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Sagen Sie mal: Warum führen Menschen immer noch Kriege?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Alle sehnen sich nach Frieden – sagen sie. Viele Menschen haben die Leiden des Krieges selber erlebt und wollen »nie wieder Krieg«. Und doch scheint es der Menschheit nicht möglich, auf organisierte Gewalt zu verzichten. Warum? Sind Kriege vielleicht unvermeidlich? P.M.-Autor Michael Kneissler fragte den Völkerkundler Professor Dr. Günther Schlee: Gibt es eine Chancen für eine friedliche Welt?
P.M.: In diesen Wochen feiern wir Weihnachten, das Fest der Liebe. Gleichzeitig gibt es überall auf der Welt Kriege. Wie viele sind es zurzeit?
Prof. Dr. Günther Schlee: Es gibt zu jedem Zeitpunkt 40 bis 50 Kriege und bewaffnete Konflikte weltweit. Die Zahl ändert sich seit Jahrzehnten kaum – nur in den 1990er Jahren, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, waren es mehr. Was sich dagegen verändert, ist die Form der Auseinandersetzungen. Den klassischen Krieg gibt es kaum noch. Der hatte einen Anfang, die Kriegserklärung, und ein Ende, den Friedensvertrag. Dazwischen wurde ge-kämpft. Dabei hielt man sich mehr oder weniger an bestimmte Regeln, so genannte Konventionen. Heute finden Kriege ohne Regeln und oft mit äußers-ter Brutalität statt. Die Kriegsparteien sind nur noch selten Staaten, sondern immer häufiger ethnische oder religiöse Gruppierungen, Terroristen und Privatarmeen oder Milizen. Und oft ist nicht ganz klar: Wer kämpft da eigentlich gegen wen? Und warum?
P.M.: Kann man unter diesen Umständen überhaupt noch definieren, was Krieg ist?
Schlee: Politikwissenschaftler haben sich auf eine pragmatische Definition geeinigt: Wenn es innerhalb eines Jahres mehr als 1000 konfliktbedingte To-desfälle gibt, dann sprechen sie von Krieg. Ethnologen, die zum Teil in Gesellschaften forschen, die überhaupt nur wenige tausend Menschen umfassen, definieren Krieg allgemeiner: als kollektiven Konflikt, der mit tödlichen Waffen ausgetragen wird.
P.M.: Die Geschichtsbücher sind voll von Kriegen, Friedensverträgen und neuen Kriegen. Es erscheint wie eine anthropologische
Konstante, dass Menschen sich immer wieder gegenseitig töten. Sind Kriege unvermeidlich?
Schlee: Menschliche Aggressionen scheinen unvermeidlich zu sein – Kriege nicht. Wenn wir uns die menschliche Natur anschauen, dann finden wir, dass sich Aggression in vollkommen unterschiedlichen Verhaltensweisen ausdrückt. Die Evolution hat ein breites Spekt-rum herausgebildet. Krieg ist nur eine von vielen Möglichkeiten, wie Kollektive untereinander interagieren können.
P.M.: Alle großen Schöpfungsberichte erwähnen Mord, Totschlag und Krieg. Ist die Gewalt unsterblich?
Schlee: Aggression und Ge-walttätigkeit von Gesellschaften unter- und gegeneinander können von evolutionärem Vorteil sein, sonst wären sie nicht
entwickelt worden und hätten sich nicht über Jahrtausende hinweg gehalten. Wenn be-stimmte Verhaltensmuster langfristig erfolgreich sind, habitualisieren sie sich. Das heißt, sie werden in einer Art Automatismus angewendet, ohne rationale Einzelfallentscheidung: Wenn eine Situation so aussieht, als wäre Gewalt sinnvoll, dann wird man eben gewalttätig, ohne lange darüber nachzudenken.
P.M.: Für die Gewalt entschied sich schon der biblische Kain, der seinen Bruder Abel erschlug. Ist Bruderzwist die Wiege des Krieges?
Schlee: Das war kein Krieg. Das war Mord. Kriege gibt es erst, seit Menschen in größeren Gemeinschaften leben. Ohne die kann es auch keine kollektiven Konflikte geben.
