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Sagen Sie mal: Was haben Sie eigentlich gegen Schönheitschirurgen?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Er ist einer der renommiertesten Schönheitschirurgen Deutschlands: Bereits 30000 Patienten haben sich in seiner Klinik restaurieren lassen. Warum Professor Dr. Werner Mang jetzt plötzlich vor Schönheitsoperationen warnt, erklärte er P.M.-Autor Michael Kneissler.
P.M.: Professor Mang, Sie gelten als Star einer Branche, mit der Sie jetzt hart ins Gericht gehen. Was hat Sie dazu veranlasst?
Prof. Dr. Werner Mang: Die Branche hat sich extrem verändert. Als ich vor 30 Jahren anfing, ästhetische Operationen durchzuführen, gab es höchstens 50 Ärzte, die etwas Ähnliches machten. Unterdessen ist das ein Milliardenmarkt, und viele nennen sich plötzlich Schönheitschirurgen, weil sie glauben, damit reich zu werden. Heute wird doch an jeder Ecke gesaugt, gespritzt, geschmirgelt und operiert. Mit zum Teil schrecklichen Ergebnissen.
Aber die Menschen, die sich unters Messer begeben, tun das doch freiwillig.
Das ist ja das Dramatische an dieser Situation. Auf der einen Seite haben wir Ärzte, die für Geld bereit sind, nahezu alles zu tun. Auf der anderen Seite haben wir diesen Schönheitswahn, der Menschen zu den Chirurgen treibt.
Nachvollziehbare Gründe sind eher selten?
Manchmal ist der Leidensdruck so groß, dass eine Operation tatsächlich zu mehr Selbstbewusstsein und mehr Lebensglück verhilft. Aber sehr oft werden die überzogenen Hoffnungen der Patienten enttäuscht. Sie sehen nach einer OP vielleicht ein wenig anders aus als vorher. Aber sie sind keine anderen Menschen. Wenn sie sich in nichts verändern, geht das Elend weiter, dem sie durch die Operation zu entfliehen versuchten. Der Einzige, der dadurch vielleicht glücklicher, auf jeden Fall aber wohlhabender wird, ist der Schönheitschirurg.
Ist der Titel Schönheitschirurg nicht geschützt?
Nein, jeder Arzt kann sich so nennen. Selbst wenn er nur einen Wochenendkurs im Fettabsaugen besucht hat. Manche haben sich selbst diesen Aufwand gespart und operieren völlig ahnungslos an ebenso ahnungslosen Patienten herum.
Es ist also ein Risiko, sich einer Schönheits-OP zu unterziehen?
Natürlich, jede Operation ist riskant. Und Schönheitsoperationen erst recht, wenn die Operateure unzureichend ausgebildet sind. Etwa jede zehnte Schönheitsoperation in Deutschland geht schief – eine extreme Zahl. In meiner Klinik am Bodensee ist bereits jeder vierte Eingriff eine Wiederherstellungsoperation. Das heißt: Wir versuchen in Ordnung zu bringen, was woanders schief gegangen ist.
Was geht denn am häufigsten schief?
Sie können sich gar nicht vorstellen, welchen Pfusch am Körper wir erleben. Ich habe schon eine Art Badezimmerschwamm aus Brüsten geholt – statt Silikonkissen hineingestopft bei einer Billig-OP im Ausland. Aber wir sehen auch immer wieder echte Komplikationen: abgestorbene Brustwarzen nach misslungenen Brustoperationen, Löcher im Bauch nach Bauchstraffungen, halbseitige Gesichtslähmungen nach Facelifting, Verbrennungen nach Laserbehandlungen, Augenfehlstellungen und Sehbeschwerden nach Lidkorrekturen, Dellen wie bei einer Mondlandschaft nach Fettabsaugungen, fehlender Geruchssinn nach Nasenkorrekturen …
… klingt nach purem Horror …
… ist purer Horror. Die Menschen, die in die Hände solcher Quacksalber fallen, leiden extrem darunter. Sie wollten jünger und schöner werden. Aber dann sind sie verunstaltet und krank. Ich kann nur sagen: Vorsicht vor der Schönheitschirurgie!
Wie viele Ärzte in Deutschland sind Ihrer Meinung nach wirklich qualifiziert, Schönheitsoperationen durchzuführen?
Etwa 100.
Und wie viele tun es?
Über 1000. Vielleicht sogar 2000. Es gibt keine genauen Zahlen.
Woran erkennt man die wenigen guten Ärzte?
Unter anderem daran, dass auf dem Praxisschild »plastische Operationen« oder »plastische Chirurgie« steht. Nur diese beiden Titel werden von den Landesärztekammern vergeben und sind geschützt. Und dann sollte der Operateur auf Nachfrage belegen können, dass er die Operation, die Sie haben möchten, häufig und regelmäßig durchführt. Schönheitsopera- tionen muss man nach einer sechsjährigen operativen Grundausbildung von der Pike auf lernen – also eine sehr lange Ausbildung, die oft unterschätzt wird.
