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Kampfkunst
Meister über Leben und Tod
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Mit einem einzigen Schlag töten, mit einem Handgriff heilen – in der geheimen Kampfkunst des Kalari ist beides möglich. Heiner Uber (Text) und Tibor Bozi (Fotos) trafen in Südindien den Großmeister Balachandran Nair.
In der Schublade meines Schreibtischs liegt die zersprungene Kappe eines Füllfederhalters: eine Erinnerung an Balachandran Nair. So heißt der Mann, der mir in Trivandrum, der Hauptstadt des südindischen Bundesstaats Kerala, zu ein paar Erfahrungen der besonderen Art verhalf. Eine davon hob er sich bis zum Schluss auf, als er mir zum Abschied entgegen der indischen Tradition die Hand schüttelte. Dabei presste er kurz und fast unmerklich seinen Daumen auf einen Punkt zwischen meinem Daumen und dem Zeigefinger: Augenblicklich war meine Hand bis hoch zum Ellbogen steif und taub. Ich wollte noch Notizen machen, doch die Muskeln verweigerten ihren Dienst, der Füller rutschte aus den kraftlosen Fingern, fiel zu Boden, zersprang auf dem Steinpflaster vor Balachandrans Haus.
Erst eine gute halbe Stunde später kehrte das Leben in Finger, Hand und Unterarm zurück. So konnte ich endlich notieren: »Balachandran Nair – kräftiger, athletischer Körperbau, im Vergleich zu anderen Indern überdurchschnittlich groß. Freundliche, verschmitzt zwinkernde Augen über einem grauen Kräuselbart. In einen leuchtend orangeroten Umhang gekleidet, das Haar verborgen unter einem ebenso orangeroten, nach Art der Piraten gebundenen Tuch. Mehrere Ketten aus erbsengroßen hölzernen Perlen um den Hals.«
Dass Balachandran Nair » ein großer Meister« ist, hatte ich die Leute in Trivandrum schon vorher sagen hören: Meister in einer nur noch von wenigen Eingeweihten praktizierten hohen Schule des Kämpfens, die sich »Kalarippayattu« nennt oder kurz »Kalari«. Der Mann macht damit seinem Nachnamen alle Ehre: »Nair« verweist auf seine Herkunft aus der Kaste der Krieger. Kaum habe ich sein Haus betreten, konfrontiert mich der Meister mit dem Credo seiner Disziplin: »Zuerst üben wir Kalari-Kämpfer mit Stöcken aus Holz, dann mit Dolchen, Schwertern und Streitäxten – doch die Vollendung unser Kampfkunst ist das Besiegen des Gegners mit nichts anderem als der Kraft unserer Gedanken und der Energie unserer Körper.«
Balachandran hat mich in seinem kleinen Büro empfangen. An der Decke quirlt ein Ventilator die feuchtschwüle Tropenluft. Neben schnurlosen Telefonen, dem Computer und ein paar Büchern stehen wie kleine Soldaten aufgereiht Figuren des Affengottes Hanuman. An der Wand ein postergroßes buntes Porträt der Gottheit, eingerahmt von gelben Tagetesgirlanden und eingenebelt von Räucherstäbchen. »Hanuman ist das Vorbild der Kalarippayattu-Kämpfer«, erklärt mir der Meister. Indiens altes Götterepos »Ramayana« berichtet vom mutigen Affen Hanuman, der während einer Schlacht gegen den Dämon Ravana dem Gott Rama (der siebten Inkaranation Vishnus) beisprang und ihm zum Sieg verhalf. Zur Belohnung für diesen Treuedienst wurde auch er in den Rang einer Gottheit erhoben.
»Dienst bis zur Aufopferung für den König ist von jeher das Ideal aller Kalari-Kämpfer«, sagt Balachandran. »Doch kommen Sie mit, und sehen Sie selbst.« Ich folge dem Meister über eine schmale Treppe in eine Halle, so groß wie ein Badminton-Court. Boden, Decke und Wände sind aus Holz, in einer Ecke steht ein kleiner, ebenfalls mit Tagetes geschmückter Hanuman-Altar. Vier von Balachandrans Schülern sind gerade beim Training. Bis auf einen aus rotem Stoff zur knappen Hosen geknoteten Lendenschurz sind sie nackt, ihre eingeölten Körper glänzen im fahlen Licht der Lampen. Kaum sind wir eingetreten, verneigen sie sich tief vor ihrem Meister und berühren – eine Geste der Verehrung – mit beiden Händen seine Füße.
