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Kultur & Gesellschaft
Schneewittchen – Was geschah mit ihr wirklich?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Fragen & Antworten
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Spannend waren Märchen schon immer – nicht nur für Zuhörer, sondern auch für die Wissenschaft. Aber wirklich aufregend wurde es, als Symbolforscher und Tiefenpsychologen mit einem ganz neuen Blick an die alten Geschichten herangingen. Und dabei Wahrheiten zutage förderten, die uns alle angehen.
Nicht einmal Deutschlands berühmteste Märchenforscher – die Gebrüder Grimm – wussten eine Antwort auf die Frage, woher Dornröschen, Schneewittchen und Co. eigentlich kommen. »Das Leben selbst hat sie geschrieben«, sagten sie einmal. Fest steht nur: Märchen stammen aus den Tiefen der Zeit und ihre Leitmotive sind in den unterschiedlichen Ländern der Erde überraschend ähnlich. Was steckt dahinter?
Haben Märchen einen wahren Kern?
Über Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende, wurden Märchen mündlich von einer Generation an die nächste weitergegeben. Vereinzelt gibt es frühe schriftliche Zeugnisse, aber erst im 18. und 19. Jahrhundert begannen Historiker und Schriftsteller damit, sie systematisch zu sammeln und aufzuschreiben. Dabei wurde auch der »Wahrheitsgehalt« untersucht. Das hat zu kuriosen Interpretationen geführt.
Beispiel Schneewittchen. Gleich drei Städte in Deutschland beanspruchen für sich, Heimat des »echten« Schneewittchens zu sein. Die Stadt Lohr am Main verweist auf ein Schloss, in dem angeblich ein verwitweter Landgraf wohnte, dessen einzige Tochter sich mit der Stiefmutter nicht verstand. Darüber hinaus war Lohr im 17. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum der Glaserzeugung, in dem Spiegel hergestellt wurden. Als »sprechende Spiegel« bezeichnete man damals Spiegel, die mit Inschriften, gedacht als Botschaften an die Betrachter, versehen waren.
Auch für die »Zwerge« hält Lohr eine Erklärung parat: Die Rohstoffe für die Glasproduktion wurden aus Bergwerkstollen geholt – wie überall in vorindustriellen Zeiten arbeiteten im Bergbau besonders kleine Menschen. Doch genauer besehen erweisen sich solche historischen Erklärungen als fragwürdig. Oft sind es frühe »Marketing-Gags« von Lokalpatrioten. Die Schneewittchen-Theorie beispielsweise wurde im 19. Jahrhundert von einem Apotheker aus Lohr in die Welt gesetzt. Anders als Sagen (siehe Kasten Seite 38) beziehen sich Märchen nicht auf reale Plätze und Menschen, sondern erzählen symbolische Geschichten.
Die erste Geschichte:
Schneewittchen: Was will das Märchen uns sagen?
Das Märchen vom schönen Mädchen mit den schwarzen Haaren, der weißen Haut und dem kirschroten Mund gehört zu den beliebtesten, obwohl es ein besonders unangenehmes Thema aufgreift: den giftigen Neid der Mutter auf die Tochter. Oder allgemeiner: den Neid der Älteren auf die nachwachsenden Generationen. (Früher äußerte er sich vor allem als Geschimpfe auf die Jungen, heute eher als Jugendwahn bei den Alten.) Das Märchen schiebt die hässlichen Gefühle der Stiefmutter zu. Die echte Mutter Schneewittchens ist gleich nach deren Geburt gestorben.
Dieses in Märchen häufig wiederkehrende Motiv entspricht einer seelischen Wahrheit: Wenn das ersehnte Baby geboren ist, offenbaren sich zwangsläufig auch die Schwächen der Mutter. Sie ist natürlich nicht nur gut, geduldig und liebend, sondern auch genervt, überfordert und »böse«. Schneewittchens (Stief-) Mutter ist eine zutiefst unglückliche Frau, die versucht, ihr schwaches Selbstwertgefühl durch Selbstbespiegelung aufzupolieren. Als die Tochter heranwächst, verliert sie, was ihr vermeintlich Daseinsberechtigung gab – die Rolle der Schönsten. Jetzt deckt das Märchen auf, was im wahren Leben unter der Decke bleibt: Die Mutter »vergiftet« die Beziehung zur Tochter, um das Mädchen klein zu halten.
