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Geschichte & Religion
Paulus: Das tragische Genie
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Er ist überzeugter Pharisäer, römischer Bürger und Feind aller Christen. Aber dann wird er zur wichtigsten Persönlichkeit des jungen Christentums. Und zur tragischsten. P. J. Blumenthal erzählt hier die erstaunliche Geschichte des Paulus – und welche Folgen sie bis in unsere Gegenwart hat
Es muss eine Entscheidung fallen. Deshalb ist Paulus unterwegs nach Jerusalem. Er ist »ein kleiner Mann, krummbeinig, mit kahlem Kopf, einer großen Nase und in der Mitte zusammengewachsenen Augenbrauen«, so wird er beschrieben.
Seine Heimatstadt ist Tarsus im heutigen Süd-osten der Türkei; ursprünglich aber, so wird behauptet, kommt seine Familie aus Galiläa. Die Eltern nennen ihn Schaul, das bedeutet: der Erbetene, und schicken ihn in die Schule des jüdischen Gelehrten Gamaliel, eines hoch angesehenen Pharisäers. Schaul erweist sich als guter Schüler; er ist wach, wissbegierig, ein schneller Kopf, der gern kompliziert denkt – zu kompliziert, wie der Apostel Petrus später einmal vermerken wird. Aus Schaul wird ein selbstbewusster, scharfzüngiger junger Mann.
Dass er sich auch Paulus nennt, ist nicht ungewöhnlich; viele, die wie er das römische Bürgerrecht haben, legen sich zusätzlich einen römischen Namen zu. Paulus, das heißt: der Kleine. Will er damit auf seine Körpergröße anspielen? Oder soll er Bescheidenheit ausdrücken? Immer wieder bezeichnet er sich als »Narren« von »großer Torheit« – aber das könnte auch eine Koketterie sein, die spätestens seit Sokrates bei Intellektuellen sehr beliebt ist. – Wie auch immer, der junge Schaul-Paulus, von Beruf Zeltmacher, ist ein überzeugter Pharisäer und hegt eine tiefe Abneigung gegenüber den Nazaräern, die man auch Christen nennt. Sie behaupten, ein gewisser Jesus von Nazareth sei der Messias, und er werde schon bald wiederkommen, dann gehe die Welt unter, und die Toten würden auferstehen. Das Skandalöse daran ist, dass der Messias, dieser seit Jahrhunderten erwartete strahlende Held, gekreuzigt wurde und gestorben ist – eine unmögliche Vorstellung für einen gläubigen Juden. Schlimmer noch: Die Christen stellen das Gesetz infrage, die 613 Ge- und Verbote in der Thora, der heiligen Schrift.
Jedenfalls ein Teil der Christen, denn die Sekte ist in zwei Parteien gespalten. Auf der einen Seite die »Hebräer« – fromme Juden, die von jedem neuen Mitglied verlangen, zum Judentum überzutreten und das Gesetz streng zu beachten. Ihr Anführer ist ein Fischer aus Galiläa namens Petrus. Die andere Partei, die »Griechen«, sind der Meinung, man könne auch Christ werden, ohne Jude zu werden. Ihr Sprecher ist Stephanus, der später unter dubiosen Umständen gesteinigt wird. Ob Paulus dieser Steinigung »wohlgefällig« zuschaute, wie die Apostelgeschichte in der Bibel behauptet, ist ungewiss. Vielleicht soll damit illustriert werden, ein wie scharfer Christenfeind er ist.
Aber dann geschieht das Unglaubliche. Auf einer Reise (um 33 n. Chr.), kurz vor Damaskus, trifft es ihn wie ein Schlag. Er stürzt vom Pferd, sieht ein gleißendes Licht und hört eine Stimme: »Schaul, Schaul, wa-rum verfolgst du mich?« Paulus ist fassungslos: »Herr, wer bist du?« Die Stimme antwortet: »Ich bin Jesus, den du verfolgst.«
Dieses Erlebnis ist so tief greifend, so erschütternd, dass es ihn nicht mehr loslässt. Es wandelt ihn vom Christenfeind zu einem glühenden Verteidiger Jesu.
