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Kult um den Körper

Schönheit muss leiden

Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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Schmucknarben, Tätowierungen, Schönheitsoperationen: Als einziges Lebewesen verändert der Mensch seinen Körper, um besser dazustehen – und das schon seit der Steinzeit.




Kein Laut kommt über die Lippen des Kriegers, als ihm der Schamane die Schnitte in den Rücken setzt. Sechsmal ritzt der Heilkundige mit einer Feuersteinklinge die Haut des Patienten, genau neben der Stelle an der Wirbelsäule, wo die rasenden Schmerzen sitzen. Der Krieger atmet tief durch. Er kennt die Zeremonie, die ihm Erleichterung bringt. Er entspannt sich. Am Ende reibt der Schamane Holzkohlenstaub in die sechs Schnitte. Sie werden den Krieger als ein Bündel schwarzer Striche unter der Haut sein Leben lang begleiten. Drei senkrechte Striche nebeneinander, darunter in kurzem Abstand noch einmal drei. Es sind nicht die ersten, die der Schamane seinem Patienten gesetzt hat. Als man den Krieger 5200 Jahre später mumifiziert im Eis des Similaungletschers in den Alpen findet, trägt er über 50 solcher Hautzeichen an Rücken und Füßen. Es ist Ötzi, der Mann aus der Steinzeit – und er ist der älteste bekannte Tätowierte der Welt.

Für die Wissenschaftler war dies eine Überraschung, da die Tätowierungen des Gletschermanns keine Zierden sind, sondern medizinischen Zwecken dienten. Sie sollten die Arthrose des Patienten lindern, und die Schnitte befinden sich genau oder sehr nahe an den Körperstellen, die heute als Akupunkturpunkte oder Meridiane bekannt sind. Die Akupunktur, die im 20. Jahrhundert von China aus wieder in den Westen kam, war also schon in der Jungsteinzeit bekannt, verraten die Hautzeichen.

Die Tätowierungen zeigen aber noch etwas anderes. Sie sind Beleg dafür, dass die Menschen schon vor sehr langer Zeit bereit waren, ihren Körper bewusst und dauerhaft zum Positiven zu verändern, indem sie ihm Verletzungen zufügten. Damit unterscheiden sich Menschen von allen anderen Lebewesen. Sie wollen ihren Körper nicht nur attraktiv gestalten, indem sie etwa die Haare und Nägel schneiden und in Form bringen. Das tut ein Paradiesvogel auch, der sich mit dem Schnabel die Federn zurechtzupft. Nur die wenigsten Tiere aber erkennen sich überhaupt selbst im Spiegel, etwa manche Primaten und einige Rabenvögel. Den Willen, dieses Körperbild bewusst und schmerzhaft zu verändern, hat keines davon. Ein verzweifelter Papagei wird sich zwar seine Federn ausrupfen, um im Schmerz Einsamkeit und Gefangenschaft zu vergessen, dabei aber nicht an sein Aussehen denken. Menschen dagegen nehmen Schmerzen in Kauf, um ihren Körper von seinem natürlichen Erscheinungsbild zu entfernen und dadurch Vorteile im Leben zu erreichen. Attraktivität verbessert die Chancen bei der Partnerwahl und erhöht den Status in der Gruppe. Immerhin das ist identisch mit dem Tierreich.
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Autor/in: Felicia Englmann


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