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Menschliche Embryonen geklont
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Das Klonen von Menschen zum Zweck der Fortpflanzung: Dieses Tabu wurde am 14. März 2003 gebrochen – von einem Mediziner, der jetzt gegenüber P.M. sein Schweigen gebrochen hat. Unser Bericht zeigt: Der biotechnische Fortschritt ist juristisch nicht aufzuhalten.
Am Morgen des 14. März 2003 macht sich Karl Oskar Illmensee auf den Weg, einen Menschen zu klonen. Der Frühaufsteher, der gedankenversunken die Straße entlangspaziert, gilt als einer der renommiertesten Embryologen der Welt. Sein Ziel ist ein Labor an einem geheimen Ort. Gegen sieben Uhr beginnt Illmensee hier, wie er mir vier Jahre später in einem langen Interview sagen wird, das Experiment vorzubereiten, das die Welt verändern wird.
Immer wieder haben Forscher behauptet, sie könnten Menschen klonen: Ein greiser Physiker aus Chicago, der umstrittene italienische Reproduktionsmediziner Severino Antinori und die UFO-gläubige Sekte der Raelianer. Sie alle haben sich als »Sprücheklopfer« erwiesen, sagt der Stammzellforscher Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster. Illmensee jedoch sei ein »ganz anderes Kaliber«. Lange wurden dem heute 68-Jährigen in Fachkreisen »begnadete Hände« nachgesagt. Es soll ihm sogar gelungen sein, als Erster ein Säugetier zu klonen – 16 Jahre vor »Dolly« . Dann wurden ihm Fälschungen vorgeworfen, und er fiel in Ungnade. Seitdem schweigt der inzwischen pensionierte Forscher. Auch über seine Versuche, Menschen zu klonen, hat er kein öffentliches Wort verloren.
Doch jetzt sitzt er mir am steinigen Strand von Patras, der drittgrößten Stadt Griechenlands, auf einem Plastikstuhl gegenüber und bricht zum ersten Mal sein Schweigen. Hinter ihm plätschert das türkisblaue Meer zwischen Peloponnes und Balkan. Ab und zu nippt er an seiner Diät-Cola und plaudert: über das Klonen und über sein Leben – was allerdings nicht voneinander zu trennen ist. Nur die Bewegungen sei ner Beine und Hände verraten Nervosität, als er spricht. Von Triumph und Niederlage, von Hochmut und tiefem Fall.
Und vom Sündenfall am 14. März 2003 in einem Labor des Reproduktionsmediziners Panayiotis Zavos – an einem geheimen Ort. Illmensee ist dabei, als einer über 40-jährigen Amerikanerin zehn Eizellen für das Klonen entnommen werden. Eigenhändig überführt er die Zellen in die am Morgen vorbereiteten Salzlösungen, in denen der so genannte Kerntransfer, also der Klonvorgang, stattfinden soll. Danach setzt er sich ans Mikroskop und saugt mit einer feinen Glaspipette vorsichtig das Erbgut aus der ersten Eizelle, wartet eine Stunde und legt eine Körperzelle der Frau zwischen Hülle und Membran der Eizelle. Dann jagt er zwei elektrische Pulse von Millisekunden durch die Lösung in der Petri-schale, in der die Eizelle schwimmt: Die Membranen der zwei Zellen verschmelzen, der Zellkern der Körperzelle schlüpft samt komplettem Erbgut in die Eizelle. Chemische Substanzen sollen die neu konstruierte Zelle zur Teilung anregen. Illmensee stellt die Petrischale vorsichtig in einen Brutschrank. In wenigen Tagen, so seine Hoffnung damals, werde daraus ein menschlicher Embryo entstehen. Der erste Menschenklon.
Illmensee schläft schlecht in dieser Nacht. Wird der Versuch gelingen? Wird sich ein Klon-Embryo entwickeln? Wird die Frau tatsächlich schwanger werden, nachdem man ihr den künstlich konstruierten Embryo in die Gebärmutter eingesetzt hat? Und wenn: Wie wird die Welt auf die Sensation reagieren? Das erste Klonbaby könnte ihn als Forscher unsterblich machen. Oder zumindest von den Fälschungsvorwürfen befreien, die ihn vor zwanzig Jahren seine wissenschaftliche Karriere gekostet haben.