Und was macht Schneewittchen? Im Märchen versteckt sie sich bei den sieben Zwergen (also erotisch ungefährlichen »alten Jungen«) und führt brav und ordentlich den Haushalt im »Puppenheim«. Übersetzt: Sie geht in die innere Emigration, bleibt die kleine asexuelle Tochter – und verdummt auf gewisse Weise. Deshalb fällt sie auch dreimal auf die Tötungsversuche der Mutter herein. Der letzte Akt ihres Dramas ist erreicht, nachdem sie in einen vergifteten Apfel gebissen hat. Im Glassarg schläft sie einen totenähnlichen Schlaf – gebannt in seelischem Permafrost.
Doch das Leben lässt sich weder aufhalten noch betrügen. In Bewegung kommt die Geschichte, als ein Prinz auftaucht, der sich bedingungslos in das scheintote Mädchen verliebt. Wirklich bedingungslos – denn von erfüllter Erotik kann noch nicht die Rede sein. Der Prinz kauft den Sarg von den geschäftstüchtigen Zwergen, weil er das Mädchen »für immer ansehen und ehren möchte«. Doch beim Abtransport des Sargs kommen die Träger ins Stolpern. Mit anderen Worten: In der sich gerade anbahnenden Beziehung gibt es eine Krise, die wie ein heilsamer Ruck wirkt. Schneewittchen spuckt den Apfel aus, das Leid bricht buchstäblich aus ihr heraus. Sie löst sich endgültig aus dem Bann der Mutter und wird zur Frau.
Wer hat die Märchen erfunden?
Autoren der überlieferten Volksmärchen kennt man nicht, auch wenn Märchensammlungen oft mit großen Namen verbunden sind (bei uns die Gebrüder Grimm, in Frankreich Charles Perrault). Der berühmte Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung sah in Märchen Produkte des kollektiven Unbewussten der Menschen.
Viele Motive – zum Beispiel der »Zauberschlaf« von Dornröschen – sind schon aus der griechischen Antike bekannt. Anders die Herkunft der so genannten Kunstmärchen: Sie stammen tatsächlich aus der Feder eines Autors. Hans Christian Andersen und Wilhelm Hauff haben berühmte Geschichten im Stil der Volksmärchen geschrieben.
Wurden Märchen nur für Kinder erzählt?
Nein, sie waren immer für alle gedacht. Der Irrtum, es handele sich bei ihnen um Kinderliteratur, ist im 19. Jahrhundert entstanden. In dieser Zeit begann man erstmals damit, Bücher speziell für Kinder zu verfassen. Weil die Märchensammlung der Gebrüder Grimm auch bei Kindern gut ankam, versah Wilhelm Grimm die dritte Ausgabe (1819) mit der Unterzeile: Kinder- und Hausmärchen. Nicht wenige Pädagogen haben sogar behauptet, Märchen seien ungeeignet für Kinder, da viel zu grausam.
Sind sie wirklich zu grausam?
Märchen sind tatsächlich grausam. Da müssen sich zum Beispiel böse Stiefmütter auf glühenden Kohlen zu Tode tanzen und kleine Mädchen werden vom Wolf gefressen. 1945 verbot die britische Militärregierung sogar den Druck der Grimm’schen Märchen – die Engländer vermuteten einen Zusammenhang zwischen den Geschichten und der »Grausamkeit« der Deutschen.
Der Verdacht ist schon deshalb absurd, weil die meisten Grimmschen Märchen keineswegs »deutsch« sind, sondern europäisch. Außerdem schwelgen Märchen nicht in der Darstellung brutaler Handlungen, sondern begnügen sich mit der knappen Erwähnung einer Strafe, die das Böse ausmerzen soll. Der amerikanische Psychologe Bruno Bettelheim vertritt die Theorie: »Kinder brauchen Märchen, um sich in der Welt besser zurechtzufinden.« Viele seiner Kollegen gehen noch weiter, sie meinen: Nicht nur Kinder, sondern alle Menschen brauchen Märchen. Deshalb gäbe es sie ja auch auf der ganzen Welt.