Drei Jahre später geht er nach Jerusalem, um mit Petrus zu sprechen. Aber die beiden haben sich nicht viel zu sagen. Paulus, der Intellektuelle, und Petrus, der einfache Fischer, sprechen nicht dieselbe Sprache.
Seitdem sind 14 Jahre vergangen. In dieser Zeit hat Paulus in seiner Heimat und in anderen Ländern für Christus geworben – auch bei den Heiden. Denn er ist zu der Überzeugung gelangt, dass man nicht Jude sein muss, um ein guter Christ zu werden. Mehr noch: Er hat seine Haltung zum Gesetz radikal geändert. Er glaubt inzwischen, dass die 613 Ge- und Verbote der Thora jeden Menschen unweigerlich zum Verbrecher machen, weil es unmöglich ist, sie alle einzuhalten.
Das ist für die »Hebräer« in Jerusalem eine glatte Provokation. Sie bestehen auf der Einhaltung des Gesetzes, so wie es ja Jesus selbst gefordert hat – bis die Endzeit gekommen ist. Für Paulus dagegen ist der Kreuzestod Jesu schon der Anfang dieser Endzeit – d. h.: Die alte Ordnung bricht zusammen, und damit hat auch das Gesetz ausgedient.
In diesem Streit muss jetzt eine Entscheidung fallen. Deshalb ist Paulus auf dem Weg zum »Apostelkonzil« in Jerusalem. Dort hat inzwischen Jakobus, der leibliche Bruder von Jesus, die Leitung übernommen. Petrus schwankt zwischen den beiden Lagern. In den Augen von Paulus ist er ein unsicherer Kandidat, und er giftet ihn denn auch an: »Heuchler!«
Jakobus ist stramm konservativ, aber klug genug, um einzusehen, dass Paulus mit seiner Missionierung der Heiden zu erfolgreich ist, um ihn zu ignorieren. Und so einigt man sich schließlich auf ein Minimal-Gesetz: Wer Christ werden will, darf 1. an keinem Götzendienst teilnehmen, 2. keine Unzucht treiben (damit ist ursprünglich Inzest gemeint), 3. kein Ersticktes essen (also das Fleisch von Tieren, die nicht geschächtet wurden, d. h. nicht ausgeblutet sind); damit hängt das 4. Gebot zusammen: Christen dürfen kein Blut trinken, weil es »die Seele allen Fleisches« enthält (3. Buch Mose, 17,10).
Paulus erwähnt dieses erste »Aposteldekret« nicht mit einem einzigen Wort, aber wir können vermuten, dass er zufrieden ist. Die Gebote 1 und 2 verstehen sich von selbst – und über den Rest wird er sich einfach hinwegsetzen, weil er das für den Glauben an Christus für unwichtig hält.
Paulus ist der Sieger von Jerusalem, und nun hetzt er durch die Länder, die Zeit drängt, der Weltuntergang ist nahe. Er ist in Syrien, Arabien, Palästina, Zypern, Griechenland, Mazedonien, Malta und schließlich in Rom. Etwa 4100 Kilometer legt er zurück. Auch für einen gesunden Mann wäre das zu dieser Zeit eine Strapaze, aber Paulus ist krank. Es sagt es selber und spricht von seinem »Stachel im Fleisch«. Was er damit genau meint, wissen wir nicht. Die Spekulationen reichen von Epilepsie bis hin zu einer schweren Augenkrankheit. Was es auch ist, sein Wille und seine Energie sind stärker.
In jedem Ort, in jeder Stadt geht er zuerst in die Synagoge und spricht über Jesus; fast überall zieht er sich den Zorn der orthodoxen Juden zu – weil er das Gesetz hinterfragt. Die Nichtjuden verlachen und verspotten ihn als spinnerten Endzeit-Sektierer – zunächst, aber dann hören einige ihm doch zu, diesem kleinen Mann, der mit so viel Leidenschaft spricht. Er versetzt sich in seine Zuhörer, teilt ihre Ängste, Hoffnungen und Wünsche, um ihnen näher zu kommen. Er will den Juden ein Jude sein, den Römern ein Römer und den Griechen ein Grieche.
