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Soziologie

Small World: Jeder kennt jeden … über nur 6 Ecken …

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Small World -  Jeder kennt jeden … über nur 6 Ecken …Small World -  Jeder kennt jeden … über nur 6 Ecken …

Neueste Forschungen zeigen: Unsere Welt ist – sozial gesehen – kleiner, als wir denken. Über nur wenige Zwischenpersonen kennen wir jeden Menschen auf der Erde. Das hat weit reichende Folgen. Auch für die Frage, wie Sie am besten einen neuen Job finden.

Hochkarätige US-Wissenschaftler behaupten etwas schier Unglaubliches: Jeder kennt jeden auf der Welt – über wenige Ecken stehen alle Menschen auf der Erde untereinander in Beziehung. Zum Beweis haben die Wissenschaftler der Universität von Virginia das »Kevin-Bacon-Orakel« ins Internet gestellt. Kevin Bacon ist ein amerikanischer Schauspieler, und die Website über ihn listet auf, wie eng andere Darsteller mit ihm zusammengearbeitet haben: Wer jemals mit Kevin Bacon in einem Film aufgetreten ist, erhält die Bacon-Nummer 1; wer je mit einer Bacon-Nummer 1 gemeinsam vor der Kamera stand, erhält die Bacon-Nummer 2 – und so weiter. Das Ergebnis ist verblüffend: Praktisch alle Darsteller, die einem einfallen, tragen die Nummern 1, 2 oder 3. Es dauert Stunden, überhaupt jemanden mit Nummer 4 aufzutreiben. Jeder kann das kontrollieren: Er braucht das Orakel nur per Internet nach bestimmten Schauspielern zu befragen.

Zum Beispiel nach Marlon Brando: Er trägt eine Nummer 2, weil er 1991 mit Laurence Fishburne in »Hearts of Darkness« spielte und Fishburne 2003 mit Ba-con in »Mystic River« auftrat. Elvis Presley trägt ebenfalls eine Nummer 2, Robert de Niro oder Sarah Jessica Parker eine Nummer 1. Selbst längst verstorbene Größen wie Charlie Chaplin oder Oliver Hardy kommen nur auf Nummer 3. Auf geheimnisvolle Weise scheinen alle Schauspieler der Welt mit Kevin Bacon in enger Beziehung zu stehen.

Aber es wird noch erstaunlicher. Die Wissenschaftler, die das Orakel ins Netz gestellt haben, checkten per Computer die beruflichen Verbindungen aller 756698 Schauspieler, die weltweit verzeichnet sind. Ergebnis: KEIN EINZIGER ist weiter als acht Ecken von Kevin Bacon entfernt. Und das, obwohl in der weltweiten Datenbank auch Darsteller verzeichnet sind, die beispielsweise nur für Sekunden in einem tamilischen Tanzfilm mitgewirkt haben.

Wie ist das möglich? Ist Kevin Bacon wirklich das heimliche Zentrum der Schauspielerwelt, die Spinne im Netz, bei der alle Fäden zusammenlaufen? Im Gegenteil, versichern die Wissenschaftler. Man kann das Spiel mit fast jedem anderen Darsteller beginnen und erhält ähnliche Resultate. In Wirklichkeit sagt das Orakel nämlich nichts über Kevin Bacon aus, sondern nur etwas über die Struktur der Verbindungen, die zwischen den Schauspielern bestehen. Es zeigt eine verblüffende Eigenschaft des Schauspieler-Netzwerks: Trotz seiner Grö-ße (viele Schauspieler) ist es – sozial gesehen – erstaunlich klein (kurze Kontaktketten zwischen den Schauspielern).

Ganz ähnliche Eigenschaften hat das Netzwerk der Bekanntschaften zwischen allen Menschen. Schon 1967 vermutete der Sozialpsychologe Stanley Milgram, dass unsere soziale Welt kleiner ist, als wir glauben. Um das zu beweisen, startete er ein einfaches Experiment: An 160 Freiwillige in Omaha, US-Bundesstaat Nebraska, schickte er Briefe mit der Bitte, sie an einen Bostoner Börsenmakler weiterzusenden, dessen Adresse er nicht angegeben hatte. Die Freiwilligen sollten auch nicht versuchen, die Adresse zu ermitteln, sondern stattdessen den Brief an einen persönlichen Bekannten weiterleiten, von dem sie annahmen, dass er dichter an der Zielperson sei als sie selbst. Auf dieselbe Weise sollte auch der Bekannte den Brief anschließend weiterleiten. Überraschenderweise erreichten viele Briefe bald ihr Ziel. Noch überraschender war, dass fast alle dafür lediglich sechs Zwischenschritte benötigt hatten.

