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Sagen Sie mal: Haben die Deutschen keine guten Ideen mehr?

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Sagen Sie mal -  Haben die Deutschen keine guten Ideen mehr?Sagen Sie mal -  Haben die Deutschen keine guten Ideen mehr?

Das Gejammer in Politik und Wirtschaft ist groß: Die Deutschen sind lahm geworden, es fehlt ihnen an Innovationskraft.
Stimmt das wirklich? Fällt unseren Erfindern nichts mehr ein? Oder können sich neue Ideen nicht durchsetzen? P.M.-Redakteurin Manon Baukhage fragte einen Kenner der Erfinderszene: Patentanwalt Dr. Werner Lorenz

Lorenz:
P.M.: Bundeskanzler Schröder hat zu einer Innovationsoffensive aufgerufen. Bedeutet das: Den Deutschen gehen die Ideen aus?

Lorenz: Ganz so hat er es wohl nicht gemeint. Denn wenn man die Zahlen der Patentanmeldungen betrachtet, scheint der Erfindergeist in Deutschland ungebrochen zu sein. Von den 64518 im Jahr 2003 beim Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) in München eingereichten Patentanmeldungen kamen immerhin 52425 von inländischen Unternehmen, Hochschulen und privaten Erfindern. Das sind 912 mehr als in 2002. Die weitaus meisten Patente werden von großen Unternehmen angemeldet; die Zahl bei den privaten Erfindern ist rückläufig und liegt zurzeit unter zehn Prozent der Patentanmeldungen.

P.M.: Und wie stehen wir im internationalen Vergleich da?

Lorenz: Global gesehen, liegt Deutschland bei den Patentanmeldungen mit den USA und Japan in der Spitzengruppe. In Europa sind wir die Nummer eins: Im Jahre 2002 wurden in Deutschland doppelt so viele Patente angemeldet wie in England und Frankreich zusammen. Auch beim Europäischen Patentamt stammten im Jahre 2002 die meisten Patentanmeldungen aus Deutschland.

P.M.:Also alles in Ordnung? Warum dann Schröders Innovationsoffensive?

Lorenz: Weil die reine Zahl der Patentanmeldungen eben nicht alles sagt: Entscheidend für die In-novationskraft eines Landes ist nämlich die wirtschaftlich erfolgreiche Umsetzung der er-teilten Patente. Und in Deutschland entstehen schätzungsweise nur aus drei bis fünf Prozent aller Patente Produkte, die man kaufen kann.

P.M.: Eine erschreckend niedrige Zahl. Was ist der Grund dafür?

Lorenz: Es gibt zwei Gründe. Erstens: Große Unternehmen melden Patente oft nur aus strategischen Gründen an – zum Beispiel, um bestimmte Forschungsmärkte zu besetzen und sich damit Konkurrenten vom Hals zu halten. Diese Pa-tente sind in der Statistik mitgezählt – auch wenn eine wirtschaftliche Umsetzung vielleicht gar nicht geplant ist. Zweitens: Private Erfinder scheitern oft bei der Vermarktung ihrer Patente. Sie finden keine Firma, die aus ihrem Patent ein Produkt macht, weil sie unrealistische Vorstellungen von der Wirtschaftlichkeit ihrer Idee haben.

P.M.: Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Lorenz: Vor Jahren entwarf ein Erfinder einen Gartengrill für Türken und Griechen in Deutschland, die an Festtagen gern ein ganzes Lamm grillen. Eine pfiffige Idee, aber der Grill hätte damals im Laden 400 Mark gekostet. Viel zu teuer für ein Gerät, das nur an wenigen Tage im Jahr genutzt wird.

P.M.: Wie lassen sich solche Fehleinschätzungen verhindern?

Lorenz: Schon vor der Patentanmeldung sollte jeder Erfinder genau prüfen, ob es überhaupt einen Markt für seine Idee gibt. Wenn er das Patent angemeldet hat, sollte er gezielt Firmen ansprechen – aber nicht mit einem einfachen Brief: Der landet im Papierkorb. Um erfolgreich mit Unternehmen zu verhandeln, muss er eine genaue Beschreibung des künftigen Produkts anfertigen, am besten sogar einen Prototyp bauen. Vor allem muss er die Herstellungskos-ten berechnen – und er sollte nachweisen können, dass die Firma mit seiner Idee Geld verdienen kann. Erfinder müssen also »profimäßig« handeln – leider haben viele nicht gelernt, sich zu vermarkten.