P.M.: Seit wann leben Menschen in Kollektiven?
Schlee: Das wissen wir nicht genau. Es muss aber gewesen sein, als die Menschen sesshaft wurden. Sammler und Jäger führen keine Kriege – um was denn? Sie haben ja keinen Besitz, den sie verteidigen oder durch Eroberungsfeldzüge vergrößern wollen. Nein, Kriege begannen mit den Bauern. Die entwickelten dann größere Ab-stammungsgruppen, die untereinander durch Heiratsregeln verbunden waren. Auf der Grundlage bäuerlicher Gesellschaften entwickelten sich auch Staaten. So gelang es, größere Gruppen zu organisieren, die nach innen friedlich und nach außen schlagkräftig waren.
P.M.: Und welche Vorteile brachte das?
Schlee: Diejenigen, die das taten, hatten eine größere Chance zu überleben – und zu unseren Vorfahren zu werden. Wenn man sich organisierte, konnte man interne Konflikte ohne Blutvergießen etwa durch Schiedssprüche regulieren und gleichzeitig nach außen stark und aggressiv auftreten, um womöglich einzelnen Nachbarn Ressourcen streitig zu machen – Weidegründe zum Beispiel oder Wasser.
P.M.: Der erste Krieg – ein Konflikt unter Nachbarn?
Schlee: Nein, das war noch kein Krieg. Die Nachbarn konnten sich nicht wehren, sie waren ja nicht organisiert. Das taten sie dann aber, zunächst um sich zu verteidigen. Als sie später ebenfalls einen Staat gebildet hatten und über eine Streitmacht verfügten, setzten sie die bei Bedarf natürlich auch aggressiv gegen ihre Nachbarn ein. Diese Nachbarn wiederum gaben sich notgedrungen ebenfalls eine Struktur – und so sind die Staaten clusterförmig entstanden, um den ersten Staat, die Kernzelle, herum. Staatlichkeit hat sich wie eine Epidemie ausgebreitet: in der Fläche um sich greifend, im-mer ins jeweilige Nachbargebiet hinein.
P.M.: Also ist der Krieg dem Staat immanent?
Schlee: Tatsache ist, Kriege kann man nur führen, wenn man organisiert ist, Hierachien und Befehlsketten aufbaut. Erst dann kann die menschliche Aggression zu umfassenden kriegerischen Handlungen zu-sammengefasst werden. Ein anarchistischer Haufen kann sich zwar ebenfalls aggressiv gebärden, wird sich aber gegen besser organisierte Gegner schwer behaupten können.
P.M.: Warum führen eigentlich nur Männer Krieg?
Schlee: Diese Aussage ist nicht ganz richtig. Es gab ja angeblich früher schon die kriegerischen Amazonen, und heute kämpfen in vielen Armeen auch Frauen. Aber selbst in Zeiten und Gebieten, in denen nur Männer Kriege führen, muss man das differenzierter betrachten. Beim so genannten Gendering – das sind Sozialisationsprozesse, die zu einem ge-schlechtsspezifischen Verhalten führen – spielen die wirklichen oder vermeintlichen Erwartungen des anderen Geschlechts eine große Rolle.
P.M.: Männer führen Kriege, weil sie glauben, Frauen erwarten das von ihnen?
Schlee: In vielen Gesellschaften fordert die Frau vom Mann nicht nur Qualitäten als Liebhaber, Vater der gemeinsamen Kinder und Ernährer. Sie erwartet auch ein bestimmtes Aggressionspotenzial, aus dem sie die Fähigkeit ermisst, die Familie zu verteidigen – und die männliche Rolle als Krieger gilt oft als Beweis für dieses Potenzial. Es gibt Stämme in Afrika, da muss ein Mann erst töten, bevor er heiraten darf. Im Islam schicken manche Mütter ihren Sohn in den Heiligen Krieg, weil es ehrenwert ist, wenn er als Märtyrer stirbt. Und es gibt auch in unserer Kultur viele Beispiele dafür, dass Frauen stolz auf ihre Männer oder Söhne sind, wenn sie Krieg führen. Offenbar sind Krieger sexy: Der Mann als Lover und der Mann als Fighter sind schwer auseinander zu dividieren. Auch die Vaterrolle vereint ja Fürsorge mit Stärke im Sinne von Gewaltpotenzial. Ebenso die Herrscherrolle – sonst gäbe es nicht so viele Kriegsfilme und keine Regierungschefs, die in Uniform auftreten.