Milgrams erstaunliches Ergebnis wurde in heutiger Zeit vielfach bestätigt: Die New York Times stellte eine Verbindung zwischen der Pop-Gruppe Spice Girls und Monica Lewinsky her, die Zeit zwischen dem Berliner Falafelverkäufer Salah ben Ghaly und Marlon Brando und die Columbia University (New York) zwischen der New Yorkerin Alice und dem zufällig ausgewählten indischen Ingenieur Vijay. All diese Verbindungen kamen mit sechs oder weniger Zwischenschritten aus. Wie kommt es, dass die ganze Welt so eng miteinander verbunden ist?

Kennt man die Macht des Potenzgesetzes, erscheint die Lösung zunächst einfach: Wenn jeder Mensch 100 Bekannte hat, so kennt jeder um zwei Ecken schon 100 3 100 = 10000 Menschen, um drei Ecken 1 Million, um vier 100 Millionen und um fünf schon 10 Milliarden – mehr als die Weltbevölkerung. Sechs Ecken sollten also mehr als ausreichend sein, um sich bis zum entferntesten Erdbewohner vorzuhangeln.

Leider krankt die Überlegung an einem kleinen Denkfehler: Wenn ich 100 Bekannte habe, so haben diese nicht jeweils 100 neue Bekannte, sondern ihr Freundeskreis wird sich stark mit meinem überschneiden. Schließlich bewegen wir uns im Alltag oft in Gruppen, in denen jeder jeden kennt: Sportvereine, Arbeitsteams, Familien, Dörfer, Hausgemeinschaften und so weiter. Schon über zwei Ecken kenne ich also viel weniger als die angenommenen 10000 Menschen. Im Extremfall, in einem abgeschiedenen Dorf, kenne ich zwar 100 Personen, und auch diese kennen je 100 Personen – es sind aber immer dieselben. Dann kenne ich auch um die zweite Ecke nur 100 Menschen, und selbst um die sechste werden es nicht mehr.

Lange rätselten die Wissenschaftler, worin das Geheimnis jener großen Netzwerke bestehen könnte, die dennoch mit wenigen Schritten zu durchmessen sind. Zunächst legten sie das Modell eines »regelmäßigen Netzwerks« zugrunde: Jeder kennt alle Menschen innerhalb eines gewissen Umkreises um seinen Wohnort und sonst niemanden. Will man sich in einem solchen Netzwerk zu einer weit entfernten Person voranhangeln, so sind Hunderte von Zwischenstationen nötig.

Besser zu passen schien das Modell des »Zufallsnetzwerks«: Bekanntschaften ergeben sich darin ohne Rücksicht auf Entfernung, Alter und Nationalität. Simulierten die Wissenschaftler ein solches Netzwerk in ihren Computern, so ergab sich tatsächlich, dass es in wenigen Schritten zu durchqueren ist. Selbst ein großes Zufallsnetzwerk ist – sozial gesehen – klein.

Doch leider hat dieses Modell eine gravierende Schwäche: Es berücksichtigt nicht die natürliche Neigung der Menschen, sich in Gruppen zu organisieren. Im Zufallsnetzwerk ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich zwei Bekannte derselben Person untereinander kennen, nahe bei null – in Wirklichkeit jedoch beträgt sie fast 80 Prozent. Wesentlich zutreffender ist in dieser Hinsicht das regelmäßige Netzwerk: Hier kennen sich gemeinsame Bekannte derselben Person meist auch untereinander.