Welches sind die Geschichten hinter den Märchen?
Märchen erzählen Geschichten, die nur scheinbar in der Außenwelt (in Wäldern, Städten, Königsschlössern, Gärten, Teichen) passieren – in Wirklichkeit handeln sie von Vorgängen, die sich größtenteils im Inneren des Menschen, in seiner Seele abspielen. Sie schildern die Stationen der Entwicklung von einer zur nächsten seelischen Reifestufe.
Symbolisch dafür beginnen viele mit einer Krise (das tapfere Schneiderlein hat keine Arbeit mehr, die Königstochter verliert ihre goldene Kugel) oder mit dem Erwachsenwerden eines Kindes (Dornröschen feiert bei Beginn der Geschichte seinen 15. Geburtstag). Im Drehbuch der Märchen werden die wichtigsten Erfahrungen beschrieben, die Menschen auf ihrem »Weg« tatsächlich erleben – mit allen ihren Risiken und Chancen. Beispiel: Ein häufig wiederkehrendes Motiv aller Märchen der Welt ist die »Verzauberung«, aus der jemand erlöst werden muss. Damit ist ein präzises psychisches Phänomen gemeint: die Erstarrung in bestimmten Verhaltensweisen, die Verhärtung der Seele, ein Trauma, in dem die Psyche gefangen ist.
Oft werden im Märchen Königssöhne von einer Hexe verzaubert. Das beschreibt das Verharren eines Mannes in kindlichen, von der Mutter geprägten Verhaltensweisen, die ihn daran hindern, eine reife Partnerschaft zu führen. So zum Beispiel im extrem vielschichtigen »Froschkönig«, einem der komplexesten Märchen, die wir kennen. Eine der darin beschriebenen Verstrickungen: Der von einer Hexe verzauberte und »im Brunnen« seiner Einsamkeit gebannte Frosch bettelt um Sex, weil er sich davon Erlösung erhofft. Aber sie kommt erst, als ihn die Prinzessin an die Wand klatscht, ihn also hart mit ihrer Abneigung konfrontiert oder sogar verlässt. Das ist das Roh-skript vieler (unglücklicher) Beziehungen.
Dornröschen: Wie mächtig ist das Böse?
Die Geschichte von der Schönen, die hinter einer Dornenhecke schläft, haben die Gebrüder Grimm als 50. in ihre Sammlung aufgenommen. Sie ist voller Anspielungen und symbolischen Hinweise. Und wie viele Märchen, erzählt sie von einem jungen Mädchen an der Schwelle zum sexuellen Leben (der Stich mit der Spindel ist das Symbol dafür). Aber die zentrale Botschaft des Märchens ist zeitlos und geht Menschen jeden Alters an.
Erzählt wird von der Macht des Bösen – und von ihren Ursprüngen: Zurückweisung, Ablehnung, Ungerechtigkeit. Zur Geburtstagsfeier der Prinzessin wird die 13. Fee nicht eingeladen. Sie »passt« nicht dazu oder wird – in anderen Versionen des Märchens – einfach »vergessen«. Aus Rache verflucht sie das Geburtstagskind. Übertragen auf die seelische Ebene: Was wir aus unserem Leben ausklammern, nicht wahrhaben wollen, also in Psychosprache ausgedrückt – verdrängen – kann sich gegen uns richten und »böse« werden.