Am nächsten Tag überprüft er die Petrischale und dokumentiert in seinem Laborbuch, dass in zwei der zehn Eizellen jeweils ein großer Zellkern zu sehen ist. In einer dritten liegt der Kern nicht ganz an der richtigen Stelle. Nach 40 Stunden registriert Illmensee einen fünfzelligen Embryo. Einen weiteren Tag später, nach mittlerweile 64 Stunden, hat der Klon-Embryo acht Zellen, und Illmensee notiert stolz: »It is the first!« Doch die Gebärmutter der Amerikanerin erweist sich zu diesem Zeitpunkt als ungeeignet für den Transfer des Embryos – er wird deshalb eingefroren.
Aber der Rubikon ist überschritten. »Reproduktives Klonen: Die Zeit ist nah« lautet die Titelzeile eines Kommentars im Journal »Reproductive Biomedicine Online«, der am 5. April 2003 ins Web gestellt wird – und aus Zavos’ Feder stammt. »Kürzlich hat unser Team aus wissenschaftlichen und medizinischen Experten den ersten menschlichen Klon-Embryo für Fortpflanzungszwecke geschaffen«, schreibt er. Auf Einzelheiten geht er nicht ein, auch
Illmensee findet keine Erwähnung. Aber aller Welt ist klar: Mit diesem Experiment haben die Forscher eine Tür aufgestoßen, und ob man sie je wieder wird schließen können, erscheint fraglich.
Kaum ein Thema ist so umstritten wie das Klonen von Menschen. Es steht für die unheimlichen Möglichkeiten der Gentechnologie, für Forscherhybris und Allmachtswahn, für albtraumhafte Sciencefiction-Szenarien von genetisch designten Übermenschen. Kritiker warnen vor Fehlgeburten und monströsen Missbildungen, ja vor der Schreckensvision einer genetisch gleichgeschalteten Gesellschaft. Nur wenige träumen von der Möglichkeit, unfruchtbaren Paaren durch Klonen zu Kindern zu verhelfen oder Menschen mit außergewöhnlichen Talenten zu vervielfältigen. Die Geburt des Klonschafs Dolly Anfang 1997 löste weltweite Diskussionen aus, seine Schöpfer wurden kritisiert, moderne Frankensteins zu sein . Der »Spiegel« zeigte gar geklonte Hitler auf dem Cover. Überall brach die Debatte über die ethischen Grenzen der Biowissenschaft los. Seit Dolly haben Forscher Mäuse, Ratten, Rinder, Katzen, Hunde, Schweine, Pferde, Ziegen und sogar Affen geklont. Doch das Klonen von Menschen zu Fortpflanzungszwecken gilt immer noch als Tabu.
Schon das so genannte therapeutische Klonen zur medizinischen Gewinnung von Stammzellen ist ethisch heftig umstritten, weil die geklonten menschlichen Embryonen bei der Entnahme der Zellen abgetötet werden. Noch kontroverser ist das reproduktive Klonen, also das Einsetzen von geklonten menschlichen Embryonen in die Gebärmutter: Es ist heute weltweit geächtet – und in vielen Ländern verboten.
