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Wissenschaft & Technik

Sind wir bald unsterblich?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Fragen & Antworten
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Sind wir bald unsterblich?Sind wir bald unsterblich?
iStockphoto

Steht der uralte Menschheitstraum vor seiner Realisierung? Weltweit sind Forscher dabei herauszufinden, wie man den Alterungsprozess der menschlichen Körperzellen verlangsamen und vielleicht sogar stoppen kann.

Die Vision vom ewigen Leben ist so alt wie die Menschheit. Schon die Neandertaler bestatteten ihre Toten mit Grabbeigaben, von den Totenpalästen der Pharaonen ganz zu schweigen. Der Gedanke, dass mit dem letzten Atemzug Schluss ist, war und ist den meisten Menschen unerträglich. Diejenigen, die heute die Hoffnung nähren, dem Tod von der Schippe springen zu können, heißen „Immortalisten“ – Wissenschaftler, die sich mit der Unsterblichkeit befassen (englisch immortal=unsterblich). Sie gehen davon aus, dass der Mensch unendlich alt werden kann, sofern das Absterben von Körperzellen verhindert sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs geheilt werden könnten.

Können sich absterbende Zellen selbst reparieren?

Was uns daran hindert ewig zu leben ist – abgesehen von tödlichen Krankheiten und Unfällen – das Altern. Die Suche nach Gegenmitteln läuft auf Hochtouren. Jüngster Erkenntnisstand: Den Stoff, der uns Unsterblichkeit bescheren könnte, trägt jeder bereits in seinem Körper. In Spermienzellen stießen Wissenschaftler auf das „Unsterblichkeits“-Enzym Telomerase, das potenziell in jeder Zelle vorhanden ist. Es funktioniert wie ein körpereigener Gen-Reparateur. Das Enzym kann die bei der Zellteilung abgebrochenen Telomer-Stückchen wieder erneuern. Das Dumme ist nur: Das Enzym wird nicht in allen Zellen aktiv, sondern nur in Keimzellen (Samen- und Eizellen) – sowie in Krebszellen.

Das erklärt zum Beispiel die Wucherungen von Krebstumoren: Die Telomerase „repariert“ die Telomere in den geteilten Krebszellen, sodass ausgerechnet die entarteten Zellen nicht durch die Zellteilung altern oder nach den üblichen 52 Teilungen absterben. Niemand weiß, warum das so ist. Derzeit forschen Wissenschaftler, wie das Enzym Telomerase gezielt eingesetzt werden kann, um das Gegenteil zu bewirken, nämlich den Alterungsprozess aufzuhalten und Krebswucherungen zu stoppen. Vereinzelte Zellen konnten unter Laborbedingungen dazu gebracht werden, den Sprung in die Unsterblichkeit zu vollbringen, ohne die negativen Eigenschaften von Krebszellen zu entwickeln.

Dean Tang von der University of Texas in Smithville: „Unsere Zellen verfügen vermutlich über ein weitaus größeres Wachstumsvermögen, als wir es uns je vorgestellt haben.“ Sein Kollege, der Zellbiologe Woodring Wright vom Southwestern Medical Center der University of Texas in Dallas, entdeckte parallel, dass normale Zellen von Nagetieren sich unter bestimmten Bedingungen endlos vervielfältigen können.

Gibt es eine natürliche Alters-Obergrenze?

Die durchschnittliche menschliche Lebenserwartung hat sich in vorhistorischer Zeit gar nicht und seit Beginn der Geschichtsschreibung kaum geändert. Erst in den vergangenen 170 Jahren ist durch Fortschritte in Medizin und Hygiene das Durchschnittsalter um 40 Jahre gestiegen: in jeder Dekade gleichmäßig um 2,5 Jahre. Und wurden die Menschen bis Ende des 19. Jahrhunderts durchschnittlich 25 bis 40 Jahre alt, so ist die Gruppe der über 79-Jährigen heute die mit 4,2 Prozent am stärksten wachsende.