P.M.: Aber auf welchem Weg mündet das Aggressionspotenzial in Krieg? Man braucht ja einen Feind ...
Schlee: ... und das kann ein
Problem sein. Manchmal will man Krieg führen, und es steht kein Feind bereit. Dann wird Feindschaft konstruiert.
P.M.: Und wie funktioniert das?
Schlee: Nach dem Prinzip »Identität und Differenz«: Wer gehört zu uns, wer nicht? Wenn man in Afrika, wo ich viel ge-forscht habe, die Leute aus einem Dorf am Fluss fragt: »Wer gehört denn noch zu euch und wer nicht?«, dann antworten sie: »Die im nächsten Dorf fluss-aufwärts und die im nächsten Dorf flussabwärts sind wie wir. Die im übernächsten Dorf sind anders.« Zwar sind die Grenzen der Identität stets in Bewegung – aber ohne Grenzen gibt es keine Gruppen und also auch keine ethnischen Gruppen. Großgruppen, die sich auf eine ge-meinsame Geschichte, Religion oder Sprache berufen, haben sich oft erst in staatlichen Zu-sammenhängen entwickelt. Da-durch wurden die Identitäts-Zuschreibungen viel schematischer, und auch die Feindbil-
der bezogen sich auf größere
Gruppen.
P.M.: Wenn Feindschaft mehr oder weniger willkürlich konstruiert wird ...
Schlee: ... weil es kein universales ethnisches oder religiöses Gliederungsprinzip gibt ...
P.M.: ... dann muss ja irgendwer dafür verantwortlich sein.
Schlee: Tatsächlich gibt es immer wieder Gruppen, die da-ran interessiert sind, diese Kons-truktionen zu erstellen: Identitäten zu schaffen, Feindbilder zu entwickeln, Eskalationen auszulösen und Kriege möglich zu machen.
P.M.: Und die können ganze Gesellschaften auf Krieg polen?
Schlee: Ja. Kriege sind Prozesse, die von Minderheiten ausgehen. Auf dem Balkan gab es noch 1992 in Sarajewo eine Massendemonstration für ein multiethnisches Bosnien und gegen eine ethnische Aufgliederung des Landes. Dann fielen plötzlich Schüsse. Man weiß nicht, ob es drei oder fünf Terroristen waren, die in die Menge feuerten. Aber damit begann die Eskalation. Es gab Gegenschläge und wiederum Gegenschläge, die von den radikalen Rändern der Gesellschaft ausgelöst wurden – und plötzlich sah sich jeder gezwungen, Position zu beziehen. Denn wer zwischen den Fronten stand, lief Gefahr, totgeschossen zu werden. Die Siedlungsgebiete wurden entflochten, jeder zog zu Nachbarn, die ihn schützen konnten. Dadurch haben sich Identifikationsprozesse entwi-ckelt. Nicht durch kollektive Willensbildung, sondern durch gezielte Gewalttätigkeiten wurden aus ehemaligen Nachbarn Feinde.
P.M.: Funktionieren so auch Religionskriege?
Schlee: So funktionieren viele Identifikationen. Meinungsführer tragen einen Konflikt in die Mitte der Bevölkerung – zum Beispiel durch Terrorismus, durch staatliche Kampagnen gegen Minderheiten wie im Dritten Reich oder neuerdings auch durch PR-Agenturen wie im vorletzten Golfkrieg – und lösen damit eine Radikalisierungsbewegung aus. Wenn die Radikalisierung ein bestimmtes Niveau erreicht hat – wir könnten es kritische Masse nennen –, kippt die Stimmung, und plötzlich sind fast alle bereit zum Krieg.