Doch die Gesetzeslage ist uneinheitlich. Die Vereinten Nationen konnten sich bislang nicht auf eine gemeinsame Resolution zum Thema Klonen von Menschen einigen. In vielen Ländern ist sowohl das reproduktive als auch das therapeutische Klonen per Gesetz verboten, etwa in Deutschland. Daneben gibt es aber einige Staaten wie Großbritannien, in denen nur das reproduktive Klonen unter Strafe steht. Noch unübersichtlicher wird die juristische Lage etwa in den USA, wo einige Bundesstaaten noch gar keine einschlägige Regelung getroffen haben. In Bundessstaaten wie Kentucky beispielsweise wären Klonversuche deshalb überhaupt nicht strafbar. In Deutschland hingegen ist die Situation durch das Embryonenschutzgesetz klar geregelt: »Wer künstlich bewirkt, dass ein menschlicher Embryo mit der gleichen Erbinformation wie ein anderer Embryo, ein Fötus, ein Mensch oder ein Verstorbener entsteht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.«
Dass der Klon bei seinem Experiment 2003 der Frau nicht eingesetzt werden konnte, lässt Illmensee nicht ruhen. Anfang 2004 versucht er es erneut: mit den Hautzellen eines unfruchtbaren Mannes und den Eizellen von dessen Ehefrau. Diesmal wird der Embryo eingesetzt, es kommt aber zu keiner Schwangerschaft. 2005 ein weiterer Versuch, bei drei unfruchtbaren Ehemännern. Ich wundere mich, wie geradezu sportlich Illmensee den Tabubruch zu nehmen scheint: »Als Pensionist an meinen Motorrädern und Oldtimern rumschrauben? Da arbeite ich lieber ein wenig.«
»Wir haben insgesamt fünf Menschen zu klonen versucht«, bilanziert Illmensee: »Ein Paar kam aus Ägypten, zwei aus den USA, eines aus England und eines aus dem arabischen Raum, Syrien oder Jordanien. Ich war bei der Entnahme der Eizellen dabei und auch beim Transfer der Klon-Embryonen in die Gebärmutter. Das waren keine gespendeten oder überzähligen, sondern von den Ehefrauen der unfruchtbaren Männer entnommene Eizellen.« Neun Klon-Embryonen seien hergestellt worden: »Einer davon hat sich mindestens bis zum Zwölf-Zellen-Stadium entwickelt, bevor wir ihn in die Gebärmutter transferiert haben.« Warum unternimmt ein einst angesehener Weltklasseforscher wiederholt den umstrittenen Versuch, Menschen zu klonen? Warum nimmt er das Risiko von Fehlgeburten und Missbildungen in Kauf? Und warum lässt er sich auf eine Arbeit ein, bei der er das Licht der Öffentlichkeit scheuen muss?
Als Illmensee in den 1960er Jahren zu forschen beginnt, erscheinen die atemberaubenden Fortschritte der Biotechnologie noch unvorstellbar. Der Biologie- und Chemiestudent sitzt in einem Labor an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität und beschäftigt sich mit der Entwicklungsgenetik von Fruchtfliegen. Er braucht noch ein Thema für seine Doktorarbeit, da hört er von ersten erfolgreichen Klonversuchen bei Fröschen. Könnte man das Gleiche nicht auch bei Insekten probieren? Illmensee ist Feuer und Flamme und lässt sich auch von dem Einwand nicht beirren, dass es für winzige Fliegeneier kein geeignetes Werkzeug gebe. Ein Jahr lang tüftelt der Doktorand daran herum, sehr feine Glaspipetten herzustellen – Tag und Nacht, fast wie besessen, erinnern sich Freunde von damals. »Ich kann mich ziemlich hartnäckig in eine Sache verbeißen«, sagt Illmensee. »Wenn etwas nicht auf Anhieb funktioniert, dann werfe ich’s nicht gleich hin, sondern probiere so lange rum, bis es klappt.« Edison habe schließlich auch 1000-mal probiert, bis die Glühbirne brannte.
Stück für Stück bastelt sich Illmensee mit den Feinmechanikern der Uni München die nötigen Instrumente zusammen. Nach langem Probieren gelingt es ihm tatsächlich, den Zellkern aus einer Eizelle der Fruchtfliege Drosophila zu entfernen und an dessen Stelle den Zellkern eines anderen, schon weiter entwickelten Embryos einzusetzen. Doch die manipulierten Eier teilen sich meist nur ein paar Mal. Nur ein Prozent vollendet die Embryonalentwicklung, sodass eine Larve schlüpfen kann. Und nur ein einziges Mal entwickelt sich eine Larve fast bis zum Puppenstadium. Eine Ausbeute, die ihn 40 Jahre später und nach unzähligen Klon-Experimenten bei diversen Arten nicht mehr verwundert: Meist sind weniger als ein Prozent der Klonversuche erfolgreich. Obwohl Illmensee 1968 keine Klonfliege vermelden kann, begründet ein Artikel im Fachmagazin »Nature« seinen Ruf als Forscher mit »begnadeten Händen«. Erst 2004 gelingt es einer Forschergruppe aus Kanada, fünf Fliegen zu klonen – nach 820 Versuchen.
