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Verhaltensforschung
Mit dem Teilen der Beute fing es an: Die Moral ist älter als der Mensch.
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Bisher glaubten wir, erst mit uns Menschen wäre die Moral in die Welt gekommen. Jetzt haben Forscher herausgefunden: Wir haben sie von unseren evolutionären Vorfahren »geerbt«. Die Primaten begannen irgendwann, die Nahrung untereinander friedlich zu teilen – das Fundament eines kooperativen Soziallebens. Und eine Voraussetzung für die Menschwerdung.
Die eingeladenen Freunde und Bekannten nehmen Platz, auf dem Esstisch dampfen eine gebratene Ente und leckere Beilagen. Der Gastgeber tranchiert den duftenden Vogel und verteilt das Fleisch auf die Teller, jeder nimmt sich nach Gusto Kroketten und Gemüse, man stößt mit edlem Rotwein an: Das Mahl kann beginnen. Eine friedliche Szene – aber warum ist sie eigentlich so friedlich? Ist es wirklich selbstverständlich, dass wir uns nicht im Streit ums Futter den Schädel einschlagen? Ist es keineswegs: Das friedliche Teilen beim Essen haben wir erst im Verlauf der Evolution »gelernt« – von unseren Vorfahren, den Menschenaffen.
Wie sich beispielsweise eine Horde Schimpansen verhält, wenn es ans Fressen geht, lässt sich in jedem Zoo bei der Fütterung beobachten. Sobald die Affen bemerken, dass sich von fern ein Tierpfleger mit Zweigen voller frischer Blätter nähert, brechen sie in lautes Gejohle aus. Es entsteht ein regelrechter Tumult, und voller Aufregung umarmen und küssen sie sich. Untergeordnete nähern sich den dominanten Tieren, vor allem dem Alphamann, und begrüßen ihn mit Verbeugungen und keuchenden Grunzlauten. Wenn das Futter dann im Käfig liegt, tritt die Hierarchie in den Hintergrund. Jeder nimmt sich von den Zweigen, und binnen Minuten hat jedes Mitglied der Gruppe etwas zu knabbern: Schimpansen teilen sich, was da ist. Manchmal geschieht es sogar, dass der Ranghöhere einen tief unter ihm Stehenden um einen Nahrungsbrocken bittet. Keine Spur von Gewalt, die Stimmung ist friedlich — es scheint, als würden sich die Schimpansen in eine gemeinsame Euphorie hineinsteigern, die einer ausgelassenen Partystimmung bei Menschen nicht unähnlich ist.
Die oben geschilderte Fressorgie der Schimpansen hat es in sich. Denn der Umgang der Tiere untereinander enthält schon den Keim für die wichtigsten Verhaltensweisen, die im Verlauf der Menschheitsentwicklung eine entscheidende Rolle spielen sollten: Teilen und wechselseitige Hilfe. Diese beiden Fähigkeiten sind deshalb so wichtig, weil sie – neben Einfühlungsvermögen und Mitleid – das Fundament der Moral bilden, die das Zusammenleben in menschlichen Gesellschaften erst ermöglicht hat. Nach allem, was die moderne Forschung inzwischen über die Menschenaffen herausgefunden hat, müssen wir davon ausgehen, dass sie bereits die Rudimente eines Gerechtigkeitsgefühls verinnerlicht haben. Eine Erkenntnis, die an unseren Vorstellungen von der Sonderstellung des Menschen rüttelt.
Entstanden ist die Fähigkeit der Schimpansen zum Teilen vermutlich bei der gemeinsamen Jagd auf kleinere Affenarten, zum Beispiel Stummelaffen. Wie trickreich sie dabei vorgehen, hat das Schweizer Forscher-Ehepaar Hedwige und Christophe Boesch im Taï-Nationalpark an der Elfenbeinküste ausführlich studiert. Es herrscht eine klare Arbeitsteilung: Einige Schimpansen jagen hinter der Beute her, andere kreisen sie ein, eine dritte Gruppe schneidet den Fluchtweg ab. Je mehr Tiere – auch Weibchen – an der Jagd teilnehmen, umso wahrscheinlicher ist der Erfolg. Hat einer das fliehende Tier erwischt, wird bereitwillig geteilt: Der Besitzer der Beute flüchtet nicht auf einen Baum, wo er die anderen leichter fernhalten könnte, sondern lässt sich am Boden nieder, wo Platz für alle ist.
