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Sagen Sie mal: Was machten Steinzeitmenschen am Feierabend?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Vor 35000 Jahren zogen kleine Sippen von Menschen durch Deutschland – damals eine offene Tundra-Landschaft mit Waldstücken an den Talhängen. Es gab Mammut-Elefanten und Raubtiere wie Löwen und Leoparden. Das Leben der Steinzeitmenschen war hart und gefährlich. Über ihren Arbeitstag wissen wir viel. Aber was machten sie in ihrer Freizeit? P.M.-Autor Michael Kneissler sprach mit Professor Hansjürgen Müller-Beck über den Feierabend – und seine Bedeutung für die Geschichte der Menschheit.
P.M.: Kannten unsere Vorfahren überhaupt einen Feierabend? Oder waren sie ständig beschäftigt mit Nahrungssuche, Hüttenbau, Überlebensstrategien?
Müller-Beck: Die Steinzeitmenschen hatten vielleicht sogar mehr Freizeit als wir. Das hing vom Erfolg der Jagd ab. Wenn sie schon am Vormittag ihre Beute erwischten, hatten sie nachmittags frei. Es konnte jedoch auch passieren, dass sie spät abends mit leeren Händen nach Hause kamen, dann fiel der Feierabend natürlich aus, weil sie am nächsten Morgen schon wieder früh rausmuss-ten zur neuerlichen Jagd.
Die Jagd bestimmte das Leben?
Sie müssen sich vorstellen, dass man kaum Fleischvorräte anlegen konnte, es gab ja keine Kühlschränke. Deshalb gingen unsere Vorfahren relativ regelmäßig zur Jagd, vielleicht jeden dritten oder vierten Tag. Die Zeit dazwischen war notwendig, um die Jagdgeräte – Spieße und Wurfspeere aus Holz mit Stein- oder Knochenspitzen – zu reparieren. Große Tiere wie Mammuts oder Fellnashörner wurden hauptsächlich im Winter gejagt, wenn es kalt genug war, um die riesigen Fleischmassen einzufrieren. Dafür grub man Löcher in den Boden und bedeckte sie mit Steinplatten, um wilde Tiere abzuhalten. Es gab sogar Kisten aus Steinplatten.
Wie groß war denn eine Steinzeitsippe?
Die Steinzeitmenschen lebten in kleinen Gruppen: ein, zwei Familien, höchstens vier oder fünf. Jede Familie bestand aus vier bis fünf Mitgliedern, nicht viel mehr. Zu einer Steinzeitsippe gehörten also acht bis 25 Menschen.
Was taten die Frauen?
Frauen gingen nicht mit auf die Jagd, sie blieben in Sichtweite der Hütten oder Höhlen, fingen Fische in den Bächen, sammelten Beeren und Kräuter oder Löwenzahn für Salate. Sie waren für die Wohnung zuständig. Sie bauten Betten aus Grasmatratzen und Felldecken, zogen Zwischenwände aus Ästen, fegten den Boden und sorgten für Brennholz, damit das Feuer niemals ausging. Außerdem oblagen ihnen der Schutz und die Erziehung der Kinder. Kinder waren neben den Waffen der wertvollste Besitz der Steinzeitmenschen.
Wie lebten Mann und Frau damals zusammen?
Wir wissen, dass es Fortpflanzungsfamilien gab. So nennen wir Familienverbände, die vor allem darauf ausgerichtet sind, Nachwuchs zu zeugen und aufzuziehen. Wir wissen aber nicht, wie stabil diese Familien waren. Wir vermuten, dass die Steinzeitmenschen leicht den Partner wechselten. Aber we-gen der gemeinsamen Kinder bestand sicher eine Bindung zum Vater. Mit 13 oder 14 wa-ren die Mädchen geschlechtsreif. In diesem Alter begannen sie, sich nach einem Mann umzuschauen, der ihnen gefiel. Vermutlich waren die Männer, für die sie sich interessierten, schon etwas älter. Schließlich mussten sie den Frauen beweisen können, dass sie befähigte Jäger waren und eine Familie ernähren konnten.
Waren die Partner sich treu?
Treue spielte nicht die gleiche große Rolle wie heute. Aber dass eheähnliche Liebesbeziehungen die Basis der Familie waren, erscheint mir sehr wahrscheinlich. Das ist die stabilste Beziehungsform, die wir kennen, und deshalb besonders gut für Nachwuchs geeignet. Und Nachwuchs war extrem wichtig für diese Menschen – wenn auch nicht so leicht zu bekommen. Durch den Stress des harten Lebenskampfes waren die Frauen nicht jeden Monat fruchtbar. Und wenn sie doch schwanger wurden, war noch lange nicht gesagt, dass das Kind die Geburt und die ersten Tage danach überlebte. Wir nehmen an, dass die Säuglingssterblichkeit in der Steinzeit extrem hoch war. Vielleicht kam nur jedes vierte Kind durch.