Um den jungen Mann mit der filigranen Technik reißen sich in den 1970er Jahren viele Labors. Er geht in die USA und lernt, die Eizellen von Mäusen zu manipulieren. Dann gehen die ersten Angebote für Professuren ein, unter anderem von der Universität Genf. Dort rollt man ihm einen roten Teppich aus: Er bekommt mehr Forschungsmittel und Mitarbeiter als andere Professoren. Kaum hat sich Illmensee in Genf eingerichtet, erhält er den Marcel-Benoist-Forschungspreis, in der Schweiz die mit 100000 Franken höchstdotierte Auszeichnung für Wissenschaftler.
Ausgestattet mit allem, was sich ein Forscher wünschen kann, wagt Illmensee 1980 zusammen mit Peter Hoppe, einem US-Kollegen vom Jackson-Labor in Maine, den Versuch, Mäuse zu klonen. Neben den Pflichten als Professor experimentiert er daran an den Wochenenden und nachts. Etwas anders als 16 Jahre später die Schöpfer des Klonschafs Dolly nimmt Illmensee befruchtete Eizellen, entfernt mütterliches und väterliches Erbgut und stopft den Kern einer Zelle aus einem Maus-Embryo hinein. Nach wochenlangen Versuchen entwickeln sich geklonte Embryonen. Etwa 300 Versuche braucht Illmensee, um drei Klonmäuse zu bekommen. 1981 erscheint seine Forschungsarbeit im renommierten Fachjournal »Cell« – die Reaktionen der Wissenschaftler-Gemeinschaft und der Öffentlichkeit sind enorm. Niemand glaubte daran, dass das Klonen von Säugetieren möglich sein könnte – wieder hatten Illmensees »begnadete Hände« einen Durchbruch geschafft.
So scheint es zumindest. Doch hinter seinem Rücken braut sich eine Katastrophe zusammen: Als Illmensee neue Experimente vorstellt, zweifeln zwei Mitarbeiter die Seriosität seiner Versuche an. Eine Untersuchungskommission der Universität Genf deckt Schlampereien in den Aufzeichnungen über die Experimente auf. Fälschungsvorwürfe lassen sich zwar nicht beweisen; dennoch verlangt die Kommission, dass die Versuche »mit aller wissenschaftlichen Strenge« wiederholt werden, weil sie sonst »wissenschaftlich wertlos« seien. Obwohl Illmensee die Forschungsgelder gekürzt werden, gelingt es ihm tatsächlich, die Experimente zu wiederholen.
Doch 1984 erscheint eine Studie, in der nun auch die Klonmäuse selbst angezweifelt werden. Jahrelang hatte kein Forscher das Klon-Experiment wiederholen können. Zwar glauben viele Experten bis heute an Illmensees »begnadete Hände« – doch ein Experiment hat in der Forschung nur Bestand, wenn auch andere Forscher es wiederholen können. Die Klonmäuse gelten fortan als Fälschungen und Illmensee als Betrüger.
Erst 2006 werden Warschauer und im Jahr darauf Bostoner Forscher zeigen, dass Mäuse tatsächlich auf die von Illmensee beschriebene Weise, mit befruchteten Eizellen, geklont worden sein könnten. Damit wäre Karl Illmensee der erste Forscher gewesen, der ein Säugetier geklont hat – 16 Jahre vor den Dolly-Schöpfern Ian Wilmut und Keith Campbell. Doch damals in den 1980er Jahren glaubt ihm niemand. Die Mehrheit der Professoren in Genf sieht Illmensee als Belastung für das Image der Universität.
Illmensee will sich nicht demütigen lassen, kündigt noch vor der Abstimmung über die Verlängerung seiner Professur und geht an die Universität Salzburg. Zwar hat er hier ein Auskommen, doch für Spitzenforschung fehlt ihm der nötige Spielraum. Und das weiß Illmensee auch. Während die Familie nach Starnberg bei München zieht, haust er in einer kleinen Wohnung in Salzburg – der Absturz scheint vorprogrammiert. Der Vorwurf der Fälschung nagt weiter an ihm. Immer wieder fordert er von seiner früheren Uni in Genf: Man solle publik machen, dass die Untersuchungskommission den Fälschungsverdacht nicht bestätigt habe. Doch nichts passiert. Der Name Illmensee gerät in Vergessenheit, die Chance auf wissenschaftliche Rehabilitierung sinkt.