»Falls tatsächlich der Verzehr von Fleisch der Auslöser für die Entwicklung des Teilens war, kann man sich nur schwer der Schlussfolgerung entziehen, dass menschliche Moral mit Tierblut getränkt ist«, schreibt der renommierte holländische Affenforscher Frans de Waal in seinem faszinierenden Buch »Der gute Affe«. »Wenn wir bettelnden Fremden Geld geben, Nahrungsmittel an Hungernde schicken oder für Maßnahmen eintreten, die den Armen zugute kommen, gehorchen wir damit Impulsen, die sich bereits in der Zeit herausgebildet haben, als unsere Vorfahren sich um Besitzer von Fleisch zu scharen begannen.« Im Klartext: Moralische Grundwerte sind nicht erst mit der menschlichen Gesellschaft entstanden – sie haben sich schon viel früher beim Zusammenleben von Tieren im Sozialverband herauskristallisiert.
Dass die Tiere teilen, ist ihnen natürlich nicht bewusst. Und es ist auch nicht so, dass Schimpansen einem anderen ein Fleischstück direkt übergeben. Sie lassen es – mehr oder weniger absichtlich – fallen, und der andere nimmt es auf. Der amerikanische Paläontologe Glynn Isaac spricht deshalb von »toleriertem Stehlen« – aber immerhin. Und in Einzelfällen geht der Altruismus (Selbstlosigkeit) der Schimpansen sogar noch deutlich weiter: Forscher haben beobachtet, wie vor allem weibliche Schimpansen alten oder kranken Tieren das erbeutete Fleisch tatsächlich zu Füßen legen.
Meist gelingt es dem Affen, der das Beutetier letztendlich getötet hat, einen beträchtlichen Anteil für sich zu behalten. Aber unmittelbar danach bekommt zunächst jeder, der bei der Jagd mitgeholfen hat, etwas davon ab. Natürlich hat das aufgeregte Geschrei sämtliche Schimpansen aus der Umgebung angelockt, sodass die Fressgruppe am Boden bald von einer Schar an der Jagd unbeteiligter Gruppenmitglieder umringt ist. Wenn sich die erste Aufregung etwas gelegt hat, setzt das Betteln, Winseln und Warten auf abfallende Brocken ein – und bald kauen alle auf dem Fleisch herum und zermahlen Knochen.
Gelegentlich spielt das geteilte Fleisch oder Grünzeug auch die Rolle einer Tauschwährung: Nahrung gegen Sex. Vor allem bei den Bonobos ist zu beobachten, dass die Weibchen von den Männchen unmittelbar nach oder schon während der Paarung etwas zu fressen bekommen. Bei den Schimpansen kann die Teilung der Nahrung »politischen« Zwecken dienen: Insbesondere die ranghohen Tiere zeigen sich oft über ihren artgemäßen Altruismus hinaus besonders generös bei der Fleischverteilung – sie wollen sich durch Freigebigkeit bei anderen Gruppenmitgliedern einschmeicheln, um ihre Machtposition zu festigen. Von den so gewonnenen »Freunden« erwarten sie, dass sie bei Auseinandersetzungen auf ihrer Seite stehen, ihnen zum Beispiel durch Drohgesten oder auch handgreiflich Beistand leisten oder beschwichtigend auf den Gegner einwirken. Frans de Waal hat die ausgeprägte Vorliebe zahlreicher Affenarten, Koalitionen zu bilden und »Affenpolitik« zu machen, in jahrelangen Studien untersucht.
Wenn Schimpansen gemeinsam jagen und die Beute teilen, zeigt das nicht nur, dass sie über Rudimente einer Moral verfügen: Ihr Verhalten widerspricht auch dem weit verbreiteten Dogma, dass Tiere nur am Erhalt ihrer eigenen Gene »interessiert« sind. Denn gejagt und geteilt wird auch mit Gruppenmitgliedern, die nicht zu den Verwandten gehören. Bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts konnte man sich nur schwer vorstellen, dass es so etwas wie wechselseitige Hilfeleistung zwischen Nichtverwandten, in der Fachsprache »reziproker Altruismus« genannt, auch im Tierreich gibt. Das ist erstaunlich, denn zu-nächst hat nur der »Empfänger« der geteilten Nahrung oder der Hilfeleistung einen Vorteil – der »Geber« weiß ja nicht, ob und wann er vom anderen etwas zurückbekommt.