P.M.: Aber nicht jedem liegt das Klinkenputzen. Gibt es keine Fachleute, die dem Erfinder das Marketing abnehmen können?

Lorenz: Inzwischen schon. In den letzten Jahren sind private und staatliche Initiativen entstanden, die als Innovationsbeschleuniger wirken. Sie sind wichtig, damit gute Ideen schnell umgesetzt werden – und der Erfinder an den Lohn seiner Arbeit kommt.

P.M.: Bevor der überhaupt mit Firmen verhandeln kann, hat er ja schon viel Geld und Zeit investiert.

Lorenz: Richtig. Sein Patentanwalt hat rund 3000 Euro gekostet, und ab dem dritten Jahr nach Pa-tentanmeldung zahlt er Jahresgebühren: Die steigern sich von 70 auf fast 2000 Euro im 20. Jahr, danach läuft das Patent aus. Und dann der Zeitaufwand: Allein von der Patentanmeldung bis zur Erteilung vergehen rund drei Jahre.

P.M.: Umso wichtiger, dass danach endlich Tempo in die Sache kommt. Was sind das für Initiativen, die dem Erfinder unter die Arme greifen – und was machen sie?

Lorenz: Inzwischen gibt es eine Reihe von Privatfirmen wie »atrom« in Heidenheim, die helfen, Ideen nicht nur patentrechtlich zu schützen, sondern auch zu vermarkten. Innerhalb von knapp zwei Jahren sind schon etwa 2900 Erfinder Mitglied bei »atrom« geworden. Die Firma stellt die patentierten Ideen der Mitglieder in eine Datenbank im Internet – ein Forum, wo Investoren auf die Suche nach inte-ressanten Erfindungen gehen können.

P.M.: Damit ist noch nicht viel bewirkt.

Lorenz: Das stimmt, aber die eigentliche Arbeit von »atrom« beginnt auch erst danach. Die Firma filtert mit meiner Hilfe als Patentanwalt die innovativsten Ideen heraus, schreibt die Erfinder an und entwickelt mit ih-nen einen Business-Plan für eine professionelle Vermarktung. Dann setzt sich »atrom« mit Firmen und potenziellen Investoren in Verbindung.

P.M.:Und was hat »atrom« davon?

Lorenz: Die Mitgliedschaft kostet den Erfinder einmalig 50 Euro, hinzu kommt eine monatliche Gebühr von 9,90 Euro. Wenn der Erfinder ein eigenes Unternehmen gründet, in dem er sein Produkt herstellt, ist »atrom« am Gewinn beteiligt. Wenn er es in Lizenz von Dritten produzieren lässt, erhält »atrom« einen Teil der Lizenzgebühren.

P.M.: Wie vielen Mitgliedern konnte man bisher auf die wirtschaftlichen Beine helfen?

ILorenz: mmerhin werden sechs Erfindungen aus den Bereichen Medizintechnik, Lebensmittelproduktion und Automobiltechnik bereits produziert – leider noch nicht verkauft. Aber das ist nur eine Frage der Zeit.

P.M.: Bekommen Erfinder denn überhaupt keine staatliche Hilfe?

Lorenz: Bis in die 1970er Jahre war für Einnahmen aus Erfindungen nur der halbe Steuersatz fällig. Leider wurde das gestrichen. Dieser Anreiz sollte unbedingt wieder eingeführt werden.

P.M.: Ist das geplant?

Lorenz: Leider nicht. Aber die Regierung hilft Erfindern im Rahmen ihrer Innovationsoffensive auf andere Weise. So hat sie in den letzten beiden Jahren knapp 30 Millionen Euro in den Aufbau von so genannten Patentverwertungsagenturen gesteckt. Inzwischen sorgt in jedem Bundesland mindestens eine Agentur dafür, dass wissenschaftliche Forschungsergebnisse von Hochschulen und Forschungseinrichtungen schneller vermarktet werden.

P.M.: Aber davon haben private Erfinder nichts.

Lorenz: Richtig, doch auch die fördert die Regierung jetzt: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat dabei geholfen, das bundesweite Netzwerk INSTI aufzubauen – das Kürzel bedeutet »Innovationsstimulierung«. INSTI um-fasst unter anderem Fraunhofer-Institute, Universitäten, Un-ternehmensberatungen, Technologie- und Gründerzentren, Patent- und Rechtsanwälte sowie Banken. Seine Aufgabe ist es, Erfinder bei der Vermarktung ihrer Patente zu unterstützen.

