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Pädagogik
Sprachen lernen! Die stationen des Lernens. Die besten Methoden für jeden Lerntyp. Und warum Musikhören hilft.
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Jede Vokabel in eine eigene Schublade im Gehirn? Neurophysiologen haben jetzt herausgefunden, was wirklich im Kopf passiert, wenn wir eine neue Sprache lernen. Und was wir tun können, damit das Sprachzentrum aktiv wird und die Vokabeln im richtigen Gedächtnisspeicher landen.
»Mi chiamo Gianna Nannini e sono di Siena«, stelle ich mich den anderen Kursteilnehmern vor (ich heiße Gianna Nannini und bin aus Siena). Mit mir im Intensivkurs Italienisch parlieren noch Enrico Caruso, Silvio Berlusconi und Eros Ramazotti. So gut es geht, erzählen wir uns, was wir im Leben machen. Das Rollenspiel löst die Zungen und fördert Wörter zutage, von denen wir gar nicht wussten, dass wir sie kennen. Das entspannte und heitere Lernklima ist Teil der populären Alpha-Methode, mit deren Hilfe wir hier im »IS-Seminar« in Kirchheim bei München pro Tag etwa 200 neue Wörter und Phrasen in unseren Langzeitspeicher einfüllen bzw. uns darum bemühen.
Anna, unsere charmante Trainerin aus Apulien, stellt uns die italienischen »parole« zunächst in kleinen gespielten Szenen vor. Dann werden sie, begleitet von Bachs Goldbergvariationen, schriftlich an die Wand projiziert und gleichzeitig vorgelesen. Währenddessen räkeln wir uns scheinbar passiv in bequemen Liegestühlen, doch im Oberstübchen wirbelt es heftig: Jede neue Vokabel muss eine weite Reise machen, bis sie – magari (so Gott will) – endgültig im Langzeitspeicher landet und dort mit schon vorhandenen Wörtern dauerhaft vernetzt wird.
Beim ersten Lesen oder Vorlesen kreist die neue Wendung (dormire sugli allori = sich auf seinen Lorbeeren ausruhen) als schwacher Ionenstrom im Ultrakurzzeitgedächtnis. Normalerweise würde sie so schnell verhallen wie ein Echo. Wird sie jedoch mit besonderer Energie in Form von Aufmerksamkeit und Konzentration verstärkt, gelangt sie ins Kurzzeitgedächtnis. Dieses hat eine Kapazität von jeweils etwa sieben so genannten Sinneinheiten (chunks) – das können Satzteile (wie etwa Redewendungen) oder ganze Sätze sein. Dabei macht das Kurzzeitgedächtnis keinen Unterschied, ob es sich nur um zwei Wörter oder einen Satz mit fünf Wörtern handelt. »Ökonomischer«, als sich nur einzelne Vokabeln einprägen zu wollen, ist also gleich ganze Sinneinheiten lernen. Wie lang diese sein dürfen, hängt von der Lesegeschwindigkeit ab. Zeitlich ausgedrückt: Jeder einzelne »chunk« sollte beim Lesen nicht mehr als 1,5 Sekunden in Anspruch nehmen. Sieben Sinneinheiten zusammen entsprechen dann in etwa der normalen Gedächtnisleistung fast aller Menschen.
Im Kurzzeitgedächtnis beginnt die Verwandlung des flüchtigen Gedankens in Materie, in die Vorstufe eines Eiweißmoleküls. Das fragile Gebilde hat aber nur eine Lebenszeit von ca. 20 Minuten: Wird die Vokabel – dormire sugli allori – in diesem Zeitraum nicht wiederholt, zerfällt das potenzielle Eiweißmolekül wieder, die Formulierung ist weg. Deshalb wiederhole ich zum Beispiel in meinem Kurs so fleißig: dormire sugli allori. Trotzdem wird es dann noch einmal etwa sechs Stunden dauern, in denen sich die Phrase stabilisieren muss, bis sie – finalmente (endlich) – ins Langzeitgedächtnis aufgenommen wird. Hier erfolgt schließlich die endgültige Wandlung von Geist in Materie, sprich: in haltbare Proteine.
»Das funktioniert so, als ob das Gehirn die Speichertaste drückt und eine Datei wie beim PC auf der Festplatte ablegt«, erklärt der Psychologe Matthiew Walker von der Harvard Medical School in Boston. Mit seinem Team hat er herausgefunden, dass es besonders günstig ist, in dieser Phase zu schlafen. Denn im Schlaf werde das gesicherte, aber ungeordnete Material von Datenmüll befreit. »Wenn man nachts nicht ausreichend schläft, schränkt man womöglich das Lernvermögen des Gehirns ein«, betont der Forscher.