Welche Rolle spielten Lust und Leidenschaft?
Sex und vor allem das Reden darüber war eine der wichtigsten Feierabendbeschäftigungen. Aus den Studien über heute noch ursprünglich lebende Stämme schließen wir, dass Sexualität damals eine große und freudvolle Rolle spielte. Manchmal verzichteten diese Leute am Vorabend eines Jagdtages auf Sex, sie opferten sozusagen die Lust für einen erfolgreichen Beutezug. Aber nach einer erfolgreichen Jagd belohnten sie sich dann auch entsprechend.
Nach der Jagd – wie muss man sich den Empfang zu Hause in der Höhle vorstellen?
Reden wir erst mal über den ungünstigen Fall, dass die Jäger nichts erbeutet hatten. Dann schlichen sie sicherlich mit hängendem Kopf nach Hause und waren ziemlich wortkarg. Im positiven Fall jedoch riefen sie schon von weitem, und die Kinder rannten ihnen entgegen. Das Wild wurde ge-meinsam zerlegt und gerecht an alle Mitglieder der Sippe verteilt. Wahrscheinlich gab es Küsse und Liebkosungen von den Ehefrauen. Dann setzte man sich ans Lagerfeuer und redete. Die Männer erzählten von der Jagd und den Abenteuern, die sie draußen bestanden hatten, die Frauen von den Kindern, den sozialen Gegebenheiten der Sippe – und vielleicht von dem großen Höhlenbären, der sich neuerdings in der Gegend des Lagers herumtrieb.
Gab es Alkohol?
Das wüssten wir gern! Vermutlich nicht. Die Leute damals nahmen vielleicht Pilze, um sich in Rauschzustände zu versetzen, bestimmt aber nicht allzu oft. Ein Jäger muss einen klaren Kopf haben, wenn er bei der Jagd erfolgreich sein will. Ge-trunken wurden das überall kris-tallklare Wasser, Kräutertees und Fleischbrühe. Die Getränke erhitzte man in Ledersäcken, in die man glühende Steine vom Lagerfeuer warf. Dazu wurden Fleischstücke gegrillt. Und die Frauen servierten Salate, zum Beispiel aus Löwenzahn, der damals schon in rauen Mengen wuchs.
Kam am Lagerfeuer so etwas wie Partystimmung auf?
Das wissen wir nicht genau. Ich bin aber sicher, dass die Steinzeitmenschen Musik machten. Wahrscheinlich klopften ein paar von ihnen den Takt mit Ästen oder Knochen, dafür sprechen rhythmische Kerbungen, die wir auf Knochen ge-funden haben. Die anderen sangen dazu oder tanzten. Und manche spielten Instrumente. Wir haben eine primitive Flöte aus Schwanenknochen entdeckt, 35000 Jahre alt. Und während die Musik spielte, verzog sich bestimmt ab und zu ein Pärchen hinter die Fellvorhänge, mit denen die Höhlen unterteilt waren. Oder im Sommer ging es hinaus in die blumenreiche Tundra. Dann nickten die anderen wissend ...
Hatten die Steinzeitmenschen schon Namen?
Mit hoher Wahrscheinlichkeit. Namen stehen am Beginn der Sprachentwicklung. Die Sprachwissenschaftler gehen davon aus, dass Pronomen die ersten Worte waren: ich, du, er, sie, es und wir. Wahrscheinlich hatte jeder Steinzeitmensch einen individuellen Namen.
Gab es Sport und Spiele?
Sicher gab es sportliche Wettkämpfe. Allerdings nicht am Tag der Jagd. Da waren alle zu erschöpft, um noch an Sport zu denken. Aber an den Tagen dazwischen, wenn die Waffen wieder auf Vordermann gebracht wurden, da blieb Zeit für Spiel und Spaß. Wahrscheinlich waren es Spiele wie Fangen und Verstecken, bei denen man Überlebensfähigkeiten trainieren konnte. Schon damals hatten die Menschen einen Sinn für kurzweiligen Zeitvertreib.
Zeitvertreib in der Steinzeit – klingt irgendwie seltsam.
Wieso? Ohne Freizeit gäbe es keine kulturelle Entwicklung. Wann sitzt man denn zusammen, spinnt an neuen Ideen, bespricht sich, bastelt, probiert neue Techniken bei der Handarbeit aus? Das passiert, wenn man Muße hat, also nach der Arbeit. Während der Jagd ist dafür keine Gelegenheit.
Die Kultur entstand also nach Feierabend?
In der Freizeit haben die Steinzeitmenschen Abbilder der Jagdtiere gemalt, um von ihren Heldentaten zu berichten. Wenig später (ab etwa 30000 v. Chr.) wurden daraus – in Frankreich – ganze Höhlenheiligtümer. Sie zeichneten Landkarten mit Stöcken in den Sand oder in den Schnee, um ihre Umgebung darstellen zu können. Sie formten Figuren aus Lehm und stellten Schmuck her. Sie bauten Möbel aus Holz und Fell. Besonders liebevoll und sorgfältig bearbeiteten sie ihre Waffen: Steinmesser zum Beispiel. Oder Fluglanzen, die mit einem Leitwerk aus Raubvogelfedern versehen wurden. Und dabei schwatzten sie über Alltagsdinge, über Gott und die Welt.
