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Evolutionspsychologie

Sind wir die Sex-Sklaven unserer Gene?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Sind wir die Sex-Sklaven unserer Gene?Sind wir die Sex-Sklaven unserer Gene?

Lieben oder hassen, treu sein oder fremdgehen: Was immer wir tun oder lassen – wir sind Marionetten der Evolution. Behauptet jedenfalls die zurzeit boomende Evolutionspsychologie. Was ist dran am Diktat der Gene, fragt sich Joseph Scheppach.

Meine Frau ist eifersüchtig – weil ich auf der Straße häufig jungen Frauen hinterherschaue. Aber ich kann gar nicht anders, führe ich zu meiner Entlastung an: Meine Faszination für weibliche Kurven ist evolutionär angelegt – tief verankert in meinem Erbgut.

Dabei kann ich mich auf die Evolutionspsychologie berufen – eine Wissenschaftsdisziplin, deren Anhängerschaft rasant wächst. »Wird eine Frau gesichtet, läuft beim Mann – ähnlich wie bei einer Waschmaschine – das immer gleiche Programm ab«, konstatiert beispielsweise der Psychologe Karl Grammer. Auch in den Frauen sehen die Vertreter dieser Denkrichtung ein Programm ablaufen – wenn auch ein differenzierteres: Für kurze Affären fliegen sie auf den testosterongefluteten Macho mit markanten Gesichtszügen – als Lebenspartner bevorzugen sie den testosteronmäßig ausgeglichenen Softie mit weichem Gesicht.

Die Gene sind alles, so das Credo der Evolutionspsychologie. Und gerade der Sex sei wie kein anderer Bereich des Lebens von den Erfahrungen unserer Urahnen geprägt. Die dem freien Willen weitgehend entzogene Fortpflanzungswut der Vorfahren präge bis heute menschliches Denken und Handeln. Das alles beherrschende Ziel: die eigenen Gene an die nächste Generation weiterzugeben, damit wir nicht als Irrläufer der Evolution enden.

Dabei beruft sich die Evolutionspsychologie auf den englischen Biologen Richard Dawkins, der den »Egoismus der Gene« postuliert hat: Der Mensch ist danach eine Genmaschine, und die ererbten Merkmale und Verhaltensweisen dienen weder dem Individuum noch der Art – sondern den Genen selbst. In seinem Buch »Der blinde Uhrmacher« schreibt Dawkins: »Die lebenden Organismen existieren zum Vorteil der Gene und nicht andersherum.«

Und daran hat sich nach Meinung der Evolutionspsychologen in der Menschheitsgeschichte nichts geändert. Der Schritt zum Menschen vollzog sich im Pleistozän, irgendwann vor 600000 bis 100000 Jahren (der älteste gefundene Homo-sapiens-Schädels ist rund 160000 Jahre alt). Damals seien entscheidende universelle Aspekte der menschlichen Natur genetisch »fixiert« worden – und die würden unser Verhalten bis heute determinieren. Unsere jüngere Vergangenheit mit Dampfmaschine, Automobil und Computer: viel zu kurz, um schon bedeutende evolutionäre Änderungen bewirkt zu haben. Deshalb seien wir lediglich »Steinzeitmenschen auf der Überholspur«. »Die biologische Programmierung ist geblieben und übt nach wie vor ihren Einfluss aus«, sagt die US-Evolutionspsychologin Leda Cosmides. »Sie steuert, wie wir Entscheidungen treffen, was wir leicht lernen, was wir wahrnehmen, wie wir Partner suchen.«

»Wie ein plötzlich virulent gewordenes Virus«, so der US-Autor John Horgan, infiziert diese »neue Lehre von der menschlichen Natur« unser Leben. Sie erobert die Lufthoheit über Stammtische und Talkshows, sie katapuliert evolutionspsychologische Bücher auf die Bestsellerlisten, sie findet Gehör in wissenschaftlichen Zirkeln und in der Politik. Die Evolutionspsychologie ist so einflussreich geworden, dass sie keinerlei Raum für Diskussionen zu lassen scheint. Sie ist der allgemein akzeptierte Blickwinkel. Wir sind, was wir waren – was ist dran an dieser Theorie?

