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Pyramiden

Pyramiden am Golf von Mexiko

Zwei Jahrtausende nach den Ägyptern errichteten auch die Baumeister Mittelamerikas Steinberge. Begruben sie hier ihre Könige, verehrten sie hier ihre Götter? Mit welcher Technik gingen sie ans Werk?

Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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Maya PyramidenMaya Pyramiden
Maya, Olmeken und Tolteken errichteten bereits vor den Azteken beeindruckende Pyramidentempel
iStockphoto

Ein Bericht aus der Neuen Welt erreichte im Jahr 1521 Karl V. – etwa zur selben Zeit, als der Kaiser in Worms über den aufmüpfigen Mönch Martin Luther die Reichsacht verhängte. Hernan Cortés, der spätere Eroberer des Aztekenreichs, schildert darin das Leben und Treiben in Tenochtitlán, der aztekischen Hauptstadt im heutigen Mexiko. Auf Cortés wirkt die Metropole, die auf einer Insel im Texcoco-See liegt, mit ihren Prachtstraßen, Kanälen, Palästen und blühenden Gärten wie eine Märchenwelt. Im Zentrum des Tempelbezirks erhebt sich ein massiger Bau von 45 Meter Höhe mit einer gigantischen Doppeltreppe, von Schlangenskulpturen gesäumt und von Kriegerfiguren bewacht. Der Tempelbau ist »höher als die Kathedrale von Sevilla«, so Cortés, und hat »die Gestalt einer viereckigen, abgestuften Pyramide. Ganz oben auf der weiten Plattform, auf die man durch eine Außentreppe gelangt, stehen zwei Turmtempel aus geglättetem Stein und geschnitztem Holzwerk, in denen die riesigen Götzenbilder thronen«.

Doch die Spanier interessierten sich nicht für die fremde Kultur – sie waren auf der Suche nach Gold. In seinem Gefolge hatte Cortés zwei Priester, die unverzüglich mit der Bekehrung der Einheimischen beginnen sollten. Für die Eroberer waren die Pyramidentempel bedrohliche Zeugen einer teuflischen Religion, deren Götzen verlangten, dass man Menschen bei lebendigem Leib das Herz herausschnitt. Von den mit Blut besudelten Stufen des Haupttempels schlug ihnen der Verwesungsgeruch der Opfer entgegen.

Blut war für die Azteken ein ganz besonderer Saft. Um den Zorn des Kriegs- und Sonnengot-tes Huitzilopochtli abzuwenden, der dafür sorgte, dass der Lauf der Sonne nicht zum Stillstand kam, mussten Hunderttausende sterben. Glaubt man den Überlieferungen, so wurden an einem mehrtägigen Kultfest etwa 70000 Menschen abgeschlachtet – zumeist Gefangene der Kriege, die man eigens zu dem Zweck führte, um genügend »Nachschub« für die hungrigen Götter zu bekommen. Zu Hunderten stiegen die Opfer die Treppe zur Plattform auf dem Pyramidentempel hinauf. Dort oben legte man sie auf den Altar. Priester öffneten ihnen mit einem Obsidianmesser den Brustkorb, brachten das zuckende Herz dem Gott als Nahrung dar und warfen nach der Zeremonie die toten Leiber die steile Treppe des Tempels hinab.

Am 13. August 1521 hatten die Spanier den letzten Widerstand der Azteken in Tenochtitlán gebrochen und machten die Stadt dem Erdboden gleich. Auf ihren Trümmern gründeten sie das heutige Mexico-City, mit einer Kathedrale, die sie aus den Steinen des Haupttempels erbauten. Nur Reste der Doppeltreppe erinnern an den aztekischen Kultbau. Damit war das Ende einer mehr als 2500-jährigen Entwicklung besiegelt.

Vor den Azteken errichteten Olmeken, Maya und Tolteken bereits beeindruckende Pyramidentempel. Doch diese blieben eine halbe Ewigkeit verschollen, denn bis etwa 1800 war Mittel-amerika eine versunkene Welt. In den heutigen ost- und zentralmexikanischen Bundesstaaten und den Karstniederungen Yucatáns, in Guatemala, Belize, El Salvador sowie im Westen von Honduras existierten auf den Hochebenen und in den tropischen Regenwäldern Tempelmetropolen, die bereits Jahrhunderte vor Ankunft der Konquistadoren in Vergessenheit geraten waren.

Rund 60 Kilometer nordöstlich von Mexiko-City liegt Teotihuacán mit der Sonnenpyramide. Als die Spanier ins Land kamen, standen nur noch die von Pflanzen überwucherten Ruinen der Großstadt. Um 300 n. Chr. war Teotihuacán ein mächtiges Handelszentrum, das mit einer Ausdehnung von rund 20 Quadratkilometern so groß wie das antike Rom zur selben Zeit war. 700 Jahre bestimmte die Stadt das Geschehen. Wenig ist bekannt über die Kultur Teotihuacáns, und rätselhaft bleibt sein Ende im 8. Jahrhundert. Untergegangen waren auch die mächtigen Stadtstaaten der Maya, die sich ab 300 n. Chr. im Osten Mittelamerikas bildeten. Im 9. Jahrhundert verkamen die Mayametropolen mit ihren Prachtbauten eine nach der anderen zu öden Ruinenstädten.

Über die Gründe streiten sich die Forscher: Zehrten sich die Zentren durch Kriege gegenseitig auf, oder löste eine lang anhaltende Dürre den Kollaps aus? Die Wiederentdeckung begann vor rund 150 Jahren, als Gerüchte von sagenhaften Tempeln Abenteurer und Wissenschaftler nach Mittelamerika lockten. Im 20. Jahrhundert begannen die Archäologen mit systematischen Grabungen, doch ist bis heute nur ein Bruchteil erforscht. Die Pyramidentempel bergen nach wie vor viele Geheimnisse.

Außer Frage steht, dass diese Bauwerke ohne Einfluss der Alten Welt entstanden. Im 19. Jahrhundert hatten jedoch Forscher keine Erklärung für die Entstehung von Monumentalbauten wie die Sonnenpyramide von Teotihuacán. Derartig großartige Architektur konnte nicht von den Ureinwohnern stammen, deren Nachfahren in primitiven Strohhütten dahinvegetierten. Bei der Sonnenpyramide, deren Grundriss fast mit dem der Chephrenpyramide identisch ist, drängte sich eine Verbindung zu Ägypten förmlich auf. Noch bis 1950 geisterte daher die Theorie von trans-atlantischen Kontakten zu Baumeistern der Alten Welt durch die Fachliteratur. Gegen eine solche Verbindung spricht allerdings die Entstehungszeit: Die Sonnenpyramide wurde im 1. Jahrhundert v. Chr. erbaut, die Chephrenpyramide etwa 2500 Jahre zuvor. Hätten sich die Teotihuacáner nun einen ägyptischen Baumeister geholt, hätte dieser nicht mehr gewusst, wie man eine Pyramide errichtet.

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Autor/in: Antje Eszerski


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