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Sagen Sie mal: Warum wird Doping eigentlich nicht freigegeben?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Mit schöner Regelmäßigkeit erschüttern Doping-Skandale den Sport – Medaillen werden aberkannt, Weltrekorde annulliert. Könnten wir uns nicht viel Ärger ersparen, wenn wir das Doping einfach freigeben würden? Der Berliner Sportphilosoph Gunter Gebauer erklärt im Gespräch mit P.M.-Autor Michael Kneissler, welche Folgen das hätte.
P.M.: Was ist Doping überhaupt?
Gebauer: Im Sport bezeichnen wir damit eine Leistungssteigerung des Körpers mithilfe von Medikamenten, die von den Sportverbänden verboten sind. Diese Substanzen wirken vor allem auf den Körper: Sie verändern die Stärke eines Muskels, die Schnelligkeit der Reaktion, die Ausdauer. Aber sie können auch intensivere Wach-zustände erzeugen, höhere
Leistungsbereitschaft oder stärkere Aggressivität.
P.M.: Versuchen Menschen nicht schon immer, sich in physisch und psychisch höhere Zustände der Leistungsfähigkeit zu versetzen?
Gebauer: Ja, das tun sie seit langer, langer Zeit, obwohl man das in anderen Gesellschaften als der Industriegesellschaft nicht als Leistungssteigerung bezeichnet. Denken Sie nur an religiöse Zustände: Trance, Erleuchtung, Meditation. Dazu nahmen die Menschen schon immer bestimmte Substanzen ein, zum Beispiel Kokablätter, Alkohol, Nikotin oder bestimmte Pilze. Aber eine systematische Leistungssteigerung wie beim Doping haben diese Kulturen nicht betrieben, das ist eine Angelegenheit der Industriegesellschaft.
P.M.: Kritiker des Dopings sagen, dass Sportler sich dadurch körperlich schädigen oder gar zu Tode kommen.
Gebauer: Das stimmt. Es gibt Athleten, die tatsächlich an den Folgen von exzessivem Doping gestorben sind. Aber im Leben ist vieles potenziell tödlich. Vermutlich könnte man statistisch nachweisen, dass es für Sportler viel gefährlicher ist, mit dem Auto zum Training zu fahren, als vor dem Training ein paar Pillen zu nehmen, die die Leis-tungsfähigkeit steigern.
P.M.: Also taugt das Argument des gesundheitlichen Risikos durch Doping nicht?
Gebauer: Das ist ja das Perfide. Wenn Doping unter ärztlicher Kontrolle und mit viel Sachverstand verabreicht wird – wie es zum Beispiel in der Schlussphase der DDR geschehen ist –, dann fällt das kurzfristige Risiko deutlich geringer aus. Medizinisch sinnvolles Doping findet nämlich nur in bestimmten Trainingsphasen und mit geringen Dosierungen statt.
P.M.: Wenn Doping kein medizinisches Problem ist ...
Gebauer: Moment! Es ist schon ein medizinisches Problem, immerhin werden dem Körper ja potenziell schädliche Substanzen zugeführt. Aber es ist falsch, wenn man die medizinischen Fragen in den Vordergrund spielt, wie es die Sportverbände tun. Denn Hochleistungssport ist schon an sich eine Veranstaltung mit hohen gesundheitlichen Risiken. Spitzensport darf man nicht unter gesundheitlichen Aspekten betrachten. Wenn man das täte, müsste man ihn sofort verbieten. Wir wissen ja alle, dass Top-Athleten nach Ende ihrer Sportlerkarriere oft körperlich verschlissen sind. Die Gesellschaft nimmt aber hin, dass Hochleistungssport potenziell gesundheitsschädigend ist.
P.M.: Wieso reden wir dann in der Doping-Debatte über das Thema Gesundheit?
Gebauer: Ich finde das scheinheilig, aber auch dumm, weil man damit ja nur die Kritiker auf den Plan ruft, die Spitzensport an sich für gesundheitschädigend halten – mit den besten Argumenten der Welt. Doping ist aber nicht ein Problem der Gesundheit, sondern ...
P.M.: ... ein ethisches?