Offenbar ähnelt‚ unsere Lebensrealität einer Mischung der beiden Netzwerkmodelle. Der Hauptteil unserer Bekannten stammt aus unserem direkten Umfeld. Das sind die »starken« sozialen Kontakte: in der Familie, am Arbeitsplatz, im Sportverein. Sie umfassen jene Menschen, die wir oft und regelmäßig sehen, mit denen uns feste Bande verbinden und die sich meist untereinander kennen. Hinzu kommen weitere, »schwache« Kontakte. Sie sind zufällig verteilt und verbinden uns mit Menschen, die wir nur gelegentlich treffen: mit dem Cousin in Australien, mit der koreanischen Frau unseres Schulfreundes, mit dem netten Litauer aus dem letzten Urlaub.

Wie wichtig die »schwachen« Verbindungen sind, haben die Wissenschaftler erst begriffen, als sie begannen, diese in ihre Computermodelle einfließen zu lassen: Die Mathematiker Steve Strogatz und Duncan Watts ersetzten im regelmäßigen Netzwerk einfach nach und nach einzelne »starke« Nahverbindungen durch zufällige, aber »schwache« Fernverbindungen und beobachteten, was mit dem gesamten Netzwerk dabei passiert. Schon nachdem sie einen winzigen Bruchteil ausgetauscht hatten, bemerkten sie einen verblüffenden Umschlag – das Netzwerk »schrumpfte« dramatisch: Die Kontaktkette, die man durchschnittlich benötigte, um von einer Person zu irgendeiner anderen zu gelangen, verkürzte sich auf wenige Zwischenschritte. Gleichzeitig blieben die ursprünglich bestehenden Cliquen weitgehend erhalten. Erst die »schwachen« Verbindungen lie-ßen das Netzwerk – sozial gesehen – zum Dorf schrumpfen.

Die Wichtigkeit der »schwachen« Verbindungen ergibt sich auch aus einem anderen Experiment, das der Soziologe Mark Granovetter durchgeführt hat: Er befragte Personen, die über persönliche Kontakte einen neuen Job gefunden hatten, welche Art von Kontakten dabei hilfreich gewesen war. Erstaunliches Ergebnis: Die »starken« Kontakte hatten nur in 16 Prozent der Fälle weiterhelfen können. In den anderen Fällen (84 Prozent) gaben »schwache« Kontaktpersonen den entscheidenden Tipp.

Verständlich wird das, wenn man bedenkt, dass die »starken« Kontakte zwischen Menschen des engen sozialen Umfelds bestehen. Diese aber haben einen ähnlichen Informationsstand – sie wollen gern helfen, wissen aber nichts Neues. Ganz anders bei den »schwachen« Kontakten: Hier sind die Menschen weniger hilfsbereit, bewegen sich aber in anderen Kreisen und besitzen andere Informationen. Kein Wunder, dass sie oft den entscheidenden Job-Tipp liefern können. »Schwache Kontakte sind eine wichtige soziale Ressource«, fasst Granovetter seine Beobachtungen zusammen.

Wer eine neue Arbeit sucht, ist daher gut beraten, nicht nur seine Freunde davon in Kenntnis zu setzen, sondern besonders die entfernten Bekannten. Am besten, man lässt sich von diesen zu deren entfernten Bekannten weitervermitteln – mit etwas Glück trifft man so direkt auf jemanden, der über die Vergabe der freien Stelle entscheidet. Auch der wichtigste Entscheidungsträger ist schließlich nur sechs Ecken entfernt!

Solche Netzwerke, die mit wenigen Zwischenschritten zu durchqueren sind, obwohl sie in Cliquen organisiert sind, nennen die Wissenschaftler »Small-World-Netzwerke«. Die Bekanntschaftsstrukturen unter den Menschen sind ein wichtiges Beispiel dafür – aber keineswegs das einzige. In vielen verschiedenen Netzwerken haben die Wissenschaftler inzwischen Small-World-Strukturen gefunden.

Das Internet zum Beispiel ist ein solches Netzwerk. Die darin zusammengeschlossenen Computer können sich über durchschnittlich nur vier Schaltstellen gegenseitig erreichen. Noch extremer ist die Vernetzung des Gehirns: Aus Versuchen mit Katzen weiß man, dass zwei bis drei Schaltstellen reichen, um von einer Nervenzelle zu jeder beliebigen anderen zu gelangen. Auch die Seiten des World Wide Web mit ihren Links oder das Elektrizitätsnetz der Vereinigen Staaten gehören zu den Small-World-Netzwerken. Immer sind die Teilnehmer des Netzwerks trotz seiner Größe eng miteinander verbunden.