P.M.:Wie kommt ein Erfinder in Kontakt mit diesem Netzwerk?

Lorenz: Am besten über einen der 155 Erfinderclubs in Deutschland: Sie sind ebenfalls der INSTI-Initiative angeschlossen.

P.M.: Bei so viel Unterstützung von vielen Seiten müssten private Erfinder doch richtig durchstarten können.

Lorenz: Möchte man meinen. Aber unterm Strich bleibt: Die meisten schaffen es heute trotzdem nicht, ihre Ideen erfolgreich auf den Markt zu bringen.

P.M.: Woran hapert’s denn immer noch?

Lorenz: Eine gute Erfindung ist die eine Sache – sie als gute Erfindung zu erkennen die andere. Ein trauriges Beispiel dafür, wie Chancen oft gar nicht wahrgenommen werden, ist der MP3-Standard. Diese Technik, mit der man Musik aus dem Internet herunterladen kann, wurde in einem Fraunhofer-Institut erfunden. Doch selbst diese renommierte Gesellschaft hat keine deutsche Firma gefunden, die MP3 umgesetzt hätte. Thomson aus Frankreich ist als erstes Unternehmen eingestiegen. Heute kommt kein CD-Player und kein Handy mehr ohne diese Technik aus.

P.M.: Ein Einzelfall – oder nicht?

Lorenz: Leider nicht. In anderen Ländern gibt es deutlich mehr Gespür für wirklich Neues – Japaner und Amerikaner beispielsweise sind viel offener. In Deutschland dagegen ist die Fähigkeit, bahnbrechende Ideen als solche zu erkennen, nicht so weit entwickelt. Das war schon vor 100 Jahren so.

P.M.: Zum Beispiel?

Lorenz: Nehmen Sie die Radartechnik. Sie wurde bereits 1904 von dem Deutschen Christian Hülsmeyer erfunden. Er ließ sich seine Idee patentieren – aber niemand erkannte damals ihre ungeheure Bedeutung. Und dies, obwohl das Radar erfolgreich getestet wurde. Wäre diese Technik rasch umgesetzt worden, hätte man zum Beispiel die Titanic-Katastrophe von 1912 verhindern können!

P.M.: War diese Erfindung womöglich ihrer Zeit einfach zu weit voraus?

Lorenz: Mag sein, aber fehlendes Gespür für wichtige Innovationen spielte bestimmt auch eine Rolle. Denn noch nicht einmal im Ersten Weltkrieg wurde die Bedeutung des Radars erkannt. Großadmiral Tirpitz ließ über das Reichsmarineamt dankend mitteilen: »Kein Interesse. Meine Männer haben bessere Ideen!« Erst in den 1930er Jahren verwirklichten die Deutschen und die Engländer Hülsmeyers Pläne. Damals wie heute: Erfinder haben es hier zu Lande schwer, auf Menschen zu treffen, die einen Blick für gute Ideen haben.

P.M.: Wie kann man das ändern?

Lorenz: Das Wichtigste: Wir brauchen mehr Innovationskultur in den Unternehmen. Innovation muss Aufgabe des gesamten Unternehmens sein. Ziel muss es sein, ein Gespür für wirklich bahnbrechende neue Ideen zu entwickeln.

P.M.: Aber das lässt sich wohl kaum verordnen. Woher soll denn das
bessere Gespür kommen?

Lorenz: Neue Studien belegen: Nur die Führungsspitze kann für das richtige Innovationsklima sorgen. Dazu gehört es, die Eigenverantwortung der Mitarbeiter zu stärken, Fehler zu tolerieren, mehr Freiheiten für kreative Mitarbeiter zu gewähren und keine Vorurteile gegenüber Ideen zu haben, die von außen kommen.

P.M.: Das ist aber sicher nicht so schnell zu realisieren. Was kann man schon heute tun?

Lorenz: Es müssen noch mehr Foren geschaffen werden, die in Deutschland gemachte Erfindungen einem breiten Publikum präsentieren. Hier können Investoren gezielt nach Ideen suchen, die sich in marktfähige Produkte verwandeln lassen.