In Athen hält er – ein Intellektueller vor Intellektuellen – eine Rede am Altar des »unbekannten Gottes« und lobt die Athener für ihre Einsicht, nicht alle Götter kennen zu können. Wie klug sie doch sind, die Athener, aber was Wunder, eingedenk der brillanten Geister, die sie hervorgebracht haben, und er zitiert ihre Dichter und Philosophen, schmeichelt ihnen und erklärt den verblüfften Zuhörern, dass ihre großen Denker in weiser Weitsicht bereits auf diesen unbekannten Gott hingewiesen haben und dass er, Paulus, nun gekommen sei, um ihnen über diesen Gott zu erzählen: Jesus Christus!
Paulus zieht alle Register des geschulten Redners, und er weiß sich auf seine Zuhörer einzustellen. Dabei kommt es vor, dass er sich verrennt. Mit verhängnisvollen Folgen.
In seinem ersten Brief an die junge Christen-Gemeinde in Thessaloniki schreibt er: »Die (Juden) haben den Herrn Jesus getötet und die Propheten und haben uns verfolgt und gefallen Gott nicht und sind allen Menschen Feind. Und auf dass sie das Maß ihrer Sünden erfüllen allewege, wehren sie uns, zu predigen den Heiden zu ihrem Heil. Aber der Zorn ist schon über sie gekommen ...«
Jedes dieser Worte, jeder Gedanke wird in den darauf folgenden Jahrhunderten von Judengegnern benutzt, verdreht und zur Waffe umgeschmiedet. Einer von ihnen ist Dr. Martin Luther aus Wittenberg, Reformator und Paulus-Verehrer. Seine anfängliche Judenfreundlichkeit wandelt sich in einen wahnhaften Judenhass, der sich 1543 in seinem Buch »Von Juden und ihren Lügen« entlädt – mit Berufung auf Paulus.
Für Luther sind die Juden allesamt »Mörder, Bluthunde, Schmarotzer – das blutdürstigste Volk und von Gott verstoßen ... Was wollen wir Christen also tun mit diesem verworfenen, verdammten Volk der Juden?«. Dann gibt er den Deutschen seinen »treuen Rat«: »Erstlich, dass man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke und was nicht verbrennen will mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch ein Stein oder Schlacke sehe ewiglich. Und solches soll man tun unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen sind ... Zum andern, dass man auch ihre Häuser zerbreche und zerstöre ... Zum Dritten, dass man ihnen verbiete, öffentlich zu beten bei Verlust des Leibes und Lebens ... Zum Vierten, dass man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, zu lehren ... Zum Fünften, dass man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe, sie sollen daheim bleiben ... Zum Sechsten, dass man ihnen nehme alle Barschaft, Silber und Gold – denn al-les, was sie haben, haben sie uns gestohlen ... Zum Siebten, dass man den jungen, starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Axt, Spaten, Rocken und Spindel und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiße der Nasen ... man müsste ihnen das faule Schelmenbein aus dem Rücken treiben ...« –
Fünfhundert Jahre später, in der »Kristallnacht« am 9. November 1938, brennen in Deutschland die Synagogen und zerbrechen die Fenster und Türen in den Häusern der Juden. Und die Nationalsozialisten berufen sich auf Luther. Zu Recht? – Genauso müssen wir fragen: Kann sich Luther zu Recht auf Paulus berufen? Ist Paulus der Brandstifter?
