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Sagen Sie mal: Warum ist es lebenswichtig, diese Bilder zu vergessen?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Der Neurowissenschaftler Professor Hans Joachim Markowitsch erklärt, wie das menschliche Gehirn mit den Horrorbildern der Flutkatastrophe in Asien fertig wird. Im Gespräch mit P.M.-Autor Michael Kneissler begründet er, warum das Verdrängen und Vergessen menschlichen Leids dabei eine so wichtige Rolle spielt.
P.M.: Wie geht das Gehirn mit den schrecklichen Bildern von der Flutkatastrophe in Südostasien um?
Hans Joachim Markowitsch: Wir sehen und hören die Horrornachrichten oder sind selbst betroffen, weil Angehörige getötet wurden oder vermisst sind. Diese sehr starken, beunruhigenden Informationen bestehen zunächst nur aus Fakten, die kurzfristig im so ge-nannten Kurzzeitgedächtnis gespeichert werden. Um diese Fakten verarbeiten zu können, leitet das Gehirn sie ans Limbische System weiter – eine Kooperation verschiedener entwicklungsgeschichtlich alter Hirnareale vor allem in der Gehirnmitte. Hier wird jede Information bewertet und mit Emotionen aufgeladen. Dazu vergleicht das Limbische System die neuen Informationen mit gespeicherten Erinnerungen: Ist alles halb so schlimm – oder noch viel schlimmer als das schon Erlebte?
Für die meisten Menschen ist diese Katastrophe das Schlimmste, was sie jemals erlebt haben.
Ja, und weil das so ist, führt es zu einer massiven Aktivierung des Limbischen Systems. Vor allem die Amygdala, ein mandelkerngroßes Gebiet in den beiden Schläfenlappen, wird hochgradig erregt. Dabei werden Kaskaden von Stresshormonen freigesetzt, die das Gehirn geradezu überschwemmen und es unempfindlich machen für alle anderen Informationen. Die Horrornachricht übernimmt die Macht im Gehirn, und alle vernünftigen Erklärungen und Abwägungen haben keine Chance mehr. Das Gehirn ist in einem Ausnahmezustand.
Was genau tun die Stresshormone im Gehirn?
Vor allem blockieren sie die Rezeptoren der Nervenzellen in den Ge-hirnarealen der Amygdala und des Hippocampus. Der Hippocampus überträgt Informationen vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis und holt sie danach wieder hervor; die Amygdala versieht die Informationen mit Emotionen. Im Falle der Flutwelle ergänzt die Amygdala das sachliche Bild einer großen Welle um ein Gefühl des Schreckens, das auf Grund früherer Erlebnisse und Assoziationen in unserem Hirn gespeichert ist. Wenn Stress-hormone den Informationsfluss behindern, wird falsch gespeichert – und falsch erinnert: Nur noch der Horror wird in unsere Erinnerung eingebrannt und nicht mehr die sachlichen Bilder, die ihn ausgelöst haben. Das Gefühl des Schreckens hat sich sozusagen verselbstständigt. Und jedes Mal, wenn wir eine Welle sehen, werden die Horrorvorstellungen im Gehirn ausgelöst – egal, wie groß die Welle ist.
Aber der Stress hält ja nicht unendlich an. Nach ein paar Stunden sind die Stresshormone verbraucht. Normalisiert sich dann die Lage im Gehirn wieder?
Ja, aber dann ist es schon zu spät. Wenn das Gehirn beim initialen Einspeichern der Information unter Stress steht, kann es die Nachricht nicht ausreichend vernetzen. Es wird nur die emotional aufgeheizte Information gespeichert und nicht die rationale Erklärung dazu.
Was ist die Folge?
Jedes Mal, wenn das Gehirn erneut auf diese Information zurückgreifen will, werden sofort wieder die Stresshormone aktiv und stören den weiteren Verarbeitungsprozess. Deshalb gibt es Menschen, die nach schrecklichen Ereignissen das Gefühl haben, sich gar nicht mehr beruhigen zu können: Die furchtbare Erinnerung kommt immer wieder.
Warum hält denn das Gehirn die Erinnerung an den Schrecken wach?
Das ist eine Art Kurzschluss im Gehirn – wir nennen es »Flash-back«: Ein winziger, scheinbar harmloser Schlüsselreiz reicht aus, um die ganze Kaskade der Schreckensbilder erneut auszulösen. Bei den Betroffenen der Tsunami-Flut in Asien kann das ein Bild von einem friedlichen Traumstrand sein oder das Geräusch einer harmlosen Welle an der Ostsee. Oder der Geruch von Spiegeleiern, die es am Morgen vor der Flut in dem thailändischen Hotel gab.