Die Small World bedeutet leider nicht nur einen vereinfachten Fluss von Informationen, sondern auch eine vereinfachte Weitergabe von Krankheiten. Wenn jeder jeden über nur sechs Zwischenstufen kennt, kann sich auch jeder von jedem über nur sechs Zwischenstufen anstecken. In einem regelmäßigen Netzwerk, wo jeder ausschließlich Verbindungen zu seinen Nachbarn hat, bekommt eine Seuche kaum eine Chance. Ganz anders, wenn Fernverbindungen hinzukommen: Überschreitet ihre Anzahl einen kritischen Punkt, kippt das System. Die Seuche wird zur Epidemie und breitet sich ungebremst aus.

Im Mittelalter waren Fernverbindungen weit seltener als heute. Fast alle Kontakte zwischen den Menschen reichten gerade bis ins Nachbardorf. Entsprechend langsam breitete sich die Pest aus. 1347 tauchte sie in den Häfen des Mittelmeeres auf, und sie brauchte vier Jahre, um sich bis nach Dänemark hochzuarbeiten – Reisende trugen den Erreger von Dorf zu Dorf weiter. Mit heutigen Verkehrsverbindungen (und unter mittelalterlichen Hygienebedingungen) hätte die Seuche binnen wenigen Tagen ganz Europa überrollt.

Sogar der Ausbruch von Aids könnte auf eine Veränderung der menschlichen Netzstruktur zurückzuführen sein. So glaubt der britische Aids-Forscher Simon Wain-Hobson, dass die Krankheit in Zent-ralafrika schon lange existiert hat, aber nie global zum Ausbruch kam, weil die Menschen wenig mobil in ihren Dörfern lebten. Erst durch die Reisetätigkeit seit den 1970er Jahren wurde aus dem regelmäßigen ein Small-World-Netzwerk: Die »Abstände« zwischen den Menschen schrumpften, die Krankheit wurde zur weltweiten Epidemie.

Sich in einer vernetzen Welt gegen Seuchen zu schützen erfordert daher besondere Anstrengungen. Eine Strategie ist es, der Krankheit die Ausbreitung schwer zu machen, indem man die Bevölkerung impft oder sie zu einer Verhaltensänderung motiviert, die die Ausbreitung der Krankheit erschwert (z. B. die Benutzung von Kondomen). Je mehr Geschützte unter der Bevölkerung sind, umso langsamer breitet sich die Krankheit aus.

Ein zweite Strategie gegen Epidemien wird von Computeranalysen nahe gelegt. Diese ergaben, dass Personen mit außergewöhnlich vielen Kontakten (von den Forschern »Superknoten« genannt) für die Seuchenausbreitung besonders kritisch sind. Wenn es gelingt, diese Personen zu finden und zu impfen, kann auch in einer »Small World« der Ausbruch einer Seuche sehr erschwert werden. Die Wissenschaftler haben sogar einen eleganten Vorschlag, wie man die »Superknoten« finden könnte: Zwanzig Prozent der Bevölkerung werden ausgelost; diese Personen benennen jeweils einen Bekannten, und der Bekannte wird dann geimpft. Die Rechnung der Wissenschaftler: »Superknoten« haben so viele Bekannte, dass sie mit ziemlicher Sicherheit von irgendjemandem benannt werden.

Beim Thema Seuchenausbreitung wird deutlich, welch starken Einfluss Netzwerke haben: Das Verhalten einzelner Menschen fällt kaum ins Gewicht; allein die Struktur des Netzes steigert die Seuchengefahr oder senkt sie. Genauso ist es auf einem anderen Feld: der Verteilung des Reichtums. Naiverweise würde man annehmen, Menschen seien verschieden reich, weil die Reichen besonders begabt, besonders fleißig oder besonders vom Glück verfolgt wären. Dass die Gründe ganz andere sind, zeigt wiederum die Wissenschaft von den Netzwerken. In einer einfachen Simulation haben die Physiker Jean Philippe Bouchaud und Marc Mezard eine »ideale« Gesellschaft untersucht: Sie simulierten in ihren Computern ein Netzwerk von mehreren hundert vollkommen identischen Personen. Jeden der virtuellen Menschen statteten sie zu Beginn mit dem gleichen Geldbetrag aus.