Nein. Aber er hat ein Zündholz bereitgelegt – nicht ahnend, was er da in seinem Übereifer, »allen alles zu sein«, angerichtet hat. Er, der Jude Paulus, ist fest von der Auserwähltheit seines Volkes überzeugt. »Gott hat sein Volk nicht verstoßen!«, sagt er im Römerbrief, und er wiederholt es immer wieder. Es stimmt, er ist »traurig« über jenen Teil des jüdischen Volkes, der Christus nicht anerkennen will: »Blindheit ist Israel zum Teil widerfahren«, aber er sieht Rettung: Diese Blindheit werde nur so lange bestehen, »bis die Fülle der Heiden (in die Gemeinde Chris-ti) eingegangen ist, dann wird das ganze Israel gerettet werden«. Paulus hofft, die große Zahl (»die Fülle«) der Menschen , die Christus anerkennt, wird schließlich auch die Blinden in seinem Volk überzeugen.
Der jüdische Theologe Schalom Ben-Chorin schreibt in seinem Buch »Paulus – der Völkerapostel in jüdischer Sicht«: »Jetzt verstehen wir die brennende Ungeduld, die jüdische Hast, mit der Paulus durch die Völkerwelt jagt, um das Evangelium zu verkünden. Je mehr Heiden er bekehrt, desto näher rückt die Stunde der Rettung Israels.« Paulus liebt sein Volk; hätte er gewusst, was Luther in seinem Namen den Juden antun wollte, er hätte wohl bitterlich geweint. So wird auch Luther eine tragische Gestalt: Er hat Paulus zutiefst verehrt, aber ihn nie verstanden – und in furchtbarer Weise missverstanden.
Paulus wird missbraucht – aus Unkenntnis oder Bosheit oder weil es den eigenen Interessen dient. So auch dieser Satz in seinem Römerbrief: »Jedermann sei den vorgesetzten Obrigkeiten untertan; denn es gibt keine Obrigkeit, außer von Gott, die bestehenden aber sind von Gott eingesetzt. Somit widersteht der, welcher sich der Obrigkeit widersetzt, der Anordnung Gottes.« Diese Worte werden zum Fundament für die unheilige Allianz von Thron und Altar, bei der sich Gott und König verbünden; gegen die beiden haben Untertanen keine Chance.
Und wieder ist es Dr. Martin Luther, der Paulus-Verehrer, der diese Worte benutzt: Den Gehorsam gegenüber der Obrigkeit müssen schon die Kinder lernen, und wenn sie widerstreben, dann soll man es ihnen eben »einbläuen«. Dieses Erziehungskonzept wirkt; der Gehorsam und die Obrigkeitsgläubigkeit der Deutschen sind kein Zufall.
Und wieder schmiedet Luther aus Paulus’ Worten eine scharfe Waffe, diesmal gegen die Bauern. Als sie versuchen, sich von der schamlosen Unterdrückung durch die Fürs-ten zu befreien, hält er ihnen Paulus vor und gibt den Fürsten den »treuen Rat«, die Bauern »wie tolle Hunde« totzuschlagen. Die Fürsten hätten es auch ohne seinen treuen Rat getan, doch mit Gottes Segen tut man sich halt leichter. Nachdem wieder Ruhe herrscht, sagt Dr. Martin Luther: »Ich habe im Aufruhr alle Bauern erschlagen; all ihr Blut ist auf meinem Hals.« Und er ist stolz darauf.
Gehorsam und Obrigkeitsgläubigkeit werden später noch einmal eine unselige Rolle spielen: Viele Offiziere um Hitler scheuen zurück vor einem Tyrannenmord. Es sind aufrichtige Männer, und wir wissen von ihren Gewissensqualen. Aber sie können sich nicht lösen von dem, was ihnen von Kindheit an »eingebläut« wurde – und zögern. Bis es zu spät ist.
Ein über 2000 Jahre reichender Gedankenfaden – eingefädelt von Paulus? Nein. Er hat diese Worte geschrieben in der festen Überzeugung, dass der Weltuntergang und die Wiederkehr Christi unmittelbar bevorstehen. Warum also noch aufbegehren? Gewiss, die bestehende Obrigkeit ist – wie alles! – Wille des allmächtigen Gottes, der selbstverständlich respektiert werden muss. Aber schon sehr bald wird Christus kommen und eine neue Ordnung schaffen. Habt Geduld, ihr werdet’s erleben!