Glaubten die Steinzeitmenschen an Gott?
Nicht in unserem Sinn. Die Steinzeit-Gesellschaft kannte keine Hierarchien. Alle waren gleich. Es konnte also keinen »Herrn«, keinen über allem stehenden Gott geben. Aber neben Geister- existierten wohl durchaus auch Gottesvorstellungen. Wir kennen Figuren von Mischwesen aus Mensch und Tier, die den Göttervorstellungen der frühen Ägypter (vor 5000 Jahren) ähneln. Und ganz bestimmt beschäftigten sich die Leute damals mit dem Tod. Der Tod war immer gegenwärtig. Tiere wurden getötet. Menschen starben. In ihrer Vorstellung wurden die Verstorbenen zu Geistern, die sowohl gut als auch böse sein konnten. Das sind erste Ausprägungen einer Lebensphilosophie, man könnte es auch Religion nennen. Daneben stand natürlich die Magie.
Welche Rolle spielte die Magie im Weltbild der Steinzeitmenschen?
Magie ist ein anderes Wort für den Bereich der »angewandten Religion«. Sie ist sicherlich auch damals schon praktiziert worden. Man rief den Geist eines berühmten verstorbenen Mammutjägers zur Hilfe, wenn man ein gefährliches Mammut jagte. Man rief Geister, wenn man krank war. Vermutlich gab es schon Schamanen, Menschen, die Dinge wussten, welche die anderen nicht kannten. Ich bin ziemlich sicher, dass die Steinzeitmenschen bereits über Mond und Sonne nachgedacht haben. Es gibt Hinweise darauf, dass sie Kalender hatten, mit denen sie das Jahr in Mond-Zyklen unterteilten, in Wochen. Da muss man erst einmal drauf kommen!
Kalender in der Steinzeit, wie muss man sich die vorstellen?
Wir haben auf der Schwäbischen Alb eine 35000 Jahre Elfenbeinplatte entdeckt, das so genannte Adorantenbild. Sie zeigt auf der Vorderseite einen Löwenmenschen und auf der Rückseite viermal 13 Punktgravuren. 4 mal 13 ist 52. Offenkundig werden damit die 52 Wochen des Jahres, in Vierteljahre unterteilt, festgehalten.
Eine Frage zur Hygiene: Haben die Steinzeitmenschen regelmäßig gebadet?
Das glaube ich nicht. Vermutlich haben sie sich zumindest im Sommer dick mit Fett eingeschmiert, um sich gegen Moskitos zu schützen. Das ergab eine Patina, die seltsam, aber nicht unangenehm roch. Ziemlich sicher reinigten sich unsere Vorfahren schon die Zähne. Da war Hygiene besonders wichtig. Wer keine Zähne mehr hatte, war nicht überlebensfähig. Ich glaube nicht, dass Steinzeitmenschen oft krank waren. Die Selektion fand ja schon im Babyalter statt. Wer diese Phase überlebte, hatte ein starkes Immunsystem.
Wie hoch war die Lebenserwartung?
Damals wurden die Leute durchschnittlich 40 Jahre alt. Die wenigsten sind allerdings eines natürlichen Todes gestorben. Viele erlagen Verletzungen oder Knochenbrüchen. Andere wurden schwach und das Opfer wilder Tiere. Langes Siechtum und entsprechende Krankenpflege gab es in der Steinzeit nicht. Entweder war man gesund und lebte. Oder man wurde krank – und starb.
Kann man abschließend sagen, dass sich der Feierabend in der Steinzeit nicht so sehr von unserem unterscheidet: entspannen, reden, lieben, reflektieren?
Ja, der Feierabend in der Steinzeit diente der Entspannung, wie bei uns. Es gab ein paar Rauschdrogen, viele Gespräche, Spiele und Spaß und natürlich Lust und Leidenschaft. In der Freizeit wurde philosophiert, gebetet, gelacht, der Sternenhimmel beobachtet. Geschichten wurden erzählt und durch die Fantasie ausgeschmückt. Die Männer überlegten sich neue Techniken für den Bau der Waffen und entwickelten Ornamente, um sie zu verzieren. Die Frauen nähten aus Fellen Kleidungsstücke. Für mich ist die Freizeit der Motor der kulturellen Entwicklung. Kunst und Kultur entstanden nach Feierabend, nicht davor. Das ist ziemlich sicher.
Und wann endete damals der Feierabend?
Früher als heute. Nur selten saß man noch lange am Lagerfeuer zusammen, weil man ja bei Sonnenaufgang schon wieder rausmusste. Normalerweise war Schluss mit lustig, sobald die Sonne unterging.
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