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Medizin
Spucke kann Leben retten
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Sie ist nicht nur zum Spucken da, sondern erfüllt ungemein wichtige Aufgaben für unseren gesamten Körper. Warum hat sie trotzdem so ein schlechtes Image?
Saliva – der Wohlklang ihres medizinischen Namens kann nicht darüber hinwegtäuschen: Spucke hat ein verdammt schlechtes Image. Kaum eine größere Beleidigung gibt es, als jemandem ins Gesicht zu spucken, und in der Öffentlichkeit auszuspeien gilt in unserer Kultur als geradezu obszön. So hat ein Schwall Spucke schon manche Fußballerkarriere befleckt. Man denke an den Holländer Frank Rijkaard alias »das Lama«, der 1990 Rudi Völler hinterherspuckte. In einigen deutschen Städten wird das Ausspucken gar als Umweltverschmutzung geahndet. Wer etwa in Köln aufs Trottoir speit, muss mit bis zu 50 Euro Bußgeld rechnen – damit kommt die Tat teurer als das öffentliche Urinieren (35 Euro).
Doch wer Speichel lediglich als ekelhafte Absonderung betrachtet, verkennt die wichtige Rolle, die er für unseren Körper spielt. Niemand weiß das besser als jene bedauernswerten Menschen, die wegen einer Krankheit, einer Strahlentherapie oder als Nebenwirkung von Medikamenten unter ständiger Mundtrockenheit leiden: Ohne Spucke klebt die Zunge am Gaumen, die Mundschleimhäute werden rissig und schmerzen, das Essen will nicht rutschen, die Zähne beginnen zu faulen. Ein gesunder Mensch hingegen, der sich normal ernährt, sondert täglich etwa einen bis anderthalb Liter Speichel ab – nicht gerade viel, verglichen mit dem Rind, das es bei Heufutter auf bis zu 190 Liter am Tag bringt. Immerhin produziert ein Mensch im Laufe seines Lebens imponierende 40.000 Liter Spucke.
»Den« Speichel gibt es allerdings nicht. Drei Drüsenpaare im Mund bilden ein wässriges Sekret in jeweils leicht unterschiedlicher Zusammensetzung: Spezialisierte Zellen entziehen dort dem Blut Wasser, Salze und andere Moleküle, mischen sie mit selbst hergestellten Speichelproteinen und geben die Mixtur in die Mundhöhle ab. Mit etwa 70 Prozent produzieren die Unterkieferdrüsen den Löwenanteil der Spucke, den Rest liefern Unterzungen- und Ohrspeicheldrüsen. Letztere sondern ein dünnflüssiges Sekret ab und arbeiten besonders beim Essen auf Hochtouren. Hingegen stellen die anderen beiden Drüsenpaare einen eher zähen Saft her, der zwischen den Mahlzeiten den Mund feucht hält.
Die erzeugte Speichelmenge schwankt im Tagesverlauf stark. Nachts sinkt sie fast auf null, schließlich soll der Körper nicht im Schlaf an seinem eigenen Mundsekret ersticken. Beim Essen hingegen steigt sie, und zwar abhängig von der Beschaffenheit der Nahrung: Wer einen Zwieback knabbert, produziert 3,4 Milliliter pro Minute, Spitzenwerte von fünf bis sieben Millilitern erreicht, wer extrem saure Flüssigkeiten zu sich nimmt.
Schon Reize, die bloß auf Nahrung hindeuten, etwa der Geruch einer Bäckerei, lassen uns das sprichwörtliche »Wasser im Munde zusammenlaufen«. Es reicht sogar der Gedanke an eine Speise, die pure Erwartung. Das haben die wohl berühmtesten Hunde der Wissenschaftsgeschichte bewiesen: Der russische Physiologe Iwan Pawlow fütterte seine Versuchstiere so lange unmittelbar nach einem Glockensignal, bis allein der vertraute Ton sie vor Appetit sabbern ließ. So verhalf der viel geschmähte Speichel Pawlow zur Entdeckung der klassischen Konditionierung, eines zentralen Konzepts der Psychologie – und zum Nobelpreis.