Was wir vor Urzeiten waren: Das wissenschaftlich zu beschreiben ist auch für die Evolutionspsychologie ein unlösbares Problem. Denn über die Anfänge unserer Spezies ist wenig bekannt. Gefundene Speerspitzen und Faustkeile können nicht das Wesen unserer Vorfahren enthüllen. Deshalb müssen Vergleiche mit Tieren herhalten, um dem Frühmenschen auf die Spur zu kommen. Affen stehen dem Homo sapiens näher als jedes andere Tier – aber welche Affen eignen sich für den Vergleich? Schimpansen und Gorillas, bei denen die Alpha-Männchen argwöhnisch über ihren Harem wachen, Seitensprünge aber nicht verhindern können? Südamerikanische Titi-Äffchen, die ein Leben lang monogam sind? Bonobos, bei denen jede mit jedem verkehrt?

Monogamie scheidet von vornherein aus. Also kann es nur um Schimpansen, Gorillas oder Bonobos gehen – promiskuitive Arten, deren Sexverhalten nach Meinung der Evolutionspsychologen mit den großen Hoden der Männchen zusammenhängt: Je größer die Hoden, desto mehr Samen, desto höher die Reproduktionswahrscheinlichkeit. Und der Menschen-Mann – lassen auch seine Hoden auf Promiskuität schließen? Ja, sagt der Biophilosoph Robert Wright: »Das relative Hodengewicht unserer Spezies liegt zwischen dem der Schimpansen und dem der Gorillas.« Soll bedeuten: Männer wollen immer – und Frauen? Sie haben sich auf das hodengesteuerte Sexverhalten der Männer eingestellt: »Frauen sind in ihrem Sexualverhalten zwar längst nicht so ausschweifend wie die Schimpansenweibchen, aber andererseits auch von Natur aus nicht ganz frei von Abenteuerlust.« Soll bedeuten: Sie sind zwar auch promiskuitiv, aber gleichzeitig selektiver als der Mann – die Bereitschaft zum »Gen-Shopping« ist groß.

Männer und Frauen haben also die – durchaus differenzierte – Promiskuität nach Vorstellung der Evolutionspsychologen von den Affen als genetisches Erbe mitbekommen. Auf männlicher Seite will diese These auch Verhaltensweisen wie die höhere Bereitschaft zu Seitensprung und schnellem Sex erklären: »Der Spaß am Quickie ist evolutionsgeschichtlich verankert«, schreibt Sexforscher Frank Sommer. »Der Genuss lag vor Urzeiten nicht im Gefühl, sondern in der Weitergabe der Gene.« Sogar Sexualstraftäter würden einem »natürlichen biologischen Programm« gehorchen. Die US-Evolutionspsychologen Randy Thornhill und Craig Palmer behaupten, Vergewaltigung sei eine »während der Stammesgeschichte begünstigte Spezialisation«, die Männern dazu verhalf, weit mehr Kinder in die Welt zu setzen als durch friedfertiges Werben. Der Kinderschänder Marc Dutroux: ein Opfer des biologischen Zwangs, seine Gene weiterzugeben – ergo unschuldig? Die Evolutionspsychologie legt diese zynische Schlussfolgerung nahe.

Was sie uns sonst noch nahelegt, widerspricht sogar teilweise wissenschaftlicher Erkenntnis. »Männer sind durchweg gewalttätiger als Frauen«, lautet das Resultat einer Studie des US-Evolutionspsychologen David Barash. Das risikoreiche Jägerleben in der Vergangenheit habe die Körperchemie kräftig mit dem Männlichkeitshormon Testosteron angereichert – und das mache besonders aggressiv. Hunderte anderer Publikationen besagen aber genau das Gegenteil. Außerdem registrierten Studien in Berlin, dass immer mehr junge Frauen Körperverletzungen begehen. Und die australische Polizei hat festgestellt, dass das Aggressionsniveau der Frauen im Straßenverkehr fast das der Männer erreicht hat.