Alles, was Paulus schreibt, muss vor dem Hintergrund des bevorstehenden Weltuntergangs gelesen werden. Er spricht für den bestehenden Tag, seine Worte sind niemals gedacht als Regeln und Verhaltenskatalog einer neuen Religion. Wozu denn auch eine neue Religion? Jeder Glaube beruht auf dem, was uns fehlt – und wir deshalb ersehnen; die Religion soll uns über die Realität hinwegtrösten. Für Paulus aber ist die Erlösung durch Christus bereits Realität, und über seine Wiederkunft hat er ruhige Gewissheit – es kann sich nur um Monate, allenfalls ein paar Jahre handeln. Seine Worte sind Empfehlungen für die kurze Zeit bis zur Wiederkehr Christi, nicht für künftige Generationen, die sich noch immer mit der alten Ordnung herumschlagen müssen.
Vor diesem Hintergrund werden so manche irritierenden Aussagen verständlich, z. B. wenn Paulus schreibt, er wünsche sich, dass alle so wären wie er, nämlich unverheiratet, und dass es besser wäre, nicht zu heiraten. – Ja, natürlich! Wenn morgen die Welt untergeht, macht es keinen Sinn, noch einen aufwändigen Hausstand zu gründen. Spätere Generationen aber werden diesen Satz als Rechtfertigung für den Zölibat nutzen, die Ehelosigkeit der Priester.
Es gehört zur Tragik des Paulus, dass die Menschen nach ihm, zu denen er nicht spricht, seine Worte benutzen, um die alte Ordnung – die Paulus schon zerbrochen sieht – weiterzuführen und zu festigen; dass aber in seiner eigenen Zeit die Menschen, die ihm besonders am Herzen liegen – die »blinden« Juden – ihn am liebsten steinigen würden.
Beinahe geschieht es, in Jerusalem, wohin Paulus um das Jahr 60 n. Chr. nach langen Reisen zurückkehrt. Es spricht sich schnell herum, wer da in der Stadt ist: ein Nestbeschmutzer, der gegen sein eigenes Volk redet und öffentlich gegen das von Gott geheiligte Gesetz predigt. Eines Tages, er verlässt gerade den Tempel, rotten sich seine Feinde zu-sammen, schreien, toben und machen einen solchen Wirbel, dass die römische Polizei einschreitet. Die fragt nicht lange, sie verhaftet den vermeintlichen Aufrührer. Bei Aufruhr reagieren die Römer allergisch und be-schließen, Paulus zu geißeln. Sie binden ihn schon an den Pfahl, da fragt Paulus spitz: »Dürft ihr einen Menschen, der römischer Bürger ist, ohne Urteil geißeln?«
Jetzt geht der Fall Paulus in eine höhere Instanz. Er wird vor den römischen Statthalter Felix geführt. Die Anklage lautet u. a.: Anstiftung zum Aufruhr. Eine böse Sache, doch Paulus verteidigt sich so geschickt, dass Felix keinen Grund sieht, ihn zu verurteilen. Trotzdem bleibt er zwei Jahre in Haft. Dann wird Felix abgelöst.
Vor dem neuen Statthalter dieselbe Prozedur. Aber auch Festus weiß nicht, was er mit diesem Paulus machen soll, und überlegt, ob er ihn nicht wieder nach Jerusalem schicken soll. Das will Paulus auf keinen Fall. Jetzt sagt er die magische Formel: »Ich berufe mich auf den Kaiser!« Im Klartext: Er fordert, vor ein kaiserliches Gericht in Rom gestellt zu werden. Als römischer Bürger hat er das Recht dazu.