P.M.: Aber es gibt doch immer Menschen, die einen kühlen Kopf bewahren und friedliche Lösungen fordern.
Schlee: Das ist richtig. Aber gegen die Dynamik der Eska-lation haben sie kaum eine Chance. Der große Nachteil der Friedensbewegungen ist im-mer, dass sie niemals so gut organisiert sind wie die Kriegsbewegungen. Zum Wesen des Krieges gehört eine strenge hierarchische Organisation mit den Prinzipien von Befehl und Gehorsam – zum Wesen des Friedens gehört genau dies nicht.
P.M.: Deshalb ist es auch so schwer, Kriege zu beenden?
Schlee: Die Eskalation funktioniert schneller als die Deeskalation. Das ist das teuflische Prinzip des Krieges: Er zieht große Bevölkerungsgruppen blitzschnell in seinen Bann. Zunächst greift eine winzige Zahl von Terroristen oder Soldaten einen echten oder vermeintlichen Feind an. Der übt Vergeltung und trifft normalerweise nicht nur die Übeltäter, sondern auch friedliche Mitglieder der Gesellschaft. Es gibt Tote, Verwundete und Sachschäden. Die Menschen sind schockiert und wütend, dadurch kommt es zu dieser starken Radikalisierung. Die Amerikaner erleben das im Moment im Irak. Dieser Teufelskreis ist nur schwer zu durchbrechen, weil die besonnenen Stimmen im Kampfesgetümmel un-tergehen.
P.M.: Viele Menschen glauben, dass hinter nahezu allen Kriegen wirtschaftliche Interessen stecken und ethnische oder religiöse Gründe nur vorgeschoben sind.
Schlee: Ethnizität und Religion sind Kriterien, nach denen man zwischen Freund und Feind unterscheidet. Diese Identifikationen sind aber noch keine Kriegsgründe. Wirtschaftliche Interessen wie der Anspruch auf Öl oder Wasser liefern in der Tat häufig Kriegsgründe – unabhängig von der ideologischen Frage, ob man den Gegner mit nationalistischen, religiösen oder rassistischen Argumenten verteufelt. Aber die wirtschaftlichen Erwägungen spielen vor allem aus der Perspektive derer eine Rolle, die Konflikte eskalieren lassen – und das sind im Anfangsstadium eines Konfliktes in der Regel ziemlich wenige Menschen, die aber überproportionalen Einfluss haben. Der Mehrheit der Bevölkerung dienen Wirtschaftskriege selten: Die meisten verlieren – ihr Hab und Gut, ihre Würde, ihr Leben. Nur eine Minderheit gehört zu den Kriegsgewinnern: War-lords, Waffenhändler, Politiker der herrschenden siegreichen Klasse – und diejenigen, die das zerstörte Gebiet nach Ende der Kampfhandlungen wieder aufbauen. In Afrika ist sogar der Zugriff auf Entwicklungshilfegelder gelegentlich eine Motivation, andere Länder erobern zu wollen.
P.M.: Krieg führen, um
Entwicklungshilfe abzukassieren?
Schlee: Das kommt vor. Entwicklungshilfe ist in vielen Ländern ein wesentlicher Teil des zur Verfügung stehenden Geldes. In vielen modernen Kriegen geht es aber auch um Einfluss, Ämter, Arbeit. In Afrika sind die Milizen oft die einzige Möglichkeit für Jugendliche, einen Arbeitsplatz zu bekommen – auch wenn die Arbeit nichts anderes ist als das Töten von Menschen.
P.M.: Gibt es gerechte
Kriege?
Schlee: Gerechtigkeit ist eine moralische Frage. Und jede Moral braucht einen Bezugsrahmen. Wenn Sie etwas als gerecht bezeichnen, drücken Sie damit aus, dass es gut und richtig ist, weil es einen kollektiven Nutzen hat. Nur müssen Sie erst einmal definieren, um welches Kollektiv es geht. Das heißt: Jede moralische Frage ist wiederum verknüpft mit der Frage nach Identität und Differenz. So gesehen ist ein gerechter Krieg ein Krieg, der meinem Kollektiv nützt, meinem Stamm, meinem Land, meiner Religion. Aber gerecht im Sinne eines übergeordneten Menschheits-ideals ist er damit noch lange nicht.