Gebauer: Nur solange Doping verboten ist. Dann geschieht nämlich Folgendes: Die einen halten sich an das Verbot, die anderen verstoßen dagegen, begehen also einen Betrug. Und das ist ein ethisches Problem, das den Sport an seiner sensibelsten Stelle trifft. Der Reiz des Sports hängt ja davon ab, dass die Gegner gleiche Chancen haben. Das ist sozusagen die moralische Grundbedingung des Wettkampfes. Würden bei der Tour de France beispielweise alle nichteuropäischen Fahrer dopen, aber alle europäischen Fahrer nicht, dann wäre das Gebot der Chancengleichheit grob verletzt, die Europäer hätten keine Chance. Ein nicht nur ethisches, sondern auch sportliches Fiasko.
P.M.: Ist es nicht auch eine Frage der Ethik, dass Sportverbände einerseits Doping öffentlich verdammen, andererseits aber Qualifikationsleistungen für internationale Wettbewerbe verlangen, die ohne Doping schwer zu erbringen sind?
Gebauer: Richtig. In den Schwerathletikwettbewerben, zum Beispiel beim Hammerwerfen oder Kugelstoßen, liegen die Leistungsvorgaben so hoch, dass die Athleten sie ohne irgendwelche Hilfsmittel kaum schaffen können. Das ist bekannt.
P.M.: Was würde passieren, wenn man Doping freigäbe?
Gebauer: Wenn Doping über-all gestattet wird, sind wir das ethische Problem los. Und das medizinische System würde sich darauf spezialisieren, Doping so zu verabreichen, dass es leis-tungssteigernd, aber nicht ge-sundheitsschädlich ist. Die Athleten würden deutlich mehr
Leistung bringen, der Sport würde dramatischer werden. Alle Grenzen des Denkbaren würden überschritten werden. Es stünde dann natürlich mehr auf dem Prüfstand als nur die Leistung der Sportler und ihrer Betreuer: Im gedopten Sport geht es auch um die Fähigkei-ten der Ärzte und der Pharma-industrie. Der Medizinmann wä-re womöglich prominenter als der Athlet.
P.M.: Und die gedopten Athleten würden aussehen wie Monster?
Gebauer: Das stimmt nicht. Sportler, die mit Sachverstand gedopt werden, sehen eben gerade nicht aus wie Monster. Das sind gut gebaute, sehr kräftige, unglaublich leistungsfähige Menschen. Sie sehen: Doping ist auch kein ästhetisches Problem.
P.M.: Aus Ihrer Sicht gibt es also keinen Grund, gegen Doping zu sein?
Gebauer: Doch. Es gibt sogar zwei Gründe, die dagegensprechen. Erstens auf der Ebene der Athleten: Wenn Doping freigegeben würde, müsste jeder, der Spitzensportler werden will, auch Doping-Substanzen einnehmen. Das wollen aber einige nicht, weil die Langzeitwirkung unbekannt und das Risiko deswegen in gewisser Weise unkalkulierbar ist. Diese Leute können dann trotz Talent und eisernem Willen nicht in den Spitzensport aufrücken. Das wäre eine Art pharmazeutischer Numerus clausus, der den Zu-gang zum Spitzensport be-schränkt – und würde unseren Vorstellungen vom Sport zu-tiefst widersprechen. Bisher gehen wir nämlich davon aus, dass die Sieger die Besten sind. Wenn überall gedopt würde, wäre diese Grundlage hinfällig. Dann wären die Sieger nicht die Besten, sondern die am besten Gedopten – und der Sport wäre endgültig zum Entertainment verkommen.
P.M.: Und der zweite Grund?
Gebauer: Er ist der eigentlich entscheidende und betrifft die Rolle des Sports in der Gesellschaft. Der Leistungssport wird seit seiner Erfindung im Indus-triezeitalter als die Spitze des Sports angesehen, an dem sich theoretisch jeder beteiligen kann. Die Besten kommen ganz nach oben, die anderen bleiben unten oder im Mittelfeld: Der Spitzensport bleibt also ideologisch mit dem Breitensport verbunden, denn es gibt Übergänge vom Breiten- zum Spitzen-sport. Dass diese Übergänge immer seltener werden, steht auf einem anderen Blatt. Aber wir betrachten die Spitzen-sportler immer noch als Leute, die ihren Sport so betreiben wie wir selbst – nur besser. Sie bilden sich also aus einem Untergrund gemeinsamer Lebenspraxis he-raus und sind die Topleute in ihren Disziplinen.