Vielleicht denkt Paulus, als er diese Trumpfkarte ausspielt, dass er jetzt endlich nach Rom kommt, in das Zentrum der Macht, um dort vielleicht sogar vor dem Kaiser über Jesus sprechen zu können. Es wird eine gefährliche Reise. Das Schiff, auf das Paulus gebracht wird, gerät in einen tagelangen Sturm und zerschellt schließlich an der Küste von Malta. Paulus kommt mit knapper Not mit dem Leben davon.
Es dauert Monate, bis er Rom erreicht. Dort wird er in einer Wohnung der eigenen Wahl unter Hausarrest gestellt, darf aber Besuch empfangen. Zwei Jahre lebt er hier. Er schreibt Briefe an die kleinen Gemeinden, die sich rund ums Mittelmeer zaghaft entwickeln; darin macht er ihnen Mut, gibt Verhaltensregeln und Anweisungen für ihre Zusammenkünfte. Er »predigte das Reich Gottes und lehrte mit allem Freimut und ungehindert über den Herrn Jesus Christus«.
Das sind die letzten Worte der Apostelgeschichte. Danach verschwindet Paulus aus der Bibel. Wir wissen nicht, was aus ihm wurde. Ist er noch nach Spanien gereist, wie er es geplant hat? Oder wurde er tatsächlich in Rom enthauptet, wie die so genannten »Paulus-Akten« berichten? Allerdings, diese Schrift entstand erst 180 n. Chr. und wurde schon bald als Fälschung entlarvt. Ernster zu nehmen ist ein Brief von Papst Klemens (96 n. Chr.), darin macht er eine vage Bemerkung, die man als Hinweis auf Paulus’ Hinrichtung verstehen kann.
Merkwürdig, auch Petrus verschwindet sang- und klanglos. Auch er war auf Missionsreise gegangen. Aber kein Wort in der Bibel darüber, wann, wo und wie er starb. Dass er während der Christenverfolgung in Rom gekreuzigt wurde, ist Legende. Diese Christenverfolgung wurde durch den Brand von Rom ausgelöst (64. n. Chr.). Angeblich hat Kaiser Nero die Brandstiftung selber befohlen und danach den Christen die Schuld in die Schuhe geschoben. Heute wissen wir: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Nero diesen Befehl gab. Ebenso, dass die Christen das Feuer gelegt haben. Warum sollten sie? Der Weltuntergang stand doch unmittelbar bevor. Der italienische Historiker Massimo Fini vertritt dennoch die Meinung, dass es wohl doch die Christen waren. Vielleicht gab es ja eine radikale Minderheit, die mit dem Brand Roms ein Fanal setzen wollte. Beweisen kann man es nicht.
Über Jakobus, den Kopf der »Hebräer« in Jerusalem, erfahren wir durch den jüdischen Historiker Josephus nur, dass er hingerichtet wurde. Warum, wissen wir nicht.
Damit ist die erste Generation der »Gründungsväter« von der Bühne abgetreten. Noch immer bilden die Christen eine kleine, unbedeutende Sekte. Vielleicht wären sie sogar verschwunden. Aber dann, im Schicksalsjahr 70, brachte ein furchtbares Ereignis die Wende. Darüber berichten wir im nächsten Heft.
Noch einmal zu Paulus: Er ist die schillerndste und wichtigste Persönlichkeit in der Entstehungsgeschichte der neuen Weltreligion. Und die tragischste. Indem er das Chris-tentum vom Gesetz ablöste, schuf er eine tiefe Kluft zwischen den Christen und dem Volk Israel, das er so liebte und retten wollte. Und mit dem, was er schrieb und sagte, legte er Grundsteine für eine neue Religion, für die es in seinen Augen gar keine Notwendigkeit gab. Und er starb, ohne die Wiederkehr seines Christus erlebt zu haben.
Man mag über ihn streiten, ihn verehren oder schelten – aber wir alle können ihn bewundern als den großartigen Dichter des Hohen Lieds der Liebe im 1. Korintherbrief, das mit den Worten beginnt: »Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle ...«
Allein dafür gebührt ihm Ehre und ein Platz in der Geschichte.
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