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Straßenverkehr

Schild Bürger Streiche

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Schild Bürger StreicheSchild Bürger Streiche

Deutschland – ein Schilderwald! Millionen Verkehrszeichen sind überflüssig und irritieren die Fahrer, sagen Experten. Kleiner Trost: Anderswo ist es auch nicht besser. Aber im Ausland kann man wenigstens öfter mal darüber lachen.

Wenn Thomas Hessling am Samstagmorgen die eineinhalb Kilometer zum Bäcker im bayerischen Gröbenzell radelt, passiert er Dutzende von ihnen – Schilder, Schilder, Schilder: Tempo 30, Halteverbot, Schraffen am Boden in der verkehrsberuhigten Zone, Ende Tempo 30, Höchstgeschwindigkeit 50, Vorfahrt, absolutes Halteverbot, Radweg, Parkplatz für Kunden und und und.

Fast keines dieser Schilder, sagt Hessling, hat seine Berechtigung. Der Verkehrsingenieur des ADAC beschäftigt sich mit dem Thema seit Jahrzehnten. Und kommt zu dem Schluss: »In Deutschland sind der Narretei Tür und Tor geöffnet. Im Bestreben, alles und jedes zu regeln, haben wir unsere Straßen innerorts zugestellt. Das ist teuer – und erhöht die Sicherheit keinesfalls.«

Vor drei Jahren hat der ADAC-Mann im münsterländischen Selm die Probe aufs Exempel gemacht. Er ließ 1300 Verkehrszeichen – vom Halteverbot in Kurven bis zum Hinweis auf eine weithin sichtbare Ampel – mit gelben Säcken verhängen. Die nächsten Tage im partiell ungeregelten Zustand vergingen unfallfrei. Dann begutachtete eine Kommission die verhüllten Schilder: Sie kam zu dem Schluss, dass 34 Prozent absolut verzichtbar seien. Seither kommt Selm mit einem um ein Drittel gelichteten Schilderwald aus.

Das stünde Bonn auch nicht schlecht an. Noch immer trägt die Kommune an der Altlast aus Hauptstadtzeiten, als ein Schild pro zehn Meter Straße gezählt wurde. Hier haben die Planer und Strategen aus dem Vollen geschöpft: In der Straßenverkehrsordnung sind schließlich 648 unterschiedliche Zeichen aufgeführt, die in 1800 Varianten kombiniert werden können. Ein Unding, sagt Hessling: »Das Fahren ist ohnehin problematisch genug.«

Zur selben Zeit, als Hessling im Münsterland den Schilder-Unsinn entlarvte, schreckte Dr. Erich Benner, Referent für Straßenverkehrssicherheit im Ministerium für Umwelt und Verkehr des Landes Baden-Württemberg, die Kommunen mit einem Leitfaden auf, der den knappen Titel »Weniger Verkehrszeichen!« trug. Da waren sie alle aufgelistet – diese Warnungen, Hinweise, Anweisungen, für die es eigentlich innerorts keiner Schilder bedurfte: »Zeichen für Kurven, Schleudergefahren, Engstellen, Stoppzeichen in Tempo-30-Zonen, Überholverbot, überflüssige Schilder zur Vorfahrtsregelung, wenn alles ohnehin klar ist.«

Sparen wollte Benner, den Verwaltungsaufwand reduzieren und für die Autofahrer nur die Schilder übrig lassen, die ihnen wirklich weiterhelfen würden. Doch so richtig ist seine Initiative nie in die Gänge gekommen. Auch heute noch pflanzen die Verkehrsplaner überall im Land ganze Schilderarmeen auf. Zur Freude der Industrie, zu Lasten des Steuerzahlers: Mehr als 20 Millionen Verkehrszeichen stehen derzeit an unseren Straßen. Die Neuinstallation eines Stoppschildes kostet laut Benner zwischen 500 und 600 Euro; ein ausgereiftes, nachttaugliches, allen Windlasten trotzendes Autobahnzeichen mit Glasperlentechnologie oder mikroprismatischer Folie und mit Buchstaben in doppelter Din-A-4-Höhe ist unter 15000 Euro nicht zu haben.