P.M.: Der griechische Philosoph Heraklit bezeichnete vor rund 2500 Jahren den Krieg als den Vater aller Dinge. Hat er Recht?
Schlee: Er hat nicht Recht. Der Krieg ist nicht der Vater aller Dinge – aber er ist der Vater vieler Dinge. Durch Krieg wurden soziale Prozesse wie die Erfindung von Staaten mitgesteu-ert. Die Menschwerdung, wie
wir sie kennen, wäre ohne
kriegerische Prozesse kaum
denkbar. Wir wären andere
Menschen, wenn wir dieses
Aggressionspotenzial nicht
hätten.
P.M.: Moderne Philosophen sagen, der Krieg sei ein großer »Beschleuniger« – vor allem, was neue Technologien angeht.
Schlee: Auf den ersten Blick stimmt das. Die riesigen Mi-litäretats der Staaten sorgen natürlich für eine Dynamik im Bereich der technologischen Entwicklung. Aber würde man diese Summen für friedliche Entwicklungen einsetzen, wä-ren wir genauso weit oder noch weiter.
P.M.: Gibt es überhaupt Gesellschaften, die keine Kriege führen?
Schlee: Ja, insbesondere im polaren Bereich. Den Eskimos sagt man nach, dass sie noch nie Krieg geführt haben. Natürlich gibt es auch dort Mord und Totschlag, aber kollektiv ausgetragene Konflikte sind weitgehend unbekannt.
P.M.: Woran liegt das?
Schlee: Das hat etwas mit ihrem kargen und unwirtlichen Le-bensraum zu tun, der bei anderen nur wenig Begehrlichkeiten weckt. Die Eskimos wurden also nie ernsthaft bedrängt. Dazu kommt: Die Ressourcen dort sind so rar, dass die Bewohner dieser Regionen weit voneinander entfernt leben und sich nur selten zu Gesicht bekommen. Und wer sich nicht trifft, kann sich nicht organisieren, ge-schweige denn bekämpfen.
P.M.: Könnten die Eskimos ein Modell für die friedliche Koexistenz aller Menschen sein?
Schlee: Nicht wirklich. Ihre Le-benssituation ist einmalig. Aber die Menschen sind ja überall fähig zu friedlichen Problemlösungen – auch das ist eine Folge der Evolution. Wären nur Kämpfer erfolgreich, hätte uns die Evolution mit drei Meter großen, muskelbepackten Körpern ausgestattet. Dass dem nicht so ist, zeigt, wie wichtig auch Diplomatie, Diskussion, Gespräche und Friedensprozesse sind. Der Mensch ist von der Evolution so geformt, dass er beides kann: Krieg führen und in Frieden leben. Ich meine, wenn wir in Mitteleuropa in der Lage sind, über 60 Jahre lang friedlich mit den Nachbarn zu leben, haben wir offenbar kein unüberwindliches triebhaftes Verlangen danach, Krieg zu führen.
P.M.: Was kann man tun, um Frieden zu schaffen?
Schlee: Man kann Situationen schaffen, in denen das kriegerische Potenzial gar nicht benötigt wird. Dazu gehören eine gerechte Verteilung der Ressourcen und ein offener Zugang zu ihnen, der Abbau von Armut und Hunger sowie Arbeit für möglichst viele. Zufriedene, satte Menschen sind weniger an Krieg interessiert als unzufriedene, hungernde Menschen.
P.M.: Konkret: Was muss die Politik tun?
Schlee: Aus meiner Sicht wäre ein erster konkreter Schritt in diese Richtung, unsere Märkte nicht mehr gegen Produkte aus den armen Regionen der Welt abzuschotten. Wenn diese Länder mit uns frei handeln könnten, gäbe es weltweit weniger Armut.
P.M.: Aber das geht zu Lasten unserer eigenen Landwirtschaft und anderer subventionierter Produktionszweige.
Schlee: Mag sein. Aber die Welt würde friedlicher werden, und es gäbe weniger Kriege.
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