Aus der systemischen Therapie ist bekannt, dass Familienangehörige, die aus irgendwelchen Gründen verleugnet oder totgeschwiegen werden, einen unheilvollen Einfluss, einen Fluch, auf die ganze Familie ausüben. So ist es auch nicht nur Dornröschen selbst, sondern der gesamte Hofstaat, der mit ihr in einen hundertjährigen Schlaf fällt. Symbol für die zunehmende Verhärtung ist die dichte Dornenhecke, welche die Familienburg umgibt. Die Lösung kommt auch hier durch Liebe, symbolisiert durch den Kuss eines Prinzen. Liebe ist stärker als jeder Fluch. Das Märchen erwähnt es zwar nicht explizit, aber man kann es sich vorstellen: Bei der großen Hochzeit hat am Ende auch die 13. Fee ihren Platz.
Können Märchen uns Tipps für unsere eigene Situation geben?
Märchen sind keine Psycho-Ratgeber, doch sie wirken auf uns, auch wenn uns das nicht bewusst ist. Die Symbole, derer sie sich bedienen, bilden eine universelle Sprache, die unmittelbar auf einer nicht-rationalen Ebene verstanden wird (und zwar immer passend zum eigenen Reifegrad, Kinder verstehen Märchen noch anders als Erwachsene). In dieser Hinsicht haben die Märchen extrem viel zu geben. Vor allem machen sie Mut, den eigenen Weg zu gehen. Sie zeigen, dass Erfüllung nicht vom sozialen Status oder von Privilegien abhängen muss – oft sind es gerade die Ärmsten (wie das tapfere Schneiderlein), die besonders viel Glück haben.
In vielen Märchen ist es das jüngste Kind, das Erfolg hat, nachdem zwei ältere Geschwister gescheitert sind. Die verborgene Botschaft darin: Du bekommst mehrere Chancen im Leben, irgendwann klappt es. Der Misserfolg der älteren Geschwister symbolisiert das Scheitern durch herkömmliche Vorgehensweisen, das jüngste Kind dagegen kommt ans Ziel, weil es spontan und frisch ans Leben herangeht.
Märchen zeigen auch, dass wir Helfer haben auf unserem Weg, oft sind es Tiere. Auch darin steckt eine Wahrheit: Die Intuition, also der nicht-rationale Teil ins uns, liefert in kritischen Momenten die richtigen Hinweise, wie es weitergehen soll. Märchen haben ein Happy End, weil sie – anders als das Leben – mit der Lösung einer Verstrickung enden (im wahren Leben folgt dann nach einiger Zeit oft die nächste!). Oft werden die Helden am Ende zu Königen – ein Symbol dafür, dass ihr Leben von Erfolg »gekrönt« ist und sie ihr eigenes Königreich – sich selbst – gefunden haben.
Auch die Hochzeit, die am Schluss vieler Märchen gefeiert wird, hat eine tiefe Bedeutung: Sie ist weltweit ein uraltes Symbol für das Überwinden der Gegensätze, das Heilwerden der Seele und das Erreichen einer neuen Einheit.
Rotkäppchen: Wie gefährlich ist die Leidenschaft?
Dass es sich bei der Geschichte des Mädchens mit der roten Kappe um ein »Sexmärchen« handelt, wird in der französischen Fassung (von Charles Perrault) sogar deutlich gesagt – das Märchen soll als Warnung vor dem »Spiel mit dem Feuer« verstanden werden. Rotkäppchen, das sich vom Wolf – einem alten Symbol für die männliche Sexualität – unbedacht verführen lässt, wird von der Macht der »animalischen« Leidenschaft aufgefressen, verschlungen.
Dahinter steckt nicht etwa eine prüde Sexualmoral, die Frauen keinen Sex vor oder außerhalb der Ehe zubilligt. Das Märchen möchte uns vielmehr bewusst machen: Sexualität ist kein Kinderspiel, denn dabei können enorme Triebkräfte freigesetzt werden. Wie die meisten Märchen geht auch das von Rotkäppchen gut aus: Gerettet werden das Mädchen und seine Großmutter (die der Wolf in seiner Gier gleich auch noch »vernascht« hat) durch einen Jäger. Die fast immer positive Figur des Jägers gehört zum klassischen Szenario vieler Märchen und steht für den Menschen, der noch im Einklang mit der Natur lebt und ihre Gesetze achtet.
























