muster; einem Kontext von Erinnerungen, Hoffnungen, Träumen, Überzeugungen, Reaktionen auf Musik, Sinn für Humor, Selbstzweifel, Großzügigkeit, Leidenschaft ... Diese Dinge sind bis zu einem gewissen Grad teilbar, objektiv, zugänglich, ein bisschen wie Software auf einer CD ...« Mit diesen Worten beschreibt Douglas A. Hofstadter, einer der berühmtesten Sachbuchautoren der Welt, was von seiner jungen Frau Carol, die im Dezember 1993 an Krebs starb, übrig geblieben ist. Vor nunmehr 20 Jahren erlangte Hofstadter, ein junger Kognitionswissenschaftler, durch einen 1000-Seiten-Bestseller Weltruhm. Nun hat Hofstadter ein neues Buch veröffentlicht: »I am a Strange Loop« (»Ich bin eine seltsame Schleife«).
Hofstadter geht das Geheimnis der menschlichen Existenz von der anderen Seite an: aus dem Inneren des Geistes. Den Bewusstseinsprozess analysiert er als eine unendliche Folge prozessualer Schleifen (Loops). Identität, Ich, Sein entsteht als Produkt »sich selbst betrachtender Komplexität«. Und diese Komplexität ist »unendlich verbunden« – mit der Natur, dem Kosmos und mit anderen Menschen, auf deren »Brain-Hardware« wir auch nach unserem Tod überleben:
»Eine Person ist ein ›Standpunkt‹ – nicht nur ein physikalischer Standpunkt (der aus bestimmten Augen an einem bestimmten Punkt im Universum ›herausblickt‹), sondern ein psychischer Standpunkt. Ein ›Set‹ haarfeiner Assoziationen, die in einem gewaltigen personalen Erinnerungsspeicher wurzeln. Dieser Set kann, wie eine Fremdsprache, von einem außenstehenden Beobachter erlernt und absorbiert werden. Ich versuche herauszufinden, inwieweit aufgrund von Erinnerungen (auf Papier und in meinem Kopf, im Kopf vieler unserer Freunde, auf Videobändern, Fotos und so fort) und den vielen Begegnungen, Erinnerungen, Wahrnehmungen anderer Leute, einiges von Carols Bewusstsein, ihrem Innenleben, überlebt hat, und zwar auf diesem Planeten. Auf jeden Fall gibt es ein ausgedehntes Muster von ›Carolness‹, das sehr klar in dieser Welt konfiguriert ist. Und in diesem Sinne überlebt Carol.«
Wenn wir einen Menschen wirklich lieben – also nicht nur begehren oder funktionalisieren –, machen wir Erfahrungen, die starke Analogien zur Quantenphysik aufweisen. Die »Verschränkung«, die »spukhafte Fernwirkung«, mit der Teilchen in der Quantenwelt aufeinander reagieren – Liebende kennen das als emotionale Erfahrung. Ist das nur ein Zufall? Oder vollzieht sich in der seelischen Begegnung zweier Menschen dasselbe Prinzip wie in der Quantenwelt – eine Raum- und Zeitkategorien sprengende Synchronisation von Mustern?
Während einer Sonnenfinsternis bildet die Sonne eine Korona, eine glühende Aura. Wenn jemand stirbt, hinterlässt er diese glühende Korona, ein langes Nachglühen, in den Seelen, die ihm nahestanden. Unvermeidlich verglimmt auch dieses Nachglühen, während die Zeit vergeht, aber dies dauert viele lange Jahre; und erst dann könnten wir sagen, »Asche zu Asche, Staub zu Staub«. In all diesen Überlegungen liegt, trotz aller herzzerreißenden Intensität, etwas Nüchternes. Hier wird uns kein Jenseits versprochen. Aber sehr wohl gibt es Tröstung und Transzendenz. Jede fragile Individualität ist ein unauslöschlicher Beitrag, ein Baustein im Gewebe der Komplexität. Wodurch aber wird diese Komplexität zusammengehalten? Und wohin entwickelt sie sich?
»Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende« – so steht es in der biblischen Offenbarung. Teilhard de Chardin, ein mystischer Dissident des Christentums, schrieb die Schöpfungsgeschichte um: Die »eigentliche« Schöpfung, die »Verschmelzung« oder »Gotteserzeugung« liegt am Ende, in der Transformation zum kosmischen Bewusstsein. Und vom dortigen Omega hat »es« längst seine Botschafter von der Zukunft in die Gegenwart geschickt: Es ist die Liebe, in der Inkarnation Jesus, die den Zustand des Einsseins vorwegnimmt.
In Solaris, dem großen existenzphilosophischen Roman von Stanislaw Lem, materialisieren die (Liebes-)Erinnerungen der handelnden Personen in einer Raumstation, die über einem denkenden, »träumenden« Planeten schwebt. Ein Quantenplanet! Doch die reale Wiederauferstehung des Fleisches (in Form einer unsterblichen »Protomaterie«) entwickelt sich zum Albtraum, weil jeder seine »Leichen im Keller« am liebsten schnell wieder umbringen möchte. Lems Aussage: Die menschliche Psyche kann mit der Transzendenz, die sie sich unentwegt herbeisehnt, eigentlich nicht zurechtkommen, sie ist unfähig, unreif zur Erlösung. Ein existenzphilophischer Ansatz, der – von Kierkegaard über Dostojewski bis Heidegger – viele vom Christentum beeinflussten Dichter und Denker beschäftigte.
Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was ist das Wesen der Welt? Die traditionellen Religionen konnten auf diese Fragen bislang immer nur symbolische Antworten formulieren; Bilder, Metaphern, Geschichten, die man glauben konnte oder nicht. Aber jetzt wissen wir ein wenig mehr.
Das Universum ist Energie, rekombiniert mit Information. Laut Seth Lloyd, dem Autor von »Programming the Universe«, dem derzeit bekanntesten Entwickler von Quantencomputern, ist das Universum nichts anderes als ein gigantischer »Quantenrechner«, der unentwegt »Realität« kalkuliert. In endlosen Zehnerpotenzen werden Q-Bits aus ihrer Superposition »herausgerechnet« – immer dann, wenn sie mit bereits definierten Quanten in Verbindung geraten, entsteht Realität. Dieser Prozess drängt durch seine inhärenten Gesetze zwangsläufig zur Evolution, zur Komplexität – und damit zum Bewusstsein. Wir, als biologische Wesen, sind tief verbundene Teile dieses Prozesses, seine Wirte und Vehikel. Wir sind in ihm unrettbar verloren. Und ebenso fundamental geborgen.
Obwohl uns Quantenphilosophie eine Menge »Schöpfungsmacht« zumutet, sind wir keineswegs Herren des Universums. Unser Geist spiegelt die Strukturen des Universums nur; das Verhältnis zwischen Geist (Kognition), Kosmos (Quanten) und Natur (Evolution) ist co-evolutionär, nicht funktional. Kontext, Tröstung, Empathie – vielleicht sogar Erlösung: Nichts von dem, was wir denken, fühlen, erschaffen, jemals waren und sind, geht im Quantenraum verloren. Auch religiöse Erfahrungen machen hier einen realistischen Sinn: Die Gotteserfahrung, die Meditation, die Liebe – das alles sind letzten Endes »Superpositionen des Geistes«.
Wenn wir die Welt so denken, dann wird das Leben reich, sinnhaft, »zukünftig« – und der alte Streit zwischen Glaube und Vernunft bricht in sich zusammen. Der Sound des Lebens klingt dann wie ein poetischer Rock ’n’ Roll. Ganz nach Douglas A. Hofstadter im Schlussabsatz von »A Strange Loop«: »Irgendwo in der Mitte zwischen der ungeheuren Dimension der gekrümmten Raumzeit und den seltsamen Irrlichtern der Quanten wohnend, ähneln wir menschlichen Wesen eher den Regenbogen und Fata Morganas als Regentropfen oder Felsen. Wir sind unberechenbare, selbst-schreibende Gedichte – vage, metaphorisch, unscharf. Und manchmal einfach unglaublich schön.«
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