P.M.: Klingt alles so, als bräuchten wir nur eine bessere Kommunikation zwischen Erfindern und Firmen – und schon sind wir wieder Weltspitze. Aber wenn wir Kanzler Schröder richtig verstehen, liegen doch ganze Forschungsbereiche im Argen: die Biotechnik sowie die Informations- und Kommunikationstechnologie. Hier fehlt es doch offenbar auch an den richtigen Ideen.

Lorenz: Ja, das stimmt leider. Die meis-ten neuen Erfindungen werden seit Jahren im Automobilbereich und im Maschinenbau gemacht. Wir brauchen aber in Deutschland auf den für die Zukunft wichtigen Gebieten, die Sie genannt haben, tatsächlich auch mehr neue Ideen. Aber nicht nur das: Wir brauchen ebenfalls mehr risikobereite Investoren, die mit ihrem Kapital die Umsetzung guter Ideen in jungen Unternehmen fördern.

P.M.: Gibt es schon Anzeichen dafür, dass die Innovationsoffensive zu wirken beginnt?

Lorenz: Erfreulicherweise gibt es motivierende Beispiele. Sie zeigen, dass freie Erfinder keineswegs nur bastelnde Fantasten sind, sondern dass sich hinter ihren Ideen in vielen Fällen marktfähige Produkte verbergen.

P.M.: Konkret?

Lorenz: Schauen Sie mal in das »Erfinderforum Ideenreich« der VDI-Nachrichten*. Dort werden viele aussichtsreiche Ideen der INSTI-Erfinderclubs vorgestellt. Allein im zweiten Halbjahr 2003 hat dieses Forum über zwanzig Erfindungen präsentiert, die vom INSTI-Projektmanagement ausgewählt und von Partnern dieses Netzwerks, etwa der Fraunhofer-Patentstelle, geprüft wurden.

P.M.: Und werden einige dieser Ideen in reale Produkte umgesetzt?

Lorenz: Oh ja – zum Beispiel eine kostengünstig herstellbare Meerwasser-Entsalzungsanlage, die mit Sonnenkraft funktioniert.

P.M.: Wer hat sie entwickelt, und wie wurden die Erfinder dabei unterstützt?

Lorenz: Die Idee stammt aus dem vielleicht erfolgreichsten Erfinderclub Deutschlands, der »Innovationsgesellschaft Eifel e.V.«. Entwickelt wurde sie im ersten Anlauf von vier naturwissenschaftlich begeisterten Hauptschülerinnen und -schülern aus Schleiden zusammen mit ihrem Lehrer Friedhelm Limbeck. Das Prinzip ist einfach und hinlänglich bekannt: Von der Sonne erhitztes Salzwasser verdampft und kondensiert bei Abkühlung zu Süßwasser. Doch dann hatten Limbeck und sein Sohn die eigentlich zündende Idee: Statt des Salzwassers wird die Luft erhitzt. Mit diesem Verfahren ist die Anlage zehnmal effektiver als bisherige solare Entsalzungsanlagen, weil sie weniger Sonnenenergie benötigt. Über das INSTI-Netzwerk wurde den Erfindern das Kapital vermittelt, um diese Anlage zu bauen.

P.M.: Und haben die Innovatoren schon Aufträge?

Lorenz: Noch in diesem Jahr werden sie eine Aktiengesellschaft gründen, die die Anlage in Serie produziert. Die beteiligten Hauptschüler bekommen die gleichen Aktienanteile wie Limbeck. Anfragen für rund 300 Anlagen u. a. aus Dubai und Texas liegen bereits vor.

P.M.: Das klingt toll. Ist diese Erfolgsgeschichte einzigartig?

Lorenz: Keineswegs. Der »Koblenzer Erfinderclub« etwa hat ein Minenräumsystem entwickelt, das bereits in Sarajewo eingesetzt wird. Auch andere Ideen aus deutschen Erfinderclubs hat INSTI bereits geprüft und ihnen gute Aussichten im Hinblick auf eine erfolgreiche Vermarktung attestiert. Darunter befindet sich beispielsweise ein so genannter Topspin-Fußballschuh, der die Ballkontrolle und die Treffsicherheit erhöhen soll und darüber hinaus die Belastung des Fußes reduziert – also das Verletzungsrisiko für die Spieler verringert. Solche positiven Beispiele machen Mut. Mir ist um Deutschlands Zu-kunft nicht bange.

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Autor/in: Manon Baukhage


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