Wie kommt es eigentlich zu diesem Boom der Schönheitschirurgie?
Nach meiner Ansicht hat das mit dem Wertewandel in unserer Gesellschaft zu tun. Es zählen Äußerlichkeiten statt innerer Werte. Und dieses Äußere wird mit allen Mitteln – und ich meine das wörtlich – auf Erfolg gestylt. Statt sich um Gesundheit und gutes Aussehen durch richtige Ernährung, einen vernünftigen Lebenswandel und ausreichende Bewegung zu bemühen, versprechen sich die Patienten durch einen chirurgischen Eingriff ein schnelles positives Ergebnis. Aber nicht nur das: Manche Patienten wollen durch die Operation nicht nur schöner, sondern auch erfolgreicher und glücklicher werden.
Glücklich durch eine Operation – ist das überhaupt vorstellbar?
Das ist die Grundidee aller operativen Eingriffe: Ein Problem, das Menschen krank und unglücklich macht, soll dadurch behoben werden. Das gilt auch für die Schönheitschirurgie: Wenn jemand unter einer extrem großen Nase leidet oder unter einem Hängebusen, der wie ein faltiger Hautlappen aussieht, kann es sein Wohlbefinden steigern, wenn er erfolgreich operiert wird.
Diese Fälle gibt es sicher. Aber heute suchen jährlich über eine Million Menschen in Deutschland das Glück beim Schönheitschirurgen!
Das ist eine Perversion der Idee von ästhetischer Chirurgie. Inzwischen kommen 14-jährige Kinder zu mir in die Praxis, die einen Busen wie Britney Spears und einen Hintern wie Jennifer Lopez wollen – und wenn es Jungen sind, eine Nase wie Brad Pitt.
Operieren Sie diese Kinder?
Natürlich nicht. Die brauchen keine Operation – die brauchen Liebe und Geborgenheit im Elternhaus, damit sie das Selbstbewusstsein entwickeln können, zu ihrem Körper zu stehen, so wie er ist. Aber es gibt Kollegen, die ihr Geld mit Teenie-OPs verdienen.
Gibt es ein Mindestalter für Schönheitsoperationen?
Nasen mache ich gelegentlich ab 16, wenn der Patient unter seiner angeborenen Nase sehr leidet. Absaugen und Busen-OPs darf man erst ab 19 Jahren durchführen, wenn die Patientin ausgewachsen ist.
Aber man sieht doch immer öfter Teenies mit aufgespritzten Lippen.
Dagegen kämpfe ich. Das ist kein ethisches ärztliches Handeln.
Wie viele Männer lassen sich operieren?
Die Zahl steigt ständig. 1980 waren nur 4,8 Prozent aller Patienten bei Schönheits-OPs Männer – 1990 schon zehn Prozent und im Jahr 2000 bereits 20 Prozent. Heute ist jeder vierte Patient männlich – jährlich lassen über eine viertel Million Männer ihr Aussehen operativ verändern.
Welche Korrekturen sind bei Männern besonders gefragt?
Männer machen alles, was sie jünger aussehen lässt – aus Angst vor jüngeren und dynamischer aussehenden Konkurrenten vor allem im Beruf, aber auch im Privatleben. Fett absaugen liegt deshalb auf Platz eins der OP-Wünsche: Kein Mann möchte mehr mit einem »Rettungsring« um Bauch und Hüften leben. An zweiter Stelle der Männerchirurgie steht die Operation von Schlupflidern und Tränensäcken. Fast jeder Mann über 50, der keine Schlupflider und Tränensäcke hat, hat etwas an sich machen lassen. Auch Haartransplantationen sind bei Männern sehr beliebt, außerdem die Korrektur der männlichen Fettbrust. Silikonimplantate in den Po, künstliche Six-Packs am Bauch und Penisverlängerungen werden oft nachgefragt, aber ich lehne das ab, weil es medizinisch nicht vertretbar ist.
Und welche Operationen stehen bei Frauen hoch im Kurs?
Auch da ist das Fettabsaugen auf Platz eins. Frauen lassen sich gern die so genannten Reiterhosen-Fettpolster an der Oberschenkel-Außenseite, aber auch Fettdepots an der Oberschenkel-Innenseite, am Po und am Bauch absaugen. Viele wünschen eine Brustvergrößerung: von Körbchengröße A auf B. Oder von B auf C – das entspricht dann einem Implantatgewicht von 250 bis 300 Gramm pro Brust.
Wer lässt sich bei Ihnen operieren?
Über die Hälfte sind Normalbürger. Gelegentlich kommen Prominente: Schauspieler, Fotomodelle, Sänger und Künstler. Aber auch Ärzte, Rechtsanwälte – und insbesondere Lehrerinnen.
Lehrerinnen? Sind die besonders eitel?