Dass uns bei unliebsamen Überraschungen »die Spucke wegbleibt«, ist ebenfalls mehr als eine Redensart: Angst und Nervosität drosseln die Tätigkeit der Speicheldrüsen. Angeblich machte man sich diesen Effekt in der Antike bei Gerichtsverfahren zunutze, indem man Angeklagte eine Handvoll trockenen Reis verzehren ließ. Gelang es dem Beschuldigten nicht, die Körner herunterzuwürgen, bewies er seine Angst und galt somit als schuldig.
Beim Essen erfüllt Speichel mehrere wichtige Aufgaben: Zunächst verdünnt er die Nahrung und macht sie schluckfähig, sodass sie wie auf einer Wasserrutsche durch die Speiseröhre gleiten kann. Gleichzeitig schwemmt er die gelösten Inhaltsstoffe des Essens zu den Sinneszellen der Zunge und macht so das Schmecken erst möglich. Da Spucke überdies ein stärkespaltendes Enzym enthält, die Amylase Ptyalin, beginnt im Mund bereits die Verdauung von Kohlenhydraten. Wer seine Mahlzeiten in Ruhe verzehrt, kennt den Effekt, dass Brot nach längerem Kauen süßlich schmeckt – die Amylase hat die Stärke des Mehls in einzelne Zuckermoleküle zerlegt.
Nicht ganz so offensichtlich ist die vierte Aufgabe des Speichels: Er schützt Mundhöhle und Zähne vor aggressiven Stoffen in der Nahrung – und vor Bakterien. Denn unser Mundsekret besteht zwar zu 99,4 Prozent aus Wasser, doch die restlichen 0,6 Prozent gelöster Substanzen sind wahre Alleskönner. Zum Beispiel enthält Speichel schleimige Eiweißstoffe, sogenannte Muzine, die sich als schützende Schicht über Mundschleimhaut, Zunge und Zähne legen und den Angriff etwa von Säuremolekülen abpuffern. Da nachts kaum Speichel fließt und deshalb auch die Muzine fehlen, ist es sehr schädlich, Kleinkinder beim Einschlafen an einem Fläschchen Saft nuckeln zu lassen: Ungehindert können die Fruchtsäuren den Zahnschmelz angreifen, Kariesbakterien haben dann leichtes Spiel.
Und Bakterien aller Art fühlen sich in der Mundhöhle wohl – mehr als 500 Spezies haben Wissenschaftler dort bislang entdeckt. Zudem nutzt eine Armada körperfremder Krankheitserreger den Mund als Einfallstor. Auch gegen diese Eindringlinge bietet der Speichel einen gewissen Schutz: Substanzen wie die Eiweiße Lysozym und Histatin, die Antikörper des Typs Immunglobulin A und das eisenbindende Molekül Lactoferrin wirken antibakteriell, Histatin fördert darüber hinaus die Wundheilung. Es ist also durchaus sinnvoll, kleine Verletzungen mit Spucke einzureiben – »seine Wunden zu lecken«, wie viele Menschen es instinktiv tun. Allerdings gilt das nur für die Selbstbehandlung, denn der Speichel eines jeden Menschen enthält trotz der desinfizierenden Stoffe auch schädliche Keime. So scheiden die Speicheldrüsen von Erkrankten etwa Aids- und Tollwutviren aus, und das weitverbreitete Bakterium Helicobacter pylori, das Mediziner für Magengeschwüre und -krebs verantwortlich machen, wird ebenfalls von Mund zu Mund übertragen.
Zugleich tummeln sich im Speichel aber viele harmlose Bakterien, die gefährliche Keime durch ihre pure Anwesenheit in Schach halten. Dieses Konkurrenzverhalten macht sich der Körper raffiniert zunutze – und bedient sich auch dabei des Speichels: Nützlichen Bakterien stellen die Muzine Andockstellen zur Verfügung, während Krankheitserreger, etwa Hefepilze, keinen Halt finden und weggespült werden.