Auch wenn »dormire sugli allori« schließlich im Langzeitspeicher aufgenommen ist, kann man sich noch nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen. Das Wortgebilde muss in bestimmten, individuell verschiedenen Zeitabständen wiederholt werden. Andernfalls sinkt es in den passiven Speicher des Langzeitgedächtnisses, also in den passiven Wortschatz ab. Und der steht uns nur beim Lesen, aber nicht beim Sprechen zur Verfügung.
Diese einzelnen Stationen machen klar, warum es so lange dauert, bis man endlich eine neue Sprache »intus« hat. Mit den neuen bildgebenden Verfahren der Hirnforschung (Magnetresonanztomografie) und der Messung der elektrischen Aktivitäten kann das Lernergebnis sogar sichtbar gemacht werden: Für jede Fremdsprache, die man als Erwachsener lernt, muss ein eigenes Netzwerk im Broca-Zentrum, einer Sprachregion der Großhirnrinde, geknüpft werden. Nicht so allerdings bei Menschen, die zweisprachig aufgewachsen sind: Bei ihnen ist bei allen Sprachen, auch bei den später gelernten, nur ein einziges Netzwerk im Broca-Zentrum aktiv. »Ein neues, autonomes Netz aufzubauen bedeutet für das Gehirn eine größere Anstrengung, als wenn von Anfang an in einer Region ein Zwei-Sprachen-Netz angelegt wird«, erklärt die Baseler Neuroanatomin Cordula Nitsch. Das bedeutet: Wer in zwei Muttersprachen zu Hause ist, tut sich später auch beim Erlernen neuer Sprachen leichter. Cordula Nitsch untersucht zurzeit, wie lange in der Kindheit die Möglichkeit be-steht, das Gehirn wirklich »zweisprachig« zu vernetzen. Wahrscheinlich lässt die Fähigkeit schon im fünften Lebensjahr nach. »Wo immer es geht, sollten Kinder zweisprachig aufwachsen«, sagt Angela Frederici, Direktorin des Max-Planck-Instituts für neuropsychologische Forschung in Jena – etwas Besseres könne man für ihre spätere Sprachkompetenz nicht tun.
Doch normalerweise sind es Jugendliche oder Erwachsene, die in ihr bereits stark vernetztes Gehirn immer noch ein neues Netzwerk »reinpfriemeln« müssen. Wie sie am besten vorgehen – dafür gibt es keine allgemeinen Empfehlungen. Denn jedes Gehirn ist anders vernetzt, jeder muss die für ihn effektivste Lernmethode selbst herausfinden.
Hilfreich dabei ist zu erkennen, zu welchem Lerntyp man gehört: Der visuelle Typ kann sich neue Wörter am besten einprägen, wenn er sie erst einmal geschrieben sieht. Der auditive möchte sie lieber hören, der haptische lernt am schnellsten, wenn er sie niederschreibt. Wer an die neue Sprache analytisch herangeht und nach grammatikalischen Regeln sucht, ist ein kognitiver Lerntyp, der unbedingt ein systematisches Lehrbuch braucht.
Außerdem gibt es noch den imitativen Typ, der am leichtesten durch Hinhören und Nachsprechen lernt. Ziemlich verbreitet ist auch der handlungsorientierte Typ: Er würde die Sprache Dantes am schnellsten bei einem Italienaufenthalt und durch viel Kontakt zu Italienern lernen.
Für alle Lerntypen aber gilt: Je mehr Sinneskanäle beim Lernen aktiviert werden, umso eher kann man sich neue Wendungen merken. (Daher setzt die Alpha-Methode zum Beispiel auf die Kombination von Lernen und Musikhören.) Und je mehr emotionale Erlebnisse sich mit den neuen Vokabeln verbinden, desto haltbarer ist der Lernerfolg. Deshalb lernen eigentlich alle Sprachtypen mit der »Eintauch-Methode« am schnellsten: Man begibt sich – möglichst allein – ins Ausland und lebt eine Zeit lang dort. Und wer dann auch noch einen einheimischen Partner findet, hat die besten Chancen, die neue Sprache in kurzer Zeit wirklich perfekt zu sprechen.
