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P.M.: Die PISA-Studie hat ein katastrophales Bild von den schulischen Fähigkeiten der Kinder gezeichnet – und jetzt behaupten Sie, alles sei noch viel schlimmer: Die Kinder würden nicht nur schlecht lesen, sondern auch nicht einmal mehr die simpelsten Bewegungsformen beherrschen.
Zöpfl: Die körperliche Verfassung von Kindern hat sich in den letzten 20 Jahren dramatisch verschlechtert, und das ist meiner Ansicht nach nicht nur ein gesundheitliches Problem, sondern einer der Hauptgründe für die viel zitierte Bildungsmisere.
P.M.: Stimmt es denn wirklich, dass viele Kinder heute nicht mehr rückwärts laufen können?
Zöpfl: Vieles, was Kinder früher ganz selbstverständlich konnten, geht heute nicht mehr. Zum Beispiel schafft es die Hälfte der 8- bis 18-Jährigen nicht mehr, länger als 30 Sekunden auf einem Bein zu stehen oder flüssig rückwärts zu laufen. 75 Prozent der ABC-Schützen haben so schwache Bauchmuskeln, dass sie aus der Rückenlage nicht mehr in die Hocke kommen.
P.M.: Die Eltern trainieren sich in Fitness-Studios einen Waschbrettbauch an, und die Kinder ...
Zöpfl: ... werden dick und ungelenk. Fast 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind heute übergewichtig. Und mehr als ein Drittel der Erstklässler ist so unbeweglich, dass die Kinder zum Beispiel nicht mehr auf Zuruf aus vollem Lauf stoppen können.
P.M.: Das ist doch wohl ein Witz?
Zöpfl: Keineswegs. Es wurde sogar schon darüber nachgedacht, die Wände in Turnhallen mit Schaumstoff zu polstern, weil die Schüler so häufig dagegenrennen. Statt nur über den Bildungsnotstand im Land der Dichter und Denker zu lamentieren, wie seit der PISA-Studie üblich, sollte die Gesellschaft sich Gedanken über die körperliche Kondition der nachwachsenden Generationen machen. Viele Sportvereine, egal, ob Tennis, Judo oder Fußball, haben Mühe, überhaupt noch geeigneten Nachwuchs zu finden.
P.M.: Der FC Bayern ohne Nachwuchsspieler – das wäre ja eine nationale Katastrophe.
Zöpfl: Große Elitevereine wie der FC Bayern sind weniger betroffen. Die können sich ihre Nachwuchsspieler von überall her holen, auch aus Ländern, wo die Kinder in ihrer natürlichen Beweglichkeit und Bewegungslust noch nicht so stark eingeschränkt sind. Aber es geht gar nicht in erster Linie um den Nachwuchs für die Sportvereine, sondern um den Zustand der Gesellschaft. Die schlechte körperliche Entwicklung betrifft uns alle, sie hat Folgen für das ganze Kind – für den Geist, das Gemüt, die Bildung. Für alles.
P.M.: Der richtige Moment, um das alte lateinische Sprichwort vom gesunden Geist im gesunden Körper hervorzukramen?
Zöpfl: Der Spruch hat zum Beispiel durch die Gehirnforschung dramatische Aktualität bekommen. Heute weiß man, dass das Gehirn vor der Geburt Nervenzellen im Überschuss produziert, die bis zum achten, zehnten Lebensjahr abgebaut werden, wenn sie nicht durch die Bildung von Synapsen verschaltet werden. Gerade motorische Aktivitäten fördern die Herstellung von Verschaltungen und die Freisetzung von Substanzen zur Erhaltung der Gehirnzellen.
P.M.: Aber Kinder unter zehn bewegen sich doch gern. Man kann sich kaum vorstellen, dass sie aus Trägheit wertvolles Gehirnpotenzial verschleudern ...
Zöpfl: Als ich vor mehr als 15 Jahren auf die nachlassende Beweglichkeit aufmerksam wurde, betrafen meine Beobachtungen hauptsächlich Jugendliche ab 14 Jahren. Kein Anlass zu übertriebener Sorge, dachte ich damals noch: In der Pubertät werden eben andere Freizeitaktivitäten interessanter als Toben, Spielplatz, Gemeinschaftsspiele, Sport usw. Aber inzwischen hat sich das Problem immer mehr in die unteren Altersstufen verschoben. Es betrifft also Kinder, die eigentlich von Natur aus noch Lust haben müssten, sich zu bewegen.
P.M.: Was ist passiert? Liegt es an den kleinen Wohnungen, der bewegungsfeindlichen Architektur in den Städten?
Zöpfl: Diese Gründe werden oft herangezogen und spielen sicher eine wichtige Rolle. So richten sich Städteplaner ja inzwischen tatsächlich mehr nach dem Verkehrsaufkommen als nach dem menschlichen Bewegungsbedürfnis. Aber das ist nicht alles. Ein Beispiel: In meinem Wohnviertel, bei mir um die Ecke, gibt es ein freies Gelände – prima als Spielwiese geeignet. Ich habe bei der Gemeinde durchgesetzt, das Gelände für die Kinder im Viertel freizubekommen. Aber das Angebot wird gar nicht angenommen. Sogar im Sommer: menschenleer. Weit und breit keine Kinder.