Auf ähnlich schwachen Füßen steht die evolutionspsychologische These von der genetisch fixierten geschlechtsspezifischen Eifersucht. Sie sei beim Mann stärker ausgeprägt, denn bei einem Seitensprung der Frau müsse er mit der Höchststrafe der Evolution rechnen: der Aufzucht eines »Kuckuckskinds«. Davor brauche sich eine Frau nicht zu fürchten, wenn ihr Mann fremdgehe. Ihre Eifersucht komme erst dann in voller Stärke zum Ausbruch, wenn ihr Mann sich in die andere verliebe.

Aber wie verträgt sich diese These mit Studien, die besagen, dass es in asiatischen Gesellschaften kaum geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Eifersucht gibt? Wenn eine universelle genetische Determination existiert, muss sie für alle Menschen gelten. Schwer erklären kann die Evolutionspsychologie auch, warum Eifersucht mit zunehmendem Alter nahezu verschwindet – weil Gene verschwinden? Außerdem verweist die Psychoanalyse darauf, dass Eifersucht sozial bedingt sein kann – durch das Verhältnis zwischen Geschwistern und/oder durch die Beziehung des Kindes zu den Eltern.

Männer wollen junge Frauen – auch das hat die Evolutionspsychologie endlich »bewiesen«. Denn Männer orientieren sich bei der Wahl des Sexpartners an universellen Kriterien für Körperschönheit – wer »schön« ist, wird auch gesunde Kinder in die Welt setzen, ist also sexuell anziehend. Um herauszufinden, was als schön gilt, präsentierte Devendra Singh, die führende Forscherin auf dem Gebiet der »darwinistischen Ästhetik«(!), Männern in allen Erdteilen »aufreizende« Bilder von Frauen. Dabei zeigte sich, dass die sexuelle Attraktivität vor allem vom »VTH« abhängt – ein Wert, der das Verhältnis von Taillen- zu Hüftumfang beschreibt. Am »allerschönsten« wirken mittelgewichtige Frauen mit einem niedrigen VTH von ungefähr 0,7: Das entspricht einer Taille von 70 und Hüften von 90 Zentimeter Umfang – den Maßen von jungen Frauen zwischen 16 und 25. Aber liefert das »wissenschaftliche« Ergebnis mehr als eine Binsenweisheit, die jedem geläufig ist? Außerdem: Von einer universellen und überzeitlichen Gültigkeit des VTH kann nun wirklich nicht die Rede sein – man werfe nur einen Blick auf die Frauen in den Bildern von Barockmalern.

Und was ist mit dem Klischee, das der US-Evolutionspsychologe David Buss mit einer viel zitierten Studie bestätigt haben will: »Frauen suchen reiche Männer.« Um es kurz zu machen: Es gibt keine Belege dafür, dass Reichtum in einer größeren Zahl von Nachkommen resultiert. Eine letzte Kostprobe soll zeigen, wie sehr die Evolutionspsychologie den gesunden Menschenverstand strapaziert: Selbst der Lederfetischismus soll evolutionär vererbt sein. »Die fetischistische Liebe von Menschen zu Leder«, schreibt die US-Evolutionsbiologin Lynn Margulis, »erweist sich als nützlich, weil sie die Menschen in den von den Erzeugnissen der Rinderhirten lebenden Viehzüchtergesellschaften fester an das Vieh bindet.« Lederfetischisten mit enger Bindung an die Kuh – da sind der Fantasie nun endgültig keine Grenzen mehr gesetzt ...