Doch die meisten von uns müssen zu Hause bleiben und die Fremdsprachen im eigenen Land lernen. Aber auch da stehen viele unterschiedliche Lernmethoden zur Verfügung. Klassisch sind die so genannten »Präsenz-Kurse« in Sprachschulen und
-Instituten. Zum Beispiel Englisch: Man hat die Wahl zwischen allgemeinen Englischkursen, Intensivkursen (sie finden mehrmals pro Woche statt), Spezialkursen für Business-Englisch, bei dem vor allem das Kommunizieren und das Präsentieren in der Firma geübt werden, oder Kursen, die mehr an Grammatik orientiert und zum Beispiel für Übersetzer gedacht sind. Sehr beliebt sind auch die eingangs erwähnten Kurse nach der Alpha-Methode, bei denen mit vielen Spielen, zum Beispiel Rollenspielen, trainiert wird. Und schließlich gibt es fast überall noch die so genannten Konversationskurse: Bei entspannten Plaudereien über ein bestimmtes Thema soll vor allem die Scheu vor dem Sprechen überwunden werden.
Wer keine Zeit oder Lust hat, Kurse zu besuchen, kann aus einem Riesenangebot von Selbstlernkursen auswählen. Vorteil: Man ist weder orts- noch zeitgebunden. Nachteil: Man muss sich ständig selbst motivieren, um dabeizubleiben (und »dormire sugli allori« kommt nicht infrage). Zusätzlich zu Büchern, Hörkassetten und CD-Roms buhlen neuerdings zahllose E-Learning-Kurse im Internet um die Aufmerksamkeit der motivierten Sprachschüler.
Bei Internet-Kursen absolviert der Lernwillige zunächst einen Einstiegstest, bei dem sein Kenntnisstand überprüft wird. Je nach Vorwissen werden Lerninhalte in so genannten Modulen empfohlen, das sind strukturierte und ständig anspruchsvoller werdende Aufgaben. Interaktive Bilder, Grafiken, Animationen, Simulationen, Hörbeispiele und Videofilme fesseln im Idealfall den Sprachschüler so, dass er lernt, ohne es zu merken. In kleinen Tests oder Aufgaben, zu denen auch Originalquellen, z. B. ausländische Zeitungen, hinzugezogen werden müssen, kann er ständig sein Wissen erproben. Eigene Texte werden verbessert, auch die Aussprache wird vom Programm korrigiert. Über E-Mail kann der Schüler Fragen an einen Tutor stellen, die meist innerhalb von 24 Stunden beantwortet werden. Und er kann mit anderen Sprachschülern seine Erfahrungen in einem Chatroom austauschen. Die Vorteile von E-Learning: Lernen rund um die Uhr, wo und wie man will, ist möglich. Und die Qualität des Kurses ist gleichbleibend hoch, hängt nicht von der Persönlichkeit des Lehrers ab. Voraussetzung ist aber ein funktionierender leistungsfähiger Computer mit Internetzugang. Bisheriger Nachteil: Die Kommunikation in der Fremdsprache kommt zu kurz.
»Blended-learning« – das neueste Konzept der Sprachpädagogik– soll diesem Manko abhelfen. Im Gegensatz zu reinem E-Learning oder zu den klassischen Kursen eine ausgetüftelte Kombination verschiedener Medien und Lernformen. Beim Blended-Learning wechseln sich Selbstlernphasen mit Phasen des Präsenzunterrichts ab. So hat zwar jeder sein individuelles Lernprogramm, kann aber trotzdem mit Tutoren und Mitschülern sein Sprachwissen ausprobieren.
Eine besondere Lernmöglichkeit hat der Romanistikwissenschaftler Horst G. Klein von der Universität Frankfurt/M. entwickelt. Nach nur 20 Stunden intensiven Trainings soll der Schüler in gleich mehreren romanischen Sprachen so fit sein, dass er zum Beispiel spanische, italienische oder rumänische Tageszeitungen lesen kann. Horst Klein erforscht seit Jahren die Gemeinsamkeiten der romanischen Sprachfamilie und hat sieben gemeinsame Grundregeln herausgefunden. Zusammen mit dem Hessischen Telemedia Technologie Kompetenz Center hat er das multimediale Internet-Tutorial EuroCom-Online erarbeitet (EuroCom.httc.de/index.php).
Neu daran: Die fremde Sprache wird nicht wie bei klassischen Lernprogrammen durch einen virtuellen Lehrer vermittelt, sondern die Sprachbegeisterten sollen völlig unbefangen und selbstständig in die noch unbekannte Sprache eintauchen.
