Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtiger nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.
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Wirtschaft
Made in Germany: Was ist dieses Gütesiegel noch wert?
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Was haben Aspirin, Kaffeefilter, Tonband, Telefon, Fax, Düsentriebwerk, Transrapid und das Online-Verfahren MP3 gemeinsam? Sie sind deutsche Erfindungen – aber zumindest außerhalb unserer Landesgrenzen weiß das kaum jemand. Wenn Bürger anderer Staaten typisch deutsche Innovationen benennen sollen, dann fallen ihnen vor allem diese ein: Autos, Züge, Waschmaschinen – und die Kuckucks-uhr. »Made in Germany« steht für hervorragende Ingenieurskunst, für Qualität und Zuverlässigkeit. Die besten Motoren, die besten Maschinen – sie kommen aus Deutschland, denkt »die Welt«.
So war das jedenfalls noch bis vor wenigen Jahren. Doch mittlerweile hat das Markensiegel an Glanz verloren. Eine Umfrage zeigte: Für mehr als die Hälfte der Deutschen ist »Made in Germany« für die Kaufentscheidung nicht mehr relevant. Der gesamten Firma Deutschland geht es wie ei-nem Markenartikler, der früher einmal hohes Ansehen genoss und nach dem heute fast kein Hahn mehr kräht.
Was ist passiert? Verkehrt sich womöglich das nationale Gütesiegel wieder zu dem Kainsmal, das es einst war? Denn die Erfinder dieser Herkunftsbezeichnung, die Briten, wollten damit ursprünglich deutsche Produkte brandmarken. Doch der Schuss ging nach hinten los – und das kam so: Ein Jahrhundert lang war das britische Empire unangefochten die führende Wirtschaftsmacht der Welt. Doch von 1883 an stiegen die Ausfuhren des Deutschen Reiches nach England um nicht weniger als 30 Prozent! Die britischen Fabrikanten fühlten sich bedroht. Deshalb kam es zu jenem folgenschweren Ge-setz, das den Deutschen letztlich außerordentlich nützte: dem »Merchandise Marks Act« (Handelsmarken-Ge-setz) aus dem Jahr 1887. Von nun an mussten alle ausländischen Waren bei der Einfuhr deutlich mit einem Hinweis auf das Ursprungsland versehen werden. Der Begriff »Made in ...« oder »Manufactured in ...« wurde gesetzlich verankert.
Eine Folge: Britischen Konsumenten wurde jetzt erst klar, wie viele Waren aus Deutschland kamen – Waren, deren Herkunft zuvor niemand erkannt hatte und die durchaus einen guten Ruf genossen: u. a. deutsche Mu-sikinstrumente, Werkzeugmaschinen und pharmazeutische Produkte. Und so avancierte das Deutsche Reich noch vor dem Ersten Weltkrieg auch im Bewusstsein der Europäer zum führenden Industrieland. Deutsche Er-zeugnisse erlangten eine so hohe Reputation, dass manche Hersteller nun sogar »Warranted (garantiert) made in Germany« auf ihre Waren prägten.
»Made in Germany« – ein Synomym für Solidität und Gediegenheit: Damit soll es nun vorbei sein? Ein Märchen aus vergangenen Zeiten? »Unsere Zuverlässigkeit hat gelitten, zumindest in Relation zu anderen«, sagt Volker Wanduch, Leiter der Abteilung Technik und Wissenschaft beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Die Waschmaschine, die nach 30 Jahren noch fehlerfrei arbeitet und auf diese Weise das Image deutscher Wertarbeit prägte, wird immer seltener. Die ADAC-Pannenstatistik zeigt schon seit Jahren, dass nicht deutsche, sondern japanische Autos die zuverlässigsten sind. Und während der italienische »Pendolino«-Zug sich zuverlässig in die Kurven legt, wurde der deutsche ICE mit Neigetechnik nach zwei pannenreichen Jahren aus dem Verkehr gezogen. Auch wundert man sich, warum sich Ikonen wie DaimlerChrysler und die Deutsche Telekom mit ihrem Toll-Collect-System dermaßen blamieren. »Nicht alles ist Toll Collect«, kalauert Mi-chael Rogowski, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). »Manches ist immer noch toll in Deutschland.«
»Überall dort, wo Ingenieurleistungen gefragt sind, etwa beim Bau von Maschinen und Präzisions-Instrumenten, haben die Deutschen immer noch einen exzellenten Ruf«, erklärt Horst Prießnitz, Hauptgeschäftsführer des Markenverbandes in Wiesbaden. Jüngstes Beispiel: der Marsrover »Spirit«. Er suchte mit deutscher Technik im Boden des Roten Planeten nach Spuren von Wasservorkommen – die dabei eingesetzte Sonde war an der Mainzer Gutenberg-Universität entwickelt worden. Und allen Pannenstatistiken zum Trotz gewinnen Porsche, Mercedes, VW und BMW auf den Weltmärkten Markt-anteile hinzu.