Balachandran wechselt ein paar Worte mit ihnen – er möchte, dass sie ihre Fähigkeiten dem Besucher demonstrieren. Es beginnt relativ harmlos: Mit schnellen Stockschlägen dreschen die Kombattanten aufeinander ein, parieren die Hiebe mit dem Schwert aus Bambus, hechten katzenschnell aus der Schlaglinie, ducken sich nach unten, springen übereinander hinweg. Nach einer Serie von verletzungsfreien Kämpfen verneigen sich die Akteure voreinander. »Blindes Waffentraining« heißt diese Basisdisziplin.
Es folgt ein ebenso wieselflinker Durchgang mit Schwert und Axt – und dann der Kampf mit dem unvergleichlichen »Bandschwert«. Seine Klinge ist länger als eine Nilpferdpeitsche, deshalb »schwabbelt« sie in der Luft hin und her – das macht die Waffe unberechenbar wie ein Blatt im Wind. Und sie ist scharf wie ein Rasiermesser. Dieses mörderische Schwert zu beherrschen erfordert maximale Konzentration, ein schnelles Auge – und Todesverachtung. »Jahrelanges intensives Training und tiefe Meditation sind nötig, bis ein Kämpfer die hohe Schule des Bandschwerts versteht, seine Bewegungen schon im Ansatz erkennt, mit dem Schwert des Gegners eins wird und es damit beherrscht«, erklärt Balachandran.
Er selbst wurde bereits mit sechs Jahren vom Vater in die Kunst des Kalari eingeführt. Heute, mit 57, kann er es in punkto Sportlichkeit, Fitness, Reaktionschnelligkeit und Willenskraft immer noch mit jedem Zwanzigjährigen aufnehmen: »Wenn ich meditiere, bin ich sehr alt. Wenn ich kämpfe, bin ich ein junger Mann.« Sagt’s – und plötzlich springt einer von seinen Schülern ansatzlos aus dem Stand über mich hinweg. Ich zucke zusammen, ziehe meinen Kopf ein, gehe viel zu spät in Deckung. Die Männer um mich herum lachen. »Sie wären längst tot«, meint Balachandran.
Und dann kommt ein Satz, der tiefer in die Geheimnisse des Kalari hineinführt: »Unsere gefährlichste Waffe ist weder die Streitaxt noch das Bandschwert – unsere gefährlichsten Waffen sind unsere Finger und die Fersen unserer Füße.« Das »Empty-Hand-Fighting«, also das »Kämpfen mit leerer Hand«, ist die höchste Disziplin des Kalari. Nur die besten und ethisch verantwortungsvollsten Schüler unterweist der Meister in dieser Kunst – nachdem er sie zwölf Jahre lang trainiert, beobachtet und geprüft hat. Erst dann gibt er das »Wissen um Pudamarma« weiter – das Wissen um die zwölf Tötungspunkte.
Es basiert auf den Überlieferungen der altindische Kampftechnik und der ayurvedischen Medizin. Danach sind über Kopf und Körper insgesamt 108 Energiepunkte verteilt. An diesen im Sanskrit als »Marma« bezeichneten Stellen vereinen sich die Kraftlinien des Körpers wie Rinnsale zu Flüssen. Zwölf von ihnen sind »Pudamarma«: Zentren von höchster Sensibilität. Hier reicht ein einziger kraftvoller Stich mit gestrecktem Finger aus, um einen Menschen von einer Sekunde zur nächsten vollständig zu lähmen oder gar zu töten. Ist der Gegner nur paralysiert, kann die energetische Blockade mit Gegengriffen gelöst werden – aber die sind nur Eingeweihten bekannt. Für Filmdokumentationen haben einige Meister dieses Wechselbad aus Lähmen und Wiedererwecken an Hühnern, Ziegen und Schafen öffentlich demonstriert. Ein gezielter Schlag auf ein Pudamarma, und schon fällt das Tier wie vom Blitz getroffen in sich zusammen, liegt regungslos am Boden. Dann der Gegengriff: Wie aus tiefer Narkose erwacht, rappelt sich das Tier auf und trottet benommen davon.