Anschließend ließen sie das Geld zwischen den virtuellen Personen nach zwei einfachen Regeln zirkulieren:

Entweder machten zwei Personen ein Geschäft miteinander. Das Geld des einen vermehrte sich dann um den gleichen Betrag, um den das Geld des anderen sich verminderte. Das entspricht den »Alltagstransaktionen«: Wir kaufen oder verkaufen etwas; Geld wechselt vom einen zum anderen.

Oder das Geld wurde investiert (simuliert wurde z. B. eine Investition in Aktien). Bei diesem Manöver konnte sich das inves-tierte Geld vermehren oder vermindern.

Jetzt mussten die Wissenschaftler nur noch eine wichtige Tatsache in ihre Computer einspeisen: den Umstand, dass nur Menschen, die viel Geld besitzen, es auch investieren können. Wer arm ist, beteiligt sich nur an den Alltagstransaktionen, erst wer Geld im Überfluss besitzt, kann es investieren. Dann verknüpften die Wissenschaftler ihre virtuellen Personen zu einem Netzwerk und begannen, das Geld innerhalb des Netzwerks fließen zu lassen.

Nach einer Weile konnten die erstaunten Forscher Seltsames beobachten: Das Geld verteilte sich im Laufe der Zeit immer ungleichmäßiger! Und das, obwohl alle virtuellen Personen vollkommen gleich waren; obwohl alle Transaktionen und jeder Gewinn oder Verlust nur durch den Zufall gesteuert wurden, die Fähigkeiten der Personen also überhaupt keine Rolle spielten! Dennoch befand sich am Ende der Großteil des Geldes in den Händen einer kleinen Minderheit – wie es in allen Gesellschaften der Welt zu beobachten ist.

Die Tendenz, dass Reiche immer reicher werden, ist also bereits im Transaktions-Netzwerk zwischen den Menschen »eingebaut«. Nur weil wir in Form eines riesigen Netzwerks miteinander verbunden sind und über dieses Netzwerk Geld tauschen, endet es vorzugsweise in den Taschen Weniger.

Auch wenn die Tatsache der Ungleichheit anscheinend nicht zu vermeiden ist – ihr Ausmaß kann man nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler durchaus steuern. In der Praxis macht es nämlich einen Unterschied, ob die Reichen einfach nur reich, sehr reich oder superreich sind. In der Sprache der Wissenschaftler: ob die reichsten zehn Prozent der Gesellschaft 50, 80 oder 95 Prozent des Gesamtvermögens besitzen.

Nach den Ergebnissen der Simulation gibt es eine einfache Methode, um die Ungleichheiten abzumildern: Alles, was den Geldfluss im Bereich der Alltagstransaktionen steigert, senkt die Ungleichheit. Je eifriger also das Geld zwischen den Menschen im Netzwerk hin und her getauscht wird, desto geringer wird die Ungleichheit. Hört das Geld auf zu fließen und sammelt es sich auf Konten, so gibt es den gegenteiligen Effekt: Die Ungleichheit steigt. Die Forscher folgerten aus ihren Simulationen, dass Steuern ein geeignetes Mittel sind, die Ungleichheit in der Gesellschaft zu mildern – vorausgesetzt, das vom Staat eingenommene Geld fließt gleichmäßig verteilt ins Netz zurück.

Erstaunlicherweise kann man all diese Erkenntnisse gewinnen, nur indem man die Strukturen von Netzwerken betrachtet. Dabei steht die Wissenschaft von den Netzwerken erst ganz am Anfang. In einer zunehmend vernetzen Welt wird sie aber immer wichtiger. Man muss nur an Erscheinungen wie Vogelgrippe, Terrorismus oder weltweite Reisen denken. Alles hat mit Netzwerken zu tun. Sie immer besser zu verstehen kann für unsere Welt überlebenswichtig werden.

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Autor/in: Nicolai Schirawski


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