Aber als 1997 das Klon-Schaf Dolly für Aufregung sorgt, schöpft Illmensee wieder neuen Mut. Er beginnt, Briefe an alte Forscherkollegen zu schreiben, korrespondiert mit Fachmagazinen. Doch selbst wieder in die Klonforschung einzusteigen, dazu fehlen ihm die Mittel. Inzwischen ist er in Innsbruck an der dortigen Frauenklinik tätig – da meldet sich Anfang 2001 Severino Antinori. Der italienische Reproduktionsmediziner wurde 1992 bekannt, als er einer damals 62-jährigen Frau durch gespendete Eizellen und künstliche Befruchtung zu einem Baby verhalf. Antinori will in Rom eine Klonkonferenz organisieren, auf der Illmensee reden soll. Der Österreicher kommt, der Kontakt zur Klon-Szene ist hergestellt – und auf einem Treffen ein paar Wochen später »war dann auch Zavos dabei«.
Der Reproduktionsmediziner Panayiotis Zavos gilt in Forscherkreisen als schillernde Figur. In Lexington betreibt er eine Klinik für künstliche Befruchtungen. Viele halten den Arzt für einen Sprücheklopfer und Demagogen. Auf seiner Website feiert er sich selbst als unerschrockenen Pionier. Sein Motto: »Der Erste zu sein – darauf kommt es an.« Die Vision seiner Firma Reprogen: Sie will unfruchtbaren Paaren durch das Klonen zu Nachwuchs verhelfen. Schon seit Jahren kündigt Zavos mit großem Brimborium einschlägige Experimente an, immer wieder geistert sein Name im Zusammenhang mit Klonversuchen durch die Medien.
Illmensee erinnert sich, dass er zusammen mit Zavos, Antinori und weiteren Medizinern einen Plan für Experimente zum Klonen von Menschen erarbeitet hat. Nach Meinungsverschiedenheiten platzt das Projekt. Zavos habe daraufhin Illmensee gefragt, »ob wir nicht etwas Seriöses in Lexington machen wollen«. Illmensee reist in die amerikanische Kleinstadt, findet ein »relativ gut ausgestattetes Labor« vor und ist von der »gewissen Ausstrahlung« seines Kollegen beeindruckt. Der Drang, endlich wieder Klonforschung betreiben zu können, lässt ihn anbeißen. Er wird »Wissenschaftlicher Direktor« von Zavos’ Klonfirma Reprogen.
Geschickt bereitet Zavos dem Outlaw Illmensee ein finanzielles und institutionelles Nest. Doch der ist Zavos’ Einladung nicht willenlos gefolgt. »Ich hätte ja auch nein sagen können«, gesteht er mir am Strand von Patras. »Ich bin da schon ein bisschen hineingerutscht. Zavos hat mir mit dem Versprechen, in Limassol auf Zypern eine Klinik leiten zu können, den Mund wässrig gemacht.«
Ich frage Illmensee, womit er seine Klon-Experimente rechtfertigt: »Wenn man sieht, was diese unfruchtbaren Paare durchgemacht haben«, antwortet Illmensee, »dann ist das schon ein Argument, das Klonen zu probieren.«
»Haben Sie auch Zellen von Toten für Klonversuche verwendet, wie es Zavos auf einer Pressekonferenz behauptet hat? Zum Beispiel die Zellen eines elfjährigen Mädchens, das bei einem Unfall gestorben ist?«
»Wir haben die Proben von den Toten zwar mal aufgetaut und versucht, Kulturen anzulegen, doch für die Klon-Experimente haben wir das nie verwendet.«
»Sie wussten doch von den vielen Fehlversuchen beim Klonen anderer Säugetiere, vom hohen Fehlbildungsrisiko für die Klon-Embryonen und die hohe Wahrscheinlichkeit für Fehlgeburten? Warum haben Sie trotzdem gewagt, Menschen zu klonen?«
»Am Anfang habe ich gedacht, dass das Klonen beim Menschen vielleicht besser klappt als bei anderen Säugetieren. Wer kann das schon wissen, wenn es nie untersucht wurde? Erst unsere Arbeit hat gezeigt, wie lausig das Klonen funktioniert.«
»Aber das war doch absehbar, was hat Sie dennoch getrieben?«