Man kann mir ja viel erzählen, denke ich, und mein Blick scheint meine Skepsis zu verraten. »Es gibt auch Griffe, welche nur kurzzeitige Lähmungen zur Folge haben«, erklärt mir Balachandran mit einem Schmunzeln, das einer Aufforderung gleichkommt. Aber ich bin noch nicht so weit, mich für einen Versuch am eigenen Leib zur Verfügung zu stellen. Lasse mir lieber erst mal ein Stück Kalari-Geschichte erzählen.
Begonnen hat sie mit einer alten Textsammlung, dem »Dhanur Veda« – in Palmblätter geritzten Aufzeichnungen in einer der ältesten Schriftsprachen der Menschheit, dem Sanskrit. Die Texte sind zwischen 1200 und 600 v. Chr. entstanden als eines der »achtzehn Bücher des Wissens« und handeln von der Kunst des Kriegführens und den Fertigkeiten des Kriegers. In diese Zeit reicht auch die Entstehung des Namens zurück: Kalari bedeutet ursprünglich »offener Platz, Schlachtfeld, Areal für Gladiatorenkämpfe«, und Kalarippayattu bezeichnet den »Platz für Kampfübungen«.
Nach und nach fanden auch medizinische Kenntnisse Eingang in die Texte, doch nur Auserwählte – vor allem buddhistische Mönche – verstanden die Ausführungen über die zwölf Tötungspunkte. Quellen aus dem 12. Jahrhundert berichten von Jüngern Buddhas, die auf ihrer Wanderschaft über den Himalaja die geheime Lehre des Kalari nach China brachten und dort die Tradition der Shaolin begründeten. Tat-sächlich erkennen Experten viele Parallelen zwischen indischer und chinesischer Kampfkunst, zwischen Kalari und Kung-fu.
Südindien erlebte damals eine kriegerische Zeit. Drei Königreiche – Cera, Cola und Pandya – waren in ständige Kämpfe um die Vorherrschaft verwickelt, und die Könige hielten sich in ihren Leibgarden furchtlose Krieger, welche das »Kämpfen mit leerer Hand« beherrschten. »Es ist die größte Ehre, für den König zu sterben«, war damals der Leitspruch dieser Kaste von Kriegern, die sich Nair (auch: Nayyar) nannten. Für ihre aufopfernde Loyalität wurden sie königlich belohnt: mit dem Recht, auch in Friedenszeiten Waffen zu tragen, und vor allem mit Ländereien. So entstand ein Lehnswesen, das dem der Samurai vergleichbar war und das sogar die englische Kolonialzeit überdauerte.
Weil die Briten im 18. Jahrhundert Revolten der Elitekrieger fürchteten, verboten sie Kalari. Doch das nützte nicht viel: Die Meister lehrten und praktizierten im Verborgenen weiter, was den Kämpfern den Ruf eines magischen Geheimbundes eintrug. Weil mit der Einführung der Feuerwaffen Kalari seine militärische Bedeutung nach und nach verlor, wurde die Zahl der Eingeweihten immer kleiner. Sie pflegten die Kampfkunst jetzt nur noch als mentales und physisches Training – die Geburt des modernen Kalari, wie es heute in südindischen Meditationszentren (Ashrams) auch an Ausländer weitergegeben wird.
Die alte Kriegerkaste der Nair hatte hohes Ansehen genossen, viele der Krieger bekleideten sogar das Amt eines Dorfrichters. Noch heute hat das Wort eines Kalari-Meisters nahezu Gesetzeskraft, und so kommen immer wieder Menschen mit der Bitte zu Balachandran Nair, einen nachbarschaftlichen Streit zu schlichten. Aber die Mehrzahl seiner Besucher schaut aus anderen Gründen vorbei: Sie erhoffen sich Heilung – etwa von Migräne, Asthma, Verdauungsproblemen, Nerven- und Magenleiden. Sein medizinisches »Angebot« hebt das moderne Kalari von allen anderen Kampfsportarten ab.