P.M.: Wo sind sie? Vor dem Fernseher? Am Computer?
Zöpfl: Der moderne Lebensstil, die Erwartungen der Gesellschaft und der Eltern, die moderne Pädagogik: Vieles spielt eine Rolle. Aber ganz besonders der Medienkonsum und die Computerfaszination. Zwar gibt es hervorragende Computer-Ballspiele, und viele Kinder sind darin total fit – aber mit einem echten Ball können sie mangels Übung immer weniger anfangen. Sportlehrer beklagen, dass sich die Kinder beim simplen Fangen von Bällen ungeschickter anstellen als noch vor ein paar Jahren.
P.M.: Computerspiele trainieren aber die visuelle Intelligenz und die Reaktionsfähigkeit – das haben beispielsweise die Tests der kalifornischen Psychologin Patricia Greenfield gezeigt.
Zöpfl: Aber wo, bitte, bleiben Untersuchungen, die zeigen, was ein Kind alles trainiert, erlebt und erfährt, wenn es mit einem nicht virtuellen Ball und anderen Kindern spielt? Etwa die Erfahrung, dass man hinfallen und sich die Knie aufschlagen kann. Das sind Primärerfahrungen, die Kinder heute – so unglaublich es klingt – weniger machen als früher.
P.M.: Was bezeichnen Sie als Primärerfahrungen?
Zöpfl: Erfahrungen, bei denen alle Sinne – nicht nur wie vor dem Bildschirm der Sehsinn und das Gehör – angesprochen werden; auch der taktile Sinn, mit dem wir buchstäblich die Welt begreifen. In der Gesamtheit sind sie die Basis unserer Intelligenz, denn der Mensch ist ein leibliches Wesen, der sich seine Begriffe auch heute noch in erster Linie durch die sinnliche Erfahrung bildet.
P.M.: Macht der Computer die Kinder etwa dümmer? Die meisten Menschen sind vom Gegenteil überzeugt.
Zöpfl: Das Problem ist nicht der Computer. Ein Problem ist aber, dass tatsächlich viele Eltern computerfixiert sind. Sitzt ihr Kind viel vor der Glotze, haben sie insgeheim ein schlechtes Gewissen, denn jeder weiß, dass das nicht optimal ist. Anders beim Computer. Da glauben sie: Er macht das Kind intelligenter und damit automatisch fit für die Zukunft. Aber das ist nur eine Neuauflage des alten Mythos vom Nürnberger Trichter. Weisheit, Bildung, Kunstfertigkeit lassen sich nicht übers Internet in die Menschen hineingießen.
P.M.: In Japan verlernen die Menschen sogar ihre Schriftzeichen durch den intensiven Gebrauch von Handy und Computer. Außerdem spricht man dort vom »Morbus Sony«: Sehnenscheiden-Entzündungen, Augenreizungen, Kopfschmerzen nehmen drastisch zu, auch bei Kindern.
Zöpfl: Solche Dinge lassen sich ja ausheilen. Bedenklicher ist, dass bei uns 40 Prozent der Kinder über Rückenschmerzen klagen, 65 Prozent haben Haltungsschäden.
P.M.: Nicholas Negroponte, der Direktor des Media Lab am Massachusetts Institute of Technology, hat gesagt: Problematisch ist nicht, dass Kinder vier Stunden oder mehr täglich vor dem Computer zubringen – sondern dass sie vier Stunden lang dasselbe tun. In seinen Augen wäre es genauso schädlich, wenn ein Kind vier Stunden lang Klavier spielen würde.
Zöpfl: Wenn ein Kind vier Stunden lang am Klavier sitzt, ist das zwar nicht gut für seinen Rücken – aber es trainiert dabei Konzentrationsfähigkeit, psychische Ausdauer. Ob es vor dem Bildschirm, egal, ob Computer oder TV, in gleichem Maße bei der Sache bleibt, bezweifle ich. Da wird doch heftig gezappt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Zappen zu einer Grundhaltung dem Leben gegenüber wird.
P.M.: Was ist daran schlimm?
Zöpfl: Wichtige menschliche Erfahrungen bleiben auf der Strecke. Zum Beispiel die Erfahrung, dass man Langeweile aushalten kann oder dass es sich lohnen kann, ein Spiel nicht vorzeitig verloren zu geben, auch wenn sich eine Niederlage abzeichnet. In Lehrer- und Elternkonferenzen höre ich oft, dass Kinder den Schwierigkeitsgrad ihrer Computerspiele so einstellen, dass sie immer gerade noch gewinnen.
P.M.: Ganz neue Tests aus den USA lassen befürchten, dass Sprachkompetenz und Gedächtnisleistung bei den Kindern heute deutlich nachlassen.