P.M.: Was bedeutet das für die Gesellschaft?
Gebauer: Sport ist sozusagen ein Beweis dafür, dass unsere Leistungsgesellschaft funktioniert und jeder die Chance des Aufstiegs hat. Im Sport gibt es noch Tellerwäscherkarrieren, die Menschen auf der sozialen Leiter von ganz unten nach ganz oben katapultieren. Sie sind
eine Art persönliches Symbol der Leistungsgesellschaft: Jeder kann alles erreichen, wenn er sich nur genug anstrengt.
P.M.: Gedopte Athleten verlieren diese Vorbildfunktion?
Gebauer: Richtig. Sie sind zwar immer noch die Besten – aber nicht aus eigener Kraft, sondern mithilfe von Drogen. Die ideologische Verbindung zwischen der breiten Masse und den Superstars wäre abgerissen.
P.M.: Können gedopte Sportler keine Helden sein?
Gebauer: Doch. Aber auf einer anderen Ebene. Gedopte Helden sind keine Helden des Alltags mehr. Sie gehören nicht mehr zu uns. Sie lösen die traditionellen Verabredungen des Sports in unserer Gesellschaft auf. Der Sport in der klassischen Ausprägung – der saubere Sport – ist doch deswegen ein attraktives Modell für gesellschaftliches Handeln, weil da eine natürliche Kausalität zum Ausdruck kommt: Wenn ein Spitzensportler einen Rekord erzielt, hat er seine natürliche Ressource Körper mithilfe seines Willens und seiner sonstigen geistigen und psychischen Fähigkeiten so weit optimiert, dass er eine einmalige Leistung erbringen kann. Das ist die Faszination dabei.
P.M.: ... die sich vor allem dann einstellt, wenn der Athlet nicht gedopt war?
Gebauer: Ja, weil wir dann sehen können, wie jemand ganz allein aus sich heraus Außergewöhnliches leistet. Das erfahren wir sonst nur noch selten.
P.M.: Heißt das, diese Sportler erfüllen unsere Fantasie vom freien Willen?
Gebauer: Mehr noch. Sie erfüllen unsere grundlegenden Vorstellungen davon, was Autonomie des Menschen heißt. Wir tragen in uns die Idee eines autonomen Individuums, das seine Handlungen auf Grund seines Willens und seiner Planung selbst verursacht.
P.M.: Der erfolgreiche Spitzensportler – das Rollenmodell für ein selbstbestimmtes Leben?
Gebauer: Ja, für das westliche Individuum. Wir glauben an ein freiheitliches, selbstbestimmtes Leben. Dieses Modell wird in unserer Kultur auch durch den Spitzensport verbreitet. In anderen Regionen der Erde finden sich diese Vorstellungen nicht in diesem Ausmaß. Es gibt viele Gesellschaften, die ganz ohne das Konzept des Individuums auskommen. Die Vorstellung von der personalen Identität ist praktisch in alle Länder gelangt, die die westliche Zivilisation und Wirtschaft übernommen haben. Das Modell des selbstbestimmten Lebens gilt heute überall dort, wo es Wirtschaftsindividuen gibt, die Entscheidungen treffen, eine Firma führen oder als Konsument selbst bestimmen, was sie kaufen möchten.
P.M.: Wie ist dieses westliche Modell des Individuums überhaupt entstanden?
Gebauer: Es entstammt der europäischen Tradition des 17. Jahrhunderts und hatte seinen Höhepunkt im 19. und 20. Jahrhundert. Nach diesem Modell leben wir alle noch heute. Wir sehen uns als Individuen, von denen jedes verantwortlich ist für seine Handlungen. Zu diesen Konzept passt es beispielsweise nicht, Medikamente zu nehmen, die uns unkontrolliert rasend, zornig, aggressiv machen oder sonstwie aufputschen – wie es etwa in Ländern mit Schamanen durchaus üblich ist.
P.M.: Was würde es für unsere Kultur bedeuten, auf die Doping-Kontrolle zu verzichten?