In den Schulferien sind wir fast komplett von Lehrerinnen ausgebucht. Ob sie besonders eitel sind, kann ich nicht sagen. Ich nehme eher an, dass gerade in der Schule ab einem gewissen Alter Vitalität, Ausstrahlung und gutes Aussehen für das Selbstwertgefühl einer Lehrerin oder eines Lehrers wichtig sind. Bemerkenswert finde ich es auch, dass sich viele Psychologen und Psychotherapeuten bei uns behandeln lassen. Man ist heute allgemein schneller bereit, Unzulänglichkeiten des Aussehens operativ beseitigen zu lassen.
Sind sich die Patienten darüber im Klaren, dass eine Schönheitsoperation ein Risiko ist?
Ich befürchte, das machen viele Operateure ihren Patienten nicht deutlich. Dabei ist es unbedingt notwendig, auf die Risiken der Eingriffe hinzuweisen. Nasenoperationen gehören beispielsweise zu den kompliziertesten OPs, weil da auf engem Raum Haut, Gewebe und Knorpel bearbeitet werden müssen. Bei Fettabsaugungen sterben jedes Jahr Patienten – das unqualifizierte Herumfuhrwerken mit scharfen Kanülen unter der Haut verursacht große Wunden. Es besteht immer die Gefahr von Infektionen, Vereiterungen und Thrombosen. Ich kenne Patienten, denen der Bauchnabel nach einer solchen OP herausgeeitert ist. Aber auch beim besten ästhetischen Chirurgen kann es schicksalhafte Komplikationen geben.
Wie reagieren die Patienten, wenn Sie Klartext über Risiken und Nebenwirkungen reden?
Sie sind dankbar für korrekte Aufklärung. Jeder Patient und jede Patientin muss letztlich selbst entscheiden, ob der erhoffte ästhetische Gewinn im angemessenen Verhältnis zum Risiko steht. Und wenn Menschen dann zu der Meinung kommen, dass der Leidensdruck doch nicht so groß ist, dass eine OP unumgänglich wird – dann ist es doch prima.
Kommen nicht viele Patienten mit zu hohen Erwartungen zum Schönheitschirurgen?
Ja, viele erwarten wirklich, dass wir gottgleich ihr ganzes Leben positiv verändern. Sie sind dann enttäuscht, wenn sie trotz der Operation nicht befördert werden oder keinen Lebenspartner finden. Und dann rennen sie zum Anwalt. Bis zu zwei Prozent aller Patienten verklagen ihren Arzt, obwohl der alles korrekt gemacht hat. Ich bekomme als Gutachter und Operateur immer häufiger solche Fälle vorgelegt. Das ist auch einer der Gründe dafür, dass ich unterdessen dem Schönheitswahn immer kritischer gegenüber stehe.
Wann lehnen Sie eine Schönheitsoperation bei Erwachsenen rundheraus ab?
Wenn jemand ein Jahr nach dem zweiten Facelifting wieder in die Praxis kommt und mir mit der Lupe ein paar Falten im Gesicht zeigt, die wegoperiert werden sollen – dann sage ich Nein.
Der Patient oder die Patientin geht dann eben zu einem anderen, vielleicht einem Scharlatan.
Ja, das stimmt. Ein Facelifting kostet bis zu 10000 Euro – da geht bei manchen Kollegen die ärztliche Ethik schnell flöten. Geld ist eben manchmal doch stärker als die Moral.
Gibt es eine Altersgrenze für Schönheitsoperationen?
Meine älteste Patientin war 82 Jahre alt. Eine Dame aus New York, die ein Facelifting wollte.
Haben Sie sie operiert?
Ja, ich habe mich dafür entschieden. Die Frau war topfit, nur ihre Hülle fiel zusammen. Diese Art von Operation ist gerechtfertigt und wird künftig noch viel häufiger stattfinden. Ein Mädchen, das heute geboren wird, hat eine Lebenserwartung von 99 Jahren. Da wird es immer öfter nötig, Anti-Aging-Medizin zu betreiben.
Eine Schönheits-OP sollte dabei aber nur das letzte Mittel sein …
… stimmt. Schönheitsoperationen können nur das allerletzte Mittel der Wahl sein! Die ersten Anti-Aging-Maßnahmen sollten nicht operative Eingriffe sein, sondern eine gesunde Lebensweise – mit konsequenter Hautpflege, viel Sport und Bewegung, genussreicher, vollwertiger Ernährung und ausreichend Schlaf und Entspannung. Auch eine glückliche Beziehung und ein von Liebe geprägtes Sexualleben halten jung. Aber wenn man sehr alt wird, sieht man irgendwann womöglich sehr viel älter aus, als man sich fühlt. Dann könnte ein operativer Eingriff wünschenswert und aus meiner Sicht auch gerechtfertigt sein.
Haben Sie schon einmal daran gedacht, sich selbst operativ verschönern zu lassen?
Ich weiß, da gäbe es einiges, was man tun könnte. Vielleicht lasse ich mir mal meine Schlupflider operieren. Aber für mich ist das zurzeit noch nicht notwendig. Ich fühle mich wohl in meiner Haut. Und das ist das beste Gegenargument gegen eine Operation.
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