Zöpfl: Mal salopp ausgedrückt: Wenn Sprachkompetenz auch bedeutet, Konflikte verbal lösen zu können – wie soll ein Kind das zum Beispiel von TV-Sendungen à la »Bitte verzeih mir« lernen? Und beim Thema Gedächtnis spielt neben vielen anderen Faktoren auch wieder Bewegungsmangel eine erhebliche Rolle. Es gilt heute als physiologisch gesichert, dass bereits ein kurzer Spaziergang die Hirndurchblutung um 15 Prozent steigert – und damit auch die Gedächtnisleistung. Nicht nur bei Kindern übrigens.
P.M.: Als Reaktion auf die PISA-Studie empfiehlt die Pädagogik aber nicht Spazierengehen, sondern forciertes Leistungsdenken: frühere Einschulung, kanonisierte Bildungsstandards, Elite-Unis ...
Zöpfl: Der Horror! Genau die falsche Richtung. Statt Freiheit, Kreativität, Sportlichkeit erleben zu können, müssen die Kinder noch mehr pauken. Ich wünsche mir wirklich einen kritischeren Blick der Pädagogen auf inflationäre Unterrichtsmethoden wie diese Multiple-Choice-Manie, die sich jetzt in den Grundschulen breit macht!
P.M.: Zum Beispiel?
Zöpfl: Was ist eine Schnecke, heißt es in einem Arbeitsheft für Drittklässler. Unter drei vorgegebenen Antworten – Säugetier, Haustier, Schädling – muss das Kind dann wählen, und wenn es »Schädling« ankreuzt, liegt es richtig. Aber was für ein Wissen über Schnecken wird da vermittelt? Das ist so, als würde man immer Günther Jauchs »Wer wird Millionär?« anschauen und glauben, man täte dadurch etwas für seine Bildung.
P.M.: Wohin entwickeln sich die Menschen? In Cyber-Zombies mit riesigen Köpfen, verkümmerten Gliedmaßen und unterentwickeltem Körpergefühl? Weisen in Japan die dicken »Nintendo-Daumen« vom vielen Handy-Tippen schon in diese Richtung?
Zöpfl: In welche Richtung die Evolution geht, weiß niemand. Evolution heißt, dass sich die Gene ändern. Die Natur unterstützt Mutationen aber nur, wenn sie einer Spezies helfen, das Leben besser zu meistern. Danach sieht es nicht aus. Im Gegenteil: Wir müssen uns wohl eher auf eine Zunahme von körperlichen und seelischen Problemen bei den kommenden Generationen einstellen.
P.M.: Ist Ihr Bild von der Welt nicht vielleicht doch ein bisschen düster? Es gibt auch Untersuchungen, die zeigen, dass der größte Teil der 8- bis 14-Jährigen den Computer
in ihr Leben einbauen, ohne deshalb andere Hobbys zu vernachlässigen.
Zöpfl: Schön, wenn es wirklich so wäre. Ich besuche täglich Schulen quer durch Bayern, spreche mit Lehrern, Eltern, Jugendsporttrainern, schaue mir die Kinder an – meine Beobachtungen zeigen etwas anderes. Gestern war ich in einer Schule eines idyllischen Städtchens – so eine richtige Heile-Welt-Situation. In der Klasse saßen mindestens fünf Kinder, die von der ersten bis zur letzten Minute der Unterrichtsstunde ständig die Klettverschlüsse ihrer Jacken auf und zu machten. Auf und zu, auf und zu. Zum Verrücktwerden. Sie konnten keinen Moment still sitzen, geschweige denn sich konzentrieren. Da frage ich mich: Woher kommen denn diese vielen hyperaktiven Kinder?
P.M.: Bewegungsunlust auf der einen Seite, zwanghafte Zappelei auf der anderen – also weg mit den Computern aus Kinder- und Klassenzimmern und mehr Sportunterricht?
Zöpfl: Den Computer kann und soll man nicht aus dem Leben der Kinder verbannen. Aber die Pädagogik muss sich auf die veränderte Situation der Kinder einstellen. Dabei geht es um mehr als um eine Stunde mehr oder weniger Sportunterricht. Die Gesellschaft muss sich dringend die Frage stellen: Was ist Intelligenz wirklich? Welche Intelligenz wollen wir bei den Kindern fördern? Welche Bildung wollen wir ihnen geben?
P.M.: Und Ihre Antworten?
Zöpfl: Zum Menschen gehört nicht nur die Intelligenz, die wir mit IQ-Tests oder der PISA-Studie ab- checken. Es geht auch um etwas, was ich Klugheit nenne – Lebensklugheit. Die bekommt ein Kind durch Erfahrungen mit seinem Körper, mit der Natur, mit anderen Menschen. Ein Kind muss nicht nur lernen, das Wort Baum richtig zu buchstabieren – es muss auch auf einen Baum klettern und wieder runterspringen können, ohne sich die Haxen zu verstauchen.
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