Ist dieser Kurzschluss nicht eine Fehlfunktion des Gehirns?
Das kann man so sagen. Der Grund dafür ist, dass unser Gehirn in derartigen Situationen so arbeitet, als wären wir in der Steinzeit. Das Limbische System, welches dafür verantwortlich ist, stammt aus dieser Zeit. Damals ging es darum, nicht lange zu überlegen, wenn ein Säbelzahntiger angriff, sondern ihn zu töten oder zu fliehen. Der Steinzeitmensch wurde körperlich aktiv und konnte dadurch den Stress abbauen. Wir sind körperlich nicht aktiv, wenn wir im Fernsehen die schrecklichen Bilder aus Thailand, Sri Lanka und Sumatra sehen oder mit der Videokamera vom Hotelbalkon aus filmen, wie ein anderer Ur-lauber ertrinkt. Deshalb frisst sich der Stress in uns fest, und unser Gehirn gerät in eine Art Strudel schrecklicher Erinnerungen.
Körperliche Aktivität hilft also beim Vergessen?
Ja, bestimmte Botenstoffe, die bei körperlicher Aktivität entstehen, bekämpfen den Stress – Marathonläufer und andere Sportler kennen das. Nach einer bestimmten Zeit sportlicher Betätigung setzt der Körper endogene Opiate frei. Diese Glückshormone säubern das Gehirn von Stresshormonen, machen es empfänglich für Neues und ermöglichen eine Reorganisation der Erinnerung.
Wo im Gehirn werden eigentlich Erinnerungen gespeichert?
Wir wissen es nicht genau. Wir wissen noch nicht einmal, wie das Gehirn speichert. Sicherlich ist es nicht wie eine Computer-festplatte aufgebaut, sondern sehr viel komplexer. Es gibt Forscher, die vermuten, dass das Gehirn Informationen in einer Art Hologramm abspeichert – so weit würde ich nicht gehen. Aber ich glaube schon, dass es komplizierte Netzwerke im Hirn gibt, in denen gespeichert wird: Gerade die episodisch-auto-biografischen Erlebnisse werden nicht nur in der Hirnrinde, die die größte Speicherkapazität hat, sondern auch im Limbischen System abgelegt.
Und ist das Gehirn unbegrenzt speicherfähig?
Soweit wir wissen, kommt man an keine Grenzen – selbst wenn wir 180 Jahre alt würden.
Das sind ja Abermillionen von Gigabytes! Müssen wir da nicht immer wieder Altes vergessen, um Platz für Neues zu schaffen?
Ja, aber dabei handelt es sich nicht um einen Löschvorgang! Was einmal ins Gehirn eingeschrieben ist, bleibt bestehen, solange das Gehirn gesund ist. Es vermag aber, den Zugriff auf Informationen zu verhindern. Man kann sich das so vorstellen, als würde das Gehirn den Zutritt zu bestimmten Archiven einschränken oder ganz verbieten. Im Allgemeinen nennt man das Vergessen – wir Neurowissenschaftler sprechen eher von mnestischer Blockade: Gedächtnisblockade.
Wie viele der eintreffenden Informationen aus der Umwelt speichert das Gehirn?
Wir speichern alles – aber nur fünf bis zehn Prozent der Informationen werden vom Gehirn mit einer Emotion belegt. Das ist so, als ob man alles Mögliche sammelt, aber nur einen Teil davon in Mappen abheftet, die mit einem Stichwort versehen sind. Der Rest wird ungeordnet in Kartons auf dem Speicher verstaut. Er ist da, aber so leicht findet man ihn nicht.
Vergessen bedeutet also nicht, dass die Informationen verloren sind, sondern dass das Gehirn sie nicht findet?
Das stimmt, obwohl das viele Leute nicht glauben wollen. Wenn man sich nicht mehr an die Telefonnummer erinnert, die man vor 20 Jahren hatte, dann heißt das nicht, dass sie ver-
gessen ist. Es heißt nur, dass wir sie unter normalen Umständen nicht mehr hervorkramen können.
Informationen können demnach nicht endgültig aus dem Gehirn gelöscht werden?