»Es war, muss ich gestehen, extreme Neugier. Aber nachdem ich die ersten Resultate gesehen habe, war mir klar: Wir sollten nicht weitermachen.«
»Angenommen, es würde funktionieren, wäre eine klinische Anwendung überhaupt machbar?«
»Nein, denn bis ein unfruchtbarer Mann per Klonen ein normales Baby bekommt, braucht es vermutlich 200 Spender-Eizellen und mehrere Transfers, bis das zu einer Schwangerschaft führt. Ein unglaublicher Aufwand nur für einen Patienten. Ich sehe keinerlei Chance einer klinischen Anwendbarkeit mehr, und damit ist das Ganze für mich gestorben.«
Am 8. Mai 2007 beendet Illmensee per E-Mail die Zusammenarbeit mit Zavos. Doch was ihn sein Leben lang beschäftigt hat, bewegt ihn noch immer – die Neugier lässt sich nicht abstellen. Er arbeitet heute mit Mike Levanduski zusammen – ebenfalls kein unbeschriebenes Blatt, was das Klonen betrifft. Der New Yorker Embryologe hat mit Mark Westhusin von der Texas A&M University Rinder geklont. In Levanduskis Labor beschäftigt sich Illmensee mit »Embryo-Splitting«: Er trennt nach der ersten Teilung die beiden entstandenen Zellen voneinander, sodass sich aus jeder von ihnen ein vollständiger Embryo entwickelt. Dabei erzeugt Illmensee künstlich das, was in der Natur zu eineiigen Zwillingen führt – biologisch gesehen nichts anderes als Klone. Durch Embryo-Splitting lässt sich die Chance auf eine Schwangerschaft verdoppeln. Außerdem könnte man den einen der beiden Zwillinge einfrieren – als lebenslanges genetisches Ersatzteillager für den geborenen Zwilling. Die Ethikkommission der amerikanischen Gesellschaft für Reproduktive Medizin sieht das erstaunlicherweise genauso, hält Embryo-Splitting für sinnvoll und das Erforschen geeigneter Techniken für »ethisch akzeptabel«. In Deutschland allerdings ist es verboten und ethisch ähnlich umstritten wie das Klonen, denn es führt zu zwei oder mehr genetisch identischen Individuen.
Noch 40 Jahre nach seinen Klonversuchen an Fliegen, nach dem in Zweifel gezogenen Klonen von Mäusen, den vergeblichen und heftig kritisierten Versuchen, Menschen zu klonen, bleibt Illmensee also auf Tuchfühlung zum Klonen. Zu groß der Forscherdrang, zu groß die Neugier, zu berauschend das Gefühl, ein Entdecker zu sein. Ohne Zweifel hat Illmensee eine ethische Grenze überschritten, als er nicht nur ein- sondern neunmal Klon-Embryonen in Gebärmütter einsetzte. Der Klonforscher Rudolf Jaenisch vom Massachusetts Institute of Technology hält es für einen »Riesenfehler«, dass sich Illmensee mit Zavos eingelassen hat. Er habe damit seiner wissenschaftlichen Reputation wohl noch mehr geschadet, als es die Fälschungsvorwürfe in den 1980er Jahren vermochten. Und seinen Ruf zu verlieren sei »das Schlimmste, was einem Forscher passieren kann«.
Unabhängig vom menschlichen Drama des Karl Oskar Illmensee zeigt der Fall: Das Klonen von Menschen ist bereits Realität. Als technische Ausrüstung braucht es nicht mehr als ein Mittelklasse-Befruchtungslabor wie das von Panayiotis Zavos. Auch die Nachfrage wird es aus den unterschiedlichsten Gründen immer geben, Geldgeber wohl auch. Mit ausreichend Eizellen versorgt, könnte also irgendein anderer ehrgeiziger Klonforscher Illmensees Weg zu Ende gehen – sehr wahrscheinlich wieder im Verborgenen, der Kontrolle der Gesellschaft entzogen. Und irgendwann könnte dann das erste Klonbaby von den Titelseiten lächeln. Denn bisher konnte kein Gesetz die »extreme Neugier« von Forschern wie Illmensee stoppen: Was machbar ist, wird eines Tages auch getan. Geld und Skrupellosigkeit bringen Steigbügelhalter wie Zavos mit – das nötige Wissen und Können Forscher wie Illmensee.