Mitte des 19. Jahrhunderts lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 45 Jahren, heute bedeutet dieses Alter die Lebensmitte. Etwa die Hälfte der heute neugeborenen Mädchen wird nach Aussagen von Altersforschern vermutlich den hundertsten Geburtstag erleben. Experten vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung gehen noch weiter: Im Jahr 2060 wird die durchschnittliche Lebens-erwartung aller Menschen bei hundert Jahren liegen. Einig waren sich die Wissenschaftler bislang darüber, dass es eine natürliche Obergrenze gibt: Sie liegt bei 120 bis maximal 130 Jahren und konnte bisher nicht überwunden werden. So wurde der bislang bekannte älteste Mensch, die Französin Jeanne Calment, „nur“ 122 Jahre. Aber stimmt diese Prämisse noch?

Der britische Informatiker Aubrey de Grey von der Cambridge University ist sicher, dass Menschen schon in wenigen Jahrzehnten eine durchschnittliche Lebenserwartung von tausend Jahren haben werden, wenn die entsprechende Forschung ausreichend finanziert wird: Mit Pillen, Spritzen und periodischen Behandlungen mit Stammzellen werde man das Altern wie eine Krankheit behandeln können, meint er. Einen anderen vielversprechenden Ansatz verfolgt der amerikanische Zukunftsforscher Raymond Kurzweil, ein weltweit führender Experte im Bereich der künstlichen Intelligenz. Er geht davon aus, dass es in spätestens zwanzig Jahren „Nanobots“ (Roboter im Kleinstformat) geben wird, die in unserem Körper Krankheitserreger und schädliche Stoffe aufspüren und zerstören sowie unsere Gene instand halten werden. Darüber hinaus würden wir unsere Organe durch länger haltbare Neurotransplantate ersetzen.

Gibt es „neue Menschen“
schon in 50 Jahren?

Die Verbesserung der menschlichen Funktionalität unter Zuhilfenahme der Technik heißt „Transhumanismus“, eine Forschungsrichtung, die Veränderungen des menschlichen Körpers durch künstliche und technische Mittel aus den verschiedensten Disziplinen befürwortet. Das Ziel: Der Mensch soll sich über seinen derzeitigen biologischen Stand hinaus entwickeln – durch die Implantation technologischer Erfindungen direkt in den menschlichen Körper. Die Wissenschaftler denken dabei an Möglichkeiten der Gentechnik, der molekularen Nanotechnologie, der Neuropharmazeutik sowie des operativen Hinzufügens von kleinsten Prothesen und neuen Gehirn-Computer-Schnittstellen.

Auch unerforschte Technologien werden in diese Vorstellungen bereits mit einbezogen. Dazu gehört auch das Hochladen des menschlichen Bewusstseins in digitale Speicher, um auf diese Weise Superintelligenz zu entwickeln sowie die Weiterentwicklung der Kryonik, das Konservieren bei tiefen Temperaturen. Die Transhumanisten gehen davon aus, dass ein radikaler Durchbruch in der technischen Verbesserung von Menschen in den nächsten fünfzig Jahren erfolgen wird.

Die Bemühungen, ewiges Leben zu erreichen, sind damit nicht erschöpft. So wird auch im Bereich der Hormone, die zu den stärksten Wirkungsmitteln in unserem Körper zählen, intensiv geforscht. Denn im Laufe des Lebens verringert sich die Produktion von Hormonen – mit zahlreichen Folgen für das Immunsystem, den Stoffwechsel und die Lebenserwartung. Wachstumshormone wie das Somatotropin allerdings scheinen dem Altern entgegenzuwirken, ohne diese Botenstoffe versagen wichtige Körperfunktionen. In Tests, bei denen man Versuchspersonen zwischen 60 und 80 Jahren regelmäßig Wachstumshormone verabreichte, beobachtete man nicht nur einen Stillstand der Alterungserscheinungen, teilweise kehrten sie sich sogar um – die Probanden wurden jünger!