Gebauer: Die Aufgabe der Kontrolle würde bedeuten: Wir akzeptieren Besessenheitsmodelle anderer Kulturen. Das würde zu unserer Idee vom Sport nicht passen. In anderen Bereichen sind wir da großzügiger, etwa in der Kultur. Künstler dürfen obsessiv sein. Es stört uns nicht, dass Charles Baudelaire unter Drogen stand, als er Mitte des 19. Jahrhunderts seine berühmten Gedichte »Les fleurs du mal« schrieb, oder dass Rockmusiker high waren, als sie ihre Hits komponierten. Da akzeptieren wir das: der Künstler unter Einfluss unkontrollierbarer Mächte. Aber grundsätzlich lehnen wir es ab.
P.M.: Ist Doping-Kontrolle also auch ein Ausdruck der Angst vor fremden Kulturen – und der Versuch, das europäische Weltbild zu verteidigen?
Gebauer: Ich glaube schon.
P.M.: Würde es unsere kulturelle Identität erschüttern, wenn wir das Doping freigäben?
Gebauer: Der saubere Leis-tungssport ist ein Modell für unsere westliche Kultur autonom handelnder Individuen. Es würde bei einer Freigabe des Dopings durch ein anderes Modell ersetzt, das mit unseren traditionellen Werten nicht übereinstimmt. Möglicherweise ist aber dieses traditionelle Modell gar nicht zukunftsfähig.
P.M.: Soll heißen: Doping im Sport wird sich durchsetzen?
Gebauer: Ich befürchte, ja. Der Sport könnte Teil einer riesigen, weltumspannenden Entertainment-Maschine werden, die auf kulturelle Identität keinen Wert mehr legt. Sport wäre dann reduziert auf Unterhaltungsfunktionen, wie wir sie
aus Comics, Artistik und Film kennen.
P.M.: Welche Rolle würde der Sport in unserer Gesellschaft spielen, wenn sich jeder Athlet dopen dürfte?
Gebauer: Es könnte sein, dass nach Freigabe des Dopings der Sport nicht mehr das Modell des freiheitlich-selbstbestimmten Lebens wäre – sondern ein Modell für die Aufgabe von Realität zugunsten von Trick und Traum. Wir würden auf dem Sportplatz ähnlich spektakuläre Stunts erleben wie in asiatischen Kampffilmen: Die Kung-Fu-Kämpfer schlagen nicht nur zu, sie fliegen dabei mittels Computeranimationen und anderer Tricks auch noch durch die Luft. Das kann kein natürlicher Mensch. Für die jungen Leute hat das vermutlich eine sehr hohe Attraktivität – mit dem klassischen Sport, den wir kennen, hätte es allerdings nichts mehr zu tun.
P.M.: Der klassische Sport wird also zum Szenesport gedopt?
Gebauer: Er dockt sich da an. In Szenesportarten wie Trickski, Skateboarden oder BMX-Radeln gibt es bereits Flug- und Gleitphasen, die absolut irreal aussehen. Dabei kommt es vor allem auf eine ausgeklügelte, filmreife Performance an.
P.M.: Um es zusammenzufassen: Sie lehnen Doping nicht aus sportlichen, medizinischen oder ethischen sondern allein aus kulturellen Gründen ab?
Gebauer: Ja. Wenn im Sport gedopt wird, fällt eine kulturelle Identifikationsmöglichkeit weg. Wenn wir den Kampf gegen das Doping aufgeben, verabschieden wir uns auch vom Konzept der Leistungsgesellschaft, in der jeder die Chance hat, sein Glück zu machen. Das wäre eine kulturelle Revolution.
P.M.: Überschätzen Sie nicht die Rolle des Sports?
Gebauer: Ich glaube nicht, dass man das überschätzen kann. Der Sport ist ein starkes Symbol unserer Kultur. Würde man ihn – durch eine Freigabe des Dopings – in der bisher bekannten Form abschaffen, wäre das so, als wollte man Opern eliminieren und nur noch Musicals spielen; oder als wollte man das Theater durch DVD-Filme ersetzen. Wir würden in einer anderen Gesellschaft leben und unsere kulturelle Identität verlieren.
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