»Reziproker Altruismus« ist im Wesentlichen nur den am weitesten fortentwickelten Arten möglich und grenzt sie von anderen ab. Das Sozialverhalten Staaten bildender Insekten wie Ameisen, Bienen, Hummeln oder Termiten ist nur auf den ersten Blick altruistisch – immerhin verzichten sie auf eigene Fortpflanzung und umsorgen ihre Königin aufopferungsvoll. Aber erstens sind sie mit ihrer Königin verwandt, und zweitens ziehen sie aus ihrer sexuellen Enthaltsamkeit einen Vorteil: Wie Soziobiologen herausgefunden haben, ist dadurch die Weitergabe ihre Gene besser gewährleistet als bei individueller Fortpflanzung. Auch Wölfe, Hyänen oder Löwen sind nicht zum »reziproken Altruismus« der Schimpansen fähig: Sie teilen ihre Fleischmahlzeit zwar ebenfalls in der Gruppe – aber nur mit engen Verwandten.
Ob es auch unter den Nichtprimaten Arten gibt, deren Sozialverhalten von einer rudimentären Moral bestimmt ist, wird erforscht. So weiß man zum Beispiel von tropischen Vampirfledermäusen, die nachts die großen Adern von Rindern und Pferden anritzen und pro Mahlzeit circa 30 Gramm Blut auflecken, dass sie gelegentlich hungrige Gruppenmitglieder füttern. Dabei würgen sie einen Teil ihrer Blutmahlzeit wieder hervor. Die Blutspende für den Höhlennachbarn wird aber nur gewährt, wenn dieser sonst im Laufe der nächsten zwölf Stunden verhungern würde. Und die »Spender« geben auch nur so viel ab, dass sie selbst noch 36 Stunden lang überleben können; offenbar brauchen die nur 30 Gramm leichten Tropentiere ständig Nachschub an Säugerblut – bleiben sie zwei Nächte ohne Nahrung, sterben sie. Ob die Vampirfledermäuse aber wirklich zur Gruppe derer gehören, die zu »reziprokem Altruismus« fähig sind, ist noch ungeklärt: Man weiß bisher nicht, ob die Tiere, die sich Blutmahlzeiten teilen, miteinander verwandt sind.
Bei einer anderen Nichtprimaten-Tierart sind sich die Wissenschaftler dagegen sehr sicher, dass sie zum erlauchten Kreis der »Fortschrittlichen« gehört: die Raben. Um das Geheimnis der neugierigen und überaus klugen Vögel zu lüften, lag der amerikanische Zoologe Bernd Heinrich mehrere Winter lang auf der Lauer. Eine zufällige Beobachtung, die er eines Tages machte, ließ ihm keine Ruhe mehr: Er sah, wie ein Rabenschwarm einen Kadaver entdeckte – doch die Tiere fingen nicht sofort zu fressen an, sondern ließen sich in der Nähe nieder und riefen andere Raben zum Mitfressen herbei. Konnte das wirklich sein, oder hatte er die Situation nur falsch interpretiert?
Was dann folgte, zeugt von einer Hartnäckigkeit, wie sie nur ein von seiner Arbeit besessener Wissenschaftler aufbringen kann – nachzulesen in seinem vergnüglichen Buch »Die Seele der Raben«. Vier Winter lang schleppte Heinrich Tonnen von Elch-, Rinder-, Biber-, Ziegen- und Schweinekadavern durch den tiefen Schnee auf irgendwelche Lichtungen in den Wäldern des US-Bundesstaats Maine – und wartete. Oft tage- und wochenlang, bis endlich Raben einen ausgelegten Kadaver aus der Luft entdeckten. Damit war die Geduldsprobe aber noch nicht beendet: Der Zoologe musste weiter in seinem eiskalten Unterstand ausharren, denn oft vergehen noch einmal Wochen, bevor die äußerst vorsichtigen Vögel landen. Schließlich könnte es sich ja um ein nur verwundetes oder ein schlafendes Tier handeln, oder der Kadaver könnte schon von anderen Raben in Besitz genommen worden sein.