Doch es ist schwer geworden, neben Autos und Präzisionsgeräten andere Produkte – gar aus dem Hightech-Bereich – zu finden, die mit ihrer deutschen Herkunft werben. Das ist umso erstaunlicher, als Deutschlands Forschern in der Vergangenheit durchaus kommerziell Erfolgreiches eingefallen ist. Das Telefon z. B. hat vor 140 Jahren der deutsche Physiklehrer Johann Reis erfunden – und nicht der Schotte Ale-xander Graham Bell, dem die wegweisende Technik zugeschrieben wird. Das Fax – ebenfalls eine deutsche Innovation: Bereits um 1930 entwickelte der Ingenieur Rudolf Hell die grundlegene Technik für dieses Gerät. Auch der erste funktionsfähige Wankelmotor wurde hier zu Lande produziert – 1957 bei NSU (s. Seite 80). Anfang der 1960er Jahre entwickelte Ingenieur Walter Bruch bei Telefunken das bis heute beste Farbfernsehsystem PAL. Wenig später, 1967, ließ der Erfinder Wolfgang Hilberg seine revolutionäre Funkuhr patentieren. Zehn Jahre da-rauf hatte Professor Dieter Selzer vom Erlanger Fraunhofer-Institut die Basisidee für das revolutionäre Online-Verfahren MP3, mit dem Audiodaten (Musik) aus dem Netz heruntergeladen werden können. Und last but not least ist auch die Magnetschwebebahn Transrapid von einem deutschen Firmenkonsortium geschaffen worden.
Doch nicht all diese bahnbrechenden Neuheiten wurden hier zu Lande genutzt. Nur das PAL-System hat den Markt erobert, weil die deutschen Elektronikfirmen ihren technischen Vorsprung zu nutzen wussten. Das Fax brachten die Japaner auf den Markt. Die deutschen Uhrenproduzenten wiede-rum debattierten so lange über die Massenfertigung der Funkuhr, bis Hilbergs Patent auslief. Mit dem MP3-Verfahren machen inzwischen vornehmlich Amerikaner Milliarden-Geschäfte. Und was den Transrapid angeht, so wird in Deutschland immer noch über die Kosten gestritten, während anderswo die Magnetbahn längst Passagiere befördert – in China.
Solche Versäumnisse wiegen umso schwerer, als es ohnehin immer schwieriger wird, das Markenzeichen »Made in Germany« im zusammenwachsenden Eu-ropa überhaupt noch hervorzuheben. Denn zum einen gibt es Bestrebungen, die landesspezifische Kennzeichnung auf Produkte ganz abzuschaffen und sie mit einem generellen »Made in EU« zu versehen. Und zum anderen ist als Kaufanreiz längst die Marke des jeweiligen Herstellers in den Vordergrund gerückt: »Made by ...«.
Bis weit in die 1970er Jahre hinein funktionierte die friedliche Koexistenz beider Siegel: »Made in ...« und »Made by ...« ergänzten sich sogar. Doch je mehr weltweit operierende Konzerne ihre Produktionsstätten über den ganzen Globus verteilen, umso mehr tritt der Herkunftsort der Waren in den Hintergrund. Der neue Trend lautet: Marke geht vor Standort. So setzt der BMW-Konzern zunehmend auf »Engineered by BMW«; DaimlerChrysler will das Etikett »Made by Mercedes« im Bewusstsein der Konsumenten verankern; und auch der Münchner Elektronikmulti wirbt mit »Made by Siemens«.
Dieser Trend wird nicht aufzuhalten sein. Gleichwohl zeigt sich, dass der »Imagefaktor Deutschland« im Ausland noch immer zieht. Vor allem die weltweiten Kunden deutscher Autos wollen sicher sein, dass ihr Wagen wirklich hier zu Lande produziert wurde – einer der Hauptgründe dafür, dass sich unsere Autobauer scheuen, die Endmontage ins Ausland zu verlegen. Auch viele andere deutsche Firmen punkten jenseits der Landesgrenzen bis heute sehr gut, wie die Beispiele auf diesen Seiten zeigen. Dass »Made in Germany« seinen guten Ruf in weiten Teilen der Wirtschaft bewahren konnte, be-legen zwei einfache Tatsachen: Wir sind die stärkste Wirtschaftsnation in Europa – und Exportweltmeister.
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