Trotz all der erstaunlichen Eigenschaften der Spucke haben sich auch Wissenschaftler lange nicht weiter für sie interessiert. »Ich wünschte, wir würden Speichel eines Tages als charismatische Flüssigkeit ansehen«, seufzt David Wong von der University of California in Los Angeles, eine Kapazität auf dem Gebiet der Speichelforschung. Wong, Zahnmediziner und Molekularbiologe zugleich, gehörte zu den Ersten, die erkannten, dass Spucke neben ihren Hauptinhaltstoffen ein wahres Universum unbekannter Moleküle enthält: »Was immer im Blut ist, findet sich auch im Speichel«, sagt Wong – wenn auch in weitaus geringerer Konzentration. Moderne Analyseverfahren machen es seit Kurzem möglich, diesen winzigen Mengen biochemischer Substanzen auf die Spur zu kommen.
Drei US-Forschungsgruppen, darunter Wongs Team, arbeiten derzeit daran, alle im Speichel enthaltenen Eiweißstoffe zu identifizieren. Bislang haben sie 1116 Proteine entdeckt. Die meisten kommen auch im Blut oder in der Tränenflüssigkeit vor; ein Teil existiert jedoch exklusiv nur im Mundsekret. Die Vielfalt der Zuckermoleküle und Nukleinsäuren, die ebenfalls im Speichel schwimmen, ist von dieser Untersuchung noch gar nicht erfasst.
Solche Forschungsarbeiten eröffnen der Medizin neue Möglichkeiten – und der Pharmaindustrie ein gutes Geschäft: »Wenn die Augen die Fenster der Seele sind«, sagt Wong, »dann ist der Speichel ein Fenster zum Körper.« Schon in wenigen Jahren, davon ist der Experte überzeugt, werde man beim Routinebesuch in der Arztpraxis eine Speichelprobe abgeben, die ein Labor dann auf verschiedene Krankheiten analysiere. Wongs Team hat beispielsweise bestimmte Ribonukleinsäuren (RNA) im Speichel gefunden, deren Konzentration bei Mundkrebs erhöht ist. Die Forscher entwickelten daraufhin einen Test, der solche Tumoren bereits im Frühstadium aufdecken kann. Auch ein Speicheltest auf Aids ist bereits im Handel, und Wissenschaftler arbeiten derzeit an Diagnoseverfahren für Volksleiden wie Brustkrebs und Typ-II-Diabetes.
Spucke, dieser höchst verräterische Saft, gibt aber nicht nur über Krankheiten Aufschluss. Im Mundsekret schwimmen auch Körperzellen, und dies ist schon vielen Kriminellen zum Verhängnis geworden. Ein winziger angetrockneter Spuckerest auf einer Zigarettenkippe reicht, um noch nach vielen Jahren per Gentest einen Täter ausfindig zu machen.
Warum bloß finden wir diese lebenswichtige, faszinierende Flüssigkeit so widerlich? Selbst in China, wo öffentliches Ausspucken lange als normal galt, hat man die alten Sitten zu den Olympischen Spielen 2008 verboten: Umgerechnet fünf Euro Strafe muss nun auch in Shanghai zahlen, wer seinen Speichelfluss auf der Straße lenkt. An Taxifahrer ließen die Behörden Spucktüten austeilen.
In den westlichen Kulturen ging es noch im Mittelalter in Ordnung, während der Mahlzeit auszuspucken, sofern man unter den Tisch zielte. Erst Benimmbücher des 19. Jahrhunderts beschwören ihre Leser wortreich, ihren Auswurf keinesfalls der Öffentlichkeit zuzumuten. Für den Soziologen Norbert Elias ist die allmähliche Ächtung des Spuckens Zeichen eines gesellschaftlichen Reifeprozesses – so, wie die Europäer auch aufhörten, unter freiem Himmel ihre Gedärme zu entleeren, was etwa in Indien in ärmeren Schichten heute noch üblich ist.
Eine Ladung Spucke auf das Straßenpflaster ließe sich somit als Anschlag auf die Zivilisation und ihre Werte deuten. Tatsächlich tun sich ja gerade junge Männer, die ihre Umwelt provozieren und sich von der Erwachsenenwelt abgrenzen wollen, in dieser Disziplin hervor. Vielleicht fühlen wir uns also nicht vom Speichel selbst abgestoßen, sondern ärgern uns über die Botschaft, die er transportiert: Ihr könnt mich mal!
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