Doch alle Mühe hat sich gelohnt: Heinrich konnte schließlich nachweisen, dass jugendliche Rabenmänner, wenn sie einen ergiebigen Kadaver gefunden haben, mit einem speziellen Schrei andere Raben »rekrutieren«. Diesen schrillen Futterschrei stößt der Einladende immer wieder aus, und dabei hampelt er wichtigtuerisch und aufgeregt vor dem Aas herum. Es folgt ein mehrfaches Annähern und Zurückweichen, bis er es schließlich wagt, vom Kadaver zu fressen. Die inzwischen eingetroffenen »Gäste« beobachten dies aus sicherer Entfernung und schließen sich nur an, wenn die Luft rein ist. Dann folgt ein Festmahl, bei dem sich alle satt fressen können.
Eindeutig ein Fall von »reziprokem Altruismus«, denn die einladenden Raben sind mit den anderen nicht verwandt, wie Heinrich durch die DNA-Analyse der mühsam eingefangenen und markierten Vögel festgestellt hat. Der Befund ist umso erstaunlicher, als die Raben noch weniger als die Schimpansen damit rechnen können, irgendwann einmal eine »Gegeneinladung« zu erhalten: Die Zusammensetzung der Futter suchenden Schar verändert sich nämlich fortwährend – etwa wie das Publikum in einer Single-Bar.
Ähnlich wie bei den Schimpansen mischt sich die Selbstlosigkeit mit zweckorientierten Motiven. Heinrich vermutet, dass die Jungraben mit ihrer Einladung zum gemeinsamen Fressen auch ihren Status verbessern und die Weibchen beeindrucken wollen. Sie demonstrieren, dass sie über den Mut, die Erfahrung und die Reaktionsschnelligkeit verfügen, die notwendig sind, um es mit den Gefahren des Rabenlebens aufzunehmen. So können die Weibchen die »echten Männer« von den »Bubis« unterscheiden und entsprechend ihre Wahl treffen – und die sollte »wohl überlegt« sein, denn Rabenpaare bleiben 30 bis 40 Jahre lang zusammen. Wenn ein Männchen ein Auge auf eine Rabendame geworfen hat, zeigt es sich bei der Fleischverteilung besonders generös, um die Angebetete für sich zu gewinnen.
Wahrscheinlich gibt es neben Menschenaffen und Raben noch viele andere Arten, die kooperieren und teilen – sie wurden nur noch nicht daraufhin erforscht. Beobachtet hat man eine rudimentäre Moral auch bei den mit dem Menschen nur entfernt verwandten Kapuzineraffen in Südamerika. Die kleinen Tiere leben und jagen gemeinsam und sind den Wissenschaftlern schon häufig durch ihr wenig aggressives Sozialverhalten aufgefallen. Frans de Waal hat dies in einem spannenden Experiment untersucht, das er im Yerkes Primate Research Center der Emory-Universität in Atlanta (US-Bundesstaat Georgia) durchführte.
Zwei Kapuzineräffchen saßen, durch einen Maschendrahtzaun getrennt, in einem Käfig. Davor stand ein Tablett mit Apfelstückchen – aber so weit entfernt, dass die Tiere es mit ausgestrecktem Arm nicht erreichen konnten. Das Tablett hatte zwei lange Griffe, von denen einer in die rechte, der andere in die linke Käfighälfte reichte. Mit diesen Griffen konnten die Tiere das Tablett zu sich heranziehen – aber weil es für einen allein zu schwer war, mussten die Affen kooperieren und gleichzeitig an ihren Griffen ziehen. Hinzu kam, dass die begehrten Apfelstückchen nur auf einer Seite des Tabletts lagen: Lediglich einer der Affen konnte das Futter erreichen – würde er teilen?