Doch – aber nur dann, wenn Gehirnstrukturen zerstört sind. Durch eine Krankheit, einen Unfall oder toxischen Stress. Toxischer Stress entsteht, wenn sich die schrecklichen Erinnerungen in einer Art Teufelskreis immer wieder selbst verstärken. Dann entstehen durch die Stresshormone Abbauprodukte, die Zellen zerstören können. Im schlimmsten Fall werden die Patienten schwachsinnig. Aber das ist eine extrem seltene Reaktion. Normalerweise bildet das Hirn Hierachien, Rangordnungen.
Wie funktionieren diese Hierarchien im Gehirn?
Das Hirn geht sehr ökonomisch vor: Dinge, die wichtig sind, gelangen in einen Arbeitsspeicher; wenn etwas nicht mehr gebraucht wird oder nicht mehr zu ändern ist, wird es verdrängt. Das gilt auch für den Tsunami-Schock. Ein gesundes Hirn wird die Erlebnisse nicht ewig parat halten, sondern verdrängen, bevor die Erinnerung uns krank macht. Erst später macht es sich daran, die Erlebnisse langsam zu verarbeiten. Die Betonung liegt auf langsam. Deswegen halte ich nicht viel von Psychologen, die sofort nach so einer Katastrophe bei den Betroffenen mit einem Aufarbeitungsprozess beginnen wollen.
Sie lehnen psychologische Katastrophenhilfe ab?
Aus wissenschaftlicher Sicht bin ich skeptisch. Es gibt eine große Studie in England, die zeigt, dass es nicht besonders sinnvoll ist, die Leute sozusagen im psychologischen Schnellwaschgang wieder fit machen zu wollen. Sinnvoll ist es dagegen, zu verdrängen und erst später langsam an den traumatischen Erinnerungen zu arbeiten. Die Studie hat belegt, dass Menschen, die nach einem Unfallschock nicht von Psychologen betreut wurden, sich besser fühlten als die psychologisch betreuten Personen.
Trauerarbeit braucht Zeit?
Ja. Trauerarbeit ist eine besondere Form der Erinnerung. Man lässt Stück für Stück verdrängte traumatische Erlebnisse hochkommen, um sie wieder mit Emotionen und rationalen Er-klärungen zu verbinden und aufzuarbeiten. Aber das soll nicht von außen gesteuert werden. Das muss nach einem eigenen Zeittakt ablaufen und geht oft sehr langsam. Das empfinde ich als wesentlich: Die Menschen müssen für sich selbst die Lösung finden.
Können ganze Gesellschaften kollektiv verdrängen?
Wenn für alle Leute in einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe bestimmte Vorkommnisse schuld- oder schreckbeladen sind, dann neigen sie kollektiv zum Verdrängen und können oft erst nach Jahrzehnten die Dinge wieder an sich herankommen lassen. Ein Beispiel dafür ist der Umgang der Deutschen mit der Nazi-Vergangenheit. Offenbar war es notwendig, erst eine sehr lange Zeit verstreichen zu lassen, bevor man sich mit der Schuld befassen konnte. Für ein Individuum ist es psycho-physiologisch gesehen sinnvoll, zu verdrängen und zu vergessen – und offenbar für große Gruppen von Menschen auch.
Andererseits verhindert das Verdrängen, dass die Menschen aus Katastrophen lernen. Nach einem Vulkanausbruch fliehen sie aus der Region – und kehren ein paar Jahre später wieder zurück.
So scheint es zu sein. Dass die Küsten von Sumatra und Thailand extrem tsunamigefährdet sind, weiß man schon seit vielen Jahren. Aber da gab es offenbar einen kollektiven Verdrängungsmechanismus. Die Menschen handeln oft nicht rational, sondern von Gefühlen gesteuert. Da lassen sie sich auch von naturwissenschaft-lichen Wahrscheinlichkeiten nicht abhalten: 70 Prozent der Raucher erkranken an Krebs – aber jeder Raucher glaubt, dass es ihn nicht trifft. Wir sprechen da in der Sozialpsychologie von einer Reduktion der kognitiven Dissonanz: Wenn zwei Dinge nicht übereinstimmen, zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit eines Tsunami und die friedliche Schönheit eines Strandes, dann blendet man einfach eines davon aus.
Im Moment ist kaum jemand in der Lage, die Tsunamis auszublenden.
Nein, die Menschen befinden sich in einem posttraumatischen Zustand, ein Zustand nach einer Verletzung. Einige sind körperlich verletzt, andere seelisch. Seelische Verletzungen zeigen sich immer im Gehirn.
Worin besteht die seelische Verletzung?