Was bleibt unterm Strich von der Evolutionspsychologie? Nicht besonders viel. Schon die Generalhypothese von der universellen Allmacht der Gene ist unter Wissenschaftlern in dieser Ausschließlichkeit umstritten. Wir wissen heute, dass Gene keineswegs alles sind: Menschliches Verhalten erklärt sich vielmehr aus der Interaktion von Genen und Umwelteinflüssen. Zum Beispiel ist unbestreitbar, dass soziale Faktoren eine Rolle spielen. So hat der britische Genetiker Steve Jones am Beipiel einer U-Bahn-Fahrt durch London aufgezeigt, wie Wohnumfeld und Lebenserwartung zusammenhängen: »Mit jedem Bahnhof Richtung Osten, also Richtung Armut, leben Männer wie Frauen ein Jahr kürzer. Es gibt zwar biologische Geschlechter-Differenzen, aber die werden vernichtend übertroffen durch soziale Unterschiede.«

Dass wir Sklaven unserer Gene sind, entbehrt also jeder Grundlage. Und selbst der »Erfinder« der Evolutionspsychologie, Richard Dawkins, räumt ein: »Als einziges Lebewesen können wir uns gegen deren Tyrannei auflehen.« Wie aber konnte die Selektion der durchsetzungsfähigsten Gene eine kontraproduktive Fähigkeit hervorbringen – einen ungehorsamen Organismus?

Und was ist mit Phänomenen wie Moral und Liebe? Sie werden in der Evolutionspychologie völlig ausgeklammert und ins Reich der Illusionen verwiesen. Dominant sei allein der Sex mit seinen genetisch fixierten Strategien – aber der Mensch will nicht nur überleben, er will auch leben. Dabei spielt Sexualität zwar eine gewichtige Rolle – aber nicht nur als Fortpflanzungsmechanismus, sondern auch als Ausdruck der Lebensfreude, der Liebe, der Zuneigung, der Zugehörigkeit. Was Geschlechtlichkeit letztlich in ihrer Gesamtheit ist, entzieht sich jeder abschließenden Beurteilung. »Sex«, schreibt der Biologe Graham Bell, »ist die Königin der ungelösten Fragen.« Und die Gene allein geben keine Antwort. Deshalb kommt der Primatenforscher Frans de Waal zu dem vernichtenden Urteil: »Wir Biologen wissen, wie kompliziert die Dinge sind, wenn es um das Verhalten von Menschen geht. Deshalb habe ich von der Vereinfachung und dem Reduktionismus der Evolutionspsychologen die Nase voll.«

Auch um die behauptete überzeitliche Wirkung der genetischen Determination lässt sich trefflich streiten: Es gibt keinen Beleg dafür, dass urzeitliche Programme über Hundertausende von Jahren unverändert unser Verhalten bestimmen. »Wir wissen sehr wenig darüber, wie schnell sich genetische Änderungen vollziehen«, sagt der Biologe und Gehirnforscher Steven Rose. Bei englischen Spatzen etwa, die in den Süden der USA verpflanzt worden waren, wurden die Beine innerhalb eines Jahrhunderts rund fünf Prozent länger. Warum soll Vergleichbares nicht auch beim Menschen möglich sein? »Rund 11000 Generationen liegen zwischen dem frühen Homo sapiens und uns«, rechnet Rose vor. »Das könnte durchaus für evolutionäre Anpassungen gereicht haben.«

So darf man am Schluss durchaus die Frage stellen: Ist die Evolutionspsychologie noch Wissenschaft? Viele bestreiten das: Es fehle ihr an überprüfbaren Hypothesen – der ersten Voraussetzung für Wissenschaft. Mit etwas Fantasie lässt sich letztlich jedes Verhalten als evolutionäre Anpassung deuten: Ob fürsorglicher Familienvater oder brutaler Vergewaltiger – so oder so gehorcht der Mensch dem Diktat seines steinzeitlichen Erbes.

Wo alles beliebig bleibt, wird letztlich gar nichts erklärt. Auch nicht, dass ich in letzter Zeit häufig jungen Frauen hintergeschaut habe. Der Grund war nicht das richtige Verhältnis von Taille zu Hüften – mein Begriff von weiblicher Schönheit ist doch etwas weiter gefasst, als der Horizont der Evolutionspsychologie reicht. Nein, mein genaues Hinschauen diente der Recherche für diesen Bericht. Damit ist jetzt Schluss. Auch wenn meine Gene angeblich das Gegenteil wollen.

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (1 Bewertung)
Autor/in: Joseph Scheppach


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