»Wir sind keine Ärzte, sondern Krieger«, sagt der Meister, »doch wir wissen sehr viel über den Energiefluss im Körper, über die Marmapunkte. Wir erkennen ihre Störungen, und wir wissen, wie man blockierte Energieströme wieder in Harmonie bringt. Deshalb sind viele von uns Kalari-Kämpfern auch Heiler.« Balachandran selbst hat auf dem Flachdach seines Hauses einen kleinen Kräutergarten angelegt, in dem er Pflanzen zieht, die eine große Bedeutung in der ayurvedischen Medizin haben. Aus ihnen stellt er Präparate her, die an den Energiepunkten von Patienten in kreisenden Bewegungen in die Haut einmassiert werden. »Marmachikitsa« heißt diese Behandlung.
Krieger, die heilen – das klingt zumindest ungewöhnlich. Nicht für Meister Balachandran: »In unserer Philosophie gibt es immer zwei Aspekte einer Sache. Gott Shiva ist der Zerstörer, und Vishnu ist der Erhalter des Kosmos, doch beide sind im Geist von Brahma vereint. Die Chinesen nennen es Yin und Yang. Alles hängt davon ab, wie man mit einer Sache umgeht. Man kann mit einem Bleistift die Augen ausstechen, man kann mit ihm aber auch einen Liebesbrief schreiben. Ein Heiler kann töten, und ein Krieger kann heilen. Heiler und Krieger sind eins, es hängt nur davon ab, wie sie ihre Mittel einsetzen.«
Die Kombination von Heilwissen, Meditation und Kampfkunst hat Kalari im letzten Jahrzehnt auch für westliche Menschen interessant gemacht. Mittlerweile kommen Balachandrans Schüler nicht nur aus Kerala: Frauen und Männer aus den USA, Deutschland, England und Kanada trainieren bei ihm mit den Einheimischen. »Mindestens drei Monate müssen sie bleiben, wenn sie die Grundlagen des Kalari erlernen wollen«, dämpft er voreilige Erwartungen auf schnelle Erfolge. »Und viele meiner amerikanischen und europäischen Schüler kommen Jahr für Jahr wieder, um ihre Ausbildung fortzusetzen.« Der Unterricht ist frei, nur die Kosten für das Essen und die Unterkunft im Ashram sowie für die Heilbehandlungen sind zu bezahlen. Feste Honorarsätze gibt es dafür aber nicht. Balachandran: »Ich gebe dir mein Bestes, gib auch du mir dein Bestes.«
Bevor ich den Meister wieder verlasse, führt er mich noch zu einem zweiten Kräutergarten ein paar hundert Meter vom Ashram entfernt. Ein wuchtiger Boldobaum mit ausladender Krone und schenkeldicken Luftwurzeln wirft einen weiten Schatten über die Anlage. Am Fuße seines Stammes steht ein kühlschrankgroßer Altar, in dessen Nische sich drei steinerne Kobraskulpturen aufrichten; um ihre breit gespreizten Hauben sind safrangelbe Seidentücher drapiert. »Wir Kalari-Kämpfer verehren die Kobra«, erklärt mir Balachandran. »Sie ist unser Vorbild, von ihr lernen wir sehr viel: Konzentration, schnelle Reaktion, gezieltes Zustoßen, Angriff nur zur Verteidigung. Und sie ist die Beschützerin der Heilkräfte.« Das ist ganz konkret gemeint: Fünf oder sechs der Schlangen leben hier – Ratten und Mäuse haben keine Chance im Kräutergarten. Zweimal die Woche bringt der Meister eine Schale mit süßem Reis als Opfergabe vorbei, und immer zu Vollmond hält er vor dem Altar eine meditative Andacht. »Öfter soll man die Kobras nicht stören.«
Deshalb gehen wir jetzt zum Haus zurück. Außerdem ist es Zeit zum Abschiednehmen. Balachandran gibt mir die Hand, und jetzt erfahre ich doch noch am eigenen Leib, was Kalari heißt. Ein kurzer Druck auf meinen Energiepunkt zwischen Daumen und Zeigefinger – meine Hand ist gelähmt. Ein wissendes Lächeln tritt auf das Gesicht des Meisters. Dann verneigt er sich und wendet sich zur Haustür. Im Gehen bemerkt er, wie mir der Füllfederhalter aus der kraftlosen Hand fällt und am Boden zersplittert. Sein orangeroter Umhang leuchtet in der untergehenden Sonne, als er mir zuwinkt: »Wenn Sie noch Fragen haben, schicken Sie mir eine Mail.«
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