Voraussetzung ist allerdings das Beherrschen einer romanischen »Verbindungs«-Sprache, am besten Französisch. Am Anfang liest und hört der Nutzer italienische, spanische oder rumänische Texte. Er entdeckt erste Ähnlichkeiten mit der ihm bekannten Sprache. Alle Wörter in den Texten sind anklickbar. Wenn der Groschen bei einem Wort nicht sofort fällt, helfen einfache Hinweise, Assoziationen oder systematische Erklärungen. Bald stellt der Nutzer fest, dass er viele Bausteine der romanischen Sprachen bereits kennt, und bildet im Idealfall selbst Hypothesen über Sprachregeln und Wortbedeutungen (französisch: annoncer, italienisch: annunciare, portugiesisch: anunciar, rumänisch: ,a anunt a, spanisch: anunciar, deutsch: ankündigen, intern.: annonce). Nach zwanzig Stunden hat der Sprachneuling so viel vom allgemeinen Wesen der Sprachfamilie verstanden, dass er sich Zeitungstexte in allen Einzelsprachen erschließen kann.
Geeignet ist diese anspruchsvolle Methode für den kognitiven Lerntyp, der selber gern nach Zusammenhängen sucht. Nachteil: Mit dem EuroCom-Prinzip lässt sich vorläufig nur das passive Verstehen der Sprache trainieren; Hörverstehen oder selbst Sprechen bleiben auf der Strecke.
Einen ganz anderen Ansatz verfolgt die Organisation »Travel Works«: Sie kombiniert Sprachkurse mit praktischer (freiwilliger) Tätigkeit im Ausland, meist im Sozialbereich. Das Angebot wird vor allem von jungen Menschen genutzt. Beispiel: Nach einem fünfwöchigen Spanisch-Kurs in Mexico City kann man in einem Waisenhaus, in einem Heim für Straßenkinder oder in einer Bildungseinrichtung arbeiten.
Wer nicht so viel Zeit am Stück hat, aber trotzdem im Sprachtraining bleiben möchte, kann sich mit einem Sprachmagazin fit halten. Für seine Publikationen erhielt der Spotlight-Verlag im Jahr 2003 den Bayerischen Printmedienpreis. Die Zeitschriften enthalten aktuelle Artikel, bei denen Wörter, die über den Aufbauwortschatz hinausgehen, auf der jeweiligen Seite aufgelistet und übersetzt werden. Ohne lästiges Nachschlagen im Wörterbuch geht das Lesen flüssiger und macht mehr Spaß. Dazu gibt es auch immer ein paar grammatikalische Übungen, Redewendungen zum Sammeln und zusätzlich Kassetten und CDs zum Üben des Hörverständnisses. Für Englischlernende stehen gleich drei Versionen (Jugendliche, Erwachsene, Business-Englisch) der Zeitschrift »Spotlight« zur Auswahl, Französisch kann man mit »écoute«, Spanisch mit »ecos« und Italienisch mit »adesso« pflegen.
Egal, welche Methode man wählt, um eine Fremdsprache zu lernen – auch im Alltag gibt es viele Gelegenheiten, sie zu üben. Wer erst einmal danach sucht, entdeckt überall kleine Sprachabenteuer: Am Geldautomaten kann man zum Beispiel die Anweisungen mal nicht auf »deutsch«, sondern auf »französisch« anklicken. Im Radio oder mit einer Satellitenschüssel findet sich leicht ein Sender mit der gewünschten Fremdsprache. Wer mehr an technischem Wortschatz interessiert ist, kann im Menü von Handys, Fernseh- oder Videoapparaten Fremdsprachen einstellen. (Aber Vorsicht: Verständigungsfehler können hier zu lästigen Fehlprogrammierungen führen.)
Auch eine Möglichkeit – und mir die liebste: fremdsprachige Audioführungen durch Museen. Zum Beispiel ein Gang durch die Münchner Alte Pinakothek »auf Italienisch«. Nach einem Jahr fleißigen Übens ist mir dort sogar die »storia« (Geschichte) zu Albrecht Altdorfers »Alexanderschlacht« verständlich. Kürzlich habe ich mich in meinen ersten italienischen Film »I cento passi« (Hundert Schritte) gewagt. Oh Wunder, ich konnte der Handlung auch ohne Untertitel einigermaßen folgen. In der darauf folgenden Nacht geschah etwas, was mir früher völlig unerreichbar schien: Ich träumte tatsächlich auf Italienisch (dormire sugli allori). Und das bedeutet mir mehr als jedes Zertifikat. Die geträumten Vokabeln werde ich jedenfalls nie wieder vergessen.
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