Die Menschen entwickeln eine dissoziative Störung. Das heißt: Sie können Vernunft und Ge-fühl nicht mehr zusammenbringen. Dann kann es sein, dass sie alles wegrationalisieren und gar keine Emotionen an sich heranlassen – oder umgekehrt nur noch emotional und hysterisch reagieren. Im schlimmsten Fall können auch ernsthafte Syndrome auftreten – zum Beispiel eine Aufspaltung des Charakters in multiple Persönlichkeiten: einerseits das arme, hilflose Kind, andererseits die extrem extrovertierte, laute und selbstbewusste Person.
Wie kann man diesen Menschen helfen?
In diesem extremen Fall muss man die Blockade durch eine langfristige Psychotherapie auflösen. Wenn Menschen über den erlebten Schrecken zu sprechen beginnen, kann die Blo-ckade beendet werden.
Brauchen alle Betroffenen der Flutkatastrophe eine Psychotherapie?
Um Gottes Willen: nein! Oft ist das Vergessen gesünder als das Erinnern. Das Bewusstsein verdrängt schreckliche Erlebnisse ja nicht zufällig, sondern aus gutem Grund. Für viele Betroffene der Flutkatastrophe ist das Vergessen der Zeitpunkt der Gnade.
Wovon hängt es ab, ob das Vergessen gelingt?
Es gibt stabile und labile Persönlichkeiten, was emotionale und damit auch Schreckensverarbeitung angeht. Die stabilen sind die, die eine gute Kindheit hatten, die sich geborgen fühlten bei Mutter und Vater. Diese Menschen haben gelernt, mit Stress fertig zu werden, die haut so schnell nichts um. Deshalb können sie auch mit schlimmen Erinnerungen umgehen. Dann gibt es die anderen, die als Kind psychisch oder physisch malträtiert wurden oder nie eine Bezugsperson hatten, bei der sie sich sicher fühlten. Diese Menschen haben Probleme mit Stresssituationen. Da kommt es zur Reaktivierung eines im Grunde vorgeschädigten Ge-hirns. Die Erinnerung an eine Katastrophe wie die in Südost-asien führt bei ihnen zu regelrechten Horrorvorstellungen.
Ist der Mensch in der Lage, das Verdrängen und Vergessen bewusst zu aktivieren?
Man kann das Phänomen der Interferenz nutzen, also über eine längere Zeit sehr ähnliche Informationen aufnehmen, die die alten verdrängen. Ein einfaches Beispiel sind Telefonnummern: Wenn man sich eine gemerkt hat und dann zehn weitere, sehr ähnliche auswendig lernt, ist die Chance relativ hoch, dass man die erste Nummer vergisst.
Wer die Flutkatastrophe vergessen will, sollte demnach möglichst viel über alle möglichen Katastrophen der Vergangenheit lesen?
Ja, so funktioniert das aktive Vergessen: den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Verdrängen ist etwas anderes: Das macht das Gehirn von allein. Es ist ein automatisierter Mechanismus, der von den emotionsgebenden Strukturen im Gehirn erledigt wird.
Und was steuert die Automatik des Verdrängens?
Unter anderem das so genannte Septum: Das ist eine Region im Gehirn, die der Gegenspieler der Amygdala ist. Die Amygdala versieht Informationen mit Emotionen, übertreibt, dramatisiert, verstärkt. Das Septum dagegen dämpft die Gefühle. Es gibt Patienten mit einem Septum-Schaden, die regen sich über alles auf. Im gesunden Gehirn herrscht jedoch eine Balance zwischen Anregung und Dämpfung. Das gilt sowohl für das Abspeichern als auch für das Abrufen der Information. Wenn die Dämpfung funktioniert, kann unser Gehirn auch mit den schlimmsten Erinnerungen fertig werden.
Also sind Verdrängen und Vergessen kein menschlicher Makel?
Die Fähigkeit zu vergessen ist für unser seelisches und mentales Wohlergehen absolut notwendig. Wer nicht vergessen kann, wird krank. Das gilt allerdings auch für denjenigen, der alles vergisst. Die richtige Balance ist entscheidend.
Bedeutet das: Auch die Leid Tragenden der Flutkatastrophe werden die Schreckensbilder irgendwann vergessen können?
Das wird nicht allen gelingen, weil bei einigen Betroffenen das Erlebte so überwältigend war, dass es zu psychischen Schäden kommen wird. Aber die meisten werden in der Lage sein, die Horrorbilder im Gehirn unter Kontrolle zu halten. Nur weil unser Gehirn negative Erfahrungen verdrängen und vergessen kann, können wir überleben.
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