Ich besuche Panayiotis Zavos in Kentucky, einer Gegend von nahezu bayerischer Beschaulichkeit. Sattes Grün und schmucke Farmen überall, mittendrin die gemütliche Kleinstadt Lexington. Eine schwere, knallrote Tür führt in Zavos’ Reich. Plüschiger Teppichboden, schwülstige Einrichtung im Wartezimmer, im Büro hängen Urkunden, Ehrungen und Zeitungsausschnitte an der Wand. Der erste Satz des Mediziners, der an der Universität von Kentucky an Truthähnen geforscht hat: »Ich bin ein Pionier, kein gewöhnlicher Typ.« Offensichtlich ist Zavos mächtig stolz darauf, ins Menschenklonen involviert zu sein. Auch stolz genug, um einzugestehen, wo die Klon-Experimente durchgeführt wurden?
»In unserem eigenen Labor«, sagt er.
»Hier in den USA?«, frage ich nach. Das behauptet nämlich Karl Illmensee, und mit »Lexington« ist auch einer seiner handschriftlichen Laborberichte überschrieben.
»Nein, nein ...«
»Auf Zypern?«
»Ich kann Ihnen nicht sagen, wo. Was ich hier nicht machen kann, das mache ich woanders.« Zavos zählt eine endlose Liste von Städten rund um die Welt auf: »Damaskus, Beirut, Kuwait-City, Shanghai, Peking ...«
»Aber wie transportieren Sie die Geräte und die Zellen dorthin?«
»Die Küche geht dahin, wo der Koch ist. Wir verschiffen das eben, wir machen alles Mögliche. Wir haben menschliche Embryonen geklont und sie in die Gebärmutter transferiert.«
»Haben Sie keine Angst vor Missbildungen, wenn sich einmal ein Klon-Embryo in der Gebärmutter einnisten sollte?«
»Ich glaube nicht, dass sie anomal sein werden. Es gibt noch keine Untersuchungen darüber. Wir werden das Kind ab dem Tag der Implantation in jeder erdenklichen Weise beobachten. Wenn es missgebildet ist, dann können wir immer noch machen, was wir in solchen Fällen auch bei künstlichen Befruchtungen tun: abtreiben.«
»Viele Forscher halten solch ein Vorgehen für ethisch unverantwortlich!«
»Ich habe wahrscheinlich mehr Feinde als Freunde, aber das stört mich nicht.«
»Wie finanzieren Sie die Klon-Experimente?«
»Viel zahlen wir aus unserer eigenen Tasche: etwa eine halbe, vielleicht zwei Millionen bisher. Außerdem haben wir Leute, die zu unserer Stiftung beitragen – viele wollen, dass diese Techniken weiterentwickelt werden. Und wir berechnen minimale Honorare von denen, die von den Techniken profitieren.«
»Aber es gibt doch Regeln für die Wissenschaft – bestimmte Experimente dürfen trotz Freiheit der Forschung nicht gemacht werden. Insbesondere, wenn Menschenleben gefährdet werden.«
»Wir haben die Eizellen von Frauen, die über die Versuche informiert wurden und ihre Zustimmung gegeben haben, wie es auch sonst bei der künstlichen Befruchtung vorgeschrieben ist. Ja, wir gehen Risiken ein. Natürlich. Aber man geht auch ein Risiko ein, wenn man über die Straße geht.«
»Wie wird es weitergehen, Herr Zavos?«
»Wir arbeiten zum Beispiel an Embryo-Splitting. Damit kreieren wir die ersten Menschen mit Ersatzrad. Kauft man ein Auto ohne Ersatzrad? Nein. Der eine Embryo wird zum Baby, der andere wird eingefroren, um später Quelle für embryonale Stammzellen zu sein. Das ist die Zukunft.«
Und wer entscheidet, wer Baby wird – und wer Ersatzrad?
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