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Katastrophenschutz

New Orleans: Eine Stadt macht dicht

Die Prognosen für New Orleans sind nicht gut: Im Golf von Mexiko toben die brutalsten Stürme der Welt, und die Meeresspiegel werden weiter steigen. Aber der Katastrophenschutz der Stadt nimmt jetzt Form an: Mächtige Flutbarrieren sollen ein weiteres Inferno verhindern.

Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Experten rechnen mit Toten, Zerstörungen und Überschwemmungen in New Orleans. Wann? Spätestens in 100 JahrenExperten rechnen mit Toten, Zerstörungen und Überschwemmungen in New Orleans. Wann? Spätestens in 100 Jahren
Experten rechnen mit Toten, Zerstörungen und Überschwemmungen in New Orleans. Wann? Spätestens in 100 Jahren
iStockphoto

Die Diagnose steht seit Langem fest: Tod durch Ertrinken. Vor neun Jahren schon hat der US-Journalist Mark Fischetti New Orleans den Untergang prophezeit. Er hat ermittelt, dass die Hurrikans am Golf von Mexiko immer mehr an Stärke gewinnen. »Ein direkter Schlag ist unvermeidlich«, glaubt Fischetti. Viele Experten geben ihm recht. Sie rechnen mit 100 000 Toten, verheerenden Zerstörungen und Überschwemmungen – das Todesurteil für die US-Metropole. Wann? Spätestens in 100 Jahren. Im ungünstigsten Fall: demnächst.

Vor vier Jahren bereits hätte sich Fischettis Prognose beinahe erfüllt. Der Hurrikan Katrina fegte über New Orleans hinweg. 80 Prozent des Stadtgebiets versanken in den Wassermassen, fast 2000 Menschen starben, der materielle Schaden lag bei 100 Milliarden Dollar: die bisher schlimmste Katastrophe in der Stadtgeschichte. Aufgeben kommt nicht infrage, schworen sich New Orleans‘ Bürger, als im Herbst 2005 die Frage laut wurde, ob der Wiederaufbau überhaupt lohne. Sie krempelten die Ärmel hoch, baten Hochwasserexperten aus den Niederlanden um Rat und schotten derzeit ihre Stadt gegen die Fluten ab. Ab 2011 will die Küstenstadt mit modernster Technik und fortschrittlichsten Umweltschutzmaßnahmen extremem Wind und Wetter
trotzen.

Vom Flugzeug aus erkennt man die prekäre Lage der Stadt sofort. Sie ist vom Wasser umzingelt wie Venedig, doch die Bedrohung ist viel größer als an der Adria. Unweit der Innenstadt erstreckt sich der riesige, von Deichen im Zaum gehaltene Pontchartrain-See, und der mächtige Mississippi nimmt das Zentrum von zwei Seiten in die Zange. In Sturmzeiten ist sein Mündungsdelta mit den vielen Kanälen ein ideales Einfallstor für das Meer. Im subtropischen Golf und in der Karibik brauen sich die mächtigsten Hurrikans der Welt zusammen. Bis zu 350 km/h schnelle Böen peitschen das Wasser zu zehn Meter hohen Fronten auf, die die Stadt überrollen. Hunderttausende Bewohner leben hier in einer schüsselförmigen Senke, stellenweise bis zu drei Meter unterhalb des Meeresspiegels.

Die verwundbarste Stelle von New Orleans befindet sich im Osten. Hier öffnet sich die Stadt trichterförmig zum Golf von Mexiko. Schlimmer noch: Ein Kanal verbindet den Hafen im Zentrum mit dem Meer. Um dieses Einfallstor zu verriegeln, will die Stadt 700 Millionen Dollar ausgeben. Derzeit ist die Kanalmündung eine große Baustelle. Schleppkähne schaffen riesige Betonpfeiler herbei, bis zu 49 Meter lang und 1,7 Meter breit. Kräne richten sie im Wasser auf, Dampframmen treiben sie oft 35 Meter tief in den sumpfigen Meeresboden. So wächst langsam eine mächtige Betonwand ins Meer hinein. Hinten stützen schräge kleinere Pfeiler sie ab, das macht die neue Flutsperre noch belastbarer.

Die Arbeiten stehen unter der Leitung des niederländischen Sturmflutexperten Mathijs van Ledden. Aus seiner Heimat, die seit Jahrhunderten mit den Sturmfluten der Nordsee ringt, bringt er wertvolle Erfahrung mit. »Das neue Bollwerk wird drei Kilometer lang und erhält in der Mitte ein Tor«, sagt der Niederländer. Die zwei Flügel stehen gewöhnlich offen und lassen die Schiffe passieren, bei Sturm schließen sie sich und riegeln die Ostflanke der Stadt ab.

Eine zweite Einfallsschneise findet das Wasser im Südwesten, wo ein weiterer Schiffskanal mit zwei Seitenarmen ins Zentrum führt. Hier schob Katrina eine große Flutwelle aus dem Golf vor sich her, die sich in die schmaleren Wasserstraßen verzweigte und die Deiche sprengte. Der Südteil der Stadt ertrank. Diese Schwachstelle wird derzeit beseitigt. Die Stadtväter stellen dem Wasser eine 200 Meter lange Wand entgegen. Sie muss nicht so groß und massiv sein wie im Osten, weil der Golf hier nicht direkt angreift, sondern vom Marschland abgepuffert wird. Die tiefen Fundamente aus auf dem Kopf stehenden T-förmigen Betonpfeilern widerstehen höchsten Druckkräften. Ein 100 Meter breites Tor lässt die Schiffe durch.

Der Bau beherbergt einen Superlativ: das stärkste Pumpwerk der Welt. Ein 5000 PS starker Dieselmotor treibt die Propeller von dreizehn Pumpen, die innerhalb von vier Sekunden die Wassermenge eines 25 mal 50 Meter großen Schwimmbeckens bewegen. Die Pumpen saugen das Wasser aus der Stadt heraus und transportieren es ins Meer zurück. Ein massives Stahlgeflecht, das an die Kuhfänger alter Dampfloks erinnert, verhindert, dass die Pumpen zerstörte Häuser, von den Fluten mitgerissene Autos und havarierte Schiffe ansaugen. Eine Art Kehrroboter entfernt gefährliches Treibgut.

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Autor/in: Wolfgang C. Goede


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