Die behördliche Lust am Schildersetzen wurde entfacht, als Anfang des 20. Jahrhunderts die Autos den Planeten eroberten. Bis dahin taten es im Wesentlichen ein paar Meilensteine, die Kutschen, Fuhrwerken und Reitern ein Minimum an Orientierung ermöglichten. Schon die Römer kannten ein solches Verkehrsleitsystem für ihr Straßennetz. Die römischen Meilensteine waren meistens 1,5 bis vier Meter hohe Steinsäulen: Sie enthielten neben der Entfernung zur nächsten Stadt auch die Namen des Erbauers und des Förderers der Straße. Es wurden auch schon Einbahnstraßen, Parkverbote und Parkplätze eingeführt. Und in Pompeji hatte man sich ein reichlich gewagtes Hinweisschild für die Besucher von Bordellen ausgedacht: einen erigierten Penis.

1925 begann die Beschilderung deutscher Lande. Weiße Zeichen auf blauem Grund, kreisrunde Bleche mit einem Durchmesser von 60 Zentimetern. Alles fing mit vier Zeichen an: Querrinne, Kurve, Kreuzung, Bahnübergang. Nach 1934 konfrontierten Verkehrsplaner die Automobilisten und Krad-Piloten mit »Warnschildern – Gebots-und Verbotszeichen sowie Hinweiszeichen«. Stoppschilder gab es noch nicht – die wurden erst im Januar 1939 eingeführt.

Seit den Dreißigern also sprießt die Fantasie der Verkehrsfachleute in den Behörden – und die Spuren ihres Tuns führen direkt in den Schilderwald. Die Straßenverkehrsordnung von heute schreibt genau fest, wie die Schilder auszusehen haben, aus welchen Materialien sie bestehen (Aluminium und Kunststofffolie), wie und in welcher Entfernung vor neuralgischen Punkten sie aufgestellt werden müssen. Wenn sie Schriftzeichen enthalten, müssen sich diese an der DIN 1451 orientieren, wobei man wählen kann zwischen »fetter Mittelschrift« und »fetter Engschrift«. Die Farben müssen den Bestimmungen des Normblatts »Aufsichtsfarben für Verkehrszeichen-Farben und Farbgrenzen« (DIN 6171) entsprechen. Die Größe orientiert sich an der Notwendigkeit der Sichtbarkeit aus größerer Entfernung: Dreiecksschilder beispielsweise haben in der kleinsten Größe 1 exakt 630 Millimeter Seitenlänge, in der Größe 2 sind es 900 und in der Größe 3 immerhin 1260 Millimeter.

Über die Schönheit deutscher Verkehrsschilder kann man streiten – hat man auch. Der Dortmunder Professor Dieter Hilbig entwickelte bereits 1983 eine Alternative zur bisherigen Bildersprache: ein ästhetisch ansprechendes Baukastensystem, das ihm viel Lob von den Kollegen einbrachte – und eine Bauchlandung bei den Bürokraten. Wo so viel genormt ist, hat natürlich auch der Witz keine Chance. Sicherheit ist keine Sache für die leichte Schulter. Anderswo schon. So wundert sich in den USA kein Autofahrer, wenn ihm ein Schild Bremsbereitschaft so nahe legt: »Steilküste voraus. Fallschirme erforderlich.«

DIN-Optik, kein Charme, kein Witz – sei’s drum: Deutsche Verkehrsschilder überzeugen durch Qualität. Die Verarbeitung der Schilder ist so erstklassig, dass sich nach 15 Jahren Gebrauch (das ist die durchschnittliche »Lebenserwartung« im deutschen Schilderwald) ein Unternehmer der ausgemusterten Teile annimmt. Er lässt das Aluminium glatt klopfen und verschickt die Zeichen in afrikanische Entwicklungsländer. Dort – so heißt es – sei der Bedarf an deutscher Gründlichkeit riesig.

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Autor/in: Detlef Vetten


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