In durchschnittlich vier von zehn Fällen passierte dies: Zuerst zogen beide gemeinsam das Tablett heran, danach nahm das eine Tier, auf dessen Seite das Futter lag, die Apfelstückchen und lief zu dem Maschendrahtzaun, der den Käfig teilte. Dort setzte es sich hin und begann zu fressen – was ihm dabei zu Boden fiel, durfte sich der Nachbar durch die Maschen des Zauns angeln. Das Experiment hat also eindeutig gezeigt, dass auch Kapuzineraffen in der Lage sind, zusammenzuarbeiten und Nahrung zu teilen. Dabei legen sie sogar einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit an den Tag, wie Frans de Waal in seinem jüngsten Experiment im Sommer 2003 demonstrierte.
Zusammen mit der Biologin Sarah Brosnan hatte er fünf männlichen und fünf weiblichen Kapuzineraffen beigebracht, kleine Spielsteine gegen Futter einzutauschen. Dazu musste der Affe den Stein in die ausgestreckte Hand des Experimenators legen und bekam dafür ein Stückchen Gurke. Im ersten Versuch setzten die Forscher zwei Affen nebeneinander, die sich zwar sehen, aber nicht berühren konnten: Bekamen beide Tiere für ihren Stein ein Stück Gurke, lief der Handel reibungslos. Doch in einem zweiten Versuch zeigte sich ein ganz anderes Bild. Nun bekam das eine Tier für seinen Stein eine Traube, eine wesentlich beliebtere Belohnung – das andere wurde weiterhin mit der Gurke abgespeist. Männliche Kapuzineraffen ertrugen diese Ungerechtigkeit klaglos, die Weibchen dagegen zeigten deutlichen Unmut und verweigerten in etwa 35 Prozent der Versuche die weitere Mitarbeit: Sie rückten entweder den Spielstein nicht heraus oder lehnten die Gurke ab – oder sie nahmen die Gurke an, fraßen sie aber nicht. Es kam sogar zu »aktiver Ablehnung«: Die verärgerten Affenweibchen warfen Spielsteine und Gurken schlicht aus dem Gehege hinaus. Bei den meisten Experimenten steigerte sich diese Verweigerungshaltung im Verlauf der Tests: Je öfter sie ungerecht behandelt wurden, umso weniger mochten die Kapuzineräffinnen mitspielen. Besonders empört waren sie, wenn ihrem Gegenüber die Trauben einfach geschenkt wurden: Dann streikten sie bei gut 80 Prozent der Versuche.
Die Wissenschaftler folgern aus diesen Ergebnissen, dass für Kapuzineraffen (wie auch für Menschen) der Wert einer Belohnung (oder eines »Gehalts«) relativ ist: Er ergibt sich erst aus dem Vergleich mit anderen möglichen Belohnungen und dem Arbeitsaufwand, der zum Erreichen eines Ziels nötig ist. Die Äffchen waren sauer über die ungleiche Belohnung für gleiche Arbeit und reagierten entsprechend. »Empörung entsteht aus der Wahrnehmung der Ungerechtigkeit und gehört damit zu den emotionalen Fundamenten der Moral«, erklärt Frans de Waal. »Und obwohl das Gefühl der Reziprozität und Gerechtigkeit bei den Menschen zweifellos viel höher entwickelt ist als alles, was wir bei Tieren sehen, so gibt es da doch eine gemeinsame Grundlage.
Es darf angenommen werden, dass unsere Vorfahren die Gefühle der Dankbarkeit und Verpflichtung, der Vergeltung und Empörung schon lange kannten, bevor es ihre Sprachfähigkeit erlaubte, über Moral zu sprechen.«
So deutet heute alles darauf hin, dass lange, bevor menschliches Bewusstsein über Moral reflektieren konnte und der Homo sapiens sie für sich allein beanspruchte, die grundlegenden Voraussetzungen dafür bei vielen Primaten und anderen sozial entwickelten Arten längst vorhanden waren. Wir haben die Moral von unseren Vorgängern quasi »geerbt«. Deshalb muss man dem Ganoven Macky Messer widersprechen, wenn er in Bertolt Brechts Dreigroschenoper singt: »Erst kommt das Fressen, und dann kommt die Moral.« Nein, die Moral gehört zur Grundausstattung der Menschen von Anfang an – es gab sie schon, bevor es uns gab.
- Tierrecht
- Jane Goodall
- Hirnforschung

