Auch die Stammzellenforschung beschäftigt sich mit der menschlichen Vergänglichkeit. Stammzellen sind nicht nur die Basis für die Entwicklung von Embryonen, sondern erneuern auch im erwachsenen Körper immer wieder unsere Zellen. Wo auch immer man sie benötigt, können sie sich in beinahe jede Zelle des Körpers verwandeln. Erst vor Kurzem gelang der Stammzellenforschung wieder einmal ein sensationeller Durchbruch – allerdings nur im Tierversuch: Die Forscher des Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin in Münster isolierten die Keimbahn-Stammzellen von Mäusen, die sich selbstständig wieder in ein embryonales Stadium verwandeln können. Möglicherweise ist es der Wissenschaft damit gelungen, für die Zukunft eine Quelle für medizinische Ersatzzellen zu entdecken.

Braucht die Evolution den Tod des Einzelnen?

Bisher hat sich die Evolution stets zum Vorteil des Menschen entwickelt – warum sollte sie an seinem Tod interessiert sein, wie Wissenschaftler vermuten? Die vorherrschende Theorie: Ohne Evolution und ständige Anpassung von Körpermerkmalen und Verhaltensweisen an die Veränderungen der Umwelt, des Klimas und der Gesellschaftsformen würden wir nicht so existieren, wie wir heute sind. Der Steinzeitmensch mit seiner genetischen Ausstattung, die ihn zu einem Leben als Jäger und Sammler bestimmte, wäre heute nicht mehr überlebensfähig.

Deshalb ging man bis vor Kurzem davon aus, dass die Evolution den Tod braucht. Der Anthropologe Prof. Henry Harpending von der University of Utah erklärt den Motor des Wandels in unseren Genen: „Alles hängt von der Zahl möglicher vorteilhafter Mutationen ab. Wenn sich etwa die Umgebung, in der wir leben, drastisch ändert, müssen wir darauf reagieren.“ Wer dafür die besten genetischen Voraussetzungen entwickelt, ist im Vorteil. Gerade die letzten 10000 Jahre der Menschheitsgeschichte, so der Forscher, seien gekennzeichnet durch wichtige Veränderungen am Skelett und an den Zähnen sowie viele genetische Antworten auf die Herausforderungen durch neuartige Ernährungsformen oder die Reaktion auf zuvor nicht gekannte Krankheiten. Harpending hält es sogar für möglich, dass sich die Menschheit auch an die aktuellen Herausforderungen des Klimawandels anpassen könnte: „Das kann schneller gehen als in einem Jahrtausend.“

Ewiges Leben würde demnach die Anpassung des Menschen an veränderte Gegebenheiten behindern und die Überlebensfähigkeit des Individuums einschränken. Und da stellt sich die Frage: Wollen wir überhaupt ewig leben? Wie würden sich beispielsweise zwischenmenschliche Beziehungen gestalten, wenn sie unendlich dauerten? Eine repräsentative Umfrage ergab, dass nur jeder zehnte Bundesbürger ewig leben möchte, je jünger die Befragten, desto lieber würden sie endlos lange leben, je älter, umso stärker bildet sich dieses Bedürfnis zurück.

Der bekannte amerikanische Chirurg Sherwin B. Nuland, Autor des Bestsellers „Wie wir sterben“, meint: „Aus pragmatischen, wissenschaftlichen, demografischen, wirtschaftlichen, politischen, sozialen, emotionalen und spirituellen Gründen bin ich der Meinung, dass sowohl der persönlichen Erfüllung als auch dem ökologischen Gleichgewicht auf diesem Planeten am besten gedient ist, wenn wir zu dem von der Biologie vorgegebenem Zeitpunkt sterben.“

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